Lesung im Paul-Schneider-Haus

Das Mord-Karussell
Kein Kaffee mehr da, keine Kaffeesahne. Also raus aus der Burg. So nannte Ursula Beckstein die Seniorenresidenz, in der sie seit drei Jahren wohnte. Raus auf den Markt.
Wenn auf dem Weg nur nicht die dunklen Gänge wären, in denen das Böse lauert. Oder zumindest lauern könnte, dunkel genug ist es ja, zumindest bei grauem Wetter. Drüber donnerte der Verkehr der Sedentaler Straße.

„Hallo Frau Baumberger, auch zum Einkaufen unterwegs?“ Ruth war ein wenig schneller und hatte die mollige Siebzigerin überholt.
„Ja.“
War auch schon mal freundlicher. Aber chic angezogen – doch, das war sie.
Frau Baumberger blieb stehen. „Haben Sie schon gehört?“
Ihre blassblauen Augen glitzerten.
„Gibt’s was Neues?“, fragte Ursula
„Unser Herr Mansberg. Tot. Ermordet.“
„Waaas?“
„Ja, ermordet. Sagt jedenfalls Frau Wenig.“
„Kann man‘s denn glauben? Und wer war’s?“
„Die Polizei steht erst am Anfang mit ihren Ermittlungen.“ Diese Floskel kannte Ursula aus zahlreichen Fernsehkrimis. Daher wird sie wohl auch Frau Baumberger haben, dachte sie.
„Sagt Frau Wenig?“
„Ja, die wohnt in der Nachbarwohnung und die Wände sind ziemlich dünn.“ Aha.
„Wann isses denn passiert?“
„Vor drei Tagen.“
Das kann nicht sein, dachte Ursula, das hätte sie längst gehört. Es blieb so leicht nichts verborgen in der Seniorenresidenz. Erst recht nicht sowas. Da stimmte was nicht. Eine von beiden hatte eine zu lebhafte Fantasie, entweder die Wenig oder die Baumberger. Nur jetzt keine Zweifel zeigen, dann redet sie nicht weiter.
„War es Raubmord?“
„Wohl kaum, was war bei dem denn zu holen?“
„Na, wenn man ihn reden hörte …“
„Ich weiß, leitender Angestellter – bei einer Bank?«
»Ja, Bankdirektor, da kommt im Laufe des Lebens doch was zusammen.“
„Nicht, wenn man eine anspruchsvolle Ehefrau hat.“
„Ja, kann sein, sie putzte sich gern heraus, immer etwas overdressed. Auch schon tot.“
Schweigeminute.
„Ich geh zu Edeka und Sie?“, fragte Frau Baumberger.
„Ich muss erst noch zur Buchhandlung Weber, guten Einkauf.“ Ursula schwenkte nach links ab.

Sie musste dann natürlich auch zu Edeka, des Kaffees wegen. Und wen sieht sie da am Tchibostand: Mansberg.
Wusste sie’s doch, die Todesnachricht war aus der Luft gegriffen. Aber vielleicht war was …
„Guten Tag, Herr Mansberg, geht’s gut, gibt’s was Neues?“
„Ja, weiß Gott! Die Polizei war da.“ Ach.
„Was ist denn passiert?“
„Herr Obermeier soll ermordet worden sein.“
„Herr Obermaier? Ermordet?“
„Ja. Tot. Erschlagen oder so.“
„Woher wissen Sie das denn?“
„Frau Wenig hat es mir gesagt, sie wohnt ja nebenan – und die Wände sind dünn.“ Aha.
„Wann ist denn das passiert?“
„Gestern. Ich selbst habe ja nichts mitbekommen, obwohl ich auf derselben Etage wohne. Das musste ich auch der Polizei sagen. Die fragte nachmittags bei mir nach, ob ich etwas gehört oder gesehen hätte. Was passiert war, haben sie mir natürlich nicht gesagt.“
„Wer mag denn wohl der Täter sein? Jemand aus dem Haus – oder aus der Verwandtschaft?“
„Es ist wohl noch nichts bekannt, die Polizei ermittelt in alle Richtungen.“
Auch den Spruch kannte Ursula.

Von wem stammte denn nun die Fehlinformation? Frau Wenig oder Frau Baumberger? Herr Mansberg hatte seine Krawatte zurechtgerückt – seinen Kaffee in den Wagen gepackt und ging Richtung Kasse. Da war nichts mehr zu holen. Hielt sich eigentlich noch recht gerade für sein Alter. Kürzlich den Neunzigsten gefeiert.

Da – Frau Baumberger, immer noch beim Einkauf.
„Hallo Frau Baumberger, wissen Sie, wen ich eben getroffen habe?“
„Nein.“
„Herrn Mansberg.“
„Waaas?“, sagte Frau Baumberger und stützte sich auf die Gondel mit dem Tiefkühlgemüse.
„Ja, quicklebendig. Wusste aber auch was von Polizei und Mord: Herr Obermaier. Übrigens auch ein Nachbar von Frau Wenig.“
„Sollte ich mich denn so verhört haben? Mein Gehör ist in Ordnung. Mansberg – Obermeier – nein, das kann nicht sein.“
„Außerdem soll es nicht vor drei Tagen, sondern gestern gewesen sein. Wie steht es eigentlich um die Gesundheit von Frau Wenig?“, fragte Ursula.
„Sie hat ihre Sinne durchaus beisammen – falls Sie auf so etwas anspielen.“

Die beiden Damen hatten ihre Einkäufe erledigt und machten sich auf den Rückweg zu ihrer Burg. In der Eingangshalle erwartete sie eine Überraschung: Obermeier. Er stand an der Rezeption und verhandelte leise über irgendetwas. Immer wieder strich er sich über seinen fast kahlen Kopf.
Es war an Frau Baumberger, nachzuforschen, schließlich war ihre Information: Mansberg. Auch wenn Ursula Beckstein behauptete, ihn gesehen zu haben … Sie wartete bis Obermeier fertig war. Diskretion war Ehrensache.
„Herr Obermeier, lange nicht gesehen, alles in Ordnung?“
„Ja, natürlich, Frau Baumberger und guten Tag Frau Beckstein. Gut eingekauft, die Damen?“ In keiner Weise angeschlagen, der Herr Obermeier. Und nun?
„Es gibt ein Gerücht, dass Ihnen etwas passiert sein soll,“ ergriff Ursula die Initiative.
„Passiert? Du lieber Himmel, was heißt das denn?“
„Mord.“
„Kommen Sie erst mal beiseite, so etwas will hier niemand hören.“
Außer Reichweite der Damen an der Rezeption, im Schutze des üppigen Blumenstraußes, der die Halle verschönerte.
„Aber wissen Sie etwas?“ , fragte Ursula.
„Ja, zum Thema Mord weiß ich etwas – Herr Mansberg!“
„Tatsächlich?«
Die beiden Damen sahen sich an.
»Aber ich habe eben mit ihm gesprochen.“
Obermeier trat einen Schritt zurück.
„Dann hat man ihn anscheinend doch nicht verhaftet.“
„Verhaftet??“
„Verhaftet??“
Die beiden Damen wie aus einem Mund.
„Die Polizei war bei mir, fragte, ob ich etwas gehört hätte. Man erwähnte Frau Wenig und die Wohnung Mansberg. Daraus habe ich geschlossen … Was passiert war, haben sie natürlich nicht gesagt.«
„Aber wer ist denn nun ermordet worden? Ist überhaupt jemand ermordet worden?“
„Keine Ahnung, vielleicht sollten wir Frau Wenig fragen?“

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