Neues aus dem Haus am Kirchberg

Freundinnen unter sich
Johanna saß in der Cafeteria, sie hatte einen Salat bestellt, weil sie zu faul war, sich selbst ein Abendessen zuzubereiten. Außer ihr saß hier und da eine einsame alte Dame oder ein einsamer alter Mann. Auch schon mal zwei Herren, die sich wortkarg unterhielten. Sie kannte die anderen nur vom Sehen. Man begrüßte sich freundlich beim Hereinkommen und wünschte sich einen guten Appetit. Ob den alle hatten? Johanna eigentlich auch nicht, aber einen Salat kann man ja immer essen, auch ohne.
Es war ganz still in dem großen Raum – bis die beiden Freundinnen hereinschneiten und mitten im Raum an Tisch fünf Platz nahmen. Das Abendessen mussten sie nicht bestellen, das wurde schnell gebracht, sie haben ein Abendessen-Abonnement. Offensichtlich jeden Abend zu faul, sich etwas zu machen.
Heute Abend war es ein Pfannkuchen, gefüllt mit Champignons in einer Soße, dazu ein bisschen Salat.
„Mir schmeckt das gar nicht“, sagte Ilse.
„Aber wieso, ist doch lecker“, sagte Marianne.
„Für dich vielleicht, ich mag es nicht.“ Pause.
„Hallo, hallo Bedienung“, rief Ilse.
„Ich komme. Was gibt es denn?“
„Ich mag das Essen nicht.“
„Tut mir leid.“
„Ich möchte was anderes, ein Butterbrot vielleicht.“
„Tut mir leid, aber das hätten Sie eher sagen müssen.“
„Wieso?“
„Sie haben doch schon mit dem Essen begonnen.“
„Ja, aber ich mag es nicht.“
„Ich kann Ihnen natürlich belegte Brote bringen, aber die müssen Sie dann extra bezahlen.“
„Wieso?“
„Weil es im Abonnement entweder das vorgesehene Essen gibt oder aber Butterbrote, beides gibt es nicht für dasselbe Geld.“
„Das finde ich nicht richtig.“ Pause. Aufmerksame Stille an den anderen besetzten Tischen.
„Was wollen wir denn nun machen?“, fragte die Bedienung, immer noch höflich.
„Ich weiß es nicht.“
„Ich kann Ihnen Brote bringen, aber nicht umsonst.“
„Das finde ich kleinlich. Gut, dann esse ich den Pfannkuchen, obwohl er mir überhaupt nicht schmeckt.“
„Wie Sie wollen“; sagte die Bedienung und flüchtete. Schweigen an Tisch fünf.
Johanna schmunzelte vor sich hin. Sie hatte schon öfter Gespräche zwischen den beiden Freundinnen mitbekommen. Eine von beiden war schwerhörig.
„Weißt du, dass Isoldes Tochter demnächst heiratet?“
„Ach. Na, das wurde aber auch Zeit. Die ist doch bestimmt schon an die dreißig.“
„Mindestens.“ Pause. „Sie heiratet in weiß.“
„Und das bei der Figur.“
„Weißt du, Marianne, ich hatte ja schon als zwölfjähriges Mädchen einen solch üppigen Busen wie jetzt.“
„Ach, ich nicht, ich war platt wie ein Brett, und so ist es geblieben.“ Aufmerksame Stille an allen Tischen. Johanna konnte nicht glauben, was sie da hörte.
„Aber da gibt es doch Möglichkeiten, Marianne.“
„Ja, natürlich, ich habe immer Blusen mit Rüschen getragen und darunter, weißt du …“ Es folgte eine intensive Einführung in die Möglichkeiten, aus nichts etwas zu machen. Johanna wagte einen Blick in die Runde und sah, dass besonders die beiden Herren, die nahe am Tisch der Freundinnen saßen, total verstummt waren.
Ein paar Tage später erfuhr Johanna bei einem weiteren Essen in der Cafeteria, dass aus der Hochzeit in weiß nichts wird – der Bräutigam war irgendwann aus der Kirche ausgetreten. Aus welcher, erfuhr sie allerdings nicht.

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