Die monatliche Geschichte aus der Seniorenresidenz Am Kirchberg

Kirchberg – der Musenhof
Im Haus am Kirchberg wird KULTUR ganz groß geschrieben. Die Musen gehen ein und aus. Meistens in den Großen Salon, sie nehmen auch schon mal mit der Cafeteria vorlieb. Polyhymnia zum Beispiel sorgt regelmäßig für die Kirchbergkonzerte. Einmal im Monat kommen Studentinnen oder Studenten der Musikhochschule Düsseldorf und erfreuen die Musikbeflissenen mit Stücken am Flügel. Sie kommen seit fast dreißig Jahren, zugegebenermaßen immer wieder neue Generationen. Und ebenso zugegebenermaßen Könner ihres Fachs. Nur – hin und wieder ist ihnen der Flügel nicht gewachsen, auch er bei Jahren. Und die große Bücherwand mit der Bibliothek des Hauses schluckt ehrlich gesagt manchen Ton. Den Musikbeflissenen scheint das nichts auszumachen, die Liebhaber, na, ja …

Manchmal blinzelt und zwinkert Polyhymnia ein bisschen und macht Kompromisse – wer zahlt, bestimmt. Dann glaubt man sich in die weiten Steppen Ungarns versetzt – Klavier oder vielmehr Flügel und Flöte. Mal lässt sie die Fiddle eines Iren hören. Pünktlich zu den weißen Nächten erklingen russische Melodien unter dem Titel „Vom Zauber der Petersburger Nächte.“ Diesmal Piano, pardon Flügel und Klarinette. Meine persönliche Meinung – gekonnt. Es darf auch mal ein Chanson-Abend sein. Und für die älteren Damen und Herren – also für alle – werden Schlagermelodien aus ihrer Jugendzeit geboten. Sogar Tote werden zum Leben erweckt: Zarah Leander mit dem Programm „Eine Frau wird erst schön durch die Liebe“. Was die eine oder andere anzügliche Bemerkung bei gewissen Herren hervorruft. Denken Sie, was Sie wollen.
Kaliope sorgt dafür, dass das gesprochene Wort nicht zu kurz kommt. Im Großen Salon finden Lesungen statt, vor der prächtigen Kulisse der zahlreichen Bücher aus den Relikten der Bewohner. Ein scharfes Auge entdeckt da schon mal drei Simmel nebeneinander, Johannes Mario, drei gleiche Bände.
Hundertste oder zweihundertste Geburtstage deutscher Dichter und Denker werden gern zum Anlass genommen. Auch schon mal ein Todestag. Oder gar kein Anlass, sondern nur so: Thomas Mann mit seinem Felix Krull oder – Düsseldorf liegt nahe – Heinrich Heine. Aber es gibt auch hier schon mal leichtere Kost. Die Lesungen werden regelmäßig durch Zurufe unterbrochen, nicht von Begeisterungsrufen, sondern eher von Hilferufen: lauter bitte.
Wenn die Bewohner schön artig sind – ach, was rede ich denn da – also: Manchmal gibt es Krimilesungen. Die Hoffnungen der Autoren, dass der eine oder andere Krimi gekauft wird, werden regelmäßig enttäuscht. Da hilft es auch nicht, wenn das Signieren der Werke angeboten wird.
Bleiben wir beim Thema Krimi. Melpomene sorgt einmal im Jahr für ein Krimidinner, also einem Abendessen mit Theater. Mit viel Fantasie werden Gerichte zum Thema erfunden, viel rot wird aufgeboten. Begrüßungscocktails aus rotem Obstsaft mit Schuss, Tomatensoße wo möglich. Ich erinnere mich an ein Hühnerbein, das hilfesuchend aus einem Glas mit scharfem Tomatensaft ragte. Eine Theatergruppe führt ein Stück mit wenigen Mitwirkenden auf, die im Laufe des Abends noch weniger werden.
Und siehe da, auch Urania kommt zum Zuge. Nicht weit entfernt vom Haus am Kirchberg gibt es ein kleines aber feines Planetarium. Hin und wieder wird eine Expedition dorthin angeboten, allerdings nicht, ohne dass darauf hingewiesen wird, dass das nur etwas für Schwindelfreie ist. Man liegt nämlich hingegossen in bequemen Sesseln, Kopf in den Nacken, und oben saust der Sternenhimmel über einen hinweg. Schwindel garantiert.
Filmvorführungen müssen logischerweise ohne die Hilfe einer Muse stattfinden, es sei denn, man arbeitet mit der Methode „reim dich oder ich fress dich“. Dann könnte man Thalia zu Hilfe nehmen, die Muse der Komödiendichtung. Was aber nicht passt, wenn es einen Film über das Aussterben der Eisbären oder das Abschmelzen der Gletscher gibt. Normalerweise geht es erbaulicher zu. Viel schöne Natur, viel schöne Ruinen, schöne Ozeandampfer – mit tollen Büffets, auch schön. Da werden Erinnerungen wach und die Stimmung ist gut. Oder man ist selig eingeschlummert.

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