Ich bin unschuldig! – Leseprobe

Hildegard Schwarz wird von einem höflichen jungen Beamten in den Verhörraum begleitet. Als vernehmender Beamter wird ihr Kriminalhauptkommissar Meier-Brandt angekündigt. Sie nimmt auf einem unbequemen Stuhl Platz und sieht sich um.
Wie rede ich den denn an? Herr Meier-Brandt oder muss man die Berufsbezeichnung dazu nennen? Mich redete niemand mit Frau Lehrerin Schwarz an, als ich noch berufstätig war. Trist ist das hier, grau in grau. Fenster? Da oben, bloße Luken. Will man die armen Sünder schon an das Gefängnis gewöhnen? Gefängnis. Quatsch. Ich bin unschuldig. Ich habe mir nichts vorzuwerfen.
Gut, dass ich das blaue Kostüm angezogen habe, darin fühle ich mich sicher. Sieht seriös aus. Als ob ich das nötig hätte: Ich bin seriös. Bis auf die Frisur, ständig hängt mir diese Strähne ins Gesicht. Eric hatte sie mir gern aus dem Gesicht gestrichen und gesagt: Sie verdeckt deine schönen blauen Augen. Wann kommt der Typ denn endlich? Will er mich mürbe machen? Was steht denn da auf dem Tisch? Ein Mikrofon, denke ich mal und, hm, das hat Ähnlichkeit mit einer Kamera. Stimmt, es gibt keine undurchsichtige Scheibe, hinter der die ganze Mannschaft Anteil am Verhör nehmen könnte. Das wird jetzt auf ein Fernsehgerät übertragen. Ob das in Farbe ist? Hier drin sehen meine blonden Haare bestimmt eher grau aus.
„Guten Tag, Frau Schwarz. Ich bin Kriminalhauptkommissar Meier-Brandt. Sie haben zwar schon einmal eine Aussage bei Oberkommissar Lutz gemacht, aber wir müssen uns noch einmal unterhalten.“
Der plumpst ja richtig auf seinen Sessel, auch nicht mehr der Jüngste, schon schüttere Haare, aschblond.
„Guten Tag.“
Jetzt blättert der erstmal in seinen Papieren herum. Ziemlich viele. Will er mich beeindrucken?
„Ich muss Sie nochmal sprechen, weil einiges unklar geblieben ist.“
Aha, sprechen, nicht vernehmen, er will erstmal gute Stimmung machen.
„Sie haben ausgesagt, dass Sie am Abend des 9. Juli ihr Auto auf dem Parkplatz am Gartengelände stehen gelassen haben und mit dem Bus nach Hause gefahren sind. Stimmt das so?“
„Ja.“
Ja, es stand auf dem Parkplatz, das ist wohl jemandem aufgefallen.
„Wo waren Sie am Morgen des 10. Juli, sagen wir von acht Uhr bis zehn Uhr?“
„Zu Hause.“
„Sie haben um 9.10 Uhr Ihren Mann angerufen, worum ging es denn da?“
„Ich wollte wohl wissen, wo er gerade war.“
„Und wo war er?“
“Unterwegs.“
„Und wo waren Sie?“
„Zu Hause.“
„Nein, Frau Schwarz, das waren Sie nicht. Sie waren in der Gartenanlage.“
Mist, jetzt kommt er gleich mit der Wabe. Die verdammte moderne Technik. Aber ich bin unschuldig. Ich muss mich gerade hinsetzen, vielleicht die Hände auf den Tisch. In aller Ruhe. Langsam atmen. Guten Eindruck machen.
„Frau Schwarz, äußern Sie sich dazu.“
Was soll ich sagen? Gut, ich war da, aber beweisen kann er mir das nicht. Auf der Video-Überwachung bin ich nicht zu sehen. Jetzt verzieht er seinen Mund, freut sich, dass er mich vorführen kann.
„Frau Schwarz, Sie wissen doch, dass wir nachweisen können, wo sich Ihr Handy am Morgen befunden hat, bitte äußern Sie sich zu meinem Vorhalt.“
Muss man sich äußern, kann man nicht einfach schweigen? Können die mich zwingen?
„Ja, und?“
„Frau Schwarz, es besteht der Verdacht, dass Sie am Morgen des 10. Juli Herrn Eric Bauer mit einem Hobel erschlagen haben.“
Wie sich das anhört – erschlagen. Der hatte einen Dämpfer verdient. Wie der sich benommen hat.
„Frau Schwarz, ich fasse zusammen: Entgegen Ihren Äußerungen sind Sie nicht am Abend des 9. Juli mit dem Bus nach Hause gefahren. Sie sind auf dem Gelände, in Ihrer Laube, geblieben. Sie waren nicht am Morgen des 10. Juli in Ihrer Wohnung. Sie waren auf dem Gelände und haben Ihren Mann zu Hilfe gerufen. Was sagen Sie hierzu?“
„Nichts.“
Nichts davon kann er beweisen.
„Das ist Ihr gutes Recht.“
Ja und, wie geht denn das jetzt weiter? Der holt tief Luft – jetzt kommt’s.
„Wir haben den Hobel gefunden. Es haftete das Blut des Herrn Bauer daran, es waren Fingerabrücke darauf von Ihnen, von Ihrem Mann, von Herrn Bauer. Ihr Mann hat zugegeben, dass er ab 9.45 Uhr auf dem Gelände war. Dazu gibt es auch Video-Aufzeichnungen. Zu dieser Zeit war Herr Bauer bereits tot. Ihr Mann kann also nicht der Täter sein. Außer Ihnen und Ihrem Mann war niemand in der Nähe der Laube Bauer.“
Was soll ich dazu sagen, ich war ja wirklich da. Ich habe ihm eine Ohrfeige gegeben, und der hat zurückgeschlagen, der Prolet. Das konnte ich mir nicht gefallen lassen. Das und die fiesen Bemerkungen. Der hatte eine Strafe verdient. Aber wie der so da lag … Armer Kerl.
„Frau Schwarz, warum äußern Sie sich nicht?“
Ich muss meine Taktik ändern, der gewinnt sonst die Oberhand. Ob ich den mal harmlos und freundlich anlächeln soll? Wie reagieren Kommissare auf sowas? Eric hatte schnell reagiert, als ich angefangen hatte zu lächeln. War eine schöne Zeit gewesen, so leicht, so locker, so sommerlich. Aber dann, als es mir ernst geworden war – das Schwein: Einfach nein gesagt hatte er. Heiraten? Du bist wohl verrückt geworden. Jetzt kommen mir doch verdammt nochmal die Tränen.
„Frau Schwarz, erleichtern Sie Ihr Gewissen, ich sehe doch, dass Ihnen das alles sehr zu schaffen macht. Sie haben ihn sicher geliebt und dann die Enttäuschung, als er keine ernstere Beziehung wollte.“
Seine Mutter hätte das gewollt. Die wollte doch, dass er endlich heiratet. Aber er: Auch wenn du eine gute Partie bist, ich verzichte. Meine Freiheit ist mir lieber. Ich sehe doch wie es deinem Mann geht. Fröhlich ist der mit dir nicht. Da musste ich ihm doch eine runterhauen, das war ich mir schuldig. Eins ergab das andere und dann …
„Frau Schwarz, Sie waren am Tatort, Sie hatten ein Motiv.“
Jetzt legt er eine bedeutungsvolle Pause ein.
„Ihr Mann, den Sie so hässlich betrogen haben, ist Ihnen zu Hilfe gekommen, hat für Sie das Tatwerkzeug versteckt. Mit dieser Hilfe hat er sich strafbar gemacht.“
Ja, das war sehr anständig gewesen von Eberhard. Aber was hat es genutzt? Jetzt sitze ich trotzdem hier. Und dieser Kommissar setzt eine mitfühlende Miene auf. Ich habe das alles nicht gewollt, es hatte sich so ergeben: der Anlass, die Gelegenheit, der Hobel. Strafe muss sein, hat Papa immer gesagt. Aber das war einmal. Das will ich nicht.
„Frau Schwarz, die Indizien sprechen für sich. Ich brauche Ihr Geständnis gar nicht. Aber glauben Sie mir, es wird Sie erleichtern. Wie hieß es doch früher in unserer Kindheit: Strafe muss sein und dann gab’s einen Klaps, und alles war gut.“
Er macht auf väterlich, dabei ist er gar nicht viel älter als ich, aber, aber – der Spruch. Papa hatte das gesagt. Und jetzt sagt der das auch. Hat der das wirklich gesagt? Oder habe ich das nur gedacht? Warum konnte nicht alles so bleiben wie früher? Ich war Papas niedliches Püppchen und konnte alles haben, was ich wollte. Wird denn wirklich alles gut? Eric ist tot. Eberhard weiß über alles Bescheid. Und der Klaps – was wird das sein? Was soll ich machen?
„Frau Schwarz?“
„Ja, ich war’s. Es ist einfach so passiert.“

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