Sokolows Universum

Irgendwo wurde der Roman als Thriller beschrieben. So fängt es an: Am Sonntag, dem 23. September 1990, wurde in der Schechunat Hatikwah, einem Stadtteil im Süden von Tel Aviv, ein Mord verübt. Beschrieben wird der Mord auf Seite 21 und erst zig Seiten später taucht kurz ein Kriminalkommissar auf. Er will Sokolow, der als Straßenkehrer den Mord beobachtet haben muss, verhören. Sokolow leugnet etwas gesehen zu haben. Bis Seite 268 – auf der lese ich gerade – wird über diesen Mord nichts weiter berichtet.
Sokolow glaubt in dem Mörder, den er sehr wohl gesehen hat, seinen Jugendfreund Lew wiedererkannt zu haben. Beide waren erstklassige Schüler und Studenten, arbeiteten in der sowjetischen Raumfahrt und waren Freunde. Davon handelt – so weit ich es bisher lese – Sokolows Universum. Die Beschreibung der Leben in der Sowjetunion und in Israel – eine wunderbare Zugabe.
So sollte ein Krimi nicht aufgebaut sein, würde ein Handbuch für Krimischreiber behaupten. Aber – ich kann mich vom Text nicht trennen. Dabei begegnet mir der Held der Geschichte als ständig betrunkener, fast verwahrloster Straßenkehrer. Nach dem Absturz der Raumfahrtrakete, an deren Bau die Freunde wesentlich beteiligt waren, bricht seine Welt auseinander. Beruf, Ehefrau, Tochter – das war einmal. Ihm gelingt die Ausreise nach Israel, aber kein Einstieg in ein normales Berufsleben. Ab Seite 200 wird ein Märchen wahr – Lew taucht auf und reißt ihn aus dem Elend. Ich fürchte allerdings, er wird ihn in ein neues Elend stürzen …

Und so kommt es auch: Ab Seite 337 wird Sokolows Universum zum Thriller – Lew, der mit internationalen Geschäften zu Geld und Verbindungen gekommen ist, baut eine Waffenfabrik auf und macht Sokolow zum Teilhaber; Sokolow lernt eine schöne Frau kennen und lieben. Sokolows Prinzipien, seine Gradlinigkeit werden auf die Probe gestellt: Lew erwartet von ihm, dass er einen Mann, der ihren gemeinsamen Plänen gefährlich wird, ermordet.
Das Ende wird nicht verraten, aber man sagt sich: Das musste ja so kommen. Im allerletzten Kapitel „Später“ werden alle Fragen noch einmal gestellt und neue kommen dazu. Antworten gibt es nicht. Aber man hat die Ahnung, dass aus zwei Menschen – Sokolow und Lew – einer geworden ist, so wie zu Anfang ein Zeuge des ersten Mordes den Mörder gezeichnet hat.
Leon de Winter, 1992

2 Gedanken zu „Sokolows Universum

  1. Sara Willwerth

    Leon de Winter ist einer meiner Lieblingsautoren. Sokolows Universum kenne ich allerdings nicht. Bin gespannt auf deine Abschlussmeinung. ?

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.