Archiv der Kategorie: Rezensionen

Manfred Schorlau

Ich liebe Verschwörungstheorien. Die Geschichte, die ich hier empfehlen will, ist ganz dicht an den Fakten, nämlich an dem, was in den Akten steht, die die Polizeibehörden angelegt haben. Allerdings stimmt das leider nicht mit dem überein, was den Untersuchungsausschüssen berichtet wurde. Welchen Untersuchungsausschüssen? Denen, die sich mit den NSU-Verbrechen befasst haben. Es geht um einen Krimi, in dem der Private Ermittler Dengler – einst Geheimdienstler – den Auftrag erhält „Klären Sie, wer Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos getötet hat “. Ein üppiger Vorschuss in bar – den Auftrag kann man nicht ablehnen, wenn  man fast pleite ist. Dengler stellt die Fakten zusammen, die man überall finden kann: Die beiden haben am 4. November 2011 den Tod gefunden. Böhnhardt von Mundlos erschossen, und Mundlos hat Selbstmord begangen – vor den Ohren von zwei Polizisten, die den Camper, den beide benutzten, gestellt hatten. Zwischen Mord und Selbstmord hatte Mundlos noch den Camper in Brand gesetzt. Kann man nachlesen.
Aber Olga, die Freundin von Dengler, sagt: „Nee, das kann nicht stimmen, sieh dir die Zeitangaben an, die die Beamten in die Akten geschrieben haben.“ Dengler rechnet: Genau 20 Sekunden liegen zwischen dem Auftauchen der Beamten am Ort und dem letzten Schuss. In diesen knappen Sekunden sollen sich die beiden zum Selbstmord und der Brandlegung entschlossen und das Ganze auch ausgeführt haben. Wer glaubt das? Nur die Leute in den Untersuchungsausschüssen. Und natürlich die Öffentlichkeit, bis auf die, die Artikel in der Welt oder in der ZEIT zum Thema gelesen haben.

Von dem Punkt an wird der Krimi außerordentlich spannend. Man bekommt vorgeführt, wie Geheimdienste arbeiten. Und es fällt einem der Titel des Buches ein: Die schützende Hand. Wer war das wohl, der den Morden zugesehen hat? Zehn Morde immerhin, bei denen niemand auf die Idee kam, sie könnten einen politischen Hintergrund haben. Irgendjemand sagt: Leider eine etwas brutale Art. V-Leute auszuschalten, die zu viel verraten könnten. Was hat man wohl Beate Zschäpe versprochen, damit sie so eisern schweigt, wie sie es getan hat? Oder was hat man ihr angedroht?
Ich schwankte ständig zwischen Glauben und Zweifel. Die Recherchen des Autors –  Manfred Schorlau  – sind sehr gut dokumentiert: Zu allen erwähnten Zeitungsmeldungen gibt es Links, man kann sich über beigefügte Fotos über wandernde Totenflecken und Totenstarre informieren. Stegdra kann oder muss nicht der Ort sein, an dem die beiden Verbrecher starben.
In der ZEIT vom 2. Mai 2019 (Nr. 19) las ich in der Rubrik Recht & Unrecht den Artikel „Das vergessene Opfer der NSU“. Schon 1999 gab es ein Attentat in Nürnberg. Erster Eintrag in der Akte: Kein politisches Motiv erkennbar. Ein naher Bekannter des jungen Türken zeigte ihn – laut Akteneintrag – an, das Attentat selbst inszeniert zu haben. Der Mann ist offiziell nie darüber informiert worden, dass es eine Tat des NSU war. Die schützende Hand gab es von Anfang an.
Was ich natürlich auch gern wissen würde: Wozu brauchte man diese NSU-V-Leute? Wenn, ja wenn, die „Fakten“ stimmen.

Die schützende Hand: Denglers achter Fall  
von Wolfgang Schorlau | 6. April 2017
4.3 von 5 Sternen 114

Taschenbuch 9,99€

Kindle 9,99€

Thomas Herzberg

Thomas herzberg

Eiskaltes Sylt

Der Bauer Mommsen wird tot aufgefunden. Niemanden wundert das, denn er ist auf Sylt verrufen, hat im Gefängnis gesessen für Taten, über die man nicht spricht. Vier junge Frauen, die durch erlittenes Leid verbunden sind, haben auf Rache gesonnen, für das, was man ihnen in ihrer Kindheit angetan hat. Ist eine von ihnen die Täterin? Der Zustand der Leiche spricht dagegen, die für den Mord erforderliche Kraft hat keines der Mädchen. Die Kommissare Hannah Lambert  und Ole Friedrichsen, stationiert in Niebüll, sind für den Mord auf Sylt zuständig. Schnell wird klar, dass auch die Väter der Mädchen involviert sein könnten. Und nicht nur in diese Tat. Jeder Ermittlungsschritt führt tiefer in die Geheimnisse, die viele der Verdächtigen verbinden. Man lernt Hannah Lambert in diesem zweiten Band der Sylt-Reihe näher kennen und ihre Spürnase bewundern. Absolut lesenswert.

Erschienen Februar 2019, z.Zt. E-Book 0,99 Euro

Maria Höfle

Dein ist die Schuld

Ein junges Mädchen in eleganter roter Robe liegt tot im Vestibül des Elitegymnasiums Sebastianum in Kufstein, abgestürzt aus dem zweiten Stockwerk. Das muss Selbstmord gewesen sein, entscheidet die Leitung des Hauses in Übereinstimmung mit den Polizeibehörden. Aber der ermittelnde Beamte, Chefinspektor Konstantin Schmitt aus Innsbruck gibt sich nicht zufrieden und drängt die Inspektorin Dorothea Keusch in Kufstein dazu, heimlich weiter zu ermitteln. Die sieht erstens eine Chance, ebenfalls in die Abteilung Leib und Leben zu wechseln, andererseits will sie sicher sein, dass es Selbstmord und nicht Mord war. Die Eltern von Elena Goldschmied sowie Lehrer und Schüler des Gymnasiums können ihr nicht helfen, sie legt sich mit dem geistlichen Direktor an, mit einer Neonazigruppe und leider auch mit ihrem eigenen Chef. Der droht Dorothea ihre Entlassung aus dem Dienst an, aber ihr steht plötzlich auch die Lösung vor Augen. Bis dahin haben wir einige spannende Stunden erlebt.

Erschienen November 2018, Tb 114,99, E-Book 4,99 Euro



Christiane Kördel

Seezeichen 13           

Ein Cosy-Krimi, wie er im Buche steht. Blut nur tropfenweise – jedenfalls am Anfang. Junge selbstständige Frau im IT-Geschäft, Hund, Ex-Liebhaber und Neuerwerbung, schnuckelig. Der Bodensee in all seiner Pracht. Wieso wird sie verdächtigt, eine Cyber-Kriminelle zu sein? Der Ex hilft aus der Patsche. Aber da ist immer noch der ungeklärte Todesfall eines jungen Kollegen. Und natürlich die Highheels mit dem ersten Blutstropfen. Ines Fox, die Chefin von Foxinets, hat viele Rätsel aufzuklären. Wer ist ihre neue Nachbarin wirklich? Ist der Freund ihrer Mutter, Kriminalhauptkommissar Schroff (!) ein Verräter? Wird das BKA den Fall klären, bevor auch Ines in Lebensgefahr gerät? Großartig geschrieben, witzig, ohne je zu blödeln.

Erschienen 2016, erster Band einer Reihe, 450 Seiten
Tb 13,99, E-Book 2,99 Euro
 

Ulli Eike


Spurlos

Was hat die Seniorenresidenz Lippeblick mit dem Club Paradise zu tun und wieso wird der Lebensgefährte einer Angestellten des Lippeblick am Morgen des Tages ermordet, als sieben Bewohner des Hauses spurlos verschwinden? Der Bus, der sie zu einer Shoppingtour fahren sollte, wird von Spaziergängern leer aufgefunden, Passagiere und Busfahrer – wo sind sie? Das sind die Rätsel, die Lena Stern und ihre Kollegen aus Dortmund und Umgebung zu lösen haben. Zunächst geht es um vermisste Personen, dann um ermordete. Eine Hundertschaft der Polizei versucht, die verschwundenen alten Leute zu finden, die Zeit wird knapp, es ist November und verdammt kalt. Ich habe die Ermittlerin Lena Stern gerade erst kennengelernt, bin aber begeistert von ihrer Art, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Band 9 einer Reihe. Absolut lesenswert.

Erschienen August 2018, 322 Seiten, Tb 9,90, E-Book 0,99 Euro

Inca Vogt

Makaber, aber mit einem Augenzwinkern

Mordserbe

Erben ist schön – aber ein Beerdigungsinstitut? Noch dazu fest in der Hand von Verwandten des Verstorbenen, die selbst nichts erben. Das riecht nach Zwistigkeiten. Leo Nora, die Tochter des nicht ganz Verblichenen(?), hat diesen Vater nie gekannt, sie war eine Waise, die sich irgendwie durchschlug. Erfreulicherweise gibt es neben den zwielichtigen Verwandten den einen oder anderen Freund des Vaters. Sie „adoptieren“ nun die beiden Kinder, neben Leo den etwas älteren Will. Was auch bitter nötig ist. Denn Igor, der Schwager, schreckt anscheinend vor nichts zurück. Da kann man schon mal ins Zittern geraten, aber das wollen wir ja von einem Thriller, einem ganz und gar schwarzen Thriller.
Leo erinnert mich in ganz klein wenig an Amato aus anderen Thrillern. Apropos anderen – dieser ist ganz anders. Wie gesagt makaber, nicht nur wegen des Gewerbes, sondern auch humorvoll, da wo es passt. Locker, leicht geschrieben, man legt den Text nicht gern beiseite, man ist schließlich neugierig.

Erschienen im Juni 2018, Tb 9,95, E-Book 2,99 Euro.

Leonie Haubrich

Dunkelmädchen 
Am Anfang habe ich mich gefragt: Ist das ein Familienroman? Nein, es ist ein Psychothriller. Immer enger wird der Lebensraum von Elena, dieser Mutter, die sich eines Tages sicher ist: Julia ist nicht das Kind, das sie geboren hat. Ihr Mann Johannes tut das als Spinnerei ab, hat immer wieder Gründe, warum sie sich irren muss. Eine Psychiaterin, die er ihr empfiehlt, versucht zu helfen. Vergebens. Durch einen Verzweiflungsakt kommt sie in eine geschlossene Anstalt. Ist sie vielleicht wirklich verrückt, wie Johannes es ihr unterstellt? Er versucht trotzdem, sie mit allen Mitteln dort herauszuholen. Hat er Angst vor dem, was sie ausplaudern könnte? Hat er selbst etwas mit dem Verschwinden des eigenen Kindes zu tun – das sind die finsteren Gedanken, die Elena Tag und Nacht bedrängen. Sie versucht auf eigene Faust, das Rätsel zu klären – aber wird das ihre Probleme lösen? Von irgendwann an, muss man weiterlesen, egal wie spät in der Nacht es ist.

Erschienen Januar 2019,  Tb 9,99 E-Book zZt. 0,99 Euro

Heike Fröhling

Gesang des Nordlichts

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
(Hermann Hesse)

Acht Tage Schweden. Weihnachten im Haus am See. Eine Tradition seit vielen Jahren. Die Familie kommt zusammen: Claudia und Holger, ein Ehepaar seit achtzehn Jahren, ihre beiden Kinder, Claudias beide Schwestern, ihr alter Vater. Jeder ist allein mit seinen Befürchtungen, seinen Hoffnungen, seinen Erinnerungen. Und wenn sie das Schweigen brechen, kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen: Familie eben. Das kennt man, denkt man zunächst und es erinnert einen an eigenes und es erheitert.
Aber da ist ein Untergrund: Der Großvater enthüllt das Geheimnis, wie er Besitzer des Hauses am See geworden ist. März 1945, Flucht über die Ostsee nach Schweden, weg vom Krieg. Eine Familie nimmt ihn auf, obwohl sie schnell merkt, dass er Deutscher ist. Gerhard ist sechzehn Jahre, die älteste Tochter der Familie, Sessa, vierzehn. Eine erste und große Liebe. Zwei schwedische Familien liegen seit Jahren im Streit; er ist mühsam beigelegt worden, aber Gerhard bringt ihn unwissentlich wieder zum Brennen. Mats, der Vater und Besitzer des Hauses schickt Gerhard fort. Bei seiner Rückkehr nach Schweden nach sechs Jahren ist die Familie, die ihn damals aufnahm zerbrochen.
Von einem Familienroman erwartet man, dass am Ende alles „gut“ ist. Wird es gut sein zwischen Claudia und Holger?
Das Gedicht fiel mir beim Lesen des Familienromans ein, in dem es Spaziergänge im Nebel gibt.
Erschienen Oktober 2018, Tb 9,99, E-Book 4,99

Patrizia Sabrina Prudenzi

Böses mit Bösem vergelten, Band eins der Reihe VERBORGEN
Julia Walz lebt als au-pair-Mädchen in London. Dieses Leben endet an einem Tag, an dem die au-pair-Eltern ermordet werden: grausam ermordet werden – ihre Augen sind ausgestochen, ihr Körper wurde aufgeschlitzt. Der Verdacht fällt auf Julia, sie hatten einen Streit am Vorabend. Kurz danach wird bekannt, dass ein junger Mann, mit dem Julia die Nacht verbracht hat, auf die gleiche Weise zu Tode kam. Und aus alten Akten ergibt sich, dass ihre Eltern vor siebzehn Jahren das gleiche Schicksal erlitten haben. Sieht nach einem klaren Fall aus, aber der Londoner Inspektor will an ihre Schuld nicht glauben, Julia selbst leidet an mysteriösen Gedächtnisstörungen. Das ist der Auftakt für einen Thriller, der eine Familie zeigt, in der Geld und Macht eine überragende Rolle spielen und der auch Themen wie Satanismus nicht auslässt. Das Ende hat mich tief befriedigt.
Tb 14,99, E-Book 4,99

Nele Neuhaus

Ich lese zur Zeit den Thriller „Unter Haien“ von Nele Neuhaus, ein ziemlich umfangreiches Buch. Schon die Szenerie ist spannend: New York, die Finanzwelt und die Unterwelt. Die Heldin Alex, Deutsche, hat es bis ganz nach oben geschafft, sie ist eine wichtige Mitarbeiterin in einer Firma, die daran verdient, dass sie Übernahmen von Firmen vorbereitet. Der Vertreter der Unterwelt, ein mächtiger Mafiaboss, wie sich im Laufe der vielen Seiten herausstellt. Leider sehr gut aussehend und faszinierend und so ergibt sich eine in beiden Welten spielende Geschichte von zwei Menschen und vielen anderen Vertretern der „besten“ Gesellschaft. Ich bin jetzt auf Seite 269, insgesamt sinds 600. Bin gespannt, was noch alles passiert.
Wer nur die Taunus-Krimis kennt, wird sich sehr wundern, wie ganz anders Nele Neuhaus hier schreibt. Im Vorwort schreibt sie, dass sie diesen Roman vor Jahren bei Verlagen unterbringen wollte – niemand hat zugesagt. Sie hat ihn dann auf eigene Kosten veröffentlicht. Dann hat Ullstein zugegriffen.
Tb. 12,00, E-Book 1,99 Euro