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Eigene Leseproben

Mord am Kirchberg II – Verdacht

Der Titel hat sich ein wenig geändert. Dazu hatte ich den klugen Rat von Fachleuten am Messestand von BoD, Book on Demand. Das Wort MORD soll unbedingt weiter vorkommen, dazu dann eine Nummerierung. Das hat mir eingeleuchtet. In den nächsten Tagen kommt der Entwurf des Covers, ich werde es sofort vorstellen.

Es gibt eine neue Leseprobe: Ende Kapitel 3

Tage siebenunddreißig bis dreiundvierzig

Am Mittwochmorgen traf Ruth gleich neben dem Aufzug im Erdgeschoss auf zwei Damen, die sich flüsternd unterhielten. Was war los? Das fragte Ruth ganz ungeniert.
„Harry ist weg.“
„Weg? Wohin?“
„Keine Ahnung“, sagte die eine.
„Sehen Sie selbst, das Schild ist weg“, trug die andere zum Thema bei.
Ein Blick genügte, ja, das Schild „Massagepraxis Harry Bogener, Physiotherapeut“ war abmontiert. Die Tür geschlossen.
Aber es öffnete sich die Tür zur Ambulanten Pflege, Schwester Jana kam heraus, stellte sich vor die Tür von Harrys ehemaligem Reich und gab bereitwillig Auskunft:
„Tja, einmal zu viel geerbt. Das wurde der Geschäftsführung verdächtig. Schadet dem Ruf des Hauses, wie sie sagten.“
„Und wer war so großzügig zu Harry?“
„Frau Klunemeier. Ihr Neffe hat sich im Büro gemeldet und versucht, etwas über Harry herauszufinden. Es ging ja von seinem Erbe ab.“
Frau Eberhard, die gerade dazu gekommen war, wusste mehr:
„Es war schon Erbe Nummer vier. Und das wird dann langsam verdächtig, ist doch klar. Man hat ihm den Raum gekündigt und weg ist er.“
„Seinen neuen Sportwagen wird er jetzt gleich wieder verkaufen müssen. Der findet so leicht keine neue Anstellung“, Schwester Jana schien ihn nicht gerade zu bemitleiden.
„Man liest so viel in den Zeitungen.“
„Na, von Sterbehilfe kann man bei einem Massagekünstler nicht sprechen“, sagte Jana.
„Aber Schwester Jana, keine solchen Themen, da gruselt‘s einen ja.“
Allgemeines Kopfschütteln und jede ging ihres Weges.
Abends gab es eine Lesung, zu der sich Ruth vor einiger Zeit angemeldet hatte. Ein bekannter Schauspieler las Goethe. Der Große Salon war mehr als gut gefüllt, man hätte das Schild „Ausverkauft“ an die Außenklinke hängen können.
Der gekonnte Vortrag rauschte an Ruth vorbei, ihre Gedanken beschäftigten sich immer noch mit dem schönen Harry. Sie hatte sich gedanklich auf Zurlinden eingeschossen, aber wenn es um Geld und Erben ging, dann gab es in diesem Fall mehrere Kandidaten. Wer hatte geerbt? Der Neffe, der entfernte Verwandte Zurlinden und der schöne Harry. Gründe für einen Mord hatten alle drei: Geld, Geld und nochmal Geld.
War es nicht höchste Zeit, die Geschichte abzuschließen und zur Polizei zu gehen? Ruth kam sich vor wie ein Fußballspieler, der ständig dribbelte und nicht zum Torschuss kam. Woher hatte sie denn dieses putzige Bild? Sie konnte gar kein Tor schießen, hatte gar keinen Ball. Nur Phantome, Fotos davon und Vermutungen.
Bromberg müsste dem Neffen bestätigen, dass Heta Klunemeier erpresst worden war. Und der Neffe musste ihre Vermutung akzeptieren, dass Zurlinden von dem Polizeitermin wusste. Dann könnte er zur Polizei gehen. Und die müsste einen Fall daraus machen.
Tja, könnte und müsste. Wie gehabt.

Am nächsten Tag fuhr Ruth wieder in die Reha-Klinik, sie musste gründlich Bericht erstatten über Gerolstein. Die kurzen Telefonberichte waren Eveline zu wenig gewesen. Dienst im Club hatte sie heute nicht, es waren noch Osterferien. Die gab’s auch für ehrenamtlich Tätige.
Es war zwar Frühling, aber es regnete heftig. Die Scheibenwischer hatten gut zu tun. Auf dem Weg zum Eingang der Klinik hüpfte Ruth über Pfützen, ihr fielen die Zeiten ein, in denen sie selbst Rehabilitation brauchte. Von Hüpfen konnte keine Rede sein. Ihr Rücken hatte ihr eine Operation eingetragen. Sie war mit zwei Krücken hineingegangen, konnte zu einer Krücke wechseln und war mit einem einfachen Gehstock nach Hause gefahren. Nach vielen Übungen mit einer Physiotherapeutin konnte sie auch den Stock beiseite stellen. Im Haus Kirchberg verlief es häufig umgekehrt. Nachbarn, die früher ohne Stock zum Wandern aufbrachen, griffen irgendwann zum Gehstock und mussten als nächsten Schritt zum Rollator überwechseln.
„Da hast du ja allerhand gesehen, liebe Ruth. Es wäre schön, wenn wir mal gemeinsam hinfahren könnten. Ich würde vieles gern wiedersehen. Das ist Jahre her, dass ich mit Henk dort gewesen bin. Übrigens gibt es nahe bei Gerolstein die Römerstraße von Trier nach Köln, wir haben mal die Spuren gesucht und gefunden.“
„Eine gute Idee, wir können beide immer mal eine Abwechslung brauchen. Und ich könnte meine Kenntnisse über die alten Römer vertiefen.“
„Abgemacht.“
„Leider hat mich die Klunemeier-Geschichte auch dort erwischt. Ich habe einiges aus der Jugend von Frau Klunemeier und Brigitte Overkamp erfahren …“
Ruth war während des Redens eingefallen, dass Eveline von der Overkamp-Geschichte gar nichts wusste. Mehr wollte sie jetzt nicht erzählen, es lag ihr schwer auf der Seele, dass sie zur Schnüfflerin geworden war. Damit Eveline das Stocken nicht auffiel, erzählte sie gleich weiter, nämlich die Geschichte, die sich in ihrem Keller abgespielt hatte.
„Da hast du aber gebibbert“, meinte Eveline und schien sich in die Situation hineinversetzen zu können.
„Ja, hab‘ ich, geb‘ ich zu. Aber vielleicht gibt es eine harmlose Erklärung.“

Am nächsten Morgen traf Ruth vor dem Aufzug auf Zurlinden, der zurück auf dem Weg zu seiner Wohnung war. Ein sehr knapper Gruß und dann so etwas wie ein Grinsen. Vielleicht gab es doch keine harmlose Erklärung?
Im Aufzug stand sie zusammen mit zwei jungen Frauen in der weißen Kleidung der Pflegeabteilung, beide mit Listen, in die sie eintrugen, wem sie welche Tabletten gebracht oder wem sie welche Hilfe geleistet hatten. Wenn Ruth diese Listen sah, verschlechterte sich ihre Stimmung. Wie viel Krankheit und wie viel Kummer gab es hier im Haus. Im Speisesaal begegnete man gut gelaunten, scheinbar gesunden Menschen. Jedenfalls gaben sich die meisten diesen Anschein.
Ruth wollte zum Einkaufen fahren, bei Edeka am Ort gab es alles, was eine alte Frau für ihren kleinen Haushalt brauchte. Ihr fiel immer wieder der Fernseh-Werbegag ein, der mit der Formulierung bei oder beim Edeka spielte. Sie hatte mal nachgesehen: 1898 war die Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler, also E d K, in Berlin, genauer am Halleschen Tor, gegründet worden. Es musste also definitiv „bei“ heißen. Sie hatte gedacht, das K hätte von Kaufhaus kommen können, dann wäre natürlich „beim“ richtig gewesen. Mit so etwas verbrachten alte Frauen mit PC ihre Zeit, hatte sie gedacht.
Ruth rollte ihren Einkaufswagen durch die Gänge und hoffte im Stillen, wieder auf Bromberg zu treffen. Sie musste mit ihren Nachforschungen weiter kommen. Sie hatte aber Pech, sie traf nur auf Brigitte Overkamp, die für ihren etwas größeren Haushalt einkaufte. Eigentlich hätte sie sich über diese Begegnung freuen können, sie mochte sie, aber ihr schlechtes Gewissen ließ sie ein wenig mürrisch sein. Was Frau Overkamp aber nicht abschreckte:
“Guten Tag Frau Bergmann, auch unterwegs? Ich soll Ihnen einen schönen Gruß bestellen von Frau Guntermann. Sie haben sie in Gerolstein getroffen.“
„Ach ja, es waren ein paar schöne Tage und die Düsseldorfer Gruppe hatte mich sehr nett aufgenommen.“
Ihr Magen drückte sie, ihr schlechtes Gewissen drückte sie.
„Grüßen Sie sie bitte von mir, wenn Sie wieder Kontakt haben.“
Die beiden trennten sich und Ruth badete in ihrem Selbstmitleid, dass sie ein so grässlicher Mensch geworden war. Zum Teufel mit Klunemeier, mit Zurlinden und mit dem Neffen Zurlinden.
Ruth hatte Bromberg bei Edeka nicht getroffen, aber er meldete sich telefonisch bei ihr: PC-Alarm. Sie trafen sich im Großen Salon, Bromberg kam mit seinem Laptop. Das Problem war schnell gelöst, so dass Ruth den leisen Verdacht hatte, dass es nur ein Vorwand gewesen war. Das behielt sie klugerweise für sich und sie verabredeten ein PC-freies Treffen am Abend, auf Wunsch von Ruth außerhalb des Hauses. Diesmal kein Italiener, sondern ein chinesisches Restaurant. Schnell zu erreichen.
„Haben Sie auch gehört, dass Herr Zurlinden geerbt hat?“, fragte Ruth, als sie im Chinarestaurant Platz genommen hatten.
„Ja, ich habe davon gehört, das ganze Haus spricht ja davon.“
„Ob Herr Zurlinden wusste, dass er bedacht werden sollte?“
„Auf gar keinen Fall, das hätte Heta mir sicher gesagt.“
Ruth sah ein Motiv dahinschwinden. Das geschmackvoll ausgestattete Restaurant sah auf einmal eher trüb aus. Blieb noch die Erpressung.
„Ich meine mich zu erinnern, dass Sie auf der Beerdigung von Frau Klunemeier erzählt haben, dass sie von einem Verwandten erpresst worden wäre?“
„Ja, das ist wahr, das hatte Zurlinden tatsächlich versucht und Heta hatte überlegt, ob sie ihm etwas zukommen lassen sollte. Um was es bei der Erpressung ging, hat sie mir allerdings nicht erzählt.“
Na, alles hatte sie ihrem lieben Freund auch nicht erzählt. Etwas, was die Familie betraf? Der diskrete Herr Bromberg hatte sicher nie durchblicken lassen, dass er so ziemlich alles über die Familie Zurlinden wusste. Es entstand eine Pause, das bestellte Essen kam. Danach griff Ruth ihren Faden wieder auf.
„Lieber Herr Bromberg, ich frage deshalb nach diesen Dingen, weil der Verdacht besteht, dass Frau Klunemeier ermordet worden ist.“ Stille. Die rosa Wangen des netten Herrn Bromberg waren blass geworden und er starrte Ruth sprachlos an.
Als er endlich Worte fand, sprudelte es nur so hervor:
„Aber wie kommen Sie denn darauf? Was soll denn passiert sein? Wer soll denn das getan haben? Das ist ganz unmöglich.“
„Es gibt so etwas wie Indizien.“ Ruth erzählte ihm, was sie wusste.
„Das ist typisch für den Neffen, der spinnt doch. Sollte sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Da hätte er genug zu tun. Wer hat denn überhaupt ein Motiv?“
„Ich vermute: Herbert Zurlinden. Frau Klunemeier hatte überall erzählt, dass sie einen Termin mit einem Polizisten hatte. Er wird gedacht haben, dass sie ihn anzeigen wollte wegen der Erpressung.“
„Aber sie wollte ihn gar nicht anzeigen, sie wollte ihm im Gegenteil etwas geben.“
„Aber hat er das gewusst? Er wusste nur, dass sie einen Termin mit der Polizei hatte. Und ein schlechtes Gewissen hatte er auch, nehme ich jedenfalls an.“ Ruth versuchte überzeugend zu sein. „Der Neffe hat übrigens eine andere Theorie.“
„Da hatte ich doch den richtigen Eindruck, als ich Sie im Café habe sitzen sehen. Das hätte ich nicht von Ihnen gedacht, Frau Bergmann, dass Sie so viel negative Fantasie entwickeln. Schade. Jemanden des Mordes zu verdächtigen, das ist abscheulich. Ich bin sehr enttäuscht von Ihnen.“
Es sah so aus, als wollte Bromberg aufstehen und das Lokal verlassen. Er blieb aber sitzen und schwieg. Ruth war äußerst beklommen zumute. Wie konnte sie aus dieser Situation wieder herauskommen. Eigentlich hatte sie nur die Bestätigung haben wollen, dass Zurlinden Frau Klunemeier tatsächlich erpresst hatte. Es passte so gut zu der Tatsache, dass Frau Klunemeier einen Polizeitermin hatte. Dann war sie einen Schritt weiter gegangen und hatte von ihrem Verdacht erzählt. Was hatte sie eigentlich damit erreichen wollen? Du dumme alte Frau. Schon wieder jemanden gegen dich aufgebracht.
Sie konnte sich gut vorstellen, wie es im Hirn Brombergs arbeitete und tatsächlich:
„Ich darf also davon ausgehen, dass Sie sich mit mir nur getroffen haben, um mich auszuhorchen.“
„Was soll ich dazu sagen. Natürlich haben mich Ihre Erzählungen in meinem Verdacht bestärkt. Aber diese Auskünfte hätte ich auch von anderen bekommen können.“
Das war glatt gelogen und Bromberg glaubte es auch nicht.
„Ich kann also jeden Düsseldorfer im Haus Kirchberg nur warnen, sich mit Ihnen über frühere Zeiten zu unterhalten. Ich denke, wir gehen jetzt.“
Schweigend kam man im Haus an, schweigend ging jeder seiner Wege, Ruth ins Haus A und Bromberg ins Haus B. Ruth fragte sich zum wiederholten Mal, wieso sie sich so in den Verdacht Zurlinden verbissen hatte. Nun hatte sie sich dadurch den Kontakt mit einem sehr netten Menschen verdorben.
Eveline hatte am Telefon den Vergleich mit einem gewissen Elefanten gebraucht und Ruth hatte ihr nur zustimmen können. Hätte sie doch den Mund gehalten, sie hatte doch erfahren, was sie wissen wollte.
Reichte ihr Wissen für einen Besuch bei der Polizei? Nein. Außerdem würde es sicher glaubwürdiger wirken, wenn der Neffe seinen Verdacht dort vortragen würde. Ihm müsste sie also alles über Herbert Zurlinden und seine Tante erzählen. Wie sie das tun sollte, ohne einen weiteren großen Krach zu entfachen, das wusste sie nicht. Negatives über seine Tante machte ihn wütend.
Der Samstag ging dahin, der Sonntag, der Montag.
Dienstag winkte ein wenig Abwechslung durch ihre Tätigkeit im Computer-Club. So gern war sie lange nicht mehr hingefahren.
Wie beim Twitter-Nachmittag versprochen, war heute der Facebook-Account zu besichtigen gewesen. Die Posts: etwas Neanderland, etwas Düsseldorf.
Was erheiternd war: die Werbung. Gefühlt wochenlang hatte Facebook ihr einen Fußballtorwart-Handschuh zum Preis von 29,85 Euro angeboten, später ein leicht zu bedienendes Garagentor. Jetzt gab es eine Auswahl niedlicher junger Männer, die alle ihre Enkel hätten sein können. Sie alle warteten auf ihren Anruf.
„Haben Sie denn schon mal zugegriffen?“, fragte die kesse Frau Lange.
„Meinen Sie, ich sollte? Wer möchte noch?“
Begeistertes: „Hier, hier, ich.“ Von definitiv über Sechzigjährigen, man lachte halt gern.
„Und so viel zu dem Gerücht, Facebook wüsste alles über seine Nutzer.“ Beifall.

Tage einunddreißig bis sechsunddreißig

Kapitel sieben – Bedrohungen
Ruth saß in ihrem Smart und fuhr in Richtung Eifel. So früh im Jahr an die See, die sie ja sehr liebte? Nein, das wäre zu kalt gewesen. In Gerolstein hatte sie trotz der bevorstehenden Ostertage noch ein Zimmer in einem Hotel gefunden, das im Internet einen guten Eindruck machte. Ein üppiges Wellness-Angebot. Eveline hatte ihr diesen Ort mitten in der Eifel empfohlen. Auf dem Kölner Autobahnring herrschte reger Verkehr, kein Wunder, es ging in den Osterurlaub.
In Erinnerung an den Austausch über einen gewissen netten Herrn Sowieso musste Ruth schmunzeln. Wie zwei junge Mädchen hatten sie herum gekichert. Ab wann wurde man eigentlich erwachsen? Sowohl Eveline als auch Ruth hatten keine Kinder gehabt und das schien ihnen ein Grund dafür, dass sie eben nicht wirklich erwachsen geworden waren. Oder waren andere alte Frauen auch so albern?

Vom Ende der Autobahn an waren es genau dreiunddreißig Kilometer auf der Landstraße bis Gerolstein. Alles gut ausgeschildert. Extrem viele große oder sportliche Wagen überholten Ruth schon auf der Autobahn und erst recht anfangs auf der Landstraße. Sie waren groß und auch laut, was an der Fahrweise lag. In ihrem Gedächtnis tauchte der Name Nürburgring auf. Da tobte sich mancher Familienvater und mancher Pseudorennfahrer aus. Denen tat eine alte Frau in einem Kleinstwagen wahrscheinlich unendlich leid. Ruth tat sich allerdings überhaupt nicht leid, sie ließ den Alltag und – was wichtiger war – das Gespenst Zurlinden hinter sich.
Die Eifellandschaft erinnerte sie zunächst an das Bergische Land, in dem sie wohnte. Aus der welligen Landschaft wurde eine hügelige und später eine bergige: die Vulkaneifel.
„Heute ist mal wieder der Tag der Düsseldorfer“, mit diesen Worten wurde sie im Hotel empfangen. Ach ja, sie hatte noch das alte Nummernschild. Auf dem Anmeldezettel musste sie sich allerdings als Nichtdüsseldorferin outen.
Sie bezeichnete sich immer noch als Düsseldorferin, immerhin war sie dort geboren und hatte mehr als siebzig Jahre dort gelebt. Auf Nachfrage gab sie stolz bekannt, dass auch ihre Eltern schon in Düsseldorf geboren worden waren. Von den Großeltern allerdings nur ein Zweig, der Großvater Jobst. Zwei weitere Zweige stammten aus Westfalen, was in Düsseldorf häufig vorkam. Den weitesten Weg hatte ihre Großmutter mütterlicherseits gehabt, sie kam aus dem Glazer Bergland, das seit Kriegsende zu Polen gehört. Ruth war in den Neunziger Jahren einmal dort gewesen mit einer Cousine und deren Schwiegertochter. Ein schönes Land. Allerdings ein armes Land, heute wie zu Zeiten der Großmutter Marta. Sonst wäre sie sicher nicht ins Rheinland gezogen, was aber für Ruth ein Glück war, sonst gäbe es sie so ja nicht.
Ruth kam mit ihrem Rolli, Rollkoffer – kein Rollator, scherzte sie vor sich hin, in ihrem Zimmer an und war sofort zufrieden. Auch mit der Aussicht: viel Grün und der kleine See. Zwar nur ein Stausee, aber Wasser ist Wasser, hätte Klaus gesagt. Ihr leichtes Gepäck war schnell verstaut. Das Tablet lag auf dem Tisch, überall freies Wi-Fi hatte es auf der Internet-Seite des Hotels geheißen. Den Code hatte man ihr gleich an der Rezeption ausgehändigt. Auf der Internet-Seite war vom Wanderweg Eifelsteig die Rede, der Wortteil „Steig“ missfiel ihr. Wenn sie allerdings aus dem Fenster sah, so war klar, dass ohne Steigen gar nichts gehen würde. Das musste man halt langsam angehen. Morgen. Vielleicht.
Beim Abendessen hörte sie dann rheinische Laute: die Düsseldorfer. Sie wurde sofort mit Hallo begrüßt, die Rezeption hatte sie eingeführt. Sie saß also beim Abendessen in einer munteren Runde. Die Weinlande an Mosel und Ahr waren nah und so bot die Weinkarte vieles. Die anderen Düsseldorfer waren auch nicht mehr die Jüngsten, man wurde bequemer und die Eifel war schnell zu erreichen. Das schaffte man spielend.
Von einer einsamen Wanderung riet man ihr ab, da konnte man stürzen und wurde so leicht nicht gefunden. Keine Möglichkeit Hilfe zu rufen.
„Das kann nicht nur auf Wanderwegen passieren, sondern überall.“
„Stimmt, kommt aber eher selten vor.“
„Von wegen, das ist einer Freundin meiner Schwester erst vor kurzem passiert. Wohnte in einer Seniorenresidenz, Komfort und Betreuung, aber nicht in der Nacht. Sie war auf der Treppe gestürzt, lag die ganze Nacht dort und ist an Unterkühlung gestorben.“
Ruth kribbelte es durch alle Adern: Frau Klunemeier.
„Das ist bedauerlich. Das wünscht sich niemand.“
Das waren die Floskeln, die gebraucht wurden, wenn irgendjemand Fremdes gestorben war. Mehr wollte niemand wissen. Ruth würde in den nächsten Tagen darauf zurückkommen, sie hatte Zeit.
Die nächsten Tage waren angefüllt mit kleinen Touren, die man unbedingt machen musste. Wolfsfütterung an der Kasselburg, Besichtigung der keltischen Festung Dietzenley, gratis Wasser trinken im kleinen Kurpark, dem Gerolsteiner Brunnen sei Dank. Das Buchenloch, eine steinzeitliche Höhle, oder die Papenkaule, ein Trockenmaar, alles gar nicht weit vom Hotel entfernt. Der Frühling war hier noch nicht so richtig angekommen, aber wandern macht warm.
Nun war Ostern. Im Hotel war alles den Feiertagen entsprechend dekoriert. Die Mahlzeiten hatten je einen Gang mehr und es gab ein Glas Wein gratis. Die Tischgespräche waren heiter, niemand sprach mehr von Unglücksfällen.
Frau Guntermann, die Dame, die von dem Unfall erzählt hatte, schlug Ruth einen Ausflug zum „Juddekirchhof“, einem gallorömischen Tempel, vor. Ruth machte gern mit. Das Areal lag oberhalb des Städtchens Gerolstein; die Grundrisse waren aufgemauert und so konnte man sich die verschiedenen Gebäude sehr gut vorstellen. Frau Guntermann wusste sogar, welchem Gott die Anlage geweiht war, es war eine keltische Göttin: Caiva. Stand vielleicht auf dem Schild, das aufgestellt war. Die Bezeichnung „Juddekirchhof“ konnte sie nicht erklären. Das war ein Fall für Google.
Als beide auf einem Mäuerchen sitzend ein bisschen Sonne tankten, brachte Ruth die Sprache auf das Unglück in der Seniorenanlage.
„Ich wohne seit einiger Zeit in einer solchen Wohnanlage, von der Sie kürzlich erzählt haben, im Haus am Kirchberg in Erkrath.“
„Das ist das Haus, von dem meine Schwester erzählt hat, dann müssen Sie den Fall doch kennen.“
„Ja, richtig, aber wer spricht schon gern von solch traurigen Dingen.“
„Stimmt, es ergab sich einfach so, eine andere Freundin meiner Schwester hat ihr davon erzählt.“
„Wie heißt denn die andere Freundin, vielleicht kenne ich sie? Wir sind zwar viele Bewohner, aber wer weiß.“
„Es ist Brigitte Overkamp. Sie kannte die Verstorbene, war aber wenig erfreut, sie dort zu treffen. Jugenderinnerungen, verstehen Sie?“
„Es sind einige Düsseldorfer dort, die sich aus der Jugendzeit kennen. Vielleicht haben sie einander das Haus empfohlen.“
„Diese beiden kannten sich besonders gut und meine Schwester sagte, als sie mir davon erzählte, dass es für Brigitte und ihren Mann schwer zu ertragen gewesen wäre, Heta, Heta Klunemeier, dort wiederzusehen. Brigitte war mit Bernhard Overkamp, dem Bruder ihres jetzigen Mannes verlobt, erwartete sogar ein Kind von ihm, und Heta hat es fertiggebracht, dass er sich von ihr trennte und ein Verhältnis mit ihr begann. Von der Schwangerschaft wusste er allerdings nichts.“
Frau Guntermann kannte die Geschichte von ihrer Schwester, sie selbst war damals noch ein Kind gewesen.
„Brigitte wurde in ein Internat bei Frankfurt geschickt, bekam dort das Kind. Es wurde in eine Pflegefamilie gegeben. Brigitte machte Abitur und studierte, kehrte erst Jahre später nach Düsseldorf zurück. Heiratete später den jüngeren Bruder von Bernhard und er adoptierte das Kind. So traurig es für diese Heta ist, für Brigitte und erst recht für ihren Mann ist es eine Erleichterung. Schließlich hat sich sein Bruder ihretwegen erhängt.“

Schon am Dienstag nach den Osterfeiertagen zog es Ruth zurück nach Hause. Zusammen mit vielen anderen, so dass sie fast zwei Stunden brauchte, bis sie ihren Smart abstellen und in ihre Wohnung gehen konnte. Erst mal eine Tasse Kaffee, dann schnell den Koffer ausgepackt und in den Keller damit. Sie rollte ihn den Flur entlang zum Gemeinschaftskeller Nummer zehn und öffnete die schwere Eisentür. Der gesamte Keller war in einzelne kleine unterteilt, benannt mit der Wohnungsnummer. Weil der Lichtknopf mit einer Gummihülle geschützt war, ging das Licht wie immer nur schwer an. Mit einem Krachen schloss sich die Tür hinter ihr.
Den Koffer rollte Ruth in eine Ecke ihres Kellerverschlags. Sie fing an, in den restlichen Umzugskartons nach einem Tablett zu suchen, das sie selbst früher mal bunt bemalt hatte.
Plötzlich Dunkelheit, sie hört, dass die schwere Eisentür zuschlägt. Das Licht kaputt, der Knopf rausgesprungen? Aber wer kam rein, wer ging raus? Zu hören ist nichts. Leichte Panik. Soll ich rufen?
Falls, nein, wenn Zurlinden im Raum ist? Was dann? Lacht da jemand? In ihren Ohren braust es. Verdammt. Was nun?
Ruth stand da, wie sagt man – versteinert. So fühlte sie sich, festgewachsen auf dem kalten Boden des Kellers. Es war niemand raus gegangen, den hätte sie sehen müssen, der Keller war klein. Also war Zurlinden rein gekommen und hatte das Licht ausgemacht.
Ich werde nicht rufen, der würde sich freuen, dass er mich verschreckt hat.
Die Taschenlampe! Liegt auf dem Regal, zwei Schritte nur. Bitte kein leerer Akku. Nein, kein leerer Akku, Licht, wenn auch nur ein kleines. Die schwere Eisentür klappt ein weiteres Mal zu.
Wieder saust der Schmerz ihren Rücken entlang, alle Nerven zittern. Verdammt, verdammt, verdammt.
Woher wusste der, dass sie zurück war? Na ja, für einen Nachbarn war das nicht zu überhören gewesen. Der hatte ihr also aufgelauert. Verdammt. Ruth ließ Tablett Tablett sein und verließ den Keller. Auch hinter ihr knallte die Kellertür zu, ein scheußliches Geräusch. Auf dem Flur war niemand zu sehen, was nichts heißen wollte, überall gab es Türen und Ecken, hinter denen man verschwinden konnte. Ruth bemühte sich, energisch aufzutreten, fast hätte sie gepfiffen, das Pfeifen im Wald, aber das hätte nur ihre Angst verraten.
Nicht mal in ihrer Wohnung fühlte sich Ruth in Sicherheit. Der Kerl wohnte gleich nebenan. Fang bloß nicht an, dir jetzt etwas auszumalen. Nette Spielchen zusammen mit Eveline, aber wenn man allein Wand an Wand mit einem echten Mörder saß …
Aber nicht nur die äußere Situation war unerfreulich. Wenn Ruth es recht bedachte, so war sie seit einiger Zeit ausgesprochen unehrlich geworden. Hier eine Halbwahrheit, dort eine Lüge, neugierige Fragen. Familiengeheimnisse erforschen oder Freizeitvergnügen ausspähen, die sie nichts angehen sollten. Auch ihre Telefonate mit Eveline sparten gewisse Themen aus. Spontan und offen redete sie mit niemandem mehr. Wie konnte sie da nur wieder heraus kommen?
Erst einmal raus auf den Balkon und tief Luft geholt. Langsam entspannte sich Ruth und kam sogar zu dem Ergebnis, dass da schließlich ebenso ein anderer Hausbewohner sich mit Lichtknopf und Tür geirrt haben konnte.
„Hallo, liebe Frau Bergmann, Ulrich Zurlinden hier. Ich habe mehrfach versucht, Sie zu erreichen, ich möchte wissen, ob Sie mit Ihren Nachforschungen weiter gekommen sind.“
„Weiter gekommen? Wie denn?“ Was meinte der eigentlich, von ihrem gewachsenen Verdacht Zurlinden hatte sie ihm vorsichtshalber gar nichts erzählt.
„Der Brief, der spricht doch Bände. Haben Sie die Eheleute Overkamp mal darauf angesprochen?“
Ach so, der Verdacht Overkamp. Dazu konnte sie ihm etwas Neues erzählen: „Ich war ein paar Tage in der Eifel. In Sachen Overkamp habe ich dort etwas erfahren: Der Bruder Bernhard hat sich erhängt!“
„Das ist doch ein Motiv“, sagte der Neffe mit einem Unterton von Befriedigung.
„Das wäre es vor fünfzig Jahren gewesen. Aber heute? Und diese netten Leute auf ihre unschöne Vergangenheit ansprechen, das kann ich nicht. Was soll man denn von mir denken?“ Stille.
„Aber meine Tante fühlte sich anscheinend bedroht in dieser Sache, darum wollte sie Gewissheit haben, was mit dem Kind passiert war.“ Bedroht, das hatte auch Wunderlich gesagt.
Ruth wäre ein anderer Täter als Zurlinden lieb gewesen, aber es war höchst unwahrscheinlich, dass Wilfried Overkamp Heta Klunemeier zur Rede gestellt und sie anschließend die Treppe hinuntergestoßen hätte. Sie wäre kaum so unklug gewesen, ihre Wohnung zu verlassen und mit einem Mann, der ihr nicht wohl wollte, ins Treppenhaus zu gehen.
„Dass es zu einer Unterredung gekommen sein könnte, das kann ich mir vorstellen, aber eine solche Attacke?“, fragte Ruth.
„Nichts Vorbedachtes, im Affekt, das wäre doch denkbar.“
„Da haben Sie Recht. Und wie wollen Sie vorgehen? Sie war Ihre Tante, zu Ihnen hat sie von ihrer Befürchtung gesprochen, aus dem Grund könnten Sie mit dem Ehepaar Overkamp reden.“ Punktum. Der Spieß war umgedreht.

Tage achtundzwanzig bis dreißig

Unsinn, dachte Ruth am nächsten Morgen gleich beim Aufwachen. Der Tod des Bruders, vielleicht ein Selbstmord, lag mehr als fünfzig Jahre zurück. Da wird man nicht mehr zum Rächer. Dass Klunemeier Angst vor Wilfried Overkamp hatte, war erklärlich, sie war ja tatsächlich Anlass für die schäbige Haltung seines Bruders gewesen. Und für die Folgen.
„Na, liebe Frau Bergmann, wieder auf der Jagd nach Sensationen?“ Herbert Zurlinden stellte sich breitbeinig vor Ruth auf, als sie zur Wohnungstür herauskam. Die kurzen Arme hatte er auf die Hüften gestemmt.
„Sie sollten sich schämen, in anderer Menschen Vergangenheit herumzuschnüffeln, da kann ich Herrn Wunderlich nur Recht geben.“
Soviel Aggressivität hätte sie dem rundlichen Zurlinden nie zugetraut.
„Was ist los, wovon sprechen Sie?“, fragte Ruth etwas zaghaft, sie wusste ganz genau, was er meinte.
„Mein Neffe hat mir erzählt, wie Sie die Vergangenheit so seriöser Leute wie Overkamps ans Licht zerren wollen.“
Angriff ist die beste Verteidigung, dachte Ruth:
„Was geht Sie das denn an? Ich will gar nichts ans Licht zerren.“
„Das geht mich allerdings etwas an, Overkamps sind alte Freunde von mir.“
Ruth versuchte, an Zurlinden vorbei zu kommen. Der hob drohend seine rechte Hand:
„Ich kann Ihnen nur raten, mit Ihrem Schnüffeln aufzuhören, sonst werden Sie bald ihr blaues Wunder erleben.“
„Sie drohen mir?“ Ruths Stimme war jetzt schrill geworden.
„Ja, allerdings, ich werde Sie im ganzen Haus in Verruf bringen, dann können Sie froh sein, wenn Sie nicht vor Gericht gezerrt werden. Ich warne Sie! Kehren Sie erstmal vor der eigenen Tür oder auf Ihrem eigenen Deck.“
„Jetzt werden Sie aber unverschämt, was soll das?“ Ruth begann selbst laut zu werden. Gleichzeitig tauchte aber ein Gedanke auf: Plasmolen, der Yachthafen. Irmi wusste es! Irmi hatte es Zurlinden erzählt!
Zurlinden hatte sein Pulver verschossen, er kehrte laut vor sich hin schimpfend in seine Wohnung zurück.
Ruth hatte versucht, „es“ zu vergessen. Was war passiert? Ihr Mann Klaus hatte mit der Nachbarin auf dem Boot zur Rechten geflirtet, angebändelt oder was auch immer. Wie weit das gegangen war? Darüber hatten sie nie gesprochen. Warum nicht?
Die Nachbarin, Ilse, war aus irgendeinem Grund von Bord ihrer Yacht gestürzt. Ruth hatte es mitbekommen und dann zugesehen, wie sie verzweifelt versuchte, wieder an Bord zu kommen. Das war unmöglich bei der glatten Bordwand. Sie schrie, sie brauchte Hilfe. Ruth hatte erst um Hilfe gerufen, als das kleine Boot ganz nah war, auf das Ilse sich dann retten konnte. Sie hatte Klaus gegenüber behauptet, sie sei starr vor Schreck gewesen, als er sie zur Rede stellte. Auf ihre Hilferufe hin war er nach oben gekommen und hatte die Situation erfasst. Hatte Klaus ihr das abgenommen? Unwahrscheinlich, sie war nicht der Typ, der vor Schreck erstarrte. Sie war eher die Macherin.
Am nächsten Morgen hatten sie abgelegt. Offensichtlich hatte die Nachbarschaft darüber geredet. Irmi Blumenthal hatte davon gehört, ihr war das Ereignis wahrscheinlich irgendwann eingefallen, als sie mit ihr über die Boote und den gemeinsamen Ankerplatz geredet hatte. Und nun wusste Zurlinden Bescheid.
Die wenigen Schritte bis zum Fahrstuhl schaffte Ruth in aufrechter Haltung, wenn auch mit wackligen Knien. Einmal in der Kabine, lehnte sie sich gegen die Wand und versuchte, durch ruhiges Atmen wieder zu sich zu kommen. Ein scharfer Schmerz schoss von Wirbel zu Wirbel, das passierte ihr, wenn sie sehr aufgeregt war. Ohne etwas zu sehen, starrte sie auf den Menüplan des Speisesaals, der im Aufzug aushing. Ihre Gedanken wirbelten nur so.
Wusste der Kerl von ihrem Verdacht? Hatte er sie deshalb bedroht? Sie hatte mit niemandem darüber gesprochen und erst recht nicht mit dem Neffen. Oder doch? Sie hatte erwähnt, dass es möglicherweise eine Erpressung gegeben hätte. Hatte Herbert Zurlinden Heta Klunemeier auf die gleiche Weise einschüchtern wollen, als er sie mit den Kenntnissen über Familiengeheimnisse erpresste?
Langsam und bedächtig ging’s zum Mittagessen in den Speisesaal. Der Rücken schmerzte stark. Ruth begrüßte hier und da eine Nachbarin oder einen Nachbarn, wechselte einige Worte und erntete ein nettes Lächeln.
Im Saal herrschte eine angeregte Unterhaltung, Gemurmel und Gesumme von vielen Stimmen. Mit Entsetzen stellte Ruth sich vor, dass dieses Murmeln eines Tages ihr gelten könnte, dass man an den Tischen die Köpfe darüber schütteln würde, wie indiskret sie sich in Angelegenheiten von Mitbewohnern gemischt hatte. Niemand würde sie mehr grüßen oder ihr zulächeln. Und wenn erst das Plasmolen-Geheimnis ausgeplaudert würde … Ein Paria würde sie sein. Schlimmer: Es könnte ihr ergehen wie der Dame, die von der Geschäftsführung gebeten worden war auszuziehen, weil sie den Hausfrieden gestört hatte.
Aber was das Schlimmste war: Früher wäre sie nicht so verzagt gewesen. Da hätte sie sich gestrafft und gedacht: Nicht mit mir!
Nachmittags brachte Ruth ihren Teilnehmern im Computer-Club ziemlich lustlos den Umgang mit Twitter bei. Sie selbst machte wenig Gebrauch davon. Inzwischen wimmelte es in allen Tweets nur so von Hashtags. Aber wenigstens konnte sie die Fachausdrücke erklären, ihr eigener Account ließ sich gut auf der Leinwand verfolgen. Sie hatte endlich gelernt, mit dem Beamer umzugehen.
Auf dem Weg zum Parkplatz kam sie wieder an der Basilika vorbei. Inzwischen war es auch am späten Nachmittag so warm, dass sie sich in den angrenzenden Garten setzen konnte, der das Relikt eines ehemaligen Kreuzgangs war. Es war so wunderbar ruhig hier.
Ruth erinnerte sich an ein Wochenende, an dem es hier gar nicht ruhig gewesen war. Man hatte einen Mittelaltermarkt aufgebaut, Handwerker und Künstler in mittelalterlicher Kleidung hatten die Besucher unterhalten. Sie hatte auch den Stand eines Küfers gesehen. Ihr Düsseldorfer Großvater war Küfer gewesen. Ein alter Beruf, über den selbst Google nicht viel zu berichten wusste.
Im schönen alten Kreuzgang hatten stilvoll gekleidete Stiftsfräulein gesessen und mit den Gästen geplaudert. Die heutige Basilika war die Kirche eines Stiftes für adlige Damen gewesen. Da gab es den Heimatroman „Das Stiftsfräulein von Gerresheim“: ein Stiftsfräulein, ein Junker vom nahen Gut und ein unterirdischer Gang. Das war nicht gut ausgegangen.
Lebhaft war es später in der Cafeteria am Kirchberg. Frau Bauer nahm Ruths Bestellung auf und erkundigte sich mitfühlend nach ihrem lädierten Knöchel.
„Danke der Nachfrage, langsam schwillt er ab, tagsüber kann ich schon wieder einen normalen Schuh tragen, aber abends …“, sie wies auf den klobigen Geisha-Schuh.
Wie schon früher wisperte Frau Bauer:
„Sehen Sie sich mal Herrn Zurlinden an, heute ist er hier der Hahn im Korb. So einen Auftritt hat er lange nicht mehr gehabt. Soll geerbt haben.“
„Ja, habe ich auch gehört, so was wünscht sich jeder.“
„Für den ist die Frau Klunemeier zur richtigen Zeit gestorben, ob der was von dem Testament wusste?“ Frau Bauer entschwand, ohne eine Antwort auf die rhetorische Frage zu erwarten. Ruth fragte sich, ob dem Personal im Haus am Kirchberg irgendetwas verborgen blieb.
Herbert Zurlinden hob drüben sein Weinglas und rief provozierend zu Ruth herüber:
“Einen schönen Abend, liebe Frau Nachbarin.“ Es sah aus, als wollte er ihr zeigen: Hier sitze ich im Kreis netter Leute und dort sitzt du ganz allein. Ich warne dich!
In Ruth stieg der Gedanke auf: Na warte, Bürschchen, ich werde dafür sorgen, dass die Polizei dich festsetzt. Sie hatte sich in den Gedanken verbissen, dass Zurlinden ein Mörder wäre.

Auf der Fahrt zur Reha-Klinik überlegte Ruth, wie viel sie Eveline von den Ereignissen der letzten Wochen erzählen könnte. Sicher konnte sie ihr im Zustand der Rekonvaleszenz keine große Aufregung zumuten. Aber ein paar Häppchen Neuigkeiten würden ihr gut tun.
Sie schlängelte sich über mehrere Autobahnstücke zu ihrem Ziel: Nur eine Ausfahrt weit über die A 46, zwei Ausfahrten über die 3 und dann länger auf der 44. Ruth fuhr vorbei an mehreren Zu- und Abfahrten im Bereich des Flughafens. Hier musste sie aufpassen, dass sie nicht irrtümlich sonst wohin geriet.
Die verhältnismäßig neue Flughafenbrücke führte sie nach Westen über den Rhein. Vor dem Autobahnkreuz Meerbusch mit seinem Abzweig nach Köln oder Krefeld lag ihre Abfahrt, jetzt hieß es noch besser aufpassen.
Aber dann musste sie ihr Navi doch nicht einschalten, denn sie konnte sich gar nicht verfahren: Auf der Landstraße wies ein großes Schild vor einer Kreuzung auf die Reha-Klinik hin, die ihr Ziel war. Ihr Weg schlängelte sich zwischen grünen Wiesen zu einem großen Parkplatz. Alles so flach hier.
„Liebe, liebe Eveline, ich bin so froh, dass ich dich endlich besuchen darf.“ Da liefen die Tränen.
„Willkommen bei deiner „alten“ Freundin, liebe Ruth. Sieh mich an, ich bin alt geworden.“
Trotz der Tränen dachte Ruth, dass Eveline nicht alt geworden war, sondern schon eine ganze Weile alt gewesen war. Genau wie sie selbst.
„Ich bin hier in der Abteilung für die Alten. Und alles so einfach hier.“ Das schien für Eveline eine schmerzliche Sache zu sein. Tatsächlich entsprach das Ambiente nicht entfernt ihrer gepflegten Wohnung, „zweckmäßig“ war das richtige Wort.
„Aber die Sonne scheint, es ist jetzt wirklich Frühling und dir geht es besser“, sagte Ruth und bemühte sich, optimistisch zu klingen. Nur jetzt nicht der traurigen Stimmung nachgeben. Eveline war wie immer gut gekleidet, dunkelblauer Hausanzug. Aber dass es ihr nicht gut ging, das sah man ihr leider an.
„Lass uns nach unten gehen und uns eine Tasse Kaffee gönnen.“
„Na klar, es sieht unten doch sehr hübsch aus.“ Ruth war bereits an der Cafeteria vorbei gekommen und hatte sich über die muntere Stimmung in einem Haus voller kranker Menschen gewundert.
„Hier ist übrigens eine kleine Packung Pralinen für dich als Betthupferl.“
So nannte man das unter älteren Damen. Der sonst so leichte Ton wollte aber nicht aufkommen. Klar, Eveline war auf der Hut, so schien es Ruth, ein ganz wichtiges Thema galt es zu vermeiden. Dazu war sie natürlich bereit.
Sie fuhren ins Parterre und folgten dem Stimmengewirr zur Cafeteria. Zwei Mal Milchkaffee und zwei Mal Wasser.
„Ich hab dir allerhand zu erzählen, es ist viel passiert in Sachen Mord,“ sagte Ruth.
„Du sprichst jetzt tatsächlich von Mord?“
„Es gibt so etwas wie Beweise, ein Foto von einem großen Hämatom, also Fingerspuren, das der Neffe gemacht hat. Dann zwei Fotos von einem langen Kratzer an der Wand der Treppe. Die Fotos kennst du, ich hatte sie dir geschickt. Der Schrammen könnte durch einen Ring entstanden sein, wenn der Körper von Frau Klunemeier mit Gewalt hinunter gestoßen wurde und ihr rechter Arm dort entlang schleifte.“
„Aber dann musst du zur Polizei gehen, Ruth. Der Mörder muss verhaftet werden.“
„Ein Motiv hätte mein Nachbar Zurlinden, er hat von Frau Klunemeier einiges geerbt. Aber ob er das Testament gekannt hat?“ Ruth zuckte mit den Schultern. „Motive haben auch andere,“ fügte sie an.
„Ist noch komplizierter geworden, oder? Was ist mit dem Neffen?“
„Der Neffe und Wunderlich sind für mich raus. Und Schwester Gabi, die wir verdächtigt hatten, dass sie zur tödlichen Spritze gegriffen hätte, hatte gar keine Möglichkeit, Frau Klunemeier etwas anzutun.“
Ruth zögerte, ob sie weiter reden sollte.
„Zurlinden, den ich schon länger verdächtige, hat mir gestern gedroht, ‚ich warne Sie‘ hat er gesagt, na, eigentlich geschrien.“
Das hatte sie gar nicht erzählen wollen, um Eveline zu schonen.
„Aber dann musst du erst recht zur Polizei gehen. Frag nicht weiter herum.“ Sie griff nach Ruths Hand und drückte sie fest: „Ich hab Angst um dich.“
Nun saßen da zwei stumme, verschreckte Hühnchen, die sonst so munter gegackert hatten, dachte Ruth.
„Wenn er mich noch einmal so einschüchtern will, dann werde ich ihm tatsächlich damit drohen, dass ich die Polizei einschalten will.“
Zurlinden war der Täter, egal mit welchem Motiv!
„Besser ist es, du gehst ihm aus dem Weg. Wieso weiß er denn überhaupt, dass du ihn verdächtigst?“
„Wissen tut er nur, dass ich von dem Verdacht des Neffen und von dem Hämatom weiß. Vielleicht vermutet er auch, dass ich von der Erbschaft weiß. Dann natürlich, dass ich, wie Wunderlich sagte, herumgeschnüffelt habe.“
„Aber er spielte bei deinen Nachforschungen doch gar keine Rolle.“
„Aber weiß er das? Er hat ein schlechtes Gewissen und fürchtet eben, dass ich etwas Wichtiges herausfinden könnte. Mein erster Verdacht fußte auf dem Gerücht, dass ein Verwandter Heta Klunemeier erpresst hätte und dass ein Verwandter sie am Abend vor ihrem Tod hätte besuchen wollen. Nur, wie macht man daraus ein Mordmotiv? “
Wieder mal wurde Ruth klar, dass sie sich in einen Gedanken verbissen hatte, für den es gar keine Grundlage gab.
„Fahr ein paar Tage weg, vielleicht beruhigt er sich inzwischen. Oder du vergisst die ganze Sache.“
„Keine schlechte Idee, aber vorher müsste ich nochmal mit dem netten Herrn Bromberg sprechen, der kennt Zurlinden seit seiner Kindheit und weiß was von der Erpressung.“
„Wer ist der nette Herr Bromberg??? Tut sich da was???“
Das alte Feuer kam in Evelines Augen zurück:
„Komm, wir gehen in mein Zimmer hoch, da kannst du mir in aller Ruhe von dem netten Herrn Bromberg erzählen. Den Mörder fangen wir später.“

Tag siebenundzwanzig von einundfünfzig

„Ich bin sehr froh, lieber Herr Bromberg, dass Sie mich zu dieser Fahrt aufgefordert haben, ich hätte bei diesem schönen Sonntagswetter zu Hause gesessen und mich und meinen Knöchel bedauert.“
Ruth ließ sich auf einem Gartenstuhl auf der Terrasse von Gut Höhne nieder und betrachtete die Umgebung. Sie liebte die Hügel in der Nähe ihres neuen Wohnorts sehr, die Augen glitten hinunter und hinauf und blieben meist an den weißen Wolken im hellen Blau des Himmels hängen. Sie dachte oft, egal, was passiert, blauen Himmel und weiße Wolken wird es immer geben.
„Es tut mir leid, dass Sie gestürzt sind, aber, wie sagen wir immer: es hätte schlimmer kommen können. Ein zweifelhafter Trost, oder?“
„Hatten Sie selbst auch mal das Pech?“
„Mal? Öfter mal. Aber es ist immer wieder verheilt und vergessen, reden wir lieber von erfreulicheren Dingen.“ Die Lachfalten um seine braunen Augen vertieften sich.
Ruth kannte das Restaurant, auch ein Haus mit der Vorsilbe Gut, seit langen Jahren. Aus einem alten Bauernhaus und einer Scheune war ein prächtiges Gut geschaffen worden. Es lag im Einzugsbereich von Düsseldorf, an der A 7 Richtung Mettmann.
„Wussten Sie, dass der Kreis Mettmann sich einen neuen Namen zugelegt hat?“, fragte sie Bromberg.
„Ja natürlich, es ist jetzt das Neanderland.“
„Hört sich gut an und man wirbt nicht nur mit der Fundstelle des Neandertalers, auch den Pastor Neander vergessen sie nicht, nach dem das ganze Tal benannt wurde. Und nicht zuletzt wirbt man mit der schönen Landschaft.““
„Wie wir sie hier ringsum sehen.“ Heute gab es Kaffee und Kuchen und Ruth versuchte, das Gespräch wieder auf die Jugendjahre zu bringen, die bei Bromberg untrennbar mit Heta Klunemeier und Brigitte Overkamp verbunden waren. Er hatte sie am Morgen zu einem Spaziergang einladen wollen, was aber wegen des geschwollenen Knöchels unmöglich war. So waren sie eben hierher gefahren.
„Waren Sie oft hier?“ fragte Ruth also als Eröffnung.
„Ja natürlich“, kam die Antwort, „meine Frau und ich haben hier manchen Geburtstag gefeiert. Dazu kamen sogar unsere Söhne aus Süddeutschland hierher ins Rheinland zurück.“
„Ist Ihre Frau schon lange tot?“.
„Sie ist vor fünf Jahren gestorben, und ich bin daraufhin ins Haus am Kirchberg gezogen; alleine zu leben, das war mir zu riskant, auch wegen der Unfälle.“ Dabei wies er auf den dicken Schuh, in dem der geschwollene Knöchel von Ruth steckte.
Um das Thema Unfälle ging es Ruth aber gar nicht, das brachte sie nicht weiter. Bromberg dagegen wollte beim ganz Persönlichen bleiben:
„Leben Sie schon lange allein?“
Ruth seufzte: „ Mein Mann war zwanzig Jahre älter als ich und ist lange tot. Ich war natürlich noch berufstätig und die täglichen Aufgaben halfen über den Kummer hinweg. Kinder hatten wir keine, mein Mann war über vierzig Jahre alt, als wir heirateten. Ich glaube, er wäre mit Kindern, erst recht den ganz kleinen, nicht gut zurechtgekommen.“
Klaus hatte sich lieber eigenen Interessen gewidmet. Und sie selbst war auch kein mütterlicher Typ, hatte sie immer gedacht und die Kinderlosigkeit nicht sonderlich bedauert. Bromberg betrachtete sie mitfühlend. Er schien das nicht ganz verstehen zu können: keine Kinder zu mögen. Stumm blickten beide in die Landschaft.
„Zuletzt war ich übrigens mit der Familie Overkamp hier“, begann Bromberg mit einem neuen Thema.
„Sehr nette Leute, die beiden“, griff Ruth das Thema auf „er scheint mir ein paar Jahre jünger zu sein als sie.“
„Ja, das stimmt, Brigitte war zunächst mit seinem älteren Bruder Bernhard zusammen. Bernhard ist leider früh gestorben, ihr gemeinsames Kind, den Peter, hat Wilfried nach der Heirat mit Brigitte adoptiert.“
Es entstand eine kleine Pause, dann fuhr Bromberg fort:
„In der Sache hat Heta Klunemeier eine sehr betrübliche Rolle gespielt“, er zögerte, redete dann weiter: „Sie hat versucht, Brigitte und Bernhard auseinander zu bringen und Bernhard war dumm genug …“ Wieder eine Pause.
Ruth schwieg, was hätte sie dazu sagen sollen. Sie hatte Recht gehabt, bei der Familie Overkamp gab es ein Geheimnis. Diesmal legte sie ihre Hand auf die des netten Herrn Bromberg, der betreten schwieg. Ihm war wohl klar geworden, dass er das nicht hätte erzählen sollen.
„Machen Sie sich keine Gedanken, ich werde das für mich behalten. Es ändert nichts daran, dass die Familie, so wie sie heute lebt, eine glückliche Familie ist. So scheint es mir jedenfalls.“
Ob sie jetzt einmal die Nazivergangenheit ansprechen könnte? Sie versuchte es: „Über den Vater von Frau Klunemeier hört man ja Gerüchte über seine Aktivitäten in den dreißiger Jahren. Es heißt, dass er seine Firma von einem jüdischen Inhaber übernommen habe.“ Ruth drückte sich vorsichtig aus.
„Ja, das ist richtig, 1936 hatte Kurt Zurlinden eine Erbschaft gemacht und konnte die Werkstatt kaufen. Damals waren es schwierige Zeiten. Für alle. Herr Josephson, der Verkäufer, wollte mit seiner Familie nach Amerika und brauchte das Geld für einen Neuanfang. Arisierung wurde das amtlich genannt.“
„Brachte diese Aktion denn nach 1945 keine Schwierigkeiten?“
„Nein. Im Rahmen der Wiedergutmachungsverfahren haben Zurlinden und der zurückgekehrte Herr Josephson einen Vergleich geschlossen, der für beide Teile gerecht war. Das lief damals über einen Treuhänder der Besatzungsmächte. Durch Zurlindens Aufbau war die Firma nach 1945 sehr viel mehr wert und so fiel die Entschädigung für den Alteigentümer großzügig aus. Das hat mir alles mein Vater erzählt und Heta legte immer großen Wert darauf, zu betonen ,wie sauber ihr Vater alles abgewickelt hatte.“
Diese Zeiten hatten weder Ruth noch Bromberg bewusst erlebt. Gott sei Dank.
Es wurde langsam kühl auf der Terrasse und Ruth schlug vor, nach Hause zu fahren. Der Weg zurück führte durch das Neandertal, vorbei am Neanderthal-Museum, einem modernen Bau aus den Neunzigerjahren, inzwischen weltbekannt. Dann ging es in scharfen Serpentinen den Hügelzug hinauf und auf der anderen Seite wieder abwärts. Auch von dieser Straße aus genoss man den weiten Blick ins Land.
Bromberg, ganz Kavalier, brachte Ruth zu ihrer Wohnung. Er schien immer noch beschämt zu sein, dass er aus der Familiengeschichte seiner Freunde geplaudert hatte. Ruth glaubte nun zu wissen, was es mit der Adoption auf sich hatte. Und die Nazivergangenheit hatte sie auch geklärt.

„Guten Tag, liebe Frau Bergmann, Ulrich Zurlinden hier. Ich will mich mal wieder bei Ihnen melden.“
„Nett von Ihnen, Herr Zurlinden, gibt es denn etwas Neues?“
Ruth war gespannt, ob er ihr etwas von der Erbschaft Zurlindens erzählen würde. Sie war sich sicher, dass diese Erbschaft aus der Quelle Klunemeier stammte.
„Ja, tatsächlich. Wir hatten neulich darüber gesprochen, ob Herr Zurlinden, Ihr Wohnungsnachbar, mit meiner Tante Heta verwandt ist oder besser war. Es ist so. Sie hat ihn sogar in ihrem Testament mit einem großzügigen Vermächtnis bedacht.“
„Das ist sicher erfreulich für ihn, es gab das Gerücht, er müsse aus seiner Wohnung ausziehen, weil er sie nicht mehr bezahlen könne.“
„Wirklich? Nun, die Sorge ist er jetzt los. Ich habe mich gestern kurz mit ihm unterhalten, wir sind zwar nur sehr entfernt verwandt, aber im selben Testament bedacht. Er hat mich übrigens nach dem Hämatom befragt, er wusste ja von Ihnen davon. Ich habe ihm gesagt, dass ich es sogar fotografiert habe.“
Das war auch für Ruth neu.
Es gab also so etwas wie einen Beweis, ein Foto. Sie musste jetzt dringend auf ihren eigenen Fotos von der Treppe nachsehen, ob man darauf vielleicht den Kratzer an der Wand erkennen könnte. Vorher musste sie aber wissen:
„Wie hat Herr Zurlinden denn auf diesen Hinweis reagiert?“
„Er wirkte betreten und stimmte mir zu, dass es vielleicht kein Unfall gewesen wäre.“
Tatsächlich: Die Schramme, die sie gesehen hatte, war auf den Fotos festgehalten, die sie für Eveline gemacht hatte. Ein weiteres Indiz dafür, dass es kein Unfall gewesen war? Wieso hatte sie das vergessen? Ob sie sich jetzt doch bei der Polizei melden sollte? Vorher musste sie fairerweise mit dem Neffen sprechen.
Mit dem Neffen hätte sie noch am selben Abend sprechen können. Er rief an und hatte etwas Neues zum Fall Overkamp, wie er das nannte. Er hatte einen Brief von Bernhard Overkamp an Tante Heta gefunden, der vielleicht etwas mit der gedachten Adoption oder einer Abtreibung zu tun hatte. Dass sie selbst inzwischen Näheres wusste, verriet sie ihm nicht, er hätte sicher wieder über den netten Herrn Bromberg gelästert.
„Lesen Sie ihn vor“, sagte Ruth und war natürlich gespannt auf dieses neue Puzzleteil.
„Nein, das möchte ich nicht. Ich schicke Ihnen den Text zu. Geben Sie mir ihre E-Mail-Adresse und Sie bekommen ihn noch heute Abend.“
Das klang geheimnisvoll und Ruth öffnete ihren Laptop, um die eingehende E-Mail nicht zu verpassen. Im Anhang der gescannte Brief.
Liebe Heta,
ich kann es mir nicht verzeihen, dass ich ein schwangeres Mädchen deinetwegen verlassen habe. Man verweigert mir die Auskunft, was mit dem Kind, meinem Kind, geworden ist. Du hast nun ein anderes Glück gefunden. Ich kann mir meine Tat nicht verzeihen.
Bernhard
Es gab kein Datum zu diesem Text, aber es gab die Todesanzeige. Ein Abschiedsbrief? Hier waren Verdachtsmomente gegen Brigitte und Wilfried Overkamp, der anscheinend durch die Schuld von Heta Klunemeier seinen Bruder verloren hatte. Der Verdacht Overkamp hatte soeben mit dem Verdacht Zurlinden gleich gezogen. Oder?

Tag sechsundzwanzig

Samstagabend, neunzehn Uhr fünf, in der Halle. Wunderlich saß in einem der Sessel und blickte Ruth entgegen. In der Hand eine Rose.
Das ging gar nicht. Eine Rose bei einer Essensverabredung unter Nachbarn, älteren Nachbarn, nein, alten Nachbarn. Einfach lächerlich.
Schon wieder ein Anfall von Zickigkeit. Ruth besann sich aber und vermutete, dass das vielleicht der Stil des Hauses am Kirchberg war. Aber noch etwas: ein rosa Hemd. Und Stiefeletten. Sie lächelte trotzdem.
„Dann kann’s ja losgehen.“
„Ja, liebe Frau Bergmann, ich bestelle eben das Taxi.“
Das kam ziemlich bald, ein „Taxi mit Herz“, rauchfrei. Die Fahrt den Berg hinauf war kurz und so hielt man bald Einzug in das gut besuchte Restaurant. Wunderlich wurde herzlich willkommen geheißen von einer ganzen Riege von Kellnerinnen, Kellnern und Köchen.
Es war ein Zweipersonen-Tisch an einem der großen Fenster mit Blick auf die Terrasse reserviert. Der Tisch war originell dekoriert, ergänzt durch die rote Rose, die ebenfalls einen Platz gefunden hatte.
Genüsslich verlas Wunderlich die Speisekarte, sogar Schwieriges ging ihm leicht von den Lippen, er war eben ein geübter Feinschmecker. Ruth überließ ihm die Wahl des Weins, das sah besser aus vor dem Personal und außerdem musste er nicht wissen, dass sie Wein-Laie oder vielmehr -Laiin war. Wörter gab‘s. Vorab ein Glas Sekt, daran war sie gewöhnt. Ebenso Wunderlich. Er vergaß natürlich nicht zu erwähnen, dass er in anderen Lokalen mit einem Glas Champagner begrüßt werde.
Sie bestellten als Vorspeise gegrillten Ziegenkäse auf Salaten aus Wildkräutern für beide, dann für sie Kalbsrücken auf Blattspinat mit Salbeignocchi, für ihn Lammrücken mit Kräuterkruste dazu Polentacreme und Bohnengemüse.
Wunderlich suchte den Wein aus, der Sekt kam und der Abend konnte beginnen. Ruth war gespannt, wie Wunderlich ihn eröffnen würde.
„Haben Sie denn inzwischen Ihren Mörder gefunden?“
Das war direkt. Ruth wusste nicht, was sie antworten sollte. Am besten ausweichend wie bei Zurlinden, der kürzlich dieselbe Frage gestellt hatte.
„Ich habe gar keinen Mörder gesucht, lieber Herr Wunderlich. Der Neffe von Frau Klunemeier hatte die Idee, dass da kein Unfall vorläge und hatte mir davon berichtet.“
„Ein bisschen ehrlicher könnten Sie schon sein, liebe Frau Bergmann. Der Neffe Zurlinden hat mir bei unserem Gespräch neulich gesagt, dass auch Sie einen Verdacht hätten.“
„Gut, ganz ehrlich: Ich hatte einen Verdacht gegen Sie. Schließlich hatten Sie gesagt, Sie seien mit Frau Klunemeier am Abend vor ihrem Tod verabredet gewesen. Dass daraus nichts geworden ist, das konnte ich nicht wissen. Hätten Sie die Wahrheit gesagt, wenn Sie der Mörder gewesen wären?“
„Eher nicht“, gab Wunderlich zu und strich sich über seinen kurzgeschorenen Kopf „aber ich habe wirklich geglaubt, Sie hätten weiter „ermittelt“ und könnten mir etwas Neues zum Tod von Heta Klunemeier sagen.“
Etwas weniger ehrlich: “Nein, ich kann Ihnen gar nichts sagen. Haben Sie denn vielleicht einen Verdacht, wer ihr hätte schaden wollen? Sie hatten doch gesagt, dass Frau Klunemeier am Abend einen Verwandtenbesuch erwarten würde.“
„Ja, das stimmt, allerdings hat sie nichts Konkretes dazu gesagt, einen Verdacht kann ich daraus nicht ableiten. Aber ich weiß, dass Heta Angst vor Herrn Overkamp hatte. Sie haben das Ehepaar kennengelernt bei unserem kleinen Frühlingsfest. Warum sie Angst vor ihm hatte, keine Ahnung. Und ein Verwandter ist er ja auch nicht.“
„Ich denke, sie kannten sich alle aus Düsseldorf, aus ihrer Jugendzeit.“
„Alle? Und woher wissen Sie das? Haben Sie also doch weiter nachgeforscht?“
Erwischt, Wunderlich war kein Dummer. „Ich denke, Herr Bromberg hat mir davon erzählt – oder der Neffe. Sie wissen ja, das Gedächtnis …“ Blöde Ausrede.
„Der Gedanke, dass es jemand vom Personal gewesen sein könnte, ist Ihnen nicht gekommen?“
„Doch, Schwester Gabi war bei mir in Verdacht geraten, weil Frau Klunemeier gesagt hatte, sie hätte Diebstähle begangen.“
„Da hätte es noch ganz andere Personen gegeben, die sie hätte verdächtigen können, aber sie hatte eben ihre Lieblinge und andere.“
Ein Name kämpfte sich bei Ruth an die Oberfläche ihrer Gedanken, gleichzeitig das Bild eines flotten jungen Mannes: Harry. Wollte Wunderlich darauf hinaus? War er etwa eifersüchtig gewesen auf den Typ, der anscheinend viele „Kontakte“ hatte.
„Und was heißt das konkret?“
„Ach, lassen wir die Sache ruhen. In Frieden.“
Wunderlich blickte in unsichtbare Fernen und Ruth überlegte, wie sie ein weiteres Geheimnis in der Nähe klären könnte.
Brot, Trüffelbutter und ein Schälchen mit grünen und schwarzen Oliven, später der Gruß aus der Küche im Gläschen waren aufgetischt. Die Gänge kamen und die leeren Teller gingen, dem Wein wurde Ehre angetan. Er war gut.
Ruth gab gern zu, dass ihr das Essen in diesem Restaurant schmeckte, vor allem die Soßen – oder musste man bei Wunderlich „Saucen“ denken? Zum Wein, einem Riesling aus dem Rheingau wusste Wunderlich eine interessante Geschichte zu erzählen:
Er war auf Zypern gewesen und man hat ihm dort ‚Hock‘ angeboten. Ein Rieslingwein, den die Engländer eingeführt hätten. Engländer, Wein? Die Geschichte war länger, die Quintessenz: Hock leitete sich von Hochheim ab, Hochheim im Rheingau. Für den Wein aus dem Rheingau hatten englische Weintrinker bis hinauf in royale Höhen schon lange ein Faible. Amüsant, dieser Wunderlich. Aber ob es stimmte?
Konkret war seine Weisheit, dass man zum Wein Mineralwasser nur naturell und auf keinen Fall gekühlt trinken sollte.
Das Dessert hatte dasselbe Niveau wie die anderen Gänge. Es gab eine Crema Catalana, die große Ähnlichkeit mit Crème Brulée hatte und auch so schmeckte.
Auch Wunderlich versuchte, nach Ruths Hand zu greifen, machte das natürlich viel eleganter als der nette Herr Bromberg. Er war in Übung. Ruth lächelte ein wenig mokant und brachte ihre Hand in Sicherheit. Ein bisschen Konversation könnte jetzt ablenken.
„Ich habe gerade gestern eine Gesamtausgabe von Zola für neunundneunzig Cent bei Amazon heruntergeladen. Ist der Preis nicht verblüffend?“
„Welches Lesegerät benutzen Sie?“
„Nur eine App auf meinem Tablet.“
„Ich bin kein Zola-Fan, aber einige Bände aus der Familiengeschichte der Rougon-Macquart habe ich auch gelesen. Eine riesige Familiensaga.“
„Ja, was alles in einer Familie passieren kann, das ist schon interessant.“
Wunderlich war übrigens Besitzer eines Kindle, sieh an. Den wollte sie sich schon länger leisten. Ihre weitere Unterhaltung verlief harmonisch, Ruth wollte sich einen weiteren Besuch mit Begleitung in einem Feinschmeckerrestaurant offenhalten.
Der Versuchung, zu fragen, ob Wunderlich auch mit Frau Klunemeier hier gewesen war, widerstand Ruth. Schließlich war sie nicht die Neue, die nach der Verflossenen fragte. Ebenso wenig dachte sie an die vermuteten Abenteuer ihres Tischgenossen.
Es war ein langer, sehr unterhaltsamer Abend. Aber hatte es sie auf der Jagd nach Informationen weiter gebracht? Harry war in Gedanken aufgetaucht, ansonsten wenig, bis auf die Bemerkung, dass Frau Klunemeier Angst vor Overkamp gehabt hatte.

Tag zweiundzwanzig und dreiundzwanzig

So war also der ganze Dienstag verloren, was die Detektivarbeit betraf. Spaß machten nur die Stunden in ihrem Computer-Club. Leider war sie beim Anblick des Kuchens heute schwach geworden.
In Gedanken versunken schlenderte sie vom Parkplatz zum Hauseingang. Einmal nicht aufgepasst, gestolpert und da lag sie in den Rosensträuchern. Aufrichten konnte sie sich, aber ihr linker Knöchel, der ohnehin sehr wehleidig war, schmerzte heftig. Was nun? Um Hilfe rufen? Wie peinlich.
„Kann ich Ihnen helfen, Frau Bergmann?“
Hans-Jürgen Wunderlich stand hinter ihr, auch er war auf dem Weg ins Haus.
„Sie schickt der Himmel, mein Knöchel …“
„So was kenn‘ ich, versuchen Sie, sich auf mich zu stützen, dann können wir ihn überlisten.“
„Ich muss es versuchen.“
„Am besten, wir gehen in die Pflegeabteilung, da kann man irgendwas für Sie tun, mindestens hat man Hilfe in Form von Gehstock oder Rollator.“
Ruth nahm sich zusammen und tatsächlich schafften sie es bis zur Pflegeabteilung. So lernte sie also nach dem Büro auch den Behandlungsraum kennen. War aber nichts Aufregendes: die übliche Liege oder Bahre, wie sie es bei sich nannte und ein paar Schränke und Schränkchen. Blank gewichster Boden und keine Expressionisten an den Wänden.
„Das kriegen wir hin“, meinte Schwester Jana tröstend, „haben Sie ein schmerzlinderndes Gel oder eine Salbe in der Wohnung? Ein paar Tage und es ist alles vergessen. Erst einmal wird der Knöchel allerdings anschwellen.“
„Ach, da kann ich meinen Geisha-Schuh mal wieder anziehen.“ Ruth lachte schon wieder.
Der Schuh mit dem fernöstlichen Namen war ein klobiges Ding, in das angeschwollene Füße passten. Erfreulicherweise für rechte und linke Füße zu nutzen.
„Schön, dass Sie so etwas haben, das ist hilfreich. Vielleicht kann Ihnen Harry mit einer Fußmassage helfen.“
„Frau Klunemeier hat mir mal erzählt, dass er wahre Wunder wirken kann“, sagte Ruth.
Schwester Jana grinste. „Das habe ich schon öfter gehört, dass er sehr beliebt ist, der schöne Harry, er lebt ja auch davon.“
Aus dem Hintergrund erscholl die Stimme von Wunderlich:
„Und nicht schlecht. Seine Hausbesuche sollen es in sich haben.“
Ruth war etwas verwirrt, da gab es etwas, von dem sie keine Ahnung hatte. Der schöne Harry, oder vielmehr Herr Bogener, Physiotherapeut und nebenher ein sehr sympathischer, gut aussehender junger Mann, na ja, vielleicht fünfunddreißig. Sein weißer Kittel war sehr viel flotter geschnitten als die der Pfleger im Haus.
„Er soll auch in Testamenten bedacht worden sein“, setzte Schwester Jana eins drauf. Wunderlich gab einen leicht hysterischen Lacher von sich, was Ruth erstaunte. Hatte Harry Frau Klunemeier etwa näher gekannt? Aber was ging das sie an.
„Tut mir leid, Schwester Jana, dass ich Sie in Anspruch genommen habe. Aber Herr Wunderlich meinte, ich sollte mich behandeln lassen und hat mich darum hergebracht.“
„Das hat er bestimmt gern getan, er besucht uns gern mal hier unten.“ Jana lächelte.
„Ja, das habe ich schon von Schwester Gabi gehört.“
„Gabi, tja, die gibt’s hier nicht mehr. Ihr und Ulla ist gekündigt worden. Unregelmäßigkeiten, hieß es.“ Schwester Jana schaute vor sich hin.
„Ach.“
Ruth rotierte, oder vielmehr die Gedanken in ihrem Gehirn. Kündigung, da musste etwas Gravierendes vorgefallen sein.
„Die Geschäftsführung hat ihnen eine neue Stellung verschafft. Man wollte alles Aufsehen vermeiden.“
Ja, das wollte man wohl. Das Glas Wasser, das Jana ihr gegeben hatte, rutschte Ruth durch die zitternden Finger. Gabi war die Täterin! Die Geschäftsführung hatte die gleiche Vermutung gehabt wie sie selbst. Eine Mörderin in der Krankenabteilung! Die Sensation für die Presse! Das Ansehen des Hauses am Kirchberg – alles vorbei. Das musste vertuscht werden. Also schnell weg mit den beiden Schwestern.
„Aber Frau Bergmann, keine Aufregung. Es ist doch alles halb so schlimm.“
Halb so schlimm? Der GAU.
„Ein verstauchter Knöchel. Das gibt sich doch wieder. Ein paar Tage mit Gehstock und alles ist wieder gut.“
Alles wieder gut? Jetzt erst einmal tief Luft holen und beruhigen. Darüber musste Ruth in Ruhe nachdenken.
„Und wie kam es zu der Kündigung? Etwa wegen der Diebstähle?“, fragte sie, um etwas Näheres heraus zu bekommen.
„Ja, tatsächlich, Frau Klunemeier hatte die Geschäftsführung informiert, dass sie Gabi bei einem Diebstahl beobachtet hätte“, sagte Jana.
„Frau Klunemeier hatte Gabi sogar bei der Polizei anzeigen wollen, hieß es“, fragte Ruth weiter.
„Ja, stimmt, sie hatte sogar schon einen Termin abgesprochen. Einen Tag vor ihrem Tod hat sie das überall laut verkündet.“
Wunderlich war der Unterhaltung schweigend gefolgt und hatte sich irgendwann entfernt. Mit dem geliehenen Gehstock ausgestattet begab sich Ruth hinauf in ihre Wohnung. Im Massageraum war noch Licht, ein leises Kichern war zu hören. Harry bei der Arbeit?

Mittwoch. Ruth war mit Henk zum Mittagessen verabredet. Das hielt sie eigentlich für nicht so schlau, denn die Wörter Mord, Mörder und so weiter würden den Leuten an den Nachbartischen sicher nicht „schmecken“. Inzwischen lachte Ruth über ihre eigenen Witzchen.
Sie hatte es eilig, achtete nur auf den Verkehr und nicht auf die reizvolle Landschaft rechts und links, obwohl sie diese Augenweide für gewöhnlich sehr schätzte. Sie war froh, dass sie Düsseldorf hinter sich gelassen hatte und nun bei allen Fahrten bergauf und bergab durch das Bergische Land fuhr.
Ruth hatte heute Morgen um ein Lokal mit einem nahen Parkplatz gebeten, allzu weit laufen konnte sie mit dem geschwollenen Knöchel nicht. Sie mussten sich daher außerhalb von Düsseldorf treffen, in der Innenstadt sah es mit bequem erreichbaren Parkplätzen schlecht aus. Hier draußen auf dem Land hatten viele Lokale die Vorsilbe Gut oder die Nachsilbe Hof.
Die Innenräume des Gutes waren renoviert und an einem so schönen Tag lichtdurchflutet. Die bergische Landschaft draußen: grün in grün. Henk saß schon da und plauderte mit einer Kellnerin. Er erhob sich flink, sportlich wie er war; Ruth dagegen schleppte ihren linken Fuß im Geisha-Schuh nach.
„Was hast du denn mit deinem Fuß gemacht? Guten Tag erst mal.“
„Knöchel“.
„Setz dich gleich hin, ist bequemer. Und wie geht’s dir ansonsten?“
„Einigermaßen, aber sag erst mal, wie es Eveline geht.“
„Von Tag zu Tag besser, Gott sei Dank.“
„Das ist jetzt fast drei Wochen her, dass du sie ins Krankenhaus gebracht hast. Ob sie psychologische Hilfe brauchen wird?“
„Daran habe ich auch schon gedacht, ich werde mich mal umtun, wer da in Frage kommt. Und in der Reha wird man sie auch in dieser Hinsicht betreuen. Aber jetzt lass uns bestellen, ich habe ziemlichen Hunger, und du?“
„Doch, ja.“
Die Auswahl auf der Speisekarte war nicht groß, aber vielversprechend. Zum Auftakt gab es ein Glas Sekt, das musste sein bei einem Mann, der mit Eveline verheiratet gewesen war. Bis zum Aufbruch und zur Heimfahrt würden sie wieder bei einem Alkoholspiegel von 0,0 sein.
Es gab für beide Wiener Schnitzel mit warmem Kartoffelsalat und danach nur noch Cappuccino, keinen Nachtisch. Aber die Unterhaltung war opulenter, jedenfalls was die Themen betraf.
„Weißt du, sicher sein kann ich bei gar nichts in der Sache Klunemeier, so hieß das Opfer.“ So begann Ruth das Gespräch. „Vielleicht ja nur das vermeintliche Opfer. Das einzige, was sicher ist, sie ist tot.“
„Und nur, weil Eveline und du so viel Fantasie habt, ist daraus eine Mordaufklärung geworden? So sieht es zumindest aus.“
„Ganz so ist es nicht, es gibt den Neffen, der seinerseits den Verdacht hegt, dass man seine Tante die Treppe hinunter gestoßen habe. Er hat das Hämatom an ihrem linken Arm entdeckt, deutlich sichtbare Fingerspuren. Daraus hat er geschlossen, dass jemand in böser Absicht zugegriffen habe. Ihr Rollator stand an der Treppe, so dass anzunehmen ist, dass sie zum Aufzug und nicht über die Treppe gehen wollte.“
„Klingt logisch.“
„Ja, das tut es, aber ich habe das Hämatom nicht gesehen und kann es nun glauben oder nicht.“
„Warum sollte er so etwas erfinden?“
„Das habe ich mich auch gefragt und ihm geglaubt.“
„Also auf jeden Fall ein Indiz.“
„Ein weiteres wäre die Tatsache, dass ein entfernter Verwandter von ihr sie erpresst hätte. Du hörst ‚wäre‘ und ‚hätte‘. Das habe ich von einem Jugendfreund der beiden gehört.“
„Hörensagen.“
„Hämatom, Erpressung. Darauf fußt mein Verdacht gegen meinen Nachbarn Zurlinden. Aber, ehrlich gesagt, die Frage, warum ein Erpresser sein Opfer ermordet, habe ich noch nicht gelöst.“
Ruth hatte das Gefühl, dass sie sich wirklich lächerlich machte.
„Aber das scheint mir doch eine verdammt wichtige Frage zu sein, liebe Ruth.“
„Der Neffe hat einen anderen Verdacht: Er glaubt, in der Jugendzeit seiner Tante und einer damaligen Freundin, die seit kurzem im Haus am Kirchberg wohnt, läge das Motiv für die Tat.“
„Und um was soll es sich da handeln?“
„In meinen Augen eine ganz vage Sache. Die Tante hatte sich nach den Modalitäten einer Adoption vor mehr als fünfzig Jahren erkundigt. Und er meinte, dass seine Tante dieser Frau vielleicht hätte schaden wollen. Was diese, vermutlich eine Frau Overkamp, wiederum hätte wissen müssen, und was so schwerwiegend hätte sein müssen, dass sie sich zu einer solchen Tat hätte hinreißen lassen.“
„Noch mehr ‚hätte‘.“
„Eben.“
„Kennst du sie?“
„Ja, inzwischen ja, Brigitte Overkamp. Verheiratet mit dem Bruder eines Mannes, den sie und die Klunemeier in ihrer Jugend gekannt haben.“
„Woher weißt du das denn?
„Aus den Fotoalben der Klunemeier.“
„Endlich Fakten.“
„Die aber nicht weiter bringen. Man, also ich, müsste klären, was damals vorgefallen ist. Dazu müsste ich aber noch einmal mit dem Jugendfreund der beiden, Eckhard Bromberg, sprechen.“
„Na, dann mach das doch.“
„Das sagt sich so leicht, ich habe ihn schon zwei Mal intensiv befragt, oder vielmehr, er hat eigentlich gern aus seiner Jugend berichtet. Aber wenn ich das so weitertreibe, wird er mich fragen, was das soll. Und ich will mich nicht lächerlich machen mit meinem Verdacht.“
Ruth musste lachen, sie erinnerte sich an einen anderen Verdacht, den sie gehabt hatte:
„Eveline und ich hatten jemand anderen in Verdacht, den Beau Hans-Jürgen Wunderlich. Der war mit Klunemeier befreundet gewesen. Den hab ich ganz schön in Wut gebracht mit meinen Nachforschungen. Eine solche Auseinandersetzung genügt mir, der blaue Fleck ist gerade erst verblasst.“
Nun musste Henk lachen: “Du setzt dich also auch körperlich ein.“
„Nicht freiwillig, er ist auf mich losgegangen, weil ich hinter ihm her geschnüffelt hätte. Oder vielmehr, ja, ich habe Erkundigungen eingezogen. Inzwischen ist die Stimmung wieder friedlich, er hat mich gestern netterweise in die Pflegeabteilung gebracht, als ich mir den Knöchel verletzt hatte.“
Ruth überlegte, ob sie auch ihren neuen Verdacht zur Sprache bringen sollte. Eigentlich war das die schwerwiegendste Sache, wenn sie behauptete, die Geschäftsführung des Hauses am Kirchberg hätte einen Mord vertuscht. Sie traute sich und entsprechend war die Reaktion:
„Liebe Ruth, wenn du meinen Rat als Anwalt hören willst: Lass es sein. Rätselraten mit einer Freundin ist etwas Anderes als Leute gegen sich aufzubringen. Du solltest an deinen Ruf in deiner Umgebung denken und wenn du die Juristen des Hauses am Kirchberg auf den Plan rufst …“
„Du hast Recht. Ich habe natürlich hin und her überlegt, ob ich zur Polizei gehen sollte, um meinen Verdacht zu äußern. Die könnten dann ermitteln und den Mörder finden.“
„Liebe Ruth, das geht auch nicht. Die Polizei darf ohne einen konkreten Verdacht gar nicht ermitteln. Du sprichst von einer Erpressung und die Polizei soll damit einen Mord beweisen, so geht die Kripo nicht vor.“
Ruth seufzte ausführlich und ließ ihren Blick in die grüne Ferne schweifen. Inzwischen war der Cappuccino ausgetrunken; Henk zahlte, er musste zurück in die Kanzlei.
„Eigentlich müsste ich die Zeche zahlen, ich habe doch eine gute Beratung genossen. Ob ich wohl bald mal mit Eveline telefonieren kann?“
„Ich werde mich drum kümmern, sie kann ein bisschen Abwechslung gut gebrauchen. Aber du, du solltest dich anderen Abwechslungen zuwenden. Wie schnell ist von übler Nachrede oder Verleumdung die Rede und du hast eine Anzeige am Hals. Mindestens.“
Von dem erst kürzlich aufgetauchten Harry und seinen angeblichen Betreuungskünsten hatte sie Henk gar nichts erzählen wollen. Ruth hatte diesen Harry hin und wieder mit einem zusammengeklappten Tisch, oder etwas Ähnlichem, im Haus gesehen.

Ruth hatte noch nie darüber nachgedacht, dass es eine weitere Ebene im Haus am Kirchberg gab. Eine ganz eigene, in sich abgeschlossene Welt. Trotzdem innigst verbunden mit der Welt der Bewohner des Hauses. Sollte sie sie Unterwelt nennen? Dieser Ausdruck passte nicht zum Aussehen dieser Leute: alle in Weiß. Sie waren allgegenwärtig, auf den Fluren und auf den Treppen und trotzdem unsichtbar. In Krimis streifte sich der Verbrecher im Krankenhaus einfach einen Kittel über und schon gehörte er zum Inventar, das niemand beachtete. Die Weißkittel hatten überall Zutritt, sie hatten Generalschlüssel. Für das Pflegepersonal war das praktisch, sie suchten häufig kranke oder behinderte Personen auf, die froh waren, nicht zur Korridortür gehen zu müssen, wenn es klingelte. Ob der schöne Harry auch einen Schlüssel hatte?
Was, wenn die Absichten unredlich waren? Wenn sie gesehen wurden, wie sie aufschlossen, wurde das für selbstverständlich gehalten und übersehen. Wenn etwas fehlte in der Wohnung, wer verdächtigte Weißkittel? Frau Klunemeier hatte einen solchen Verdacht ausgesprochen. War jemand in der Pflegeabteilung oder in der Wohnung bestohlen worden? Auch darüber wusste Ruth nichts Konkretes.