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Eigene Leseproben

Tage einunddreißig bis sechsunddreißig

Kapitel sieben – Bedrohungen
Ruth saß in ihrem Smart und fuhr in Richtung Eifel. So früh im Jahr an die See, die sie ja sehr liebte? Nein, das wäre zu kalt gewesen. In Gerolstein hatte sie trotz der bevorstehenden Ostertage noch ein Zimmer in einem Hotel gefunden, das im Internet einen guten Eindruck machte. Ein üppiges Wellness-Angebot. Eveline hatte ihr diesen Ort mitten in der Eifel empfohlen. Auf dem Kölner Autobahnring herrschte reger Verkehr, kein Wunder, es ging in den Osterurlaub.
In Erinnerung an den Austausch über einen gewissen netten Herrn Sowieso musste Ruth schmunzeln. Wie zwei junge Mädchen hatten sie herum gekichert. Ab wann wurde man eigentlich erwachsen? Sowohl Eveline als auch Ruth hatten keine Kinder gehabt und das schien ihnen ein Grund dafür, dass sie eben nicht wirklich erwachsen geworden waren. Oder waren andere alte Frauen auch so albern?

Vom Ende der Autobahn an waren es genau dreiunddreißig Kilometer auf der Landstraße bis Gerolstein. Alles gut ausgeschildert. Extrem viele große oder sportliche Wagen überholten Ruth schon auf der Autobahn und erst recht anfangs auf der Landstraße. Sie waren groß und auch laut, was an der Fahrweise lag. In ihrem Gedächtnis tauchte der Name Nürburgring auf. Da tobte sich mancher Familienvater und mancher Pseudorennfahrer aus. Denen tat eine alte Frau in einem Kleinstwagen wahrscheinlich unendlich leid. Ruth tat sich allerdings überhaupt nicht leid, sie ließ den Alltag und – was wichtiger war – das Gespenst Zurlinden hinter sich.
Die Eifellandschaft erinnerte sie zunächst an das Bergische Land, in dem sie wohnte. Aus der welligen Landschaft wurde eine hügelige und später eine bergige: die Vulkaneifel.
„Heute ist mal wieder der Tag der Düsseldorfer“, mit diesen Worten wurde sie im Hotel empfangen. Ach ja, sie hatte noch das alte Nummernschild. Auf dem Anmeldezettel musste sie sich allerdings als Nichtdüsseldorferin outen.
Sie bezeichnete sich immer noch als Düsseldorferin, immerhin war sie dort geboren und hatte mehr als siebzig Jahre dort gelebt. Auf Nachfrage gab sie stolz bekannt, dass auch ihre Eltern schon in Düsseldorf geboren worden waren. Von den Großeltern allerdings nur ein Zweig, der Großvater Jobst. Zwei weitere Zweige stammten aus Westfalen, was in Düsseldorf häufig vorkam. Den weitesten Weg hatte ihre Großmutter mütterlicherseits gehabt, sie kam aus dem Glazer Bergland, das seit Kriegsende zu Polen gehört. Ruth war in den Neunziger Jahren einmal dort gewesen mit einer Cousine und deren Schwiegertochter. Ein schönes Land. Allerdings ein armes Land, heute wie zu Zeiten der Großmutter Marta. Sonst wäre sie sicher nicht ins Rheinland gezogen, was aber für Ruth ein Glück war, sonst gäbe es sie so ja nicht.
Ruth kam mit ihrem Rolli, Rollkoffer – kein Rollator, scherzte sie vor sich hin, in ihrem Zimmer an und war sofort zufrieden. Auch mit der Aussicht: viel Grün und der kleine See. Zwar nur ein Stausee, aber Wasser ist Wasser, hätte Klaus gesagt. Ihr leichtes Gepäck war schnell verstaut. Das Tablet lag auf dem Tisch, überall freies Wi-Fi hatte es auf der Internet-Seite des Hotels geheißen. Den Code hatte man ihr gleich an der Rezeption ausgehändigt. Auf der Internet-Seite war vom Wanderweg Eifelsteig die Rede, der Wortteil „Steig“ missfiel ihr. Wenn sie allerdings aus dem Fenster sah, so war klar, dass ohne Steigen gar nichts gehen würde. Das musste man halt langsam angehen. Morgen. Vielleicht.
Beim Abendessen hörte sie dann rheinische Laute: die Düsseldorfer. Sie wurde sofort mit Hallo begrüßt, die Rezeption hatte sie eingeführt. Sie saß also beim Abendessen in einer munteren Runde. Die Weinlande an Mosel und Ahr waren nah und so bot die Weinkarte vieles. Die anderen Düsseldorfer waren auch nicht mehr die Jüngsten, man wurde bequemer und die Eifel war schnell zu erreichen. Das schaffte man spielend.
Von einer einsamen Wanderung riet man ihr ab, da konnte man stürzen und wurde so leicht nicht gefunden. Keine Möglichkeit Hilfe zu rufen.
„Das kann nicht nur auf Wanderwegen passieren, sondern überall.“
„Stimmt, kommt aber eher selten vor.“
„Von wegen, das ist einer Freundin meiner Schwester erst vor kurzem passiert. Wohnte in einer Seniorenresidenz, Komfort und Betreuung, aber nicht in der Nacht. Sie war auf der Treppe gestürzt, lag die ganze Nacht dort und ist an Unterkühlung gestorben.“
Ruth kribbelte es durch alle Adern: Frau Klunemeier.
„Das ist bedauerlich. Das wünscht sich niemand.“
Das waren die Floskeln, die gebraucht wurden, wenn irgendjemand Fremdes gestorben war. Mehr wollte niemand wissen. Ruth würde in den nächsten Tagen darauf zurückkommen, sie hatte Zeit.
Die nächsten Tage waren angefüllt mit kleinen Touren, die man unbedingt machen musste. Wolfsfütterung an der Kasselburg, Besichtigung der keltischen Festung Dietzenley, gratis Wasser trinken im kleinen Kurpark, dem Gerolsteiner Brunnen sei Dank. Das Buchenloch, eine steinzeitliche Höhle, oder die Papenkaule, ein Trockenmaar, alles gar nicht weit vom Hotel entfernt. Der Frühling war hier noch nicht so richtig angekommen, aber wandern macht warm.
Nun war Ostern. Im Hotel war alles den Feiertagen entsprechend dekoriert. Die Mahlzeiten hatten je einen Gang mehr und es gab ein Glas Wein gratis. Die Tischgespräche waren heiter, niemand sprach mehr von Unglücksfällen.
Frau Guntermann, die Dame, die von dem Unfall erzählt hatte, schlug Ruth einen Ausflug zum „Juddekirchhof“, einem gallorömischen Tempel, vor. Ruth machte gern mit. Das Areal lag oberhalb des Städtchens Gerolstein; die Grundrisse waren aufgemauert und so konnte man sich die verschiedenen Gebäude sehr gut vorstellen. Frau Guntermann wusste sogar, welchem Gott die Anlage geweiht war, es war eine keltische Göttin: Caiva. Stand vielleicht auf dem Schild, das aufgestellt war. Die Bezeichnung „Juddekirchhof“ konnte sie nicht erklären. Das war ein Fall für Google.
Als beide auf einem Mäuerchen sitzend ein bisschen Sonne tankten, brachte Ruth die Sprache auf das Unglück in der Seniorenanlage.
„Ich wohne seit einiger Zeit in einer solchen Wohnanlage, von der Sie kürzlich erzählt haben, im Haus am Kirchberg in Erkrath.“
„Das ist das Haus, von dem meine Schwester erzählt hat, dann müssen Sie den Fall doch kennen.“
„Ja, richtig, aber wer spricht schon gern von solch traurigen Dingen.“
„Stimmt, es ergab sich einfach so, eine andere Freundin meiner Schwester hat ihr davon erzählt.“
„Wie heißt denn die andere Freundin, vielleicht kenne ich sie? Wir sind zwar viele Bewohner, aber wer weiß.“
„Es ist Brigitte Overkamp. Sie kannte die Verstorbene, war aber wenig erfreut, sie dort zu treffen. Jugenderinnerungen, verstehen Sie?“
„Es sind einige Düsseldorfer dort, die sich aus der Jugendzeit kennen. Vielleicht haben sie einander das Haus empfohlen.“
„Diese beiden kannten sich besonders gut und meine Schwester sagte, als sie mir davon erzählte, dass es für Brigitte und ihren Mann schwer zu ertragen gewesen wäre, Heta, Heta Klunemeier, dort wiederzusehen. Brigitte war mit Bernhard Overkamp, dem Bruder ihres jetzigen Mannes verlobt, erwartete sogar ein Kind von ihm, und Heta hat es fertiggebracht, dass er sich von ihr trennte und ein Verhältnis mit ihr begann. Von der Schwangerschaft wusste er allerdings nichts.“
Frau Guntermann kannte die Geschichte von ihrer Schwester, sie selbst war damals noch ein Kind gewesen.
„Brigitte wurde in ein Internat bei Frankfurt geschickt, bekam dort das Kind. Es wurde in eine Pflegefamilie gegeben. Brigitte machte Abitur und studierte, kehrte erst Jahre später nach Düsseldorf zurück. Heiratete später den jüngeren Bruder von Bernhard und er adoptierte das Kind. So traurig es für diese Heta ist, für Brigitte und erst recht für ihren Mann ist es eine Erleichterung. Schließlich hat sich sein Bruder ihretwegen erhängt.“

Schon am Dienstag nach den Osterfeiertagen zog es Ruth zurück nach Hause. Zusammen mit vielen anderen, so dass sie fast zwei Stunden brauchte, bis sie ihren Smart abstellen und in ihre Wohnung gehen konnte. Erst mal eine Tasse Kaffee, dann schnell den Koffer ausgepackt und in den Keller damit. Sie rollte ihn den Flur entlang zum Gemeinschaftskeller Nummer zehn und öffnete die schwere Eisentür. Der gesamte Keller war in einzelne kleine unterteilt, benannt mit der Wohnungsnummer. Weil der Lichtknopf mit einer Gummihülle geschützt war, ging das Licht wie immer nur schwer an. Mit einem Krachen schloss sich die Tür hinter ihr.
Den Koffer rollte Ruth in eine Ecke ihres Kellerverschlags. Sie fing an, in den restlichen Umzugskartons nach einem Tablett zu suchen, das sie selbst früher mal bunt bemalt hatte.
Plötzlich Dunkelheit, sie hört, dass die schwere Eisentür zuschlägt. Das Licht kaputt, der Knopf rausgesprungen? Aber wer kam rein, wer ging raus? Zu hören ist nichts. Leichte Panik. Soll ich rufen?
Falls, nein, wenn Zurlinden im Raum ist? Was dann? Lacht da jemand? In ihren Ohren braust es. Verdammt. Was nun?
Ruth stand da, wie sagt man – versteinert. So fühlte sie sich, festgewachsen auf dem kalten Boden des Kellers. Es war niemand raus gegangen, den hätte sie sehen müssen, der Keller war klein. Also war Zurlinden rein gekommen und hatte das Licht ausgemacht.
Ich werde nicht rufen, der würde sich freuen, dass er mich verschreckt hat.
Die Taschenlampe! Liegt auf dem Regal, zwei Schritte nur. Bitte kein leerer Akku. Nein, kein leerer Akku, Licht, wenn auch nur ein kleines. Die schwere Eisentür klappt ein weiteres Mal zu.
Wieder saust der Schmerz ihren Rücken entlang, alle Nerven zittern. Verdammt, verdammt, verdammt.
Woher wusste der, dass sie zurück war? Na ja, für einen Nachbarn war das nicht zu überhören gewesen. Der hatte ihr also aufgelauert. Verdammt. Ruth ließ Tablett Tablett sein und verließ den Keller. Auch hinter ihr knallte die Kellertür zu, ein scheußliches Geräusch. Auf dem Flur war niemand zu sehen, was nichts heißen wollte, überall gab es Türen und Ecken, hinter denen man verschwinden konnte. Ruth bemühte sich, energisch aufzutreten, fast hätte sie gepfiffen, das Pfeifen im Wald, aber das hätte nur ihre Angst verraten.
Nicht mal in ihrer Wohnung fühlte sich Ruth in Sicherheit. Der Kerl wohnte gleich nebenan. Fang bloß nicht an, dir jetzt etwas auszumalen. Nette Spielchen zusammen mit Eveline, aber wenn man allein Wand an Wand mit einem echten Mörder saß …
Aber nicht nur die äußere Situation war unerfreulich. Wenn Ruth es recht bedachte, so war sie seit einiger Zeit ausgesprochen unehrlich geworden. Hier eine Halbwahrheit, dort eine Lüge, neugierige Fragen. Familiengeheimnisse erforschen oder Freizeitvergnügen ausspähen, die sie nichts angehen sollten. Auch ihre Telefonate mit Eveline sparten gewisse Themen aus. Spontan und offen redete sie mit niemandem mehr. Wie konnte sie da nur wieder heraus kommen?
Erst einmal raus auf den Balkon und tief Luft geholt. Langsam entspannte sich Ruth und kam sogar zu dem Ergebnis, dass da schließlich ebenso ein anderer Hausbewohner sich mit Lichtknopf und Tür geirrt haben konnte.
„Hallo, liebe Frau Bergmann, Ulrich Zurlinden hier. Ich habe mehrfach versucht, Sie zu erreichen, ich möchte wissen, ob Sie mit Ihren Nachforschungen weiter gekommen sind.“
„Weiter gekommen? Wie denn?“ Was meinte der eigentlich, von ihrem gewachsenen Verdacht Zurlinden hatte sie ihm vorsichtshalber gar nichts erzählt.
„Der Brief, der spricht doch Bände. Haben Sie die Eheleute Overkamp mal darauf angesprochen?“
Ach so, der Verdacht Overkamp. Dazu konnte sie ihm etwas Neues erzählen: „Ich war ein paar Tage in der Eifel. In Sachen Overkamp habe ich dort etwas erfahren: Der Bruder Bernhard hat sich erhängt!“
„Das ist doch ein Motiv“, sagte der Neffe mit einem Unterton von Befriedigung.
„Das wäre es vor fünfzig Jahren gewesen. Aber heute? Und diese netten Leute auf ihre unschöne Vergangenheit ansprechen, das kann ich nicht. Was soll man denn von mir denken?“ Stille.
„Aber meine Tante fühlte sich anscheinend bedroht in dieser Sache, darum wollte sie Gewissheit haben, was mit dem Kind passiert war.“ Bedroht, das hatte auch Wunderlich gesagt.
Ruth wäre ein anderer Täter als Zurlinden lieb gewesen, aber es war höchst unwahrscheinlich, dass Wilfried Overkamp Heta Klunemeier zur Rede gestellt und sie anschließend die Treppe hinuntergestoßen hätte. Sie wäre kaum so unklug gewesen, ihre Wohnung zu verlassen und mit einem Mann, der ihr nicht wohl wollte, ins Treppenhaus zu gehen.
„Dass es zu einer Unterredung gekommen sein könnte, das kann ich mir vorstellen, aber eine solche Attacke?“, fragte Ruth.
„Nichts Vorbedachtes, im Affekt, das wäre doch denkbar.“
„Da haben Sie Recht. Und wie wollen Sie vorgehen? Sie war Ihre Tante, zu Ihnen hat sie von ihrer Befürchtung gesprochen, aus dem Grund könnten Sie mit dem Ehepaar Overkamp reden.“ Punktum. Der Spieß war umgedreht.

Tage achtundzwanzig bis dreißig

Unsinn, dachte Ruth am nächsten Morgen gleich beim Aufwachen. Der Tod des Bruders, vielleicht ein Selbstmord, lag mehr als fünfzig Jahre zurück. Da wird man nicht mehr zum Rächer. Dass Klunemeier Angst vor Wilfried Overkamp hatte, war erklärlich, sie war ja tatsächlich Anlass für die schäbige Haltung seines Bruders gewesen. Und für die Folgen.
„Na, liebe Frau Bergmann, wieder auf der Jagd nach Sensationen?“ Herbert Zurlinden stellte sich breitbeinig vor Ruth auf, als sie zur Wohnungstür herauskam. Die kurzen Arme hatte er auf die Hüften gestemmt.
„Sie sollten sich schämen, in anderer Menschen Vergangenheit herumzuschnüffeln, da kann ich Herrn Wunderlich nur Recht geben.“
Soviel Aggressivität hätte sie dem rundlichen Zurlinden nie zugetraut.
„Was ist los, wovon sprechen Sie?“, fragte Ruth etwas zaghaft, sie wusste ganz genau, was er meinte.
„Mein Neffe hat mir erzählt, wie Sie die Vergangenheit so seriöser Leute wie Overkamps ans Licht zerren wollen.“
Angriff ist die beste Verteidigung, dachte Ruth:
„Was geht Sie das denn an? Ich will gar nichts ans Licht zerren.“
„Das geht mich allerdings etwas an, Overkamps sind alte Freunde von mir.“
Ruth versuchte, an Zurlinden vorbei zu kommen. Der hob drohend seine rechte Hand:
„Ich kann Ihnen nur raten, mit Ihrem Schnüffeln aufzuhören, sonst werden Sie bald ihr blaues Wunder erleben.“
„Sie drohen mir?“ Ruths Stimme war jetzt schrill geworden.
„Ja, allerdings, ich werde Sie im ganzen Haus in Verruf bringen, dann können Sie froh sein, wenn Sie nicht vor Gericht gezerrt werden. Ich warne Sie! Kehren Sie erstmal vor der eigenen Tür oder auf Ihrem eigenen Deck.“
„Jetzt werden Sie aber unverschämt, was soll das?“ Ruth begann selbst laut zu werden. Gleichzeitig tauchte aber ein Gedanke auf: Plasmolen, der Yachthafen. Irmi wusste es! Irmi hatte es Zurlinden erzählt!
Zurlinden hatte sein Pulver verschossen, er kehrte laut vor sich hin schimpfend in seine Wohnung zurück.
Ruth hatte versucht, „es“ zu vergessen. Was war passiert? Ihr Mann Klaus hatte mit der Nachbarin auf dem Boot zur Rechten geflirtet, angebändelt oder was auch immer. Wie weit das gegangen war? Darüber hatten sie nie gesprochen. Warum nicht?
Die Nachbarin, Ilse, war aus irgendeinem Grund von Bord ihrer Yacht gestürzt. Ruth hatte es mitbekommen und dann zugesehen, wie sie verzweifelt versuchte, wieder an Bord zu kommen. Das war unmöglich bei der glatten Bordwand. Sie schrie, sie brauchte Hilfe. Ruth hatte erst um Hilfe gerufen, als das kleine Boot ganz nah war, auf das Ilse sich dann retten konnte. Sie hatte Klaus gegenüber behauptet, sie sei starr vor Schreck gewesen, als er sie zur Rede stellte. Auf ihre Hilferufe hin war er nach oben gekommen und hatte die Situation erfasst. Hatte Klaus ihr das abgenommen? Unwahrscheinlich, sie war nicht der Typ, der vor Schreck erstarrte. Sie war eher die Macherin.
Am nächsten Morgen hatten sie abgelegt. Offensichtlich hatte die Nachbarschaft darüber geredet. Irmi Blumenthal hatte davon gehört, ihr war das Ereignis wahrscheinlich irgendwann eingefallen, als sie mit ihr über die Boote und den gemeinsamen Ankerplatz geredet hatte. Und nun wusste Zurlinden Bescheid.
Die wenigen Schritte bis zum Fahrstuhl schaffte Ruth in aufrechter Haltung, wenn auch mit wackligen Knien. Einmal in der Kabine, lehnte sie sich gegen die Wand und versuchte, durch ruhiges Atmen wieder zu sich zu kommen. Ein scharfer Schmerz schoss von Wirbel zu Wirbel, das passierte ihr, wenn sie sehr aufgeregt war. Ohne etwas zu sehen, starrte sie auf den Menüplan des Speisesaals, der im Aufzug aushing. Ihre Gedanken wirbelten nur so.
Wusste der Kerl von ihrem Verdacht? Hatte er sie deshalb bedroht? Sie hatte mit niemandem darüber gesprochen und erst recht nicht mit dem Neffen. Oder doch? Sie hatte erwähnt, dass es möglicherweise eine Erpressung gegeben hätte. Hatte Herbert Zurlinden Heta Klunemeier auf die gleiche Weise einschüchtern wollen, als er sie mit den Kenntnissen über Familiengeheimnisse erpresste?
Langsam und bedächtig ging’s zum Mittagessen in den Speisesaal. Der Rücken schmerzte stark. Ruth begrüßte hier und da eine Nachbarin oder einen Nachbarn, wechselte einige Worte und erntete ein nettes Lächeln.
Im Saal herrschte eine angeregte Unterhaltung, Gemurmel und Gesumme von vielen Stimmen. Mit Entsetzen stellte Ruth sich vor, dass dieses Murmeln eines Tages ihr gelten könnte, dass man an den Tischen die Köpfe darüber schütteln würde, wie indiskret sie sich in Angelegenheiten von Mitbewohnern gemischt hatte. Niemand würde sie mehr grüßen oder ihr zulächeln. Und wenn erst das Plasmolen-Geheimnis ausgeplaudert würde … Ein Paria würde sie sein. Schlimmer: Es könnte ihr ergehen wie der Dame, die von der Geschäftsführung gebeten worden war auszuziehen, weil sie den Hausfrieden gestört hatte.
Aber was das Schlimmste war: Früher wäre sie nicht so verzagt gewesen. Da hätte sie sich gestrafft und gedacht: Nicht mit mir!
Nachmittags brachte Ruth ihren Teilnehmern im Computer-Club ziemlich lustlos den Umgang mit Twitter bei. Sie selbst machte wenig Gebrauch davon. Inzwischen wimmelte es in allen Tweets nur so von Hashtags. Aber wenigstens konnte sie die Fachausdrücke erklären, ihr eigener Account ließ sich gut auf der Leinwand verfolgen. Sie hatte endlich gelernt, mit dem Beamer umzugehen.
Auf dem Weg zum Parkplatz kam sie wieder an der Basilika vorbei. Inzwischen war es auch am späten Nachmittag so warm, dass sie sich in den angrenzenden Garten setzen konnte, der das Relikt eines ehemaligen Kreuzgangs war. Es war so wunderbar ruhig hier.
Ruth erinnerte sich an ein Wochenende, an dem es hier gar nicht ruhig gewesen war. Man hatte einen Mittelaltermarkt aufgebaut, Handwerker und Künstler in mittelalterlicher Kleidung hatten die Besucher unterhalten. Sie hatte auch den Stand eines Küfers gesehen. Ihr Düsseldorfer Großvater war Küfer gewesen. Ein alter Beruf, über den selbst Google nicht viel zu berichten wusste.
Im schönen alten Kreuzgang hatten stilvoll gekleidete Stiftsfräulein gesessen und mit den Gästen geplaudert. Die heutige Basilika war die Kirche eines Stiftes für adlige Damen gewesen. Da gab es den Heimatroman „Das Stiftsfräulein von Gerresheim“: ein Stiftsfräulein, ein Junker vom nahen Gut und ein unterirdischer Gang. Das war nicht gut ausgegangen.
Lebhaft war es später in der Cafeteria am Kirchberg. Frau Bauer nahm Ruths Bestellung auf und erkundigte sich mitfühlend nach ihrem lädierten Knöchel.
„Danke der Nachfrage, langsam schwillt er ab, tagsüber kann ich schon wieder einen normalen Schuh tragen, aber abends …“, sie wies auf den klobigen Geisha-Schuh.
Wie schon früher wisperte Frau Bauer:
„Sehen Sie sich mal Herrn Zurlinden an, heute ist er hier der Hahn im Korb. So einen Auftritt hat er lange nicht mehr gehabt. Soll geerbt haben.“
„Ja, habe ich auch gehört, so was wünscht sich jeder.“
„Für den ist die Frau Klunemeier zur richtigen Zeit gestorben, ob der was von dem Testament wusste?“ Frau Bauer entschwand, ohne eine Antwort auf die rhetorische Frage zu erwarten. Ruth fragte sich, ob dem Personal im Haus am Kirchberg irgendetwas verborgen blieb.
Herbert Zurlinden hob drüben sein Weinglas und rief provozierend zu Ruth herüber:
“Einen schönen Abend, liebe Frau Nachbarin.“ Es sah aus, als wollte er ihr zeigen: Hier sitze ich im Kreis netter Leute und dort sitzt du ganz allein. Ich warne dich!
In Ruth stieg der Gedanke auf: Na warte, Bürschchen, ich werde dafür sorgen, dass die Polizei dich festsetzt. Sie hatte sich in den Gedanken verbissen, dass Zurlinden ein Mörder wäre.

Auf der Fahrt zur Reha-Klinik überlegte Ruth, wie viel sie Eveline von den Ereignissen der letzten Wochen erzählen könnte. Sicher konnte sie ihr im Zustand der Rekonvaleszenz keine große Aufregung zumuten. Aber ein paar Häppchen Neuigkeiten würden ihr gut tun.
Sie schlängelte sich über mehrere Autobahnstücke zu ihrem Ziel: Nur eine Ausfahrt weit über die A 46, zwei Ausfahrten über die 3 und dann länger auf der 44. Ruth fuhr vorbei an mehreren Zu- und Abfahrten im Bereich des Flughafens. Hier musste sie aufpassen, dass sie nicht irrtümlich sonst wohin geriet.
Die verhältnismäßig neue Flughafenbrücke führte sie nach Westen über den Rhein. Vor dem Autobahnkreuz Meerbusch mit seinem Abzweig nach Köln oder Krefeld lag ihre Abfahrt, jetzt hieß es noch besser aufpassen.
Aber dann musste sie ihr Navi doch nicht einschalten, denn sie konnte sich gar nicht verfahren: Auf der Landstraße wies ein großes Schild vor einer Kreuzung auf die Reha-Klinik hin, die ihr Ziel war. Ihr Weg schlängelte sich zwischen grünen Wiesen zu einem großen Parkplatz. Alles so flach hier.
„Liebe, liebe Eveline, ich bin so froh, dass ich dich endlich besuchen darf.“ Da liefen die Tränen.
„Willkommen bei deiner „alten“ Freundin, liebe Ruth. Sieh mich an, ich bin alt geworden.“
Trotz der Tränen dachte Ruth, dass Eveline nicht alt geworden war, sondern schon eine ganze Weile alt gewesen war. Genau wie sie selbst.
„Ich bin hier in der Abteilung für die Alten. Und alles so einfach hier.“ Das schien für Eveline eine schmerzliche Sache zu sein. Tatsächlich entsprach das Ambiente nicht entfernt ihrer gepflegten Wohnung, „zweckmäßig“ war das richtige Wort.
„Aber die Sonne scheint, es ist jetzt wirklich Frühling und dir geht es besser“, sagte Ruth und bemühte sich, optimistisch zu klingen. Nur jetzt nicht der traurigen Stimmung nachgeben. Eveline war wie immer gut gekleidet, dunkelblauer Hausanzug. Aber dass es ihr nicht gut ging, das sah man ihr leider an.
„Lass uns nach unten gehen und uns eine Tasse Kaffee gönnen.“
„Na klar, es sieht unten doch sehr hübsch aus.“ Ruth war bereits an der Cafeteria vorbei gekommen und hatte sich über die muntere Stimmung in einem Haus voller kranker Menschen gewundert.
„Hier ist übrigens eine kleine Packung Pralinen für dich als Betthupferl.“
So nannte man das unter älteren Damen. Der sonst so leichte Ton wollte aber nicht aufkommen. Klar, Eveline war auf der Hut, so schien es Ruth, ein ganz wichtiges Thema galt es zu vermeiden. Dazu war sie natürlich bereit.
Sie fuhren ins Parterre und folgten dem Stimmengewirr zur Cafeteria. Zwei Mal Milchkaffee und zwei Mal Wasser.
„Ich hab dir allerhand zu erzählen, es ist viel passiert in Sachen Mord,“ sagte Ruth.
„Du sprichst jetzt tatsächlich von Mord?“
„Es gibt so etwas wie Beweise, ein Foto von einem großen Hämatom, also Fingerspuren, das der Neffe gemacht hat. Dann zwei Fotos von einem langen Kratzer an der Wand der Treppe. Die Fotos kennst du, ich hatte sie dir geschickt. Der Schrammen könnte durch einen Ring entstanden sein, wenn der Körper von Frau Klunemeier mit Gewalt hinunter gestoßen wurde und ihr rechter Arm dort entlang schleifte.“
„Aber dann musst du zur Polizei gehen, Ruth. Der Mörder muss verhaftet werden.“
„Ein Motiv hätte mein Nachbar Zurlinden, er hat von Frau Klunemeier einiges geerbt. Aber ob er das Testament gekannt hat?“ Ruth zuckte mit den Schultern. „Motive haben auch andere,“ fügte sie an.
„Ist noch komplizierter geworden, oder? Was ist mit dem Neffen?“
„Der Neffe und Wunderlich sind für mich raus. Und Schwester Gabi, die wir verdächtigt hatten, dass sie zur tödlichen Spritze gegriffen hätte, hatte gar keine Möglichkeit, Frau Klunemeier etwas anzutun.“
Ruth zögerte, ob sie weiter reden sollte.
„Zurlinden, den ich schon länger verdächtige, hat mir gestern gedroht, ‚ich warne Sie‘ hat er gesagt, na, eigentlich geschrien.“
Das hatte sie gar nicht erzählen wollen, um Eveline zu schonen.
„Aber dann musst du erst recht zur Polizei gehen. Frag nicht weiter herum.“ Sie griff nach Ruths Hand und drückte sie fest: „Ich hab Angst um dich.“
Nun saßen da zwei stumme, verschreckte Hühnchen, die sonst so munter gegackert hatten, dachte Ruth.
„Wenn er mich noch einmal so einschüchtern will, dann werde ich ihm tatsächlich damit drohen, dass ich die Polizei einschalten will.“
Zurlinden war der Täter, egal mit welchem Motiv!
„Besser ist es, du gehst ihm aus dem Weg. Wieso weiß er denn überhaupt, dass du ihn verdächtigst?“
„Wissen tut er nur, dass ich von dem Verdacht des Neffen und von dem Hämatom weiß. Vielleicht vermutet er auch, dass ich von der Erbschaft weiß. Dann natürlich, dass ich, wie Wunderlich sagte, herumgeschnüffelt habe.“
„Aber er spielte bei deinen Nachforschungen doch gar keine Rolle.“
„Aber weiß er das? Er hat ein schlechtes Gewissen und fürchtet eben, dass ich etwas Wichtiges herausfinden könnte. Mein erster Verdacht fußte auf dem Gerücht, dass ein Verwandter Heta Klunemeier erpresst hätte und dass ein Verwandter sie am Abend vor ihrem Tod hätte besuchen wollen. Nur, wie macht man daraus ein Mordmotiv? “
Wieder mal wurde Ruth klar, dass sie sich in einen Gedanken verbissen hatte, für den es gar keine Grundlage gab.
„Fahr ein paar Tage weg, vielleicht beruhigt er sich inzwischen. Oder du vergisst die ganze Sache.“
„Keine schlechte Idee, aber vorher müsste ich nochmal mit dem netten Herrn Bromberg sprechen, der kennt Zurlinden seit seiner Kindheit und weiß was von der Erpressung.“
„Wer ist der nette Herr Bromberg??? Tut sich da was???“
Das alte Feuer kam in Evelines Augen zurück:
„Komm, wir gehen in mein Zimmer hoch, da kannst du mir in aller Ruhe von dem netten Herrn Bromberg erzählen. Den Mörder fangen wir später.“

Tag siebenundzwanzig von einundfünfzig

„Ich bin sehr froh, lieber Herr Bromberg, dass Sie mich zu dieser Fahrt aufgefordert haben, ich hätte bei diesem schönen Sonntagswetter zu Hause gesessen und mich und meinen Knöchel bedauert.“
Ruth ließ sich auf einem Gartenstuhl auf der Terrasse von Gut Höhne nieder und betrachtete die Umgebung. Sie liebte die Hügel in der Nähe ihres neuen Wohnorts sehr, die Augen glitten hinunter und hinauf und blieben meist an den weißen Wolken im hellen Blau des Himmels hängen. Sie dachte oft, egal, was passiert, blauen Himmel und weiße Wolken wird es immer geben.
„Es tut mir leid, dass Sie gestürzt sind, aber, wie sagen wir immer: es hätte schlimmer kommen können. Ein zweifelhafter Trost, oder?“
„Hatten Sie selbst auch mal das Pech?“
„Mal? Öfter mal. Aber es ist immer wieder verheilt und vergessen, reden wir lieber von erfreulicheren Dingen.“ Die Lachfalten um seine braunen Augen vertieften sich.
Ruth kannte das Restaurant, auch ein Haus mit der Vorsilbe Gut, seit langen Jahren. Aus einem alten Bauernhaus und einer Scheune war ein prächtiges Gut geschaffen worden. Es lag im Einzugsbereich von Düsseldorf, an der A 7 Richtung Mettmann.
„Wussten Sie, dass der Kreis Mettmann sich einen neuen Namen zugelegt hat?“, fragte sie Bromberg.
„Ja natürlich, es ist jetzt das Neanderland.“
„Hört sich gut an und man wirbt nicht nur mit der Fundstelle des Neandertalers, auch den Pastor Neander vergessen sie nicht, nach dem das ganze Tal benannt wurde. Und nicht zuletzt wirbt man mit der schönen Landschaft.““
„Wie wir sie hier ringsum sehen.“ Heute gab es Kaffee und Kuchen und Ruth versuchte, das Gespräch wieder auf die Jugendjahre zu bringen, die bei Bromberg untrennbar mit Heta Klunemeier und Brigitte Overkamp verbunden waren. Er hatte sie am Morgen zu einem Spaziergang einladen wollen, was aber wegen des geschwollenen Knöchels unmöglich war. So waren sie eben hierher gefahren.
„Waren Sie oft hier?“ fragte Ruth also als Eröffnung.
„Ja natürlich“, kam die Antwort, „meine Frau und ich haben hier manchen Geburtstag gefeiert. Dazu kamen sogar unsere Söhne aus Süddeutschland hierher ins Rheinland zurück.“
„Ist Ihre Frau schon lange tot?“.
„Sie ist vor fünf Jahren gestorben, und ich bin daraufhin ins Haus am Kirchberg gezogen; alleine zu leben, das war mir zu riskant, auch wegen der Unfälle.“ Dabei wies er auf den dicken Schuh, in dem der geschwollene Knöchel von Ruth steckte.
Um das Thema Unfälle ging es Ruth aber gar nicht, das brachte sie nicht weiter. Bromberg dagegen wollte beim ganz Persönlichen bleiben:
„Leben Sie schon lange allein?“
Ruth seufzte: „ Mein Mann war zwanzig Jahre älter als ich und ist lange tot. Ich war natürlich noch berufstätig und die täglichen Aufgaben halfen über den Kummer hinweg. Kinder hatten wir keine, mein Mann war über vierzig Jahre alt, als wir heirateten. Ich glaube, er wäre mit Kindern, erst recht den ganz kleinen, nicht gut zurechtgekommen.“
Klaus hatte sich lieber eigenen Interessen gewidmet. Und sie selbst war auch kein mütterlicher Typ, hatte sie immer gedacht und die Kinderlosigkeit nicht sonderlich bedauert. Bromberg betrachtete sie mitfühlend. Er schien das nicht ganz verstehen zu können: keine Kinder zu mögen. Stumm blickten beide in die Landschaft.
„Zuletzt war ich übrigens mit der Familie Overkamp hier“, begann Bromberg mit einem neuen Thema.
„Sehr nette Leute, die beiden“, griff Ruth das Thema auf „er scheint mir ein paar Jahre jünger zu sein als sie.“
„Ja, das stimmt, Brigitte war zunächst mit seinem älteren Bruder Bernhard zusammen. Bernhard ist leider früh gestorben, ihr gemeinsames Kind, den Peter, hat Wilfried nach der Heirat mit Brigitte adoptiert.“
Es entstand eine kleine Pause, dann fuhr Bromberg fort:
„In der Sache hat Heta Klunemeier eine sehr betrübliche Rolle gespielt“, er zögerte, redete dann weiter: „Sie hat versucht, Brigitte und Bernhard auseinander zu bringen und Bernhard war dumm genug …“ Wieder eine Pause.
Ruth schwieg, was hätte sie dazu sagen sollen. Sie hatte Recht gehabt, bei der Familie Overkamp gab es ein Geheimnis. Diesmal legte sie ihre Hand auf die des netten Herrn Bromberg, der betreten schwieg. Ihm war wohl klar geworden, dass er das nicht hätte erzählen sollen.
„Machen Sie sich keine Gedanken, ich werde das für mich behalten. Es ändert nichts daran, dass die Familie, so wie sie heute lebt, eine glückliche Familie ist. So scheint es mir jedenfalls.“
Ob sie jetzt einmal die Nazivergangenheit ansprechen könnte? Sie versuchte es: „Über den Vater von Frau Klunemeier hört man ja Gerüchte über seine Aktivitäten in den dreißiger Jahren. Es heißt, dass er seine Firma von einem jüdischen Inhaber übernommen habe.“ Ruth drückte sich vorsichtig aus.
„Ja, das ist richtig, 1936 hatte Kurt Zurlinden eine Erbschaft gemacht und konnte die Werkstatt kaufen. Damals waren es schwierige Zeiten. Für alle. Herr Josephson, der Verkäufer, wollte mit seiner Familie nach Amerika und brauchte das Geld für einen Neuanfang. Arisierung wurde das amtlich genannt.“
„Brachte diese Aktion denn nach 1945 keine Schwierigkeiten?“
„Nein. Im Rahmen der Wiedergutmachungsverfahren haben Zurlinden und der zurückgekehrte Herr Josephson einen Vergleich geschlossen, der für beide Teile gerecht war. Das lief damals über einen Treuhänder der Besatzungsmächte. Durch Zurlindens Aufbau war die Firma nach 1945 sehr viel mehr wert und so fiel die Entschädigung für den Alteigentümer großzügig aus. Das hat mir alles mein Vater erzählt und Heta legte immer großen Wert darauf, zu betonen ,wie sauber ihr Vater alles abgewickelt hatte.“
Diese Zeiten hatten weder Ruth noch Bromberg bewusst erlebt. Gott sei Dank.
Es wurde langsam kühl auf der Terrasse und Ruth schlug vor, nach Hause zu fahren. Der Weg zurück führte durch das Neandertal, vorbei am Neanderthal-Museum, einem modernen Bau aus den Neunzigerjahren, inzwischen weltbekannt. Dann ging es in scharfen Serpentinen den Hügelzug hinauf und auf der anderen Seite wieder abwärts. Auch von dieser Straße aus genoss man den weiten Blick ins Land.
Bromberg, ganz Kavalier, brachte Ruth zu ihrer Wohnung. Er schien immer noch beschämt zu sein, dass er aus der Familiengeschichte seiner Freunde geplaudert hatte. Ruth glaubte nun zu wissen, was es mit der Adoption auf sich hatte. Und die Nazivergangenheit hatte sie auch geklärt.

„Guten Tag, liebe Frau Bergmann, Ulrich Zurlinden hier. Ich will mich mal wieder bei Ihnen melden.“
„Nett von Ihnen, Herr Zurlinden, gibt es denn etwas Neues?“
Ruth war gespannt, ob er ihr etwas von der Erbschaft Zurlindens erzählen würde. Sie war sich sicher, dass diese Erbschaft aus der Quelle Klunemeier stammte.
„Ja, tatsächlich. Wir hatten neulich darüber gesprochen, ob Herr Zurlinden, Ihr Wohnungsnachbar, mit meiner Tante Heta verwandt ist oder besser war. Es ist so. Sie hat ihn sogar in ihrem Testament mit einem großzügigen Vermächtnis bedacht.“
„Das ist sicher erfreulich für ihn, es gab das Gerücht, er müsse aus seiner Wohnung ausziehen, weil er sie nicht mehr bezahlen könne.“
„Wirklich? Nun, die Sorge ist er jetzt los. Ich habe mich gestern kurz mit ihm unterhalten, wir sind zwar nur sehr entfernt verwandt, aber im selben Testament bedacht. Er hat mich übrigens nach dem Hämatom befragt, er wusste ja von Ihnen davon. Ich habe ihm gesagt, dass ich es sogar fotografiert habe.“
Das war auch für Ruth neu.
Es gab also so etwas wie einen Beweis, ein Foto. Sie musste jetzt dringend auf ihren eigenen Fotos von der Treppe nachsehen, ob man darauf vielleicht den Kratzer an der Wand erkennen könnte. Vorher musste sie aber wissen:
„Wie hat Herr Zurlinden denn auf diesen Hinweis reagiert?“
„Er wirkte betreten und stimmte mir zu, dass es vielleicht kein Unfall gewesen wäre.“
Tatsächlich: Die Schramme, die sie gesehen hatte, war auf den Fotos festgehalten, die sie für Eveline gemacht hatte. Ein weiteres Indiz dafür, dass es kein Unfall gewesen war? Wieso hatte sie das vergessen? Ob sie sich jetzt doch bei der Polizei melden sollte? Vorher musste sie fairerweise mit dem Neffen sprechen.
Mit dem Neffen hätte sie noch am selben Abend sprechen können. Er rief an und hatte etwas Neues zum Fall Overkamp, wie er das nannte. Er hatte einen Brief von Bernhard Overkamp an Tante Heta gefunden, der vielleicht etwas mit der gedachten Adoption oder einer Abtreibung zu tun hatte. Dass sie selbst inzwischen Näheres wusste, verriet sie ihm nicht, er hätte sicher wieder über den netten Herrn Bromberg gelästert.
„Lesen Sie ihn vor“, sagte Ruth und war natürlich gespannt auf dieses neue Puzzleteil.
„Nein, das möchte ich nicht. Ich schicke Ihnen den Text zu. Geben Sie mir ihre E-Mail-Adresse und Sie bekommen ihn noch heute Abend.“
Das klang geheimnisvoll und Ruth öffnete ihren Laptop, um die eingehende E-Mail nicht zu verpassen. Im Anhang der gescannte Brief.
Liebe Heta,
ich kann es mir nicht verzeihen, dass ich ein schwangeres Mädchen deinetwegen verlassen habe. Man verweigert mir die Auskunft, was mit dem Kind, meinem Kind, geworden ist. Du hast nun ein anderes Glück gefunden. Ich kann mir meine Tat nicht verzeihen.
Bernhard
Es gab kein Datum zu diesem Text, aber es gab die Todesanzeige. Ein Abschiedsbrief? Hier waren Verdachtsmomente gegen Brigitte und Wilfried Overkamp, der anscheinend durch die Schuld von Heta Klunemeier seinen Bruder verloren hatte. Der Verdacht Overkamp hatte soeben mit dem Verdacht Zurlinden gleich gezogen. Oder?

Tag sechsundzwanzig

Samstagabend, neunzehn Uhr fünf, in der Halle. Wunderlich saß in einem der Sessel und blickte Ruth entgegen. In der Hand eine Rose.
Das ging gar nicht. Eine Rose bei einer Essensverabredung unter Nachbarn, älteren Nachbarn, nein, alten Nachbarn. Einfach lächerlich.
Schon wieder ein Anfall von Zickigkeit. Ruth besann sich aber und vermutete, dass das vielleicht der Stil des Hauses am Kirchberg war. Aber noch etwas: ein rosa Hemd. Und Stiefeletten. Sie lächelte trotzdem.
„Dann kann’s ja losgehen.“
„Ja, liebe Frau Bergmann, ich bestelle eben das Taxi.“
Das kam ziemlich bald, ein „Taxi mit Herz“, rauchfrei. Die Fahrt den Berg hinauf war kurz und so hielt man bald Einzug in das gut besuchte Restaurant. Wunderlich wurde herzlich willkommen geheißen von einer ganzen Riege von Kellnerinnen, Kellnern und Köchen.
Es war ein Zweipersonen-Tisch an einem der großen Fenster mit Blick auf die Terrasse reserviert. Der Tisch war originell dekoriert, ergänzt durch die rote Rose, die ebenfalls einen Platz gefunden hatte.
Genüsslich verlas Wunderlich die Speisekarte, sogar Schwieriges ging ihm leicht von den Lippen, er war eben ein geübter Feinschmecker. Ruth überließ ihm die Wahl des Weins, das sah besser aus vor dem Personal und außerdem musste er nicht wissen, dass sie Wein-Laie oder vielmehr -Laiin war. Wörter gab‘s. Vorab ein Glas Sekt, daran war sie gewöhnt. Ebenso Wunderlich. Er vergaß natürlich nicht zu erwähnen, dass er in anderen Lokalen mit einem Glas Champagner begrüßt werde.
Sie bestellten als Vorspeise gegrillten Ziegenkäse auf Salaten aus Wildkräutern für beide, dann für sie Kalbsrücken auf Blattspinat mit Salbeignocchi, für ihn Lammrücken mit Kräuterkruste dazu Polentacreme und Bohnengemüse.
Wunderlich suchte den Wein aus, der Sekt kam und der Abend konnte beginnen. Ruth war gespannt, wie Wunderlich ihn eröffnen würde.
„Haben Sie denn inzwischen Ihren Mörder gefunden?“
Das war direkt. Ruth wusste nicht, was sie antworten sollte. Am besten ausweichend wie bei Zurlinden, der kürzlich dieselbe Frage gestellt hatte.
„Ich habe gar keinen Mörder gesucht, lieber Herr Wunderlich. Der Neffe von Frau Klunemeier hatte die Idee, dass da kein Unfall vorläge und hatte mir davon berichtet.“
„Ein bisschen ehrlicher könnten Sie schon sein, liebe Frau Bergmann. Der Neffe Zurlinden hat mir bei unserem Gespräch neulich gesagt, dass auch Sie einen Verdacht hätten.“
„Gut, ganz ehrlich: Ich hatte einen Verdacht gegen Sie. Schließlich hatten Sie gesagt, Sie seien mit Frau Klunemeier am Abend vor ihrem Tod verabredet gewesen. Dass daraus nichts geworden ist, das konnte ich nicht wissen. Hätten Sie die Wahrheit gesagt, wenn Sie der Mörder gewesen wären?“
„Eher nicht“, gab Wunderlich zu und strich sich über seinen kurzgeschorenen Kopf „aber ich habe wirklich geglaubt, Sie hätten weiter „ermittelt“ und könnten mir etwas Neues zum Tod von Heta Klunemeier sagen.“
Etwas weniger ehrlich: “Nein, ich kann Ihnen gar nichts sagen. Haben Sie denn vielleicht einen Verdacht, wer ihr hätte schaden wollen? Sie hatten doch gesagt, dass Frau Klunemeier am Abend einen Verwandtenbesuch erwarten würde.“
„Ja, das stimmt, allerdings hat sie nichts Konkretes dazu gesagt, einen Verdacht kann ich daraus nicht ableiten. Aber ich weiß, dass Heta Angst vor Herrn Overkamp hatte. Sie haben das Ehepaar kennengelernt bei unserem kleinen Frühlingsfest. Warum sie Angst vor ihm hatte, keine Ahnung. Und ein Verwandter ist er ja auch nicht.“
„Ich denke, sie kannten sich alle aus Düsseldorf, aus ihrer Jugendzeit.“
„Alle? Und woher wissen Sie das? Haben Sie also doch weiter nachgeforscht?“
Erwischt, Wunderlich war kein Dummer. „Ich denke, Herr Bromberg hat mir davon erzählt – oder der Neffe. Sie wissen ja, das Gedächtnis …“ Blöde Ausrede.
„Der Gedanke, dass es jemand vom Personal gewesen sein könnte, ist Ihnen nicht gekommen?“
„Doch, Schwester Gabi war bei mir in Verdacht geraten, weil Frau Klunemeier gesagt hatte, sie hätte Diebstähle begangen.“
„Da hätte es noch ganz andere Personen gegeben, die sie hätte verdächtigen können, aber sie hatte eben ihre Lieblinge und andere.“
Ein Name kämpfte sich bei Ruth an die Oberfläche ihrer Gedanken, gleichzeitig das Bild eines flotten jungen Mannes: Harry. Wollte Wunderlich darauf hinaus? War er etwa eifersüchtig gewesen auf den Typ, der anscheinend viele „Kontakte“ hatte.
„Und was heißt das konkret?“
„Ach, lassen wir die Sache ruhen. In Frieden.“
Wunderlich blickte in unsichtbare Fernen und Ruth überlegte, wie sie ein weiteres Geheimnis in der Nähe klären könnte.
Brot, Trüffelbutter und ein Schälchen mit grünen und schwarzen Oliven, später der Gruß aus der Küche im Gläschen waren aufgetischt. Die Gänge kamen und die leeren Teller gingen, dem Wein wurde Ehre angetan. Er war gut.
Ruth gab gern zu, dass ihr das Essen in diesem Restaurant schmeckte, vor allem die Soßen – oder musste man bei Wunderlich „Saucen“ denken? Zum Wein, einem Riesling aus dem Rheingau wusste Wunderlich eine interessante Geschichte zu erzählen:
Er war auf Zypern gewesen und man hat ihm dort ‚Hock‘ angeboten. Ein Rieslingwein, den die Engländer eingeführt hätten. Engländer, Wein? Die Geschichte war länger, die Quintessenz: Hock leitete sich von Hochheim ab, Hochheim im Rheingau. Für den Wein aus dem Rheingau hatten englische Weintrinker bis hinauf in royale Höhen schon lange ein Faible. Amüsant, dieser Wunderlich. Aber ob es stimmte?
Konkret war seine Weisheit, dass man zum Wein Mineralwasser nur naturell und auf keinen Fall gekühlt trinken sollte.
Das Dessert hatte dasselbe Niveau wie die anderen Gänge. Es gab eine Crema Catalana, die große Ähnlichkeit mit Crème Brulée hatte und auch so schmeckte.
Auch Wunderlich versuchte, nach Ruths Hand zu greifen, machte das natürlich viel eleganter als der nette Herr Bromberg. Er war in Übung. Ruth lächelte ein wenig mokant und brachte ihre Hand in Sicherheit. Ein bisschen Konversation könnte jetzt ablenken.
„Ich habe gerade gestern eine Gesamtausgabe von Zola für neunundneunzig Cent bei Amazon heruntergeladen. Ist der Preis nicht verblüffend?“
„Welches Lesegerät benutzen Sie?“
„Nur eine App auf meinem Tablet.“
„Ich bin kein Zola-Fan, aber einige Bände aus der Familiengeschichte der Rougon-Macquart habe ich auch gelesen. Eine riesige Familiensaga.“
„Ja, was alles in einer Familie passieren kann, das ist schon interessant.“
Wunderlich war übrigens Besitzer eines Kindle, sieh an. Den wollte sie sich schon länger leisten. Ihre weitere Unterhaltung verlief harmonisch, Ruth wollte sich einen weiteren Besuch mit Begleitung in einem Feinschmeckerrestaurant offenhalten.
Der Versuchung, zu fragen, ob Wunderlich auch mit Frau Klunemeier hier gewesen war, widerstand Ruth. Schließlich war sie nicht die Neue, die nach der Verflossenen fragte. Ebenso wenig dachte sie an die vermuteten Abenteuer ihres Tischgenossen.
Es war ein langer, sehr unterhaltsamer Abend. Aber hatte es sie auf der Jagd nach Informationen weiter gebracht? Harry war in Gedanken aufgetaucht, ansonsten wenig, bis auf die Bemerkung, dass Frau Klunemeier Angst vor Overkamp gehabt hatte.

Tag zweiundzwanzig und dreiundzwanzig

So war also der ganze Dienstag verloren, was die Detektivarbeit betraf. Spaß machten nur die Stunden in ihrem Computer-Club. Leider war sie beim Anblick des Kuchens heute schwach geworden.
In Gedanken versunken schlenderte sie vom Parkplatz zum Hauseingang. Einmal nicht aufgepasst, gestolpert und da lag sie in den Rosensträuchern. Aufrichten konnte sie sich, aber ihr linker Knöchel, der ohnehin sehr wehleidig war, schmerzte heftig. Was nun? Um Hilfe rufen? Wie peinlich.
„Kann ich Ihnen helfen, Frau Bergmann?“
Hans-Jürgen Wunderlich stand hinter ihr, auch er war auf dem Weg ins Haus.
„Sie schickt der Himmel, mein Knöchel …“
„So was kenn‘ ich, versuchen Sie, sich auf mich zu stützen, dann können wir ihn überlisten.“
„Ich muss es versuchen.“
„Am besten, wir gehen in die Pflegeabteilung, da kann man irgendwas für Sie tun, mindestens hat man Hilfe in Form von Gehstock oder Rollator.“
Ruth nahm sich zusammen und tatsächlich schafften sie es bis zur Pflegeabteilung. So lernte sie also nach dem Büro auch den Behandlungsraum kennen. War aber nichts Aufregendes: die übliche Liege oder Bahre, wie sie es bei sich nannte und ein paar Schränke und Schränkchen. Blank gewichster Boden und keine Expressionisten an den Wänden.
„Das kriegen wir hin“, meinte Schwester Jana tröstend, „haben Sie ein schmerzlinderndes Gel oder eine Salbe in der Wohnung? Ein paar Tage und es ist alles vergessen. Erst einmal wird der Knöchel allerdings anschwellen.“
„Ach, da kann ich meinen Geisha-Schuh mal wieder anziehen.“ Ruth lachte schon wieder.
Der Schuh mit dem fernöstlichen Namen war ein klobiges Ding, in das angeschwollene Füße passten. Erfreulicherweise für rechte und linke Füße zu nutzen.
„Schön, dass Sie so etwas haben, das ist hilfreich. Vielleicht kann Ihnen Harry mit einer Fußmassage helfen.“
„Frau Klunemeier hat mir mal erzählt, dass er wahre Wunder wirken kann“, sagte Ruth.
Schwester Jana grinste. „Das habe ich schon öfter gehört, dass er sehr beliebt ist, der schöne Harry, er lebt ja auch davon.“
Aus dem Hintergrund erscholl die Stimme von Wunderlich:
„Und nicht schlecht. Seine Hausbesuche sollen es in sich haben.“
Ruth war etwas verwirrt, da gab es etwas, von dem sie keine Ahnung hatte. Der schöne Harry, oder vielmehr Herr Bogener, Physiotherapeut und nebenher ein sehr sympathischer, gut aussehender junger Mann, na ja, vielleicht fünfunddreißig. Sein weißer Kittel war sehr viel flotter geschnitten als die der Pfleger im Haus.
„Er soll auch in Testamenten bedacht worden sein“, setzte Schwester Jana eins drauf. Wunderlich gab einen leicht hysterischen Lacher von sich, was Ruth erstaunte. Hatte Harry Frau Klunemeier etwa näher gekannt? Aber was ging das sie an.
„Tut mir leid, Schwester Jana, dass ich Sie in Anspruch genommen habe. Aber Herr Wunderlich meinte, ich sollte mich behandeln lassen und hat mich darum hergebracht.“
„Das hat er bestimmt gern getan, er besucht uns gern mal hier unten.“ Jana lächelte.
„Ja, das habe ich schon von Schwester Gabi gehört.“
„Gabi, tja, die gibt’s hier nicht mehr. Ihr und Ulla ist gekündigt worden. Unregelmäßigkeiten, hieß es.“ Schwester Jana schaute vor sich hin.
„Ach.“
Ruth rotierte, oder vielmehr die Gedanken in ihrem Gehirn. Kündigung, da musste etwas Gravierendes vorgefallen sein.
„Die Geschäftsführung hat ihnen eine neue Stellung verschafft. Man wollte alles Aufsehen vermeiden.“
Ja, das wollte man wohl. Das Glas Wasser, das Jana ihr gegeben hatte, rutschte Ruth durch die zitternden Finger. Gabi war die Täterin! Die Geschäftsführung hatte die gleiche Vermutung gehabt wie sie selbst. Eine Mörderin in der Krankenabteilung! Die Sensation für die Presse! Das Ansehen des Hauses am Kirchberg – alles vorbei. Das musste vertuscht werden. Also schnell weg mit den beiden Schwestern.
„Aber Frau Bergmann, keine Aufregung. Es ist doch alles halb so schlimm.“
Halb so schlimm? Der GAU.
„Ein verstauchter Knöchel. Das gibt sich doch wieder. Ein paar Tage mit Gehstock und alles ist wieder gut.“
Alles wieder gut? Jetzt erst einmal tief Luft holen und beruhigen. Darüber musste Ruth in Ruhe nachdenken.
„Und wie kam es zu der Kündigung? Etwa wegen der Diebstähle?“, fragte sie, um etwas Näheres heraus zu bekommen.
„Ja, tatsächlich, Frau Klunemeier hatte die Geschäftsführung informiert, dass sie Gabi bei einem Diebstahl beobachtet hätte“, sagte Jana.
„Frau Klunemeier hatte Gabi sogar bei der Polizei anzeigen wollen, hieß es“, fragte Ruth weiter.
„Ja, stimmt, sie hatte sogar schon einen Termin abgesprochen. Einen Tag vor ihrem Tod hat sie das überall laut verkündet.“
Wunderlich war der Unterhaltung schweigend gefolgt und hatte sich irgendwann entfernt. Mit dem geliehenen Gehstock ausgestattet begab sich Ruth hinauf in ihre Wohnung. Im Massageraum war noch Licht, ein leises Kichern war zu hören. Harry bei der Arbeit?

Mittwoch. Ruth war mit Henk zum Mittagessen verabredet. Das hielt sie eigentlich für nicht so schlau, denn die Wörter Mord, Mörder und so weiter würden den Leuten an den Nachbartischen sicher nicht „schmecken“. Inzwischen lachte Ruth über ihre eigenen Witzchen.
Sie hatte es eilig, achtete nur auf den Verkehr und nicht auf die reizvolle Landschaft rechts und links, obwohl sie diese Augenweide für gewöhnlich sehr schätzte. Sie war froh, dass sie Düsseldorf hinter sich gelassen hatte und nun bei allen Fahrten bergauf und bergab durch das Bergische Land fuhr.
Ruth hatte heute Morgen um ein Lokal mit einem nahen Parkplatz gebeten, allzu weit laufen konnte sie mit dem geschwollenen Knöchel nicht. Sie mussten sich daher außerhalb von Düsseldorf treffen, in der Innenstadt sah es mit bequem erreichbaren Parkplätzen schlecht aus. Hier draußen auf dem Land hatten viele Lokale die Vorsilbe Gut oder die Nachsilbe Hof.
Die Innenräume des Gutes waren renoviert und an einem so schönen Tag lichtdurchflutet. Die bergische Landschaft draußen: grün in grün. Henk saß schon da und plauderte mit einer Kellnerin. Er erhob sich flink, sportlich wie er war; Ruth dagegen schleppte ihren linken Fuß im Geisha-Schuh nach.
„Was hast du denn mit deinem Fuß gemacht? Guten Tag erst mal.“
„Knöchel“.
„Setz dich gleich hin, ist bequemer. Und wie geht’s dir ansonsten?“
„Einigermaßen, aber sag erst mal, wie es Eveline geht.“
„Von Tag zu Tag besser, Gott sei Dank.“
„Das ist jetzt fast drei Wochen her, dass du sie ins Krankenhaus gebracht hast. Ob sie psychologische Hilfe brauchen wird?“
„Daran habe ich auch schon gedacht, ich werde mich mal umtun, wer da in Frage kommt. Und in der Reha wird man sie auch in dieser Hinsicht betreuen. Aber jetzt lass uns bestellen, ich habe ziemlichen Hunger, und du?“
„Doch, ja.“
Die Auswahl auf der Speisekarte war nicht groß, aber vielversprechend. Zum Auftakt gab es ein Glas Sekt, das musste sein bei einem Mann, der mit Eveline verheiratet gewesen war. Bis zum Aufbruch und zur Heimfahrt würden sie wieder bei einem Alkoholspiegel von 0,0 sein.
Es gab für beide Wiener Schnitzel mit warmem Kartoffelsalat und danach nur noch Cappuccino, keinen Nachtisch. Aber die Unterhaltung war opulenter, jedenfalls was die Themen betraf.
„Weißt du, sicher sein kann ich bei gar nichts in der Sache Klunemeier, so hieß das Opfer.“ So begann Ruth das Gespräch. „Vielleicht ja nur das vermeintliche Opfer. Das einzige, was sicher ist, sie ist tot.“
„Und nur, weil Eveline und du so viel Fantasie habt, ist daraus eine Mordaufklärung geworden? So sieht es zumindest aus.“
„Ganz so ist es nicht, es gibt den Neffen, der seinerseits den Verdacht hegt, dass man seine Tante die Treppe hinunter gestoßen habe. Er hat das Hämatom an ihrem linken Arm entdeckt, deutlich sichtbare Fingerspuren. Daraus hat er geschlossen, dass jemand in böser Absicht zugegriffen habe. Ihr Rollator stand an der Treppe, so dass anzunehmen ist, dass sie zum Aufzug und nicht über die Treppe gehen wollte.“
„Klingt logisch.“
„Ja, das tut es, aber ich habe das Hämatom nicht gesehen und kann es nun glauben oder nicht.“
„Warum sollte er so etwas erfinden?“
„Das habe ich mich auch gefragt und ihm geglaubt.“
„Also auf jeden Fall ein Indiz.“
„Ein weiteres wäre die Tatsache, dass ein entfernter Verwandter von ihr sie erpresst hätte. Du hörst ‚wäre‘ und ‚hätte‘. Das habe ich von einem Jugendfreund der beiden gehört.“
„Hörensagen.“
„Hämatom, Erpressung. Darauf fußt mein Verdacht gegen meinen Nachbarn Zurlinden. Aber, ehrlich gesagt, die Frage, warum ein Erpresser sein Opfer ermordet, habe ich noch nicht gelöst.“
Ruth hatte das Gefühl, dass sie sich wirklich lächerlich machte.
„Aber das scheint mir doch eine verdammt wichtige Frage zu sein, liebe Ruth.“
„Der Neffe hat einen anderen Verdacht: Er glaubt, in der Jugendzeit seiner Tante und einer damaligen Freundin, die seit kurzem im Haus am Kirchberg wohnt, läge das Motiv für die Tat.“
„Und um was soll es sich da handeln?“
„In meinen Augen eine ganz vage Sache. Die Tante hatte sich nach den Modalitäten einer Adoption vor mehr als fünfzig Jahren erkundigt. Und er meinte, dass seine Tante dieser Frau vielleicht hätte schaden wollen. Was diese, vermutlich eine Frau Overkamp, wiederum hätte wissen müssen, und was so schwerwiegend hätte sein müssen, dass sie sich zu einer solchen Tat hätte hinreißen lassen.“
„Noch mehr ‚hätte‘.“
„Eben.“
„Kennst du sie?“
„Ja, inzwischen ja, Brigitte Overkamp. Verheiratet mit dem Bruder eines Mannes, den sie und die Klunemeier in ihrer Jugend gekannt haben.“
„Woher weißt du das denn?
„Aus den Fotoalben der Klunemeier.“
„Endlich Fakten.“
„Die aber nicht weiter bringen. Man, also ich, müsste klären, was damals vorgefallen ist. Dazu müsste ich aber noch einmal mit dem Jugendfreund der beiden, Eckhard Bromberg, sprechen.“
„Na, dann mach das doch.“
„Das sagt sich so leicht, ich habe ihn schon zwei Mal intensiv befragt, oder vielmehr, er hat eigentlich gern aus seiner Jugend berichtet. Aber wenn ich das so weitertreibe, wird er mich fragen, was das soll. Und ich will mich nicht lächerlich machen mit meinem Verdacht.“
Ruth musste lachen, sie erinnerte sich an einen anderen Verdacht, den sie gehabt hatte:
„Eveline und ich hatten jemand anderen in Verdacht, den Beau Hans-Jürgen Wunderlich. Der war mit Klunemeier befreundet gewesen. Den hab ich ganz schön in Wut gebracht mit meinen Nachforschungen. Eine solche Auseinandersetzung genügt mir, der blaue Fleck ist gerade erst verblasst.“
Nun musste Henk lachen: “Du setzt dich also auch körperlich ein.“
„Nicht freiwillig, er ist auf mich losgegangen, weil ich hinter ihm her geschnüffelt hätte. Oder vielmehr, ja, ich habe Erkundigungen eingezogen. Inzwischen ist die Stimmung wieder friedlich, er hat mich gestern netterweise in die Pflegeabteilung gebracht, als ich mir den Knöchel verletzt hatte.“
Ruth überlegte, ob sie auch ihren neuen Verdacht zur Sprache bringen sollte. Eigentlich war das die schwerwiegendste Sache, wenn sie behauptete, die Geschäftsführung des Hauses am Kirchberg hätte einen Mord vertuscht. Sie traute sich und entsprechend war die Reaktion:
„Liebe Ruth, wenn du meinen Rat als Anwalt hören willst: Lass es sein. Rätselraten mit einer Freundin ist etwas Anderes als Leute gegen sich aufzubringen. Du solltest an deinen Ruf in deiner Umgebung denken und wenn du die Juristen des Hauses am Kirchberg auf den Plan rufst …“
„Du hast Recht. Ich habe natürlich hin und her überlegt, ob ich zur Polizei gehen sollte, um meinen Verdacht zu äußern. Die könnten dann ermitteln und den Mörder finden.“
„Liebe Ruth, das geht auch nicht. Die Polizei darf ohne einen konkreten Verdacht gar nicht ermitteln. Du sprichst von einer Erpressung und die Polizei soll damit einen Mord beweisen, so geht die Kripo nicht vor.“
Ruth seufzte ausführlich und ließ ihren Blick in die grüne Ferne schweifen. Inzwischen war der Cappuccino ausgetrunken; Henk zahlte, er musste zurück in die Kanzlei.
„Eigentlich müsste ich die Zeche zahlen, ich habe doch eine gute Beratung genossen. Ob ich wohl bald mal mit Eveline telefonieren kann?“
„Ich werde mich drum kümmern, sie kann ein bisschen Abwechslung gut gebrauchen. Aber du, du solltest dich anderen Abwechslungen zuwenden. Wie schnell ist von übler Nachrede oder Verleumdung die Rede und du hast eine Anzeige am Hals. Mindestens.“
Von dem erst kürzlich aufgetauchten Harry und seinen angeblichen Betreuungskünsten hatte sie Henk gar nichts erzählen wollen. Ruth hatte diesen Harry hin und wieder mit einem zusammengeklappten Tisch, oder etwas Ähnlichem, im Haus gesehen.

Ruth hatte noch nie darüber nachgedacht, dass es eine weitere Ebene im Haus am Kirchberg gab. Eine ganz eigene, in sich abgeschlossene Welt. Trotzdem innigst verbunden mit der Welt der Bewohner des Hauses. Sollte sie sie Unterwelt nennen? Dieser Ausdruck passte nicht zum Aussehen dieser Leute: alle in Weiß. Sie waren allgegenwärtig, auf den Fluren und auf den Treppen und trotzdem unsichtbar. In Krimis streifte sich der Verbrecher im Krankenhaus einfach einen Kittel über und schon gehörte er zum Inventar, das niemand beachtete. Die Weißkittel hatten überall Zutritt, sie hatten Generalschlüssel. Für das Pflegepersonal war das praktisch, sie suchten häufig kranke oder behinderte Personen auf, die froh waren, nicht zur Korridortür gehen zu müssen, wenn es klingelte. Ob der schöne Harry auch einen Schlüssel hatte?
Was, wenn die Absichten unredlich waren? Wenn sie gesehen wurden, wie sie aufschlossen, wurde das für selbstverständlich gehalten und übersehen. Wenn etwas fehlte in der Wohnung, wer verdächtigte Weißkittel? Frau Klunemeier hatte einen solchen Verdacht ausgesprochen. War jemand in der Pflegeabteilung oder in der Wohnung bestohlen worden? Auch darüber wusste Ruth nichts Konkretes.

Tag einundzwanzig

Nach einigem Suchen konnte sie den Smart in eine Minilücke auf der Ackerstraße quetschen und machte sich auf den Weg zur Wohnung des Neffen. In den Zeitungen war viel vom hippen Düsseldorfer Stadtteil Flingern die Rede und damit war in der Hauptsache die Ackerstraße gemeint. Der erste Anschein bestätigte das: hier eine kleine Galerie, dort ein bunter Laden oder ein gemütliches Café. Alles dicht beieinander.
Ob sich hier wirklich eine Spur zu einem Mörder oder vielmehr einer Mörderin finden würde, daran zweifelte Ruth, als sie die vielen Treppen zur Wohnung des Neffen hochstieg. Sie wollte ihn aber nicht kränken, schließlich saß er auf einem Berg von Informationen in Form des Nachlasses seiner Tante Heta.
Kurz darauf saß Ruth erwartungsvoll in der mit Büchern vollgestopften Junggesellenbude Ulrich Zurlindens vor einem Glas Schweppes Orange. Er reichte ihr eine Mappe, uralt, mit der Aufschrift „Bernhard“. Bernhard, wer war denn das?
Es war ein Bernhard Overkamp, wie eine alte Todesanzeige aus dem Jahr 1959 auswies. Der Bruder des jetzigen Ehemannes von Brigitte; sein Name stand in der Todesanzeige. Daneben lagen ein paar alte Fotos, die die junge Heta mit dem ebenfalls jungen Bernhard zeigten. Der war auch in den Fotoalben zu sehen gewesen. Tante Heta hatte also in ferner Vergangenheit eine Verbindung zur Familie Overkamp gehabt. Allerdings zu einem längst verstorbenen Mitglied der Familie. Eine verdammt kalte Spur. Das schien auch der Neffe zu denken, denn er betrachtete versonnen sein Glas Wein:
„Ich gebe zu, das bringt uns nicht weiter.“
Ruth hatte es allerdings ein wenig weiter gebracht: Vielleicht hatte Heta ein Kind von Bernhard gehabt, das sie zur Adoption freigegeben hatte. Das sie nun im Alter suchen wollte, um ihm das verdiente Erbe zukommen zu lassen. Pech für den Neffen und sein Erbe. Aber vielleicht hatte der Neffe nicht so viel Fantasie wie sie selbst. Sie standen beide vor einem Rätsel, aber jeder vor einem anderen.
Zu Hause zog Ruth mal wieder Bilanz. Zur Frage Adoption eines Kindes von Brigitte: kein Ergebnis. In Sachen Heta: Heirat 1959, laut Angabe des Neffen. Da war wenigstens eine zeitliche Übereinstimmung. Hatte sie einen anderen geheiratet, um Bernhard, der tot war, zu vergessen? Oder hatte sie Franz-Josef Klunemeier geheiratet, weil sie schwanger von dem toten Bernhard gewesen war? Der junge Ehemann hatte das Kind aber nicht gewollt und sie hatte es zur Adoption freigegeben. Könnte so sein, hätte so sein können. Ihre Spekulationen kamen ihr vor wie aus einem Groschenroman, aber das Leben schrieb Groschenromane.
Ruth lief in der Wohnung hin und her, griff nach dem Buch, in dem sie gerade las, dann nach den letzten Seiten der ZEIT, die ungelesen da lagen. Ruhe zum Lesen fand sie nicht.
Alles schrie nach einem weiteren Treffen mit dem Jugendfreund all dieser ehemaligen Düsseldorfer, mit Bromberg. Der kannte mit Sicherheit alle Geheimnisse der Familie Overkamp. Wenn sie darüber Klarheit hätte, könnte sie sich mehr ihrem Verdacht gegen Herbert Zurlinden widmen.
Henk am Telefon: „Eveline hat sich in den letzten Tagen etwas erholt, liegt aber immer noch auf der Intensivstation. Ich habe sie damit aufgeheitert, dass ich ihr erzählt habe, dass du dem Mörder auf der Spur bist. Das bist du doch, oder?“
„Ein vernünftiger Mensch wie du wird sagen: du spinnst!“
„Aber das habt ihr doch beide immer gern getan, gesponnen. Eveline war jedenfalls begeistert und fragte nach Einzelheiten. Die konnte ich ihr leider nicht bieten.“
„Lieber Henk, ich habe nicht vor, in deinen Augen als lächerlich dazustehen, darum wirst du jetzt von mir nichts hören.“ Pause.
„Obwohl – es ist möglich, dass der Mörder mein Nachbar ist. Schrecklich, oder?“
„Ja, liebe Ruth, das wäre es tatsächlich. Wir könnten uns mal zusammensetzen und du erzählst mir als Außenstehendem, was du bisher herausgefunden hast.
„Oh, da bin ich dir dankbar, wenn du dir die Zeit nimmst. In meinem Hirn hat sich eine solche Menge an Informationen angesammelt, dass ich völlig verwirrt bin. So viel Wenn und Aber, soviel Wenn Dann, oder nicht. Was weiß ich wirklich und wem kann ich überhaupt glauben.“
„Arme Ruth.“
Henk hatte erst am Mittwoch Zeit und so kam Ruth nicht weiter. Was Bromberg betraf, so hatte sie Hemmungen, sich wieder an ihn zu wenden. Was würde er von ihr denken? Er gehörte zu den wenigen unbeweibten Herren im Haus am Kirchberg und war bei kleinen Festlichkeiten oder Veranstaltungen viel umschwärmt. Es hieß sogar, dass an manchen Vormittagen Damen mit einem Piccolo und zwei Gläsern vor seiner Tür standen und eingelassen wurden. Sollte sie sich da einreihen? Um Himmelswillen, nein.
Der Kontakt zum Neffen war unergiebig. Wenn die Familie Zurlinden ins Gespräch kam, war er wie die sprichwörtliche Auster. Noch einen Krach mit ihm wollte Ruth nicht riskieren.

Tag zwanzig

Nur mit einem letzten Sprint erreichte Ruth den Kleinbus, der eine Gruppe aus dem Haus am Kirchberg zu einem sonntäglichen Kurzausflug ins Neandertal bringen sollte. Die missbilligenden Blicke einiger Damen konnte sie sich vorstellen, wollte sie aber nicht. Sie ließ sich in einen freien Sitz fallen und versuchte erst einmal zu klären, wer noch mit von der Partie war. Einige der Mitreisenden kannte sie, vom Essen im Speisesaal, von Besuchen bei Lesungen oder anderen Veranstaltungen im Großen Salon und von gemeinsamen Fahrten im Fahrstuhl. Vorn rechts saß das Ehepaar Overkamp und unterhielt sich lebhaft.
Es ging zunächst bergauf über den Höhenzug, der im Kirchberg endet, dann über einige scharfe Serpentinen abwärts und schon war man im weltberühmten Neandertal. Heute kein Museumsbesuch wohl aber ein Gang zur Fundstelle. Zur Fundstelle des Neandertalers. Frau Ludwig, ihre kundige Begleiterin, erklärte im Bus, dass von einer wirklichen Fundstelle nicht die Rede sein könne, denn dann würden sie 22 Meter hoch in die Luft steigen müssen. Der damalige Fundort, die Feldhofer Grotte, war dem Kalkabbau des neunzehnten Jahrhunderts zum Opfer gefallen. Aber man hatte irgendwann eine Stelle markiert, die man nun Fundstelle nannte. Die aufgestellten rotweißen Stangen sollten ein guter Anhaltspunkt sein. Obwohl mehrere Stangen eigentlich keinen Punkt bilden konnten, dachte Ruth, aber nur nebenbei, alles andere interessierte sie so, dass sie weiter zuhörte.
Der Weg zur Fundstelle führte über eine Zeitachse, die die Entwicklungsgeschichte der Menschheit nachzeichnete – Jahrmillionen. Zwischen Steinplatten waren Bronzetafeln mit den Texten eingelassen. Insgesamt ein netter kleiner Spaziergang, auch für Rückenkranke leicht zu bewältigen.
Auf einem Stein nahe der Fundstelle war der genaue Standort eingemeißelt: 51 Grad, 13 Minuten, 44 Sekunden Nord. Beim anschließenden Kaffeehausbesuch bemerkte einer der Teilnehmer, dass das ziemlich genau die Koordinaten von Stonehenge wären. Müsste ich mal nachsehen, ob das stimmt, dachte Ruth. Aber selbst wenn, eine gedankliche Verbindung zwischen den Neandertalern und Stonehenge zustande zu bringen, dürfte schwer fallen. Andererseits: Steinzeit war beides, Alt- und Jungsteinzeit. Reim dich oder ich fress dich.
Alt war auch das Restaurant, in dem Kaffee getrunken wurde, aber innen sehr gemütlich. Ruth kannte es von früheren Ausflügen mit Jugendfreundinnen. Das Ehepaar Overkamp bat Ruth an seinen Tisch, man kannte sich vom Frühlingsfest letzten Dienstag. Bei Kaffee und Kuchen bestätigte man sich gegenseitig, dass man natürlich früher von Düsseldorf aus hier im Tal gewesen war, das gehörte zum Ausflugspflichtprogramm. Damals ging‘s allerdings zum Wildgehege mit den berühmten frei lebenden Wisenten. Man war sich einig, dass man diese Tiere nie gesehen hatte. Sie verbargen sich vor den neugierigen Besuchern. Das wäre heute anders, war zu hören.
Nolens volens kam das Gespräch dann auf das Haus am Kirchberg und seine Bewohner. Overkamps erzählten, dass sie im Haus B wohnten, dem Anbau, auf den Ruth von ihrem Balkon aus blicken konnte. Sie hatten bisher nicht viele Bekanntschaften geschlossen, Herrn Bromberg allerdings kannte Frau Overkamp schon seit der Schulzeit.
„Auf den einen oder anderen Kontakt kann man gut verzichten“, meinte Brigitte Overkamp und ihr Mann nickte dazu.
„Ich habe in der Zeit, in der ich im Haus wohne, die eine oder andere Dame getroffen, die mir bei der Eingewöhnung hilfreich war. Frau Klunemeier zum Beispiel hat mir diesen oder jenen Tipp gegeben. Man muss ja nicht jede Erfahrung selbst machen.“
„Wenn man vorher wüsste, auf wen man im Haus trifft, hätte man vielleicht eine andere Wahl getroffen“, sagte Herr Overkamp nach einer Pause. „Aber manches erledigt sich von selbst.“ Ja, das hatte es wohl getan.
Den Namen Klunemeier hatte nur sie selbst im Gespräch mit Overkamps erwähnt, aber es war ganz deutlich, dass Herr Overkamp an sie gedacht hatte. Das fragliche Ereignis im Leben seiner Frau musste vor seiner Zeit stattgefunden haben, er war deutlich jünger als sie. Ruth dachte, dass sie darüber unbedingt mit dem Neffen sprechen müsse, vielleicht gaben die Unterlagen, die er gefunden hatte, doch etwas mehr her zum Thema Adoption. Zumindest wusste er, wann die Tante geheiratet hatte und nach München gezogen war. Ein Puzzlespiel war gar nichts gegen das, was sie sich aufgebürdet hatte.

Am Abend rief der Neffe an und fragte, ob er denn so spät – es war inzwischen nach zehn Uhr – noch stören dürfe.
„Aber natürlich, Herr Zurlinden, wir wollen ja weiter kommen bei unserer Tätersuche. Ich war heute mit Overkamps zusammen. Konkretes hat sich nicht ergeben, Frau Overkamp äußerte sich überhaupt nicht, nur ihr Mann äußerte seine Befriedigung darüber …“, halt, jetzt kein Wort weiter. „Na ja, bei ihm ergab sich nichts, was einen Verdacht begründet hätte. Ergeben sich aus den Unterlagen Ihrer Tante irgendwelche Jahreszahlen und irgendwelche Namen? Herr Overkamp heißt Wilfried und er ist mit Sicherheit einige Jahre jünger als seine Frau.“
„Vielleicht sollten wir uns nochmals treffen und die Unterlagen gemeinsam durchsehen. Mir wäre es natürlich lieb, wenn Sie hierher kommen könnten. Kann ich Ihnen das denn zumuten?“
Obwohl Ruth eher dazu neigte, Herbert Zurlinden für den Täter zu halten, wollte sie doch auch die Spur Overkamp weiter verfolgen.
„Ich komme gern zu Ihnen. Außer dienstags und donnerstags nachmittags kann ich jederzeit.“
Sie verabredeten sich gleich für den nächsten Tag, Zurlinden hatte ebenfalls Zeit. Wahrscheinlich war er krankgeschrieben

Tage fünfzehn bis siebzehn

So gegen zwanzig Uhr am nächsten Abend war Ruth mit Bromberg zum Frühlingsfest verabredet. Nach der Arbeit im Club hatte sie reichlich Zeit gehabt, sich umzuziehen. Am Morgen hatte Ruth an ihrem Kleiderschrank gestanden und überlegt, was sie am Abend anziehen sollte. Um sich für Herrn Bromberg herauszuputzen? Unsinn, der war nur scharf auf ihre Computerkenntnisse
Die Cafeteria war in Frühlingsfarben geschmückt, die Wand zum daneben liegenden Speisesaal war beiseitegeschoben worden; ein Teil dieses Raums wurde mit benutzt, so dass sehr viel mehr Platz als sonst zur Verfügung stand. Von nebenan erklang Klaviermusik der leichteren Art. Gott sei Dank war nirgendwo eine Tanzfläche zu sehen.
Bromberg kam lebhaft winkend auf Ruth zu, als sie die Cafeteria betrat und sich suchend umsah.
“Wie schön, dass Sie tatsächlich kommen, liebe Frau Bergmann, ich mache Sie gern mit unseren Tischgenossen bekannt.“
Das war schnell getan, nur einer machte einen Auftritt daraus.
„Liebe gnädige Frau, wie habe ich mich gefreut, als Bromberg mir sagte, dass Sie auch kommen würden“, dazu gehörte natürlich ein Handkuss. Aus dem Augenwinkel sah Ruth, dass Bromberg etwas verstimmt schien. Was verständlich war, denn schließlich hatte er sie eingeladen. Was sie wirklich in Anspruch nahm, war die Anstrengung, den überschwänglichen Wunderlich nicht allzu unfreundlich anzusehen.
„Höflich wie immer, lieber Herr Wunderlich. Auf einen netten Abend“, dabei hob sie das Sektglas, das Wunderlich ihr von einem Tablett gereicht hatte und grüßte in die Runde. Sie hoffte sehr, dass das einen eleganten Eindruck machte.
Für sie war der Platz zwischen Bromberg und Wunderlich vorgesehen. Das konnte ja heiter werden.
Ruth sah sich um, der vergrößerte Raum sah fast aus wie ein Festsaal, die meisten Tische waren besetzt, die Stimmung schien gut zu sein, es herrschte ein Stimmengewirr. Die jungen Frauen, die sonst beim Mittagessen servierten, waren alle da, es sollte niemand auf seine Bestellung warten müssen.
Der Abend wurde heiter, nicht so wie Ruth in ihrem Stoßseufzer gedacht hatte, sondern tatsächlich. Mit am Tisch saßen zwei Ehepaare, Overkamps und Hegemanns, munter bis geistreich. Bromberg war mit dem Ehepaar Overkamp sehr vertraut, obwohl diese erst seit ein paar Monaten im Haus am Kirchberg wohnten. Sie duzten sich, vielleicht stammten alle aus Düsseldorf. Das Ehepaar Hegemann stammte wie Wunderlich aus Solingen, sie waren aber beim Sie.
Wunderlich blieb den ganzen Abend über höflich zu Ruth, wenn er verärgert war, so konnte ihm das niemand anmerken. Er unterhielt den ganzen Tisch mit kleinen Anekdoten, die natürlich vorwiegend mit Essen, oder vielmehr Speisen, zu tun hatten. Man hörte ihm gern zu, vor allem die Damen. Die Unterhaltung blieb locker, man sprach von den nächsten Veranstaltungen hier im Haus oder von geplanten Reisen.
Frau Overkamp saß Ruth gegenüber, blonde Locken standen auch einer Dame in den Siebzigern gut, fand Ruth. Ihre Falten waren fast alle Lachfalten, ihr schien das Leben Freude zu machen. Ruth fand sie sympathisch. Herrn Hegemann neben ihr schien es nicht ganz so gut zu gehen, er nippte nur am Sekt und ließ die Häppchen liegen. Herr Overkamp dagegen sprach allem gut zu. Dass die beiden Overkamps einen Mord begangen haben könnten, kam ihr absolut unmöglich vor. Frau Hegemann am äußeren Rand des Tisches flirtete ganz ungeniert mit Wunderlich.
An ihrem Tisch bediente Frau Bauer. Sie schaute recht ernst drein und Ruth bildete sich ein, dass sie dachte: „Ich habe Sie gewarnt“.
Sie war erstaunt, dass Wunderlich den Abend so locker genießen konnte, für sie sah es jedenfalls so aus. Wenn er der Täter war, war das eine große Leistung. Wenn er es nicht war, wie konnte es ihm gleichgültig sein, dass ein Mensch, den er gut gekannt, wenn nicht sogar geliebt hatte, durch eine Untat ums Leben gekommen war? Gerade zwei Wochen war das her. Auch Bromberg, der Jugendfreund, und Frau Overkamp, die Jugendfreundin, Egoisten allesamt, amüsierten sich anscheinend gut.
„Schönes Fräulein, darf ich’s wagen, darf ich Sie nach Hause begleiten?“ Das fragte Hans-Jürgen Wunderlich , nachdem der Abend sich seinem Ende näherte.
„Bin weder Fräulein, weder schön“, sagte Ruth wahrheitsgemäß und konnte so leicht und gebildet absagen.
Das Leben im Haus am Kirchberg hatte eindeutig zwei Ebenen. Einmal die elegante, glänzende, voller Höflichkeit und Hilfsbereitschaft und dann die andere, die mit dem Heulen der Sirene des Rettungswagens verbunden war. Beides hatte man im Foyer vor Augen: die immer strahlende Helle und die vielen Blumengestecke in der Eingangshalle und den roten Wagen vor der Tür, aus dem die Rettungskräfte mit ihrer Ausrüstung stiegen. Dass es wieder einen Einsatz gab, hatte schon der Heulton angekündigt, der laut und lauter wurde und dann plötzlich aufhörte. Da ging man unwillkürlich schneller, denn niemand wollte Zeuge des Elends eines Nachbarn sein.
Aber es gab weitere Ebenen, etwa die vielen unsichtbaren Netze, die aus der Vergangenheit her bestanden. Aus den Herkunftsorten zwischen Düsseldorf und Wuppertal: Hier fanden sich die wieder, die überlebt hatten, entweder der Ehemann oder die Ehefrau. Auch einige wenige Ehepaare, mehr oder weniger glücklich, waren hierher gezogen, weil das Leben in einem Haus oder einer großen Wohnung zu anstrengend geworden war.
Auch Ruth war hier schon ihrer Vergangenheit begegnet. Sie war vor Jahren, vielen Jahren, einmal zur Steuerstrafsachenstelle abgeordnet gewesen. Bei der ersten Begegnung hier am Haus hatte sie sich gefragt, ob Herr X sie wiedererkannt hatte. Falls ja, dann wusste er sich zu beherrschen und sie selbst war verpflichtet, Stillschweigen zu bewahren. Steuergeheimnis.

Am nächsten Morgen erkundigte sich Bromberg telefonisch recht früh, wie ihr denn der Abend in diesem Kreis gefallen habe. Ruth war bei der Morgentoilette, wie sie die Tätigkeiten im Badezimmer nannte, und entsprechend ungnädig. Außerdem war ihr die Bezeichnung „Kreis“ verdächtig. Aber Bromberg merkte nichts oder wollte nichts merken, sondern lud sie ein, am Nachmittag einen kleinen Ausflug mit ihm zu machen. Ausflug, ach du lieber Gott, was für ein antiquierter Ausdruck. Aber warum nicht, überlegte sie, schließlich war sie auf der Jagd nach Informationen. Wenn sie dazu ins Grüne fahren musste, auch gut. Auf diese Weise konnte sie bequem mehr vom Umland kennenlernen.
Das Bergische Land. Orthografisch schien das ein Fehler zu sein, es sollte bergiges Land heißen, weil es bergig oder eigentlich hügelig war. Aber als Düsseldorferin wusste sie natürlich, dass es Bergisches Land heißen musste. Schließlich war die Stadt Düsseldorf sehr lange Zeit die Hauptstadt dieses Bergischen Landes gewesen, genauer des Herzogtums Berg. Vielleicht konnten sie nach Schloss Burg fahren, ein weiteres Kuriosum: Schloss Burg. Das Jagdschloss der Herzöge, die zu Düsseldorf ein echtes Schloss hatten. Gehabt hatten, es war 1872 abgebrannt. Einen Herzog gab es auch längst nicht mehr.
Als Ausflugsziel war Schloss Burg sehr beliebt, es lag malerisch oberhalb der Wupper. Als Ruth Punkt drei Uhr in die A-Klasse des Herrn Bromberg stieg, Gott sei Dank älterer Bauart und daher bequem beim Einsteigen, machte sie sofort den Vorschlag, dorthin zu fahren. Bromberg stimmte zu.
Er war ein sicherer Fahrer, was Ruth beruhigte, sie selbst war eine schreckliche, weil schreckhafte Beifahrerin, und sie hätte ihm nicht gern dazwischen geredet. Aber Beherrschung bei Fehlern wäre ihr schwergefallen. Bromberg schien die Strecke gut zu kennen, in Luftlinie war es nah, aber einige Abzweigungen musste man schon kennen. Autobahn 46, Bundesstraße 224 und dann Landstraße mit Ziel Schloss Burg.
Die übliche Bergische Kaffeetafel mit allem Drum und Dran wäre entschieden zu üppig gewesen, da waren sich beide einig. Es kamen frische Waffeln mit heißen Kirschen auf den Tisch.
Behaglich saß man im Schatten der alten Bäume, auf dem Tisch spielten Sonnenkringel. Im Rücken hatten sie mehr oder weniger altes Gemäuer und Schiefer und vor sich den Blick ins Land. Die Wupper machte auf ihrem Weg zum Rhein Schleifen, die denen des Rheins bei Düsseldorf nicht nachstanden. Natürlich mit weit weniger Wasser.
Wenig macht der Mensch lieber, als von weit oben nach weit unten zu gucken. Das war wissenschaftlich erwiesen, ein Erbe der Steinzeit, als man immer auf der Hut vor bösen Nachbarn sein musste: so Bromberg. Ruth sah viel lieber nach der schönen schlanken schwarzen Katze, die durch die Tischreihen strich. Welch eine Idylle.
Sie weckte Erinnerungen an Jugendjahre. Die Aussicht war immer schon da, nur die Restaurants waren entschieden ärmlicher gewesen. Ganz zwanglos kam Ruth also zu ihrem momentanen Lieblingsthema, den Jugendjahren Brombergs und Klunemeiers, oder vielmehr Zurlindens.
Bromberg wurde lebhaft und erzählte ausführlich von früher. Er freute sich, dass Ruth so aufmerksam zuhörte. Und er war bald bei einem dunklen Punkt angelangt: einem ungerechten Erbonkel. Die eine Seite der Zurlinden-Familie, die von Heta oder vielmehr von Hetas Vater Kurt, hatte ein hübsches Vermögen geerbt und die andere Seite, die von Herbert und seinem Vater Herbert Zurlinden, war nur in den Genuss eines schmalen Vermächtnisses gekommen.
„Also waren Frau Klunemeier und Herr Zurlinden tatsächlich miteinander verwandt?“
„Ja, das waren sie, aber nur entfernt, die Väter waren Vettern. Es gibt gar keine Bezeichnung für diesen Verwandtschaftsgrad. Manche duzen sich nicht einmal, etwa in meiner Familie.“ Bromberg war schön im Fluss. „Ich habe den Herbert früher im Haus Zurlinden getroffen, er war sozusagen der arme Verwandte, der auch eingeladen war zum Kindergeburtstag. Zurlindens hatten ein schönes Haus in Oberkassel. Was mich immer beeindruckt hatte, war die große Eingangshalle, die bis zu einem kleinen Garten mit Springbrunnen durch das ganze Haus führte.“
„Tja, und in einem so schönen Haus die Rolle des armen Verwandten spielen zu müssen, war sicher unerfreulich.“
„Heta war damals ein verwöhntes Püppchen. Ihr durfte es an nichts fehlen. Die Firma Zurlinden war sehr erfolgreich zu der Zeit. Aus einem mittelgroßen Werkstattbetrieb hatte der alte Zurlinden eine Werkzeugfabrik aufgebaut. Mit ihrem armen Vetter ging sie nicht sehr nett um: ‚Herbert, tu dies, Herbert tu das‘, so kommandierte sie ihn herum.“
Bei der Beerdigung war von einer Nazivergangenheit die Rede gewesen, aber Ruth traute sich nicht, das jetzt ins Gespräch zu bringen.
Bromberg hatte versucht, seine Hand auf Ruths zu legen, was aber nicht recht gelingen wollte. Er war wohl aus der Übung. Ein gebräunte, kräftige, sympathische Hand. Es herrschte eine gewisse Verlegenheit und man dachte daran aufzubrechen.
Zurück in ihrer Wohnung musste Ruth erst einmal die neuen Informationen sortieren. Aus einem Winkel ihres Gedächtnisses tauchte die Erinnerung an eine Bemerkung während der Beerdigung auf: „Sie ist erpresst worden, von einem Verwandten.“ Das waren Brombergs Worte gewesen. Um was konnte es sich bei einer Erpressung handeln? Ein Erpresser will aus etwas, das er weiß, Geld machen, oder er will irgendeine Handlung erzwingen. Wer von den beiden Zurlindens brauchte Geld? Am ehesten der Assistenzarzt, die Gehälter waren nicht so rosig. Wollte er Geld oder wollte er, ja was?
Das zu klären hätte sie kurz darauf Gelegenheit gehabt, der Neffe rief am Abend an. Er lieferte ihr eine Erklärung für das normale, liebenswürdige Verhalten Wunderlichs am gestrigen Abend. Er hatte ihn am Sonntagabend tatsächlich aufgesucht und nach viel Hin und Her hatte Wunderlich ein Alibi für den Abend des Treppensturzes geliefert. Es habe mit einer Art „Abenteuer“ zu tun, wie es der Neffe diskret nannte. Ruth wollte es nicht genauer wissen. Besonders froh war sie, dass sie ihre Hirngespinste rund um die Domina Heta für sich behalten hatte.
„Mir ist übrigens inzwischen wieder eingefallen, dass ich bei der Beerdigung die Bemerkung gehört habe, Frau Klunemeier sei von einem Verwandten erpresst worden. Haben Sie eine Ahnung, was das bedeutet?“ Taktvoll war anders.
„Erpresst? Womit denn? Meine Tante hatte nichts zu verbergen!“ Die Stimme des Neffen war nicht entfernt so freundlich wie eben.
„Und außerdem, ich bin ihr einziger Verwandter, warum sollte ich sie erpresst haben?“
„Aber ich verdächtige Sie gar nicht, ich habe gerade heute gehört, dass mein Nachbar Zurlinden ein Verwandter Ihrer Tante war, entfernt, aber immerhin verwandt.“
„Ach, dann haben Sie wohl mit dem alten Bromberg gesprochen, der redet zu viel.“
Alter Bromberg, das war sehr unfreundlich, schließlich war sie selbst im gleichen Alter.
„Ja, habe ich.“
„Da wissen Sie jetzt mehr als ich. Ich kenne den Zurlinden überhaupt nicht. Auf welche Weise bestand da eine Verwandtschaft mit Tante Heta?“
Ruth musste weiter reden, bis sich die Wogen geglättet hatten, schließlich war sie auf den Neffen als Quelle angewiesen.
„Ihr Großvater und seiner waren Vettern, so ist die Verbindung.“
„Und Bromberg weiß natürlich alles, was sich in der Familie abgespielt hat, der gute alte Jugendfreund. Was erzählt der eigentlich alles über mich?“
Der Neffe war anscheinend erbost. Den netten Herrn Bromberg konnte er wohl nicht besonders gut leiden. Über den Neffen hatten sie gar nicht gesprochen.
„Nun, wie auch immer, Herr Zurlinden könnte durchaus der Erpresser sein und ist darum ein Verdächtiger“, lenkte Ruth von der Vergangenheit ab. Obwohl sie sich natürlich vorstellen konnte, dass die Nazigeschichte sehr wohl einen Grund für eine Erpressung liefern könnte.
„Meine Tante hatte nichts zu verbergen, das sage ich Ihnen noch einmal.“ Punkt, aus. „Ich melde mich wieder bei Ihnen, wenn es mir besser geht.“
Auch das noch, sie hatte vergessen, sich nach seinem Unfall zu erkundigen.
Ruth hatte ein Gefühl wie oft am Morgen nach einem letzten Traum: Alles ging schief. Die Aufgaben, die sie zu erfüllen hatte, waren viel zu schwierig für sie, niemand half ihr, sie musste aufgeben – und war froh, endlich wach zu werden.
Aber der heutige „Traum“ ging einfach weiter: Telefon, Henk.
„Kannst du kommen, Eveline liegt auf der Intensivstation.“
„Wo?“
“Krefeld.“
„Ich komme.“
Das war ein schrecklicher Abend. Ruth durfte gar nicht ans Bett von Eveline, sie konnte nur durch die Scheiben sehen, wie sie dalag. Henk stand am Bett und hielt ihre Hand. Der diensttuende Arzt gab dann doch beiden Auskunft, vielleicht, weil sie so positiv ausfiel. Ja, Eveline würde diesen Zusammenbruch überstehen, obwohl sie sehr geschwächt war, ihr Ernährungszustand war jämmerlich. Hatte sie niemanden, der sich kümmerte?
Nein, jemanden, der sich täglich um sie kümmerte, hatte Eveline schon lange nicht mehr. Darüber müssten sie sich später unterhalten, meinte Henk. Zunächst lag eine lange Zeit in einer Rehabilitationsklinik vor Eveline.

Vor Ruth lag ein neuer Tag, an dem sie sich mit ihren bescheidenen Aufgaben im Computer-Club beschäftigen musste. Wie so häufig in letzter Zeit fiel es ihr schwer, sich zu konzentrieren. Immer wieder gingen ihr die vielen kleinen Auskünfte durch den Kopf, die sie in den letzten Tagen gesammelt hatte.
Der Gedanke, dass ihr Nachbar, Herbert Zurlinden, etwas mit dem tödlichen Unfall zu tun haben könnte, tauchte auf. Da gab es eine gemeinsame Vergangenheit mit Frau Klunemeier. Ihr Nachbar. Das war das Schlimmste, das sie sich vorstellen konnte, Tür an Tür mit einem Mörder. Denn tot war Frau Klunemeier, und jemand hatte sie die Treppe hinunter gestoßen. Mit der Absicht, sie zu töten. Andernfalls hätte er sich um sie gekümmert, als sie reglos auf der Treppe lag. Vielleicht hatte er das, hatte nach ihrem Puls gefühlt. Wieso hatte er nicht bemerkt, dass sie noch lebte?
Angenommen, er hatte sie erpresst: Was hatte er von ihr verlangt? Das Naheliegendste war, dass er Geld von ihr verlangt hatte, damit er über irgendetwas schwieg. Brauchte er so dringend Geld, dass er riskierte, als Erpresser angezeigt zu werden? Er sollte sich an der Börse verzockt haben. Die energische Heta Klunemeier hätte eine Erpressung keinesfalls hingenommen. Erpressung und Mord, wie passte das zusammen? Nüchtern betrachtet überhaupt nicht.
Zurück aus dem Computer-Club widmete sich Ruth auf ihrem Balkon wieder der Betrachtung der blauen Ferne und der Nachbarschaft. Die Sonne ging inzwischen hinter dem Kirchberg gegenüber unter, die Jahreszeit schritt voran. Bei einem ihrer seltenen Spaziergänge hatte Ruth festgestellt, dass der Kirchberg gar kein Berg war. Man konnte zwar hinauf steigen, aber nur von drei Seiten, eine vierte gab es nicht, denn bei dem vermeintlichen Berg handelte es sich in Wirklichkeit um den Endpunkt eines Bergrückens war. Von unten aus, und erst recht aus der Rheinebene, die westlich begann, hatte die Erhebung die Bezeichnung Berg verdient.

Tag 14

Kapitel vier – Familiengeheimnisse
Ruth musste ihre Lebensmittelvorräte auffüllen. Sie fuhr also in den örtlichen Supermarkt. Ein Notizzettel war überflüssig, sie ging einfach die Gänge entlang und griff hier und da zu. Am Kaffeeregal zögerte sie und versuchte, einen milden Kaffee zu finden, da tippte ihr jemand auf die Schulter. Wer? Sie drehte sich langsam herum.
„Guten Tag, Frau Bergmann, beim wöchentlichen Einkauf? Ich glaube, Sie kennen mich nicht, ich bin Eckhard Bromberg, ein guter Freund von Heta Klunemeier.“ Sah ganz seriös aus, ehemals blond mit großen braunen Augen. Ein neuer Verdächtiger? Konnte sie an gar nichts anderes mehr denken?
„Sie scheinen mich zu kennen, woher?“
„Ich wohne auch im Haus Kirchberg und Frau Klunemeier hat mir von Ihnen erzählt. Etwas ganz Spezielles, nämlich von Ihren Computer-Kenntnissen.“
„Ach ja, mein Hobby. Ich bringe Leuten, die noch älter sind als ich es bin, bei, wie interessant der Umgang mit einem Computer sein kann.“
„Und darauf will ich hinaus, ich könnte manchmal einen Tipp gebrauchen, dürfte ich Sie dann mal anrufen?“
„Aber klar, ich helfe gern.“
„Ich habe Sie übrigens kürzlich mit Hetas Neffen im Café gesehen, Sie sahen aus wie zwei Verschwörer“, Bromberg grinste verschmitzt, wurde aber gleich wieder ernst: „Den armen Kerl hat es ja auch erwischt, Gott sei Dank ist er nicht allzu schwer verletzt. Aber immerhin, seine rechte Kniescheibe ist angeknackst, schmerzhafte Sache. Ich habe ihn heute Morgen angerufen, er hat mächtig geflucht über seine Dummheit.“
„Dummheit?“
„Ja, er hatte nicht bedacht, dass man bei nassem Boden vorsichtiger fahren muss als sonst.“
Ob Bromberg spüren konnte, dass da ein riesiger Stein von einem ängstlichen Herzen gerutscht war?
„Melden Sie sich ruhig bei mir, wenn Sie Fragen haben.“
„Danke, bis bald also.“
Ruth konnte sich vage erinnern, dass dieser Herr Bromberg auch beim Leichenschmaus gewesen war.

Der Aufzug war so etwas wie ein Drehkreuz, eine zentrale Stelle im Haus Kirchberg. Er war der kleinste Raum im Haus, in Wirklichkeit waren es zwei, aber niemand sagte „Aufzüge“. Hier spielte sich viel Kommunikation ab und manch eine oder manch einer war froh, dass es keine Videokameras oder Mikrofone gab. Versuchte Annäherungen, die in Büros sexuelle Belästigung heißen würden, blieben unentdeckt, spitze Bemerkungen oder Schlimmeres über missliebige Nachbarn auch.
Über den größeren Aufzug wurden die Aus- und Einzüge zu den Wohnungen abgewickelt. Auf Grund des demografischen Wandels ziemlich häufig. Vom Aufzug aus nahmen alle Wege ihren Anfang: zur Empfangshalle und zum Großen Salon nach links, zur Cafeteria und zum Speisesaal nach rechts. Der Gang zum Speisesaal war extra breit, hier konnten Rollatoren abgestellt werden. Zur Ambulanten Pflege ging es ebenfalls nach rechts.

Nach dem Mittagessen machte Ruth sich auf den Weg dorthin, sie war fest entschlossen, ihre Liste der offenen Fragen abzuarbeiten. Die Überprüfung des Alibis von Schwester Gabi erschien ihr am einfachsten.
Auf dem Gang zur Pflegeabteilung fielen Ruth heute rechterhand zwei Türen auf. Zunächst ein „Funktionsraum“. Auf ihrer Etage, wie auf jeder anderen, gab es auch einen Funktionsraum, man konnte dort Müll, Flaschen und Papier entsorgen.
Die nächste Tür war angelehnt, die Massagepraxis. Ruth konnte hinein sehen, es war ziemlich dunkel, eine Wandlampe leuchtete spärlich. Einladend sah es in dem fahlen Licht nicht gerade aus. Eher wie ein Abstellraum. Das Reich von Harry Bogener, Physiotherapeut.
Nach ihrem Einzug hier hatte Ruth überlegt, ob sie die Physiotherapie im Hause in Anspruch nehmen sollte, aber ihre früheren Erfahrungen waren negativ gewesen, häufig wurden dabei nur schlafende Hunde geweckt in Form von tagelangen Schmerzen im unteren Rückenbereich, L3 und L4, wie sie ab und zu jemandem schilderte.
Schwester Ulla begrüßte sie fröhlich und schwenkte die Kaffeekanne: „Käffchen?“
„Immer“, antwortete ebenso fröhlich Ruth. „Viel zu tun?“
„Um die Zeit? Nö, Kaffeepause.“
Und wie weiter?
„Schwester Gabi ist heute nicht da?“
„Schon nach Hause, konnte etwas früher gehen.“
„Genau wie vor vierzehn Tagen, als Frau Klunemeier hierher gebracht wurde.“
„Ja, genau, immer ab sieben. Sie kam rein, als Frau Klunemeier gerade gebracht wurde. Ich war etwas früher da. Wir standen alle um Frau Klunemeier herum und Gabi musste die Akte herausholen.“
Das war ein klares Ergebnis, Gabi war nicht allein mit Frau Klunemeier gewesen. Ruth brauchte nur noch den Kaffee auszutrinken und konnte zufrieden zurück in ihre Wohnung gehen.
„Und tschüss denn“, rief sie den Schwestern zu und entschwand. Mochten sie rätseln, warum sie da gewesen war. Sie wusste: Gabi war’s nicht.

Ruth musste ihre Lektüre unterbrechen: das Telefon. Es meldete sich Herr Bromberg:
„Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, liebe Frau Bergmann, dass ich gleich heute Nachmittag anrufe, aber ich habe da schon länger ein Problem mit meinem Schreibprogramm.“
„Lieber Herr Bromberg, worum geht es denn?“
Das Problem war schnell geklärt, jedenfalls fürs Erste.
„Darf ich Sie gleich zu einer Tasse Kaffee in die Cafeteria einladen?“
„Ja, gern, ich hatte gerade Kaffeedurst“, sagte Ruth wahrheitsgemäß und freute sich, vielleicht eine Quelle für Nachforschungen gefunden zu haben. Aber es konnte natürlich auch ein neuer Verdächtiger sein. Sie war gespannt.
In der Cafeteria herrschte wie immer um diese Zeit ein munteres Treiben. Vor den großen Fenstern spielte sich der Frühling ab und durch einen der leicht geöffneten Flügel kamen die linden Lüfte herein.
Ruth suchte einen Tisch aus, betrachtete dann versonnen die Rosenbilder an den Wänden. Sie war zu früh, oder er zu spät. Da kam er, schnellen Schrittes und anscheinend ganz munter. Die Beleuchtung in der Cafeteria tat Wunder, Bromberg war ein gepflegter, etwas pausbäckiger Greis mit lebhaften Augen. Ab sechzig waren die Männer Greise, das hatte sie mal gelesen, allerdings in einem hundert Jahre alten Roman. Heute sah das etwas anders aus.
Freundliche Begrüßung und gleich die Bestellung: Milchkaffee. Für Ruth wie immer und Bromberg schloss sich an. Zum Kaffee gab es keinen Zucker und von Kuchen war nicht die Rede; sie hatten wohl beide das Gefühl, dass sich das nicht positiv auf die Figur auswirken würde.
„Ich bin so dankbar, jemanden zu kennen, der mir bei Computerfragen helfen kann“, begann Bromberg die Unterhaltung. Ruth lächelte ihn an und trank erst mal einen Schluck Kaffee.
„Ich bin gern behilflich, soweit meine Kenntnisse ausreichen und darüber hinaus habe ich die eine oder andere Verbindung zu schlauen Köpfen, die mir aushelfen können.“
Nun galt es, Frau Klunemeier ins Gespräch zu bringen und das war ganz leicht, weil die Verbindung zwischen ihnen beiden über sie zustande gekommen war. Post mortem sozusagen. Den letzten Satz behielt Ruth allerdings für sich. Sie fand es witzig, aber würde er das auch so sehen? Sie war gespannt, wie er über sie reden würde, war er Verdächtiger oder potentielle Quelle?
„Frau Klunemeier hatte kein besonderes Interesse an dem Lieblingsspielzeug alter Leute, dem Computer“, steuerte Ruth ihr Thema an, „kannten Sie sie schon lange?“
„Aber ja, wir waren Jugendfreunde, nein, eigentlich kannten wir uns schon als Kinder. Mein Vater war Prokurist in der Firma Zurlinden und die Familien verkehrten auch privat miteinander. Das war in den ersten Jahren nach dem Krieg. Alles wurde endlich besser nach dem Horror.“
„Ist doch seltsam, dass der Krieg immer noch in unsere Gespräche hineinspielt, dabei ist es schon so lange her“, sagte Ruth.
„Man sagt ja, dass das Langzeitgedächtnis im Alter besonders gut sei. Ich denke, wir alle im Haus am Kirchberg haben etwas gemeinsam, wir wissen, was Hunger wirklich ist und viele wissen sogar, was Todesangst ist. Irgendwie verbindet uns das.“
Ruth lächelte traurig, ihrer Mutter und ihr selbst war es besonders schlecht gegangen, der Vater war nicht mehr dagewesen und die Mutter hatte kein Talent zur Schwarzmarkthändlerin gehabt.
„Heutzutage geht es den Flüchtlingen so wie vielen von uns am Ende des Krieges. Sie suchen einen Neuanfang“, kam Ruth in die Gegenwart zurück.
„Den wir ihnen nicht ermöglichen wollen. Wir sollten uns schämen. Da gibt es Demonstrationen gegen die Ärmsten der Armen.“
„Ich dachte immer, der Begriff Nazi, das sei einer aus meiner fernen Vergangenheit. Jetzt werden wir eines Schlechteren belehrt.“
„Wir hier im Haus kennen Demonstrationen nur aus den Zeitungen und aus dem Fernsehen. Es gibt ein Draußen und ein Drinnen. Ebenso in der Politik, da heißt es, Deutschland geht es gut. Aber was ist draußen los?“
„Und welchen Einfluss kann das in nächster Zeit auf uns haben? Wer denkt darüber nach. Die Politiker, die Journalisten, wir selbst? Ich halte es gern von mir fern, möchte elende Zeiten wie vor siebzig Jahren nicht mehr erleben.“
Jetzt hatte Ruth ein Gedanke erwischt, den sie seit langem von sich fern gehalten hatte. Früher hatte sie oft über das Schicksal ihrer Großmütter nachgedacht, die das Wenige, das sie über einen Krieg, die Inflation, die Wirtschaftskrise hinübergerettet hatten, auch noch verloren hatten; kurz nach ihrem zweiten Krieg waren sie bettelarm gestorben.
Das war kein Thema für einen heiteren Frühlingsnachmittag. Auch Bromberg schien das zu empfinden und meinte:
“Ach, lassen wir unsere traurigen Erinnerungen, sprechen wir von erfreulicheren Dingen. Kommen Sie morgen Abend zu dem geselligen Beisammensein hier in der Cafeteria?“
„Sie meinen das Frühlingsfest?“
„Ja, so wird es etwas hochtrabend genannt.“
„Das hatte ich nicht vor, so ganz allein zu einem Fest zu gehen, finde ich für mich unpassend.“
„Ich lade Sie herzlich in unsere Runde ein, ein paar sehr nette Leute sind das.“
Ruth hätte alles auf sich genommen, um mit Bromberg in Verbindung zu bleiben, ein Frühlingsfest im eleganten Haus am Kirchberg schien da eine eher sympathische Übung.
„Aber gern, Herr Bromberg“, war also ihre Antwort und Ruth ließ für den Moment Klunemeier Klunemeier und Mord Mord sein.

Tag sechs und sieben Mord am Kirchberg

Kapitel Zwei – Verdächtigungen
Es war Sonntagmorgen, die Kirchenglocken hatten geläutet, auch heute schien die Sonne, die Bussarde kreisten über dem Kirchberg und verschwanden in Richtung unsichtbarer Wiesen. Die Sicht war gut und Ruth genoss es wie immer, weit über die Kölner Bucht blicken zu können. Germanien ist ganz von Wald bedeckt: Hatten das nicht schon die alten Römer geschrieben? Doch unter all den Bäumen versteckte sich das eine oder andere Städtchen, immerhin streckten die ihre Kirchtürme in den Himmel. Ab und zu nahm Ruth den Feldstecher zur Hand, den Klaus aus dem Krieg mitgebracht hatte. So hatte sie langsam begonnen, die Hochhäuser, Türme und Schornsteine den Stadtteilen im Düsseldorfer Süden und den Nachbarstädtchen zuzuordnen.
Der Blick in die Ferne hatte nicht die übliche beruhigende Wirkung auf Ruth. Ruth lief von einem Zimmer ins andere. Hob etwas hoch, legte es wieder weg. Trank ein Glas Wasser, setzte sich in einen Sessel, sprang wieder hoch, setzte sich in den nächsten und starrte vor sich hin.
Sie versank in ein verzweifeltes Grübeln. Wieso sollte es ihr gleichgültig sein, dass vielleicht ein Mörder in ihrer Nachbarschaft lebte? War sie schon so abgestumpft von der Tatsache, dass der Tod an diesem Ort voll alter Menschen sozusagen zu Hause war? Wollte sie sich damit herausreden, dass sie gar nichts tun konnte? Ihr alter Spruch: Ich bin‘s nicht schuld und ich kann’s nicht ändern. Wie beruhigend. Vordergründig stimmte das. Aber irgendwo in ihrem Unterbewusstsein entstand der Gedanke, dass sie der einzige Mensch in diesem Haus war, der etwas tun konnte. Sie konnte Indizien sammeln und sie der Polizei übergeben. Aber, nahm sie sich da nicht zu wichtig? Sie hatte doch bisher nicht zur Selbstüberschätzung geneigt. Außerdem war sie hierher gezogen, um einen ruhigen Lebensabend zu genießen.
Warum Heta Klunemeier das Opfer gewesen war, ob es nur Zufall war oder ob vielleicht auch andere Frauen, die attraktiv, reich und allein waren, bereits früher Opfer geworden waren oder noch werden würden, darum kreisten Ruths Gedanken. Wie viele Todesfälle mit offiziell bescheinigter natürlicher Ursache hatten in Wirklichkeit keine natürlichen Ursachen? Darüber gab es Statistiken, allerdings war auch immer von einer hohen Dunkelziffer die Rede.
Zumindest diesen einen Fall musste Ruth klären! Dass ein Gang zur Polizei jetzt noch nicht in Betracht kam, war ihr klar. Die hatte den Fall als Nichtfall zu den Akten gelegt.
Ruth knöpfte ihre Jacke zu, strich ihre widerspenstigen Haare energisch nach hinten und wählte die Telefonnummer von Ulrich Zurlinden. Nach kurzer Zeit meldete sich die Mailbox. Ruth zögerte, ob sie sich melden sollte, aber der Neffe würde sicher anrufen, wenn er ihren Namen sah.
Sie wollte in die Halle hinunter, um nach einem Termin zu sehen, der dort an dem sogenannten Schwarzen Brett stehen musste. Am Aufzug stand Herbert Zurlinden und begrüßte sie:
„Guten Morgen. Auch unterwegs?“
„Einen schönen guten Sonntagmorgen, Herr Zurlinden“, sagte Ruth und überlegte, worüber sie mit ihrem Nachbarn reden sollte.
„Ja, den werde ich haben, ich gehe zu einem gemütlichen Sonntagmorgen-Frühstück mit Frau Blumenthal. Ihnen wünsche ich dann gleich einen ganzen schönen Tag“, er war gern galant, sah eigentlich ganz gut aus in seinem grünen Anzug, der einen Anflug von Trachtenlook hatte. Ein bisschen blass war er vielleicht, oder sogar sorgenvoll? Der Aufzug ließ auf sich warten.
„Grüßen Sie mir Frau Blumenthal, wir hatten kürzlich eine ausführliche Unterhaltung über Yachten und Boote und unsere jeweiligen Abenteuer.“
„Ja, darüber spricht Irmi gern, das ist eine schöne Erinnerung an die Zeit ihrer Ehe.“ Und weiter: „Haben sie schon eine Todesanzeige der Frau Klunemeier bekommen?“ Pause. „Sie waren doch befreundet mit ihr.“
„Nein, bisher nicht, aber ihr Neffe hat eine angekündigt.“ Der Aufzug war da.
„Ich werde wahrscheinlich keine bekommen, wir waren nur ganz entfernt verwandt, mein Vater und der ihre waren Vettern.“
Zurlinden lächelte jetzt recht verkniffen. Familiengeheimnisse?
Gegen drei Uhr ging das Telefon: Der Neffe Ulrich Zurlinden.
„Sie hatten heute Morgen versucht, mich zu erreichen, ich war im Dienst, Vierundzwanzig-Stunden-Dienst.“
Ach ja, er war Arzt.
„Ich hätte Sie auch angerufen. Eine Bitte: Könnten wir uns treffen, um in aller Ruhe über unser Problem zu sprechen? Ich würde allerdings nicht gern zu Ihnen an den Kirchberg kommen, wir wollen ja keine Pferde scheu machen und die Mörderin warnen. Sie wissen doch, ich habe einen Verdacht.“
Ruth war baff. Machte man die Pferde scheu, wenn man Ulrich Zurlinden traf? Darauf war sie nun gar nicht erpicht. Ein weiterer Schubs und sie war das Opfer. Ein bisschen weit hergeholt?
„Ich kann gern in die Stadt kommen, wenn wir unbedingt vorsichtig sein müssen.“ Irgendwie kam sie sich vor wie in einem Kriminalfilm.
„Wir können uns auf halbem Weg treffen, dann macht es Ihnen nicht zu viel Mühe.“
Gesagt, getan. Ruth ging auf den Parkplatz zu ihrem Smart, der in der Sonne blinkte, endlich mal wieder frisch gewaschen. Sie fuhr zu einem Café in der Pampa, wie sie das Umland von Düsseldorf gern nannte. Ulrich Zurlinden sah wirklich ganz abgekämpft aus, ans Schlafen zwischendurch war nicht zu denken gewesen. Er erwähnte es nur, als Assistenzarzt musste man da durch.
Zwei Mal Milchkaffee und der Neffe legte los: „Sie haben mir von Ihren Überlegungen erzählt, ich habe auch meinen Verdacht. Es muss sich um ein Ereignis in der Jugendzeit meiner Tante handeln, das mit einer Adoption zu tun hat, möglicherweise einer Abtreibung. Sie wusste etwas über eine frühere Freundin. Diese Frau soll im Haus Kirchberg wohnen, seit ewigen Zeiten verheiratet. Aber nicht mit dem Vater des fraglichen Kindes.“
„Ja, vielleicht fürchtete diese Freundin, dass etwas ans Licht käme, was niemand wissen soll.“ Ruths Sinn für Verschwörungstheorien war wieder angesprungen. Sofort hatte sie zwei Frauen vor Augen, die oben an der Treppe standen und miteinander rangen.
„In diese Richtung habe ich gedacht, aber ich habe keine Ahnung, wer das sein könnte. Außer den Fragen, die ein Kind betrafen, und der Andeutung, dass das jetzige Ehepaar in Ihrem Haus wohnt, weiß ich gar nichts. Kennen Sie eine Freundin meiner Tante, auf die ein solcher Verdacht zutreffen könnte?“
Ruth durchforschte ihre Erinnerungen aus den letzten Monaten, aber eine Jugendfreundin der Frau Klunemeier spielte darin keine Rolle. Außerdem dürfte es sich eher um eine Jugendfeindin handeln. Und über so etwas schweigt man.
Dann hatte Ruth einen Geistesblitz:
„Hat Ihre Tante Fotoalben in ihrer Wohnung? Da könnte man mal blättern.“
„Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen, ich werde gleich heute Abend mal nachsehen. Ich muss in der Wohnung weiter sortieren, was erhalten bleiben soll. Falls ich Alben finde, könnten Sie dann mal sehen, ob irgendwelche Ähnlichkeiten mit Nachbarinnen bestehen.“ Die Stimmung belebte sich, es gab etwas zu tun.

Der Montag begann grau in grau, was aber den Vögeln nichts ausmachte, sie jubilierten auch heute. Ruth war gar nicht nach Jubilieren zumute, sie wollte Henk anrufen um zu hören, ob er etwas über den Zustand von Eveline wusste. Vielleicht hatte man ihm sagen können, wie es ihr ging.
„Gar nicht gut, sie ist ja erst seit zwei Tagen in der Klinik. Wir müssen bei einer Entgiftung mit mindestens sieben Tagen rechnen, bevor das Gröbste überwunden ist, hat mir der Arzt erklärt.“
„Und wie geht es dann weiter? Kann sie nach Hause und wer kümmert sich um sie?“
„Liebe Ruth, von einer Rückkehr nach Hause kann gar keine Rede sein. Eveline ist ernstlich krank. Es kann Monate dauern, bis sie wieder allein leben kann. Ich denke, sie ist im Augenblick gut aufgehoben in der Klinik in Krefeld.“
Ruth war ihm wie immer dankbar, dass er sich trotz der Scheidung um Eveline kümmerte. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Evelines Haushaltshilfe Henk anrufen musste, weil Eveline fast bewusstlos in ihrem Bett lag. Dieses Mal hatte es so schlimm ausgesehen, dass sie gleich auch die 112 wählte, um einen Notarzt ins Haus zu bekommen.
„Weißt du eigentlich, dass wir in der letzten Woche mal wieder richtig gesponnen haben? Wir waren auf Mördersuche“, Ruth wollte versuchen, Henk von seiner Niedergeschlagenheit abzulenken. „Mördersuche? Ihr macht aber vor gar nichts Halt“, ging Henk auf den Ablenkungsversuch ein. „Wer war denn das Opfer und wer der Mörder?“
„Das Opfer war eine Nachbarin, die man halbtot auf einer Treppe fand, und den Mörder versuchten wir zu finden.“
„Na ja, halbtot, wie kann man da von Mord sprechen?“ Aus Henk sprach der Rechtsanwalt, zwar nicht spezialisiert auf Strafsachen aber doch mit Tatbeständen vertraut.
„Das war nur die halbe Wahrheit. Kurz nachdem sie gefunden wurde, war sie dann tot. Das Herz. Wir haben spekuliert: Jemand hat sie die Treppe hinunter gestoßen oder jemand hatte ihr ein falsches Medikament verabreicht, oder eine Spritze gesetzt, und aus war‘s. Zwei Verdächtige hatten wir ausgemacht. Und jetzt, lieber Henk, weiß ich, dass es tatsächlich Mord war, oder jedenfalls etwas Ähnliches, denn der Neffe der Toten stellte fest, dass sie ein dickes Hämatom am Arm hatte, man sah die Fingerspuren ganz deutlich. Aber das habe ich Eveline schon nicht mehr sagen können. Es hätte sie gefreut, dass sie Recht hatte mit ihren Vermutungen.“
„Und was ist mit dem Neffen? Als naher Verwandter und möglicher Erbe doch der wahrscheinlichste Täter.“
„Den hat Eveline als Ersten verdächtigt, aber ich kann ihn mir nicht als Mörder vorstellen, und über das Hämatom hätte er dann geschwiegen.“
Nun war sie wieder bei Eveline angelangt und ihr war nach Heulen zu Mute.
Heute Morgen war die Todesanzeige Heta Klunemeier in ihrem Briefkasten gewesen. Die Beerdigung war für Mittwochvormittag vorgesehen, auf dem Nordfriedhof in Düsseldorf. Sie überlegte, ob sie einen Grabstrauß bestellen sollte oder ob eine einzelne Rose genügen würde. Wirklich befreundet war sie mit Frau Klunemeier nicht gewesen, dazu war es nicht mehr gekommen. Aber ob sie sich überhaupt mit einer Frau wie ihr hätte befreunden können, das bezweifelte Ruth zum wiederholten Mal. Die Meinungen von Frau Klunemeier über andere Menschen waren oft sehr negativ ausgefallen. Besonders Frauen, die nicht so im Geld schwammen wie sie selbst, beurteilte sie eher abschätzig.
Den Begriff „auf Augenhöhe“ hatte sie wohl nie kennengelernt und Seminare, bei denen Begriffe wie „ich bin okay“‚ „du bist okay“ vermittelt wurden, waren auch nicht ihr Ding gewesen. Ruth hatte immer gefunden, dass diese Einstellungen im Umgang mit anderen Menschen sehr hilfreich waren. Erst recht in ihrem Beruf als Finanzbeamtin. Der Umgang mit Steuerbürgern, wie das korrekt hieß, war nicht immer einfach gewesen.
Heta Klunemeier hatte nicht viele Menschen gemocht, und eine oder einer davon hatte im Gegenzug sie ganz und gar nicht gemocht. Sie lag nun irgendwo in einem Beerdigungsinstitut in einem wahrscheinlich teuren Sarg und hier im Haus spazierte ein fröhlicher Mörder herum, der ein Problem weniger hatte. Allerdings, ganz so fröhlich konnte sie oder er nicht sein, es bestand immer die Gefahr, dass die Tat entdeckt wurde, auch wenn keine Polizei durchs Haus ging und Untersuchungen anstellte.
Zum Mittagessen nahm Ruth die Anzeige mit. Frau Müller saß wie meistens schon auf ihrem Platz, als sie kam. Die Hände, auch wie meistens, wie zum Gebet gefaltet. Sie hatte übrigens hübsche kleine Hände. Möglicherweise betete sie tatsächlich, sie war, was man als religiös bezeichnete. Hier im Haus nahm sie an den Gottesdiensten teil. Über alle Neuigkeiten im Zusammenhang mit der katholischen Kirche war sie bestens informiert und sie redete auch gern darüber. Was leider am Tisch auf wenig Interesse stieß. Frau Gerlach war von der anderen Fraktion und Ruth war katholisch gewesen. Die Verbindung bestand nur noch in Form der Kirchensteuer und der Freude am sonntäglichen Geläut der Kirchenglocken.
Frau Müller sprach also positiv und anteilnehmend über die verstorbene Nächste. Frau Gerlach berichtete über ihren bisherigen Tageslauf. Es war mal wieder ein Großeinkauf bei Edeka fällig gewesen, ihr Rollator war voll bepackt gewesen. Das Begräbnis Klunemeier interessierte sie weniger.
Was im ganzen Haus auch weniger interessierte, waren die ehemaligen Berufe der Nachbarn. Ruth hatte natürlich einen guten Grund, wenig über ihren Beruf zu sprechen, als Finanzbeamtin war man sofort die Spaßbremse am Tisch. Beamtin müsste genügen, falls mal jemand nachfragte. Was ihre beiden Tischnachbarinnen im Laufe ihres Lebens getan hatten, darüber war auch noch nie gesprochen worden.
Über das Mittagessen musste sie sich hier im Haus keine Gedanken machen, das wurde täglich im Speisesaal serviert. Wohl aber über die Abendessen, dazu musste man regelmäßig im Supermarkt am Ort einkaufen. Es sei denn, man leistete sich ein Essen in der Cafeteria. Ruth fiel der Beau ein, Hans-Jürgen Wunderlich. Der Verdächtige mit der Gelegenheit, aber ohne Motiv. Vielleicht sollte man über ein mögliches Motiv nachdenken?
Hin und her zu überlegen, das bringt nichts, ich muss mich unters Volk mischen und Augen und Ohren offen halten, sagte sich Ruth und ging zum Abendessen in die Cafeteria.
Wie immer erfreute sie sich an den Redouté-Rosenbildern, die so gut zu diesem hellen luftigen Raum passten. Besonders die gelben hatten es ihr angetan, diese Farbe wurde von den Tischdecken im Raum aufgegriffen. Das stellte die im Haus übliche Harmonie her.
Sie hatte die Fenster im Rücken und den ganzen Raum vor sich. So konnte sie sehen, wer herein kam. Aber der Beau war schon da. Er saß an der Bar, umgeben von lebhaft plaudernden Damen, sichtlich der Hahn im Korb. So tröstet der sich über den Verlust seiner Heta hinweg, dachte Ruth und fand wieder mal, dass Menschen mit dem Alter immer gefühlloser werden. Heta Klunemeier war gerade mal eine Woche tot.
„Der sucht ein neues Opfer“, wisperte Frau Bauer, die heute Abend servierte, nachdem sie mitbekommen hatte, wen Ruth beobachtete.
„Ohne weibliche Anbetung kann der doch gar nicht existieren“, flüsterte sie und stellte Schnittchen und ein Alt vor Ruth hin. Die musste grinsen. Frau Bauer war eine propere junge Frau. Na ja, über dreißig ist sie wohl, aber aus meiner Sicht eben jung.
„Ja, scheint so“, meinte Ruth und nickte Frau Bauer zu, „aber Frau Klunemeier war eigentlich gar nicht der Typ Frau, der Männer anbetet.“
„Stimmt“, wisperte es weiter, „sie war eher dominant. Der Herr Wunderlich soll übrigens Sexpartys veranstaltet haben.“ Eine Bombe.
„Hier im Haus?“, fragte Ruth.
„Nein, nein, der hat einen Freundeskreis außerhalb. Nennt sich, glaub ich, Swinger-Club. Da geht man zu zweit hin und vergnügt sich nach eigenem Gusto. Das machen übrigens auch andere Herren aus dem Haus, sogar der unscheinbare Herr Zurlinden. Guten Appetit, Frau Bergmann.“
Interessante Neuigkeiten, überlegte Ruth bei ihrer Fahrt im Aufzug nach oben. Aber was hätte das mit einem Mord an Frau Klunemeier zu tun haben können? Sie wusste Bescheid über seine Gewohnheiten und hätte ihn damit im Haus outen können. Aber wenn schon das Personal Bescheid wusste und gern darüber redete, wie ließ sich da ein Motiv finden? Ruth machte es sich in ihrem Sessel bequem und wälzte die Fragen zum Liebes- oder vielmehr Sexualleben von Herrn Wunderlich hin und her.
Ruths Fantasie begann verwegene Sprünge zu machen. Sie erinnerte sich an die Erzählung einer guten Bekannten, Anni, über deren Erlebnisse mit einem sehr netten, seriösen Mann. Immer ein tadelloses Benehmen, bis – bis er sie zu einem Abendessen in seine Wohnung eingeladen und zum Dessert Andeutungen über interessante Erfahrungen gemacht hatte. Anni war ein wenig begriffsstutzig gewesen, aber in dem Augenblick, in dem er ihr im „Herrenzimmer“ seine Sammlung von vorwiegend schwarzen Utensilien gezeigt hatte, hatte sie nur einen Wunsch: keine interessanten Erfahrungen – nur weg.
Aber Hans-Jürgen Wunderlich, der nette Mann mit der Stupsnase, den konnte sie sich gar nicht in der Rolle eines Sklaven vorstellen. Wen nahm er wohl mit in seinen Club? Heta Klunemeier? Das erschien ihr undenkbar.
Mit einem jungen Mann wie Ulrich Zurlinden über derart heikle Themen zu sprechen, das erschien ihr unmöglich. Erst recht nicht, wenn seine Tante Heta eine Rolle dabei spielte. Und ein Motiv – Fehlanzeige. Eine wunderliche Sackgasse, diese Formulierung gefiel ihr.