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Eigene Leseproben

Was macht der Gärtner auf der sechsten Etage?

Eine berechtigte Frage, nicht wahr? Noch dazu mehrmals die Woche.
Auf meinem Blog „Insiderstories“ gibt es schon einige „Geschichten aus dem Haus am Kirchberg“. Heute habe ich diese neue hinzugefügt. Ich könnte sie auch hier noch einmal hineinkopieren, bin aber faul und setze nur einen Link.
Vielleicht möchten Sie ja auch die anderen Geschichten lesen.

Eigentlich

Ich hatte gehofft, heute verkünden zu können, dass mein neuer Krimi „Mord am Kirchberg II Verdacht“ ab heute zu kaufen sein würde. Aber wie hatte ich schon neulich feststellen müssen: Der Mensch denkt und Gott lenkt. Ich hoffe allerdings, dass sich Gott hier nicht eingemischt hat.
Jetzt gibt es also doch noch eine Leseprobe, die hoffentlich gefällt. Allerletzte Leseprobe.

Mord am Kirchberg II – Verdacht

Der Titel hat sich ein wenig geändert. Dazu hatte ich den klugen Rat von Fachleuten am Messestand von BoD, Book on Demand. Das Wort MORD soll unbedingt weiter vorkommen, dazu dann eine Nummerierung. Das hat mir eingeleuchtet. In den nächsten Tagen kommt der Entwurf des Covers, ich werde es sofort vorstellen.

Es gibt eine neue Leseprobe: Ende Kapitel 3

Tage siebenunddreißig bis dreiundvierzig

Am Mittwochmorgen traf Ruth gleich neben dem Aufzug im Erdgeschoss auf zwei Damen, die sich flüsternd unterhielten. Was war los? Das fragte Ruth ganz ungeniert.
„Harry ist weg.“
„Weg? Wohin?“
„Keine Ahnung“, sagte die eine.
„Sehen Sie selbst, das Schild ist weg“, trug die andere zum Thema bei.
Ein Blick genügte, ja, das Schild „Massagepraxis Harry Bogener, Physiotherapeut“ war abmontiert. Die Tür geschlossen.
Aber es öffnete sich die Tür zur Ambulanten Pflege, Schwester Jana kam heraus, stellte sich vor die Tür von Harrys ehemaligem Reich und gab bereitwillig Auskunft:
„Tja, einmal zu viel geerbt. Das wurde der Geschäftsführung verdächtig. Schadet dem Ruf des Hauses, wie sie sagten.“
„Und wer war so großzügig zu Harry?“
„Frau Klunemeier. Ihr Neffe hat sich im Büro gemeldet und versucht, etwas über Harry herauszufinden. Es ging ja von seinem Erbe ab.“
Frau Eberhard, die gerade dazu gekommen war, wusste mehr:
„Es war schon Erbe Nummer vier. Und das wird dann langsam verdächtig, ist doch klar. Man hat ihm den Raum gekündigt und weg ist er.“
„Seinen neuen Sportwagen wird er jetzt gleich wieder verkaufen müssen. Der findet so leicht keine neue Anstellung“, Schwester Jana schien ihn nicht gerade zu bemitleiden.
„Man liest so viel in den Zeitungen.“
„Na, von Sterbehilfe kann man bei einem Massagekünstler nicht sprechen“, sagte Jana.
„Aber Schwester Jana, keine solchen Themen, da gruselt‘s einen ja.“
Allgemeines Kopfschütteln und jede ging ihres Weges.
Abends gab es eine Lesung, zu der sich Ruth vor einiger Zeit angemeldet hatte. Ein bekannter Schauspieler las Goethe. Der Große Salon war mehr als gut gefüllt, man hätte das Schild „Ausverkauft“ an die Außenklinke hängen können.
Der gekonnte Vortrag rauschte an Ruth vorbei, ihre Gedanken beschäftigten sich immer noch mit dem schönen Harry. Sie hatte sich gedanklich auf Zurlinden eingeschossen, aber wenn es um Geld und Erben ging, dann gab es in diesem Fall mehrere Kandidaten. Wer hatte geerbt? Der Neffe, der entfernte Verwandte Zurlinden und der schöne Harry. Gründe für einen Mord hatten alle drei: Geld, Geld und nochmal Geld.
War es nicht höchste Zeit, die Geschichte abzuschließen und zur Polizei zu gehen? Ruth kam sich vor wie ein Fußballspieler, der ständig dribbelte und nicht zum Torschuss kam. Woher hatte sie denn dieses putzige Bild? Sie konnte gar kein Tor schießen, hatte gar keinen Ball. Nur Phantome, Fotos davon und Vermutungen.
Bromberg müsste dem Neffen bestätigen, dass Heta Klunemeier erpresst worden war. Und der Neffe musste ihre Vermutung akzeptieren, dass Zurlinden von dem Polizeitermin wusste. Dann könnte er zur Polizei gehen. Und die müsste einen Fall daraus machen.
Tja, könnte und müsste. Wie gehabt.

Am nächsten Tag fuhr Ruth wieder in die Reha-Klinik, sie musste gründlich Bericht erstatten über Gerolstein. Die kurzen Telefonberichte waren Eveline zu wenig gewesen. Dienst im Club hatte sie heute nicht, es waren noch Osterferien. Die gab’s auch für ehrenamtlich Tätige.
Es war zwar Frühling, aber es regnete heftig. Die Scheibenwischer hatten gut zu tun. Auf dem Weg zum Eingang der Klinik hüpfte Ruth über Pfützen, ihr fielen die Zeiten ein, in denen sie selbst Rehabilitation brauchte. Von Hüpfen konnte keine Rede sein. Ihr Rücken hatte ihr eine Operation eingetragen. Sie war mit zwei Krücken hineingegangen, konnte zu einer Krücke wechseln und war mit einem einfachen Gehstock nach Hause gefahren. Nach vielen Übungen mit einer Physiotherapeutin konnte sie auch den Stock beiseite stellen. Im Haus Kirchberg verlief es häufig umgekehrt. Nachbarn, die früher ohne Stock zum Wandern aufbrachen, griffen irgendwann zum Gehstock und mussten als nächsten Schritt zum Rollator überwechseln.
„Da hast du ja allerhand gesehen, liebe Ruth. Es wäre schön, wenn wir mal gemeinsam hinfahren könnten. Ich würde vieles gern wiedersehen. Das ist Jahre her, dass ich mit Henk dort gewesen bin. Übrigens gibt es nahe bei Gerolstein die Römerstraße von Trier nach Köln, wir haben mal die Spuren gesucht und gefunden.“
„Eine gute Idee, wir können beide immer mal eine Abwechslung brauchen. Und ich könnte meine Kenntnisse über die alten Römer vertiefen.“
„Abgemacht.“
„Leider hat mich die Klunemeier-Geschichte auch dort erwischt. Ich habe einiges aus der Jugend von Frau Klunemeier und Brigitte Overkamp erfahren …“
Ruth war während des Redens eingefallen, dass Eveline von der Overkamp-Geschichte gar nichts wusste. Mehr wollte sie jetzt nicht erzählen, es lag ihr schwer auf der Seele, dass sie zur Schnüfflerin geworden war. Damit Eveline das Stocken nicht auffiel, erzählte sie gleich weiter, nämlich die Geschichte, die sich in ihrem Keller abgespielt hatte.
„Da hast du aber gebibbert“, meinte Eveline und schien sich in die Situation hineinversetzen zu können.
„Ja, hab‘ ich, geb‘ ich zu. Aber vielleicht gibt es eine harmlose Erklärung.“

Am nächsten Morgen traf Ruth vor dem Aufzug auf Zurlinden, der zurück auf dem Weg zu seiner Wohnung war. Ein sehr knapper Gruß und dann so etwas wie ein Grinsen. Vielleicht gab es doch keine harmlose Erklärung?
Im Aufzug stand sie zusammen mit zwei jungen Frauen in der weißen Kleidung der Pflegeabteilung, beide mit Listen, in die sie eintrugen, wem sie welche Tabletten gebracht oder wem sie welche Hilfe geleistet hatten. Wenn Ruth diese Listen sah, verschlechterte sich ihre Stimmung. Wie viel Krankheit und wie viel Kummer gab es hier im Haus. Im Speisesaal begegnete man gut gelaunten, scheinbar gesunden Menschen. Jedenfalls gaben sich die meisten diesen Anschein.
Ruth wollte zum Einkaufen fahren, bei Edeka am Ort gab es alles, was eine alte Frau für ihren kleinen Haushalt brauchte. Ihr fiel immer wieder der Fernseh-Werbegag ein, der mit der Formulierung bei oder beim Edeka spielte. Sie hatte mal nachgesehen: 1898 war die Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler, also E d K, in Berlin, genauer am Halleschen Tor, gegründet worden. Es musste also definitiv „bei“ heißen. Sie hatte gedacht, das K hätte von Kaufhaus kommen können, dann wäre natürlich „beim“ richtig gewesen. Mit so etwas verbrachten alte Frauen mit PC ihre Zeit, hatte sie gedacht.
Ruth rollte ihren Einkaufswagen durch die Gänge und hoffte im Stillen, wieder auf Bromberg zu treffen. Sie musste mit ihren Nachforschungen weiter kommen. Sie hatte aber Pech, sie traf nur auf Brigitte Overkamp, die für ihren etwas größeren Haushalt einkaufte. Eigentlich hätte sie sich über diese Begegnung freuen können, sie mochte sie, aber ihr schlechtes Gewissen ließ sie ein wenig mürrisch sein. Was Frau Overkamp aber nicht abschreckte:
“Guten Tag Frau Bergmann, auch unterwegs? Ich soll Ihnen einen schönen Gruß bestellen von Frau Guntermann. Sie haben sie in Gerolstein getroffen.“
„Ach ja, es waren ein paar schöne Tage und die Düsseldorfer Gruppe hatte mich sehr nett aufgenommen.“
Ihr Magen drückte sie, ihr schlechtes Gewissen drückte sie.
„Grüßen Sie sie bitte von mir, wenn Sie wieder Kontakt haben.“
Die beiden trennten sich und Ruth badete in ihrem Selbstmitleid, dass sie ein so grässlicher Mensch geworden war. Zum Teufel mit Klunemeier, mit Zurlinden und mit dem Neffen Zurlinden.
Ruth hatte Bromberg bei Edeka nicht getroffen, aber er meldete sich telefonisch bei ihr: PC-Alarm. Sie trafen sich im Großen Salon, Bromberg kam mit seinem Laptop. Das Problem war schnell gelöst, so dass Ruth den leisen Verdacht hatte, dass es nur ein Vorwand gewesen war. Das behielt sie klugerweise für sich und sie verabredeten ein PC-freies Treffen am Abend, auf Wunsch von Ruth außerhalb des Hauses. Diesmal kein Italiener, sondern ein chinesisches Restaurant. Schnell zu erreichen.
„Haben Sie auch gehört, dass Herr Zurlinden geerbt hat?“, fragte Ruth, als sie im Chinarestaurant Platz genommen hatten.
„Ja, ich habe davon gehört, das ganze Haus spricht ja davon.“
„Ob Herr Zurlinden wusste, dass er bedacht werden sollte?“
„Auf gar keinen Fall, das hätte Heta mir sicher gesagt.“
Ruth sah ein Motiv dahinschwinden. Das geschmackvoll ausgestattete Restaurant sah auf einmal eher trüb aus. Blieb noch die Erpressung.
„Ich meine mich zu erinnern, dass Sie auf der Beerdigung von Frau Klunemeier erzählt haben, dass sie von einem Verwandten erpresst worden wäre?“
„Ja, das ist wahr, das hatte Zurlinden tatsächlich versucht und Heta hatte überlegt, ob sie ihm etwas zukommen lassen sollte. Um was es bei der Erpressung ging, hat sie mir allerdings nicht erzählt.“
Na, alles hatte sie ihrem lieben Freund auch nicht erzählt. Etwas, was die Familie betraf? Der diskrete Herr Bromberg hatte sicher nie durchblicken lassen, dass er so ziemlich alles über die Familie Zurlinden wusste. Es entstand eine Pause, das bestellte Essen kam. Danach griff Ruth ihren Faden wieder auf.
„Lieber Herr Bromberg, ich frage deshalb nach diesen Dingen, weil der Verdacht besteht, dass Frau Klunemeier ermordet worden ist.“ Stille. Die rosa Wangen des netten Herrn Bromberg waren blass geworden und er starrte Ruth sprachlos an.
Als er endlich Worte fand, sprudelte es nur so hervor:
„Aber wie kommen Sie denn darauf? Was soll denn passiert sein? Wer soll denn das getan haben? Das ist ganz unmöglich.“
„Es gibt so etwas wie Indizien.“ Ruth erzählte ihm, was sie wusste.
„Das ist typisch für den Neffen, der spinnt doch. Sollte sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Da hätte er genug zu tun. Wer hat denn überhaupt ein Motiv?“
„Ich vermute: Herbert Zurlinden. Frau Klunemeier hatte überall erzählt, dass sie einen Termin mit einem Polizisten hatte. Er wird gedacht haben, dass sie ihn anzeigen wollte wegen der Erpressung.“
„Aber sie wollte ihn gar nicht anzeigen, sie wollte ihm im Gegenteil etwas geben.“
„Aber hat er das gewusst? Er wusste nur, dass sie einen Termin mit der Polizei hatte. Und ein schlechtes Gewissen hatte er auch, nehme ich jedenfalls an.“ Ruth versuchte überzeugend zu sein. „Der Neffe hat übrigens eine andere Theorie.“
„Da hatte ich doch den richtigen Eindruck, als ich Sie im Café habe sitzen sehen. Das hätte ich nicht von Ihnen gedacht, Frau Bergmann, dass Sie so viel negative Fantasie entwickeln. Schade. Jemanden des Mordes zu verdächtigen, das ist abscheulich. Ich bin sehr enttäuscht von Ihnen.“
Es sah so aus, als wollte Bromberg aufstehen und das Lokal verlassen. Er blieb aber sitzen und schwieg. Ruth war äußerst beklommen zumute. Wie konnte sie aus dieser Situation wieder herauskommen. Eigentlich hatte sie nur die Bestätigung haben wollen, dass Zurlinden Frau Klunemeier tatsächlich erpresst hatte. Es passte so gut zu der Tatsache, dass Frau Klunemeier einen Polizeitermin hatte. Dann war sie einen Schritt weiter gegangen und hatte von ihrem Verdacht erzählt. Was hatte sie eigentlich damit erreichen wollen? Du dumme alte Frau. Schon wieder jemanden gegen dich aufgebracht.
Sie konnte sich gut vorstellen, wie es im Hirn Brombergs arbeitete und tatsächlich:
„Ich darf also davon ausgehen, dass Sie sich mit mir nur getroffen haben, um mich auszuhorchen.“
„Was soll ich dazu sagen. Natürlich haben mich Ihre Erzählungen in meinem Verdacht bestärkt. Aber diese Auskünfte hätte ich auch von anderen bekommen können.“
Das war glatt gelogen und Bromberg glaubte es auch nicht.
„Ich kann also jeden Düsseldorfer im Haus Kirchberg nur warnen, sich mit Ihnen über frühere Zeiten zu unterhalten. Ich denke, wir gehen jetzt.“
Schweigend kam man im Haus an, schweigend ging jeder seiner Wege, Ruth ins Haus A und Bromberg ins Haus B. Ruth fragte sich zum wiederholten Mal, wieso sie sich so in den Verdacht Zurlinden verbissen hatte. Nun hatte sie sich dadurch den Kontakt mit einem sehr netten Menschen verdorben.
Eveline hatte am Telefon den Vergleich mit einem gewissen Elefanten gebraucht und Ruth hatte ihr nur zustimmen können. Hätte sie doch den Mund gehalten, sie hatte doch erfahren, was sie wissen wollte.
Reichte ihr Wissen für einen Besuch bei der Polizei? Nein. Außerdem würde es sicher glaubwürdiger wirken, wenn der Neffe seinen Verdacht dort vortragen würde. Ihm müsste sie also alles über Herbert Zurlinden und seine Tante erzählen. Wie sie das tun sollte, ohne einen weiteren großen Krach zu entfachen, das wusste sie nicht. Negatives über seine Tante machte ihn wütend.
Der Samstag ging dahin, der Sonntag, der Montag.
Dienstag winkte ein wenig Abwechslung durch ihre Tätigkeit im Computer-Club. So gern war sie lange nicht mehr hingefahren.
Wie beim Twitter-Nachmittag versprochen, war heute der Facebook-Account zu besichtigen gewesen. Die Posts: etwas Neanderland, etwas Düsseldorf.
Was erheiternd war: die Werbung. Gefühlt wochenlang hatte Facebook ihr einen Fußballtorwart-Handschuh zum Preis von 29,85 Euro angeboten, später ein leicht zu bedienendes Garagentor. Jetzt gab es eine Auswahl niedlicher junger Männer, die alle ihre Enkel hätten sein können. Sie alle warteten auf ihren Anruf.
„Haben Sie denn schon mal zugegriffen?“, fragte die kesse Frau Lange.
„Meinen Sie, ich sollte? Wer möchte noch?“
Begeistertes: „Hier, hier, ich.“ Von definitiv über Sechzigjährigen, man lachte halt gern.
„Und so viel zu dem Gerücht, Facebook wüsste alles über seine Nutzer.“ Beifall.