Archive for the ‘Eigene Leseproben’ Category

Was macht der Gärtner auf der sechsten Etage?

Sonntag, März 5th, 2017

Eine berechtigte Frage, nicht wahr? Noch dazu mehrmals die Woche.
Auf meinem Blog „Insiderstories“ gibt es schon einige „Geschichten aus dem Haus am Kirchberg“. Heute habe ich diese neue hinzugefügt. Ich könnte sie auch hier noch einmal hineinkopieren, bin aber faul und setze nur einen Link.
Vielleicht möchten Sie ja auch die anderen Geschichten lesen.

Eigentlich

Montag, November 28th, 2016

Ich hatte gehofft, heute verkünden zu können, dass mein neuer Krimi „Mord am Kirchberg II Verdacht“ ab heute zu kaufen sein würde. Aber wie hatte ich schon neulich feststellen müssen: Der Mensch denkt und Gott lenkt. Ich hoffe allerdings, dass sich Gott hier nicht eingemischt hat.
Jetzt gibt es also doch noch eine Leseprobe, die hoffentlich gefällt. Allerletzte Leseprobe.

Bald wird der Krimi veröffentlicht

Dienstag, November 15th, 2016

Hier eine weitere Leseprobe

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Es geht weiter

Montag, November 14th, 2016

Heute habe ich den Auftrag zur Veröffentlichung von MORD AM KIRCHBERG II Verdacht erteilt. Nun geht es auch weiter mit den LESEPROBEN.

Mord am Kirchberg II – Verdacht

Dienstag, Oktober 25th, 2016

Der Titel hat sich ein wenig geändert. Dazu hatte ich den klugen Rat von Fachleuten am Messestand von BoD, Book on Demand. Das Wort MORD soll unbedingt weiter vorkommen, dazu dann eine Nummerierung. Das hat mir eingeleuchtet. In den nächsten Tagen kommt der Entwurf des Covers, ich werde es sofort vorstellen.

Es gibt eine neue Leseprobe: Ende Kapitel 3

Leseproben Am Kirchberg – Verdacht

Freitag, Oktober 14th, 2016

Jetzt ein Auszug aus Kapitel 3
Das Buch erscheint im November.

Leseprobe vom Neuen

Freitag, September 23rd, 2016

Nämlich von „Am Kirchberg – Verdacht„.
Ich habe jetzt alle Fehler beseitigt 😉 😉 🙂 , bin wesentlich gründlicher als mein Lektor. Darum jetzt ein Blick auf das 1. Kapitel.

Tage siebenunddreißig bis dreiundvierzig

Mittwoch, November 4th, 2015

Am Mittwochmorgen traf Ruth gleich neben dem Aufzug im Erdgeschoss auf zwei Damen, die sich flüsternd unterhielten. Was war los? Das fragte Ruth ganz ungeniert.
„Harry ist weg.“
„Weg? Wohin?“
„Keine Ahnung“, sagte die eine.
„Sehen Sie selbst, das Schild ist weg“, trug die andere zum Thema bei.
Ein Blick genügte, ja, das Schild „Massagepraxis Harry Bogener, Physiotherapeut“ war abmontiert. Die Tür geschlossen.
Aber es öffnete sich die Tür zur Ambulanten Pflege, Schwester Jana kam heraus, stellte sich vor die Tür von Harrys ehemaligem Reich und gab bereitwillig Auskunft:
„Tja, einmal zu viel geerbt. Das wurde der Geschäftsführung verdächtig. Schadet dem Ruf des Hauses, wie sie sagten.“
„Und wer war so großzügig zu Harry?“
„Frau Klunemeier. Ihr Neffe hat sich im Büro gemeldet und versucht, etwas über Harry herauszufinden. Es ging ja von seinem Erbe ab.“
Frau Eberhard, die gerade dazu gekommen war, wusste mehr:
„Es war schon Erbe Nummer vier. Und das wird dann langsam verdächtig, ist doch klar. Man hat ihm den Raum gekündigt und weg ist er.“
„Seinen neuen Sportwagen wird er jetzt gleich wieder verkaufen müssen. Der findet so leicht keine neue Anstellung“, Schwester Jana schien ihn nicht gerade zu bemitleiden.
„Man liest so viel in den Zeitungen.“
„Na, von Sterbehilfe kann man bei einem Massagekünstler nicht sprechen“, sagte Jana.
„Aber Schwester Jana, keine solchen Themen, da gruselt‘s einen ja.“
Allgemeines Kopfschütteln und jede ging ihres Weges.
Abends gab es eine Lesung, zu der sich Ruth vor einiger Zeit angemeldet hatte. Ein bekannter Schauspieler las Goethe. Der Große Salon war mehr als gut gefüllt, man hätte das Schild „Ausverkauft“ an die Außenklinke hängen können.
Der gekonnte Vortrag rauschte an Ruth vorbei, ihre Gedanken beschäftigten sich immer noch mit dem schönen Harry. Sie hatte sich gedanklich auf Zurlinden eingeschossen, aber wenn es um Geld und Erben ging, dann gab es in diesem Fall mehrere Kandidaten. Wer hatte geerbt? Der Neffe, der entfernte Verwandte Zurlinden und der schöne Harry. Gründe für einen Mord hatten alle drei: Geld, Geld und nochmal Geld.
War es nicht höchste Zeit, die Geschichte abzuschließen und zur Polizei zu gehen? Ruth kam sich vor wie ein Fußballspieler, der ständig dribbelte und nicht zum Torschuss kam. Woher hatte sie denn dieses putzige Bild? Sie konnte gar kein Tor schießen, hatte gar keinen Ball. Nur Phantome, Fotos davon und Vermutungen.
Bromberg müsste dem Neffen bestätigen, dass Heta Klunemeier erpresst worden war. Und der Neffe musste ihre Vermutung akzeptieren, dass Zurlinden von dem Polizeitermin wusste. Dann könnte er zur Polizei gehen. Und die müsste einen Fall daraus machen.
Tja, könnte und müsste. Wie gehabt.

Am nächsten Tag fuhr Ruth wieder in die Reha-Klinik, sie musste gründlich Bericht erstatten über Gerolstein. Die kurzen Telefonberichte waren Eveline zu wenig gewesen. Dienst im Club hatte sie heute nicht, es waren noch Osterferien. Die gab’s auch für ehrenamtlich Tätige.
Es war zwar Frühling, aber es regnete heftig. Die Scheibenwischer hatten gut zu tun. Auf dem Weg zum Eingang der Klinik hüpfte Ruth über Pfützen, ihr fielen die Zeiten ein, in denen sie selbst Rehabilitation brauchte. Von Hüpfen konnte keine Rede sein. Ihr Rücken hatte ihr eine Operation eingetragen. Sie war mit zwei Krücken hineingegangen, konnte zu einer Krücke wechseln und war mit einem einfachen Gehstock nach Hause gefahren. Nach vielen Übungen mit einer Physiotherapeutin konnte sie auch den Stock beiseite stellen. Im Haus Kirchberg verlief es häufig umgekehrt. Nachbarn, die früher ohne Stock zum Wandern aufbrachen, griffen irgendwann zum Gehstock und mussten als nächsten Schritt zum Rollator überwechseln.
„Da hast du ja allerhand gesehen, liebe Ruth. Es wäre schön, wenn wir mal gemeinsam hinfahren könnten. Ich würde vieles gern wiedersehen. Das ist Jahre her, dass ich mit Henk dort gewesen bin. Übrigens gibt es nahe bei Gerolstein die Römerstraße von Trier nach Köln, wir haben mal die Spuren gesucht und gefunden.“
„Eine gute Idee, wir können beide immer mal eine Abwechslung brauchen. Und ich könnte meine Kenntnisse über die alten Römer vertiefen.“
„Abgemacht.“
„Leider hat mich die Klunemeier-Geschichte auch dort erwischt. Ich habe einiges aus der Jugend von Frau Klunemeier und Brigitte Overkamp erfahren …“
Ruth war während des Redens eingefallen, dass Eveline von der Overkamp-Geschichte gar nichts wusste. Mehr wollte sie jetzt nicht erzählen, es lag ihr schwer auf der Seele, dass sie zur Schnüfflerin geworden war. Damit Eveline das Stocken nicht auffiel, erzählte sie gleich weiter, nämlich die Geschichte, die sich in ihrem Keller abgespielt hatte.
„Da hast du aber gebibbert“, meinte Eveline und schien sich in die Situation hineinversetzen zu können.
„Ja, hab‘ ich, geb‘ ich zu. Aber vielleicht gibt es eine harmlose Erklärung.“

Am nächsten Morgen traf Ruth vor dem Aufzug auf Zurlinden, der zurück auf dem Weg zu seiner Wohnung war. Ein sehr knapper Gruß und dann so etwas wie ein Grinsen. Vielleicht gab es doch keine harmlose Erklärung?
Im Aufzug stand sie zusammen mit zwei jungen Frauen in der weißen Kleidung der Pflegeabteilung, beide mit Listen, in die sie eintrugen, wem sie welche Tabletten gebracht oder wem sie welche Hilfe geleistet hatten. Wenn Ruth diese Listen sah, verschlechterte sich ihre Stimmung. Wie viel Krankheit und wie viel Kummer gab es hier im Haus. Im Speisesaal begegnete man gut gelaunten, scheinbar gesunden Menschen. Jedenfalls gaben sich die meisten diesen Anschein.
Ruth wollte zum Einkaufen fahren, bei Edeka am Ort gab es alles, was eine alte Frau für ihren kleinen Haushalt brauchte. Ihr fiel immer wieder der Fernseh-Werbegag ein, der mit der Formulierung bei oder beim Edeka spielte. Sie hatte mal nachgesehen: 1898 war die Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler, also E d K, in Berlin, genauer am Halleschen Tor, gegründet worden. Es musste also definitiv „bei“ heißen. Sie hatte gedacht, das K hätte von Kaufhaus kommen können, dann wäre natürlich „beim“ richtig gewesen. Mit so etwas verbrachten alte Frauen mit PC ihre Zeit, hatte sie gedacht.
Ruth rollte ihren Einkaufswagen durch die Gänge und hoffte im Stillen, wieder auf Bromberg zu treffen. Sie musste mit ihren Nachforschungen weiter kommen. Sie hatte aber Pech, sie traf nur auf Brigitte Overkamp, die für ihren etwas größeren Haushalt einkaufte. Eigentlich hätte sie sich über diese Begegnung freuen können, sie mochte sie, aber ihr schlechtes Gewissen ließ sie ein wenig mürrisch sein. Was Frau Overkamp aber nicht abschreckte:
“Guten Tag Frau Bergmann, auch unterwegs? Ich soll Ihnen einen schönen Gruß bestellen von Frau Guntermann. Sie haben sie in Gerolstein getroffen.“
„Ach ja, es waren ein paar schöne Tage und die Düsseldorfer Gruppe hatte mich sehr nett aufgenommen.“
Ihr Magen drückte sie, ihr schlechtes Gewissen drückte sie.
„Grüßen Sie sie bitte von mir, wenn Sie wieder Kontakt haben.“
Die beiden trennten sich und Ruth badete in ihrem Selbstmitleid, dass sie ein so grässlicher Mensch geworden war. Zum Teufel mit Klunemeier, mit Zurlinden und mit dem Neffen Zurlinden.
Ruth hatte Bromberg bei Edeka nicht getroffen, aber er meldete sich telefonisch bei ihr: PC-Alarm. Sie trafen sich im Großen Salon, Bromberg kam mit seinem Laptop. Das Problem war schnell gelöst, so dass Ruth den leisen Verdacht hatte, dass es nur ein Vorwand gewesen war. Das behielt sie klugerweise für sich und sie verabredeten ein PC-freies Treffen am Abend, auf Wunsch von Ruth außerhalb des Hauses. Diesmal kein Italiener, sondern ein chinesisches Restaurant. Schnell zu erreichen.
„Haben Sie auch gehört, dass Herr Zurlinden geerbt hat?“, fragte Ruth, als sie im Chinarestaurant Platz genommen hatten.
„Ja, ich habe davon gehört, das ganze Haus spricht ja davon.“
„Ob Herr Zurlinden wusste, dass er bedacht werden sollte?“
„Auf gar keinen Fall, das hätte Heta mir sicher gesagt.“
Ruth sah ein Motiv dahinschwinden. Das geschmackvoll ausgestattete Restaurant sah auf einmal eher trüb aus. Blieb noch die Erpressung.
„Ich meine mich zu erinnern, dass Sie auf der Beerdigung von Frau Klunemeier erzählt haben, dass sie von einem Verwandten erpresst worden wäre?“
„Ja, das ist wahr, das hatte Zurlinden tatsächlich versucht und Heta hatte überlegt, ob sie ihm etwas zukommen lassen sollte. Um was es bei der Erpressung ging, hat sie mir allerdings nicht erzählt.“
Na, alles hatte sie ihrem lieben Freund auch nicht erzählt. Etwas, was die Familie betraf? Der diskrete Herr Bromberg hatte sicher nie durchblicken lassen, dass er so ziemlich alles über die Familie Zurlinden wusste. Es entstand eine Pause, das bestellte Essen kam. Danach griff Ruth ihren Faden wieder auf.
„Lieber Herr Bromberg, ich frage deshalb nach diesen Dingen, weil der Verdacht besteht, dass Frau Klunemeier ermordet worden ist.“ Stille. Die rosa Wangen des netten Herrn Bromberg waren blass geworden und er starrte Ruth sprachlos an.
Als er endlich Worte fand, sprudelte es nur so hervor:
„Aber wie kommen Sie denn darauf? Was soll denn passiert sein? Wer soll denn das getan haben? Das ist ganz unmöglich.“
„Es gibt so etwas wie Indizien.“ Ruth erzählte ihm, was sie wusste.
„Das ist typisch für den Neffen, der spinnt doch. Sollte sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Da hätte er genug zu tun. Wer hat denn überhaupt ein Motiv?“
„Ich vermute: Herbert Zurlinden. Frau Klunemeier hatte überall erzählt, dass sie einen Termin mit einem Polizisten hatte. Er wird gedacht haben, dass sie ihn anzeigen wollte wegen der Erpressung.“
„Aber sie wollte ihn gar nicht anzeigen, sie wollte ihm im Gegenteil etwas geben.“
„Aber hat er das gewusst? Er wusste nur, dass sie einen Termin mit der Polizei hatte. Und ein schlechtes Gewissen hatte er auch, nehme ich jedenfalls an.“ Ruth versuchte überzeugend zu sein. „Der Neffe hat übrigens eine andere Theorie.“
„Da hatte ich doch den richtigen Eindruck, als ich Sie im Café habe sitzen sehen. Das hätte ich nicht von Ihnen gedacht, Frau Bergmann, dass Sie so viel negative Fantasie entwickeln. Schade. Jemanden des Mordes zu verdächtigen, das ist abscheulich. Ich bin sehr enttäuscht von Ihnen.“
Es sah so aus, als wollte Bromberg aufstehen und das Lokal verlassen. Er blieb aber sitzen und schwieg. Ruth war äußerst beklommen zumute. Wie konnte sie aus dieser Situation wieder herauskommen. Eigentlich hatte sie nur die Bestätigung haben wollen, dass Zurlinden Frau Klunemeier tatsächlich erpresst hatte. Es passte so gut zu der Tatsache, dass Frau Klunemeier einen Polizeitermin hatte. Dann war sie einen Schritt weiter gegangen und hatte von ihrem Verdacht erzählt. Was hatte sie eigentlich damit erreichen wollen? Du dumme alte Frau. Schon wieder jemanden gegen dich aufgebracht.
Sie konnte sich gut vorstellen, wie es im Hirn Brombergs arbeitete und tatsächlich:
„Ich darf also davon ausgehen, dass Sie sich mit mir nur getroffen haben, um mich auszuhorchen.“
„Was soll ich dazu sagen. Natürlich haben mich Ihre Erzählungen in meinem Verdacht bestärkt. Aber diese Auskünfte hätte ich auch von anderen bekommen können.“
Das war glatt gelogen und Bromberg glaubte es auch nicht.
„Ich kann also jeden Düsseldorfer im Haus Kirchberg nur warnen, sich mit Ihnen über frühere Zeiten zu unterhalten. Ich denke, wir gehen jetzt.“
Schweigend kam man im Haus an, schweigend ging jeder seiner Wege, Ruth ins Haus A und Bromberg ins Haus B. Ruth fragte sich zum wiederholten Mal, wieso sie sich so in den Verdacht Zurlinden verbissen hatte. Nun hatte sie sich dadurch den Kontakt mit einem sehr netten Menschen verdorben.
Eveline hatte am Telefon den Vergleich mit einem gewissen Elefanten gebraucht und Ruth hatte ihr nur zustimmen können. Hätte sie doch den Mund gehalten, sie hatte doch erfahren, was sie wissen wollte.
Reichte ihr Wissen für einen Besuch bei der Polizei? Nein. Außerdem würde es sicher glaubwürdiger wirken, wenn der Neffe seinen Verdacht dort vortragen würde. Ihm müsste sie also alles über Herbert Zurlinden und seine Tante erzählen. Wie sie das tun sollte, ohne einen weiteren großen Krach zu entfachen, das wusste sie nicht. Negatives über seine Tante machte ihn wütend.
Der Samstag ging dahin, der Sonntag, der Montag.
Dienstag winkte ein wenig Abwechslung durch ihre Tätigkeit im Computer-Club. So gern war sie lange nicht mehr hingefahren.
Wie beim Twitter-Nachmittag versprochen, war heute der Facebook-Account zu besichtigen gewesen. Die Posts: etwas Neanderland, etwas Düsseldorf.
Was erheiternd war: die Werbung. Gefühlt wochenlang hatte Facebook ihr einen Fußballtorwart-Handschuh zum Preis von 29,85 Euro angeboten, später ein leicht zu bedienendes Garagentor. Jetzt gab es eine Auswahl niedlicher junger Männer, die alle ihre Enkel hätten sein können. Sie alle warteten auf ihren Anruf.
„Haben Sie denn schon mal zugegriffen?“, fragte die kesse Frau Lange.
„Meinen Sie, ich sollte? Wer möchte noch?“
Begeistertes: „Hier, hier, ich.“ Von definitiv über Sechzigjährigen, man lachte halt gern.
„Und so viel zu dem Gerücht, Facebook wüsste alles über seine Nutzer.“ Beifall.

Tage einunddreißig bis sechsunddreißig

Dienstag, November 3rd, 2015

Kapitel sieben – Bedrohungen
Ruth saß in ihrem Smart und fuhr in Richtung Eifel. So früh im Jahr an die See, die sie ja sehr liebte? Nein, das wäre zu kalt gewesen. In Gerolstein hatte sie trotz der bevorstehenden Ostertage noch ein Zimmer in einem Hotel gefunden, das im Internet einen guten Eindruck machte. Ein üppiges Wellness-Angebot. Eveline hatte ihr diesen Ort mitten in der Eifel empfohlen. Auf dem Kölner Autobahnring herrschte reger Verkehr, kein Wunder, es ging in den Osterurlaub.
In Erinnerung an den Austausch über einen gewissen netten Herrn Sowieso musste Ruth schmunzeln. Wie zwei junge Mädchen hatten sie herum gekichert. Ab wann wurde man eigentlich erwachsen? Sowohl Eveline als auch Ruth hatten keine Kinder gehabt und das schien ihnen ein Grund dafür, dass sie eben nicht wirklich erwachsen geworden waren. Oder waren andere alte Frauen auch so albern?

Vom Ende der Autobahn an waren es genau dreiunddreißig Kilometer auf der Landstraße bis Gerolstein. Alles gut ausgeschildert. Extrem viele große oder sportliche Wagen überholten Ruth schon auf der Autobahn und erst recht anfangs auf der Landstraße. Sie waren groß und auch laut, was an der Fahrweise lag. In ihrem Gedächtnis tauchte der Name Nürburgring auf. Da tobte sich mancher Familienvater und mancher Pseudorennfahrer aus. Denen tat eine alte Frau in einem Kleinstwagen wahrscheinlich unendlich leid. Ruth tat sich allerdings überhaupt nicht leid, sie ließ den Alltag und – was wichtiger war – das Gespenst Zurlinden hinter sich.
Die Eifellandschaft erinnerte sie zunächst an das Bergische Land, in dem sie wohnte. Aus der welligen Landschaft wurde eine hügelige und später eine bergige: die Vulkaneifel.
„Heute ist mal wieder der Tag der Düsseldorfer“, mit diesen Worten wurde sie im Hotel empfangen. Ach ja, sie hatte noch das alte Nummernschild. Auf dem Anmeldezettel musste sie sich allerdings als Nichtdüsseldorferin outen.
Sie bezeichnete sich immer noch als Düsseldorferin, immerhin war sie dort geboren und hatte mehr als siebzig Jahre dort gelebt. Auf Nachfrage gab sie stolz bekannt, dass auch ihre Eltern schon in Düsseldorf geboren worden waren. Von den Großeltern allerdings nur ein Zweig, der Großvater Jobst. Zwei weitere Zweige stammten aus Westfalen, was in Düsseldorf häufig vorkam. Den weitesten Weg hatte ihre Großmutter mütterlicherseits gehabt, sie kam aus dem Glazer Bergland, das seit Kriegsende zu Polen gehört. Ruth war in den Neunziger Jahren einmal dort gewesen mit einer Cousine und deren Schwiegertochter. Ein schönes Land. Allerdings ein armes Land, heute wie zu Zeiten der Großmutter Marta. Sonst wäre sie sicher nicht ins Rheinland gezogen, was aber für Ruth ein Glück war, sonst gäbe es sie so ja nicht.
Ruth kam mit ihrem Rolli, Rollkoffer – kein Rollator, scherzte sie vor sich hin, in ihrem Zimmer an und war sofort zufrieden. Auch mit der Aussicht: viel Grün und der kleine See. Zwar nur ein Stausee, aber Wasser ist Wasser, hätte Klaus gesagt. Ihr leichtes Gepäck war schnell verstaut. Das Tablet lag auf dem Tisch, überall freies Wi-Fi hatte es auf der Internet-Seite des Hotels geheißen. Den Code hatte man ihr gleich an der Rezeption ausgehändigt. Auf der Internet-Seite war vom Wanderweg Eifelsteig die Rede, der Wortteil „Steig“ missfiel ihr. Wenn sie allerdings aus dem Fenster sah, so war klar, dass ohne Steigen gar nichts gehen würde. Das musste man halt langsam angehen. Morgen. Vielleicht.
Beim Abendessen hörte sie dann rheinische Laute: die Düsseldorfer. Sie wurde sofort mit Hallo begrüßt, die Rezeption hatte sie eingeführt. Sie saß also beim Abendessen in einer munteren Runde. Die Weinlande an Mosel und Ahr waren nah und so bot die Weinkarte vieles. Die anderen Düsseldorfer waren auch nicht mehr die Jüngsten, man wurde bequemer und die Eifel war schnell zu erreichen. Das schaffte man spielend.
Von einer einsamen Wanderung riet man ihr ab, da konnte man stürzen und wurde so leicht nicht gefunden. Keine Möglichkeit Hilfe zu rufen.
„Das kann nicht nur auf Wanderwegen passieren, sondern überall.“
„Stimmt, kommt aber eher selten vor.“
„Von wegen, das ist einer Freundin meiner Schwester erst vor kurzem passiert. Wohnte in einer Seniorenresidenz, Komfort und Betreuung, aber nicht in der Nacht. Sie war auf der Treppe gestürzt, lag die ganze Nacht dort und ist an Unterkühlung gestorben.“
Ruth kribbelte es durch alle Adern: Frau Klunemeier.
„Das ist bedauerlich. Das wünscht sich niemand.“
Das waren die Floskeln, die gebraucht wurden, wenn irgendjemand Fremdes gestorben war. Mehr wollte niemand wissen. Ruth würde in den nächsten Tagen darauf zurückkommen, sie hatte Zeit.
Die nächsten Tage waren angefüllt mit kleinen Touren, die man unbedingt machen musste. Wolfsfütterung an der Kasselburg, Besichtigung der keltischen Festung Dietzenley, gratis Wasser trinken im kleinen Kurpark, dem Gerolsteiner Brunnen sei Dank. Das Buchenloch, eine steinzeitliche Höhle, oder die Papenkaule, ein Trockenmaar, alles gar nicht weit vom Hotel entfernt. Der Frühling war hier noch nicht so richtig angekommen, aber wandern macht warm.
Nun war Ostern. Im Hotel war alles den Feiertagen entsprechend dekoriert. Die Mahlzeiten hatten je einen Gang mehr und es gab ein Glas Wein gratis. Die Tischgespräche waren heiter, niemand sprach mehr von Unglücksfällen.
Frau Guntermann, die Dame, die von dem Unfall erzählt hatte, schlug Ruth einen Ausflug zum „Juddekirchhof“, einem gallorömischen Tempel, vor. Ruth machte gern mit. Das Areal lag oberhalb des Städtchens Gerolstein; die Grundrisse waren aufgemauert und so konnte man sich die verschiedenen Gebäude sehr gut vorstellen. Frau Guntermann wusste sogar, welchem Gott die Anlage geweiht war, es war eine keltische Göttin: Caiva. Stand vielleicht auf dem Schild, das aufgestellt war. Die Bezeichnung „Juddekirchhof“ konnte sie nicht erklären. Das war ein Fall für Google.
Als beide auf einem Mäuerchen sitzend ein bisschen Sonne tankten, brachte Ruth die Sprache auf das Unglück in der Seniorenanlage.
„Ich wohne seit einiger Zeit in einer solchen Wohnanlage, von der Sie kürzlich erzählt haben, im Haus am Kirchberg in Erkrath.“
„Das ist das Haus, von dem meine Schwester erzählt hat, dann müssen Sie den Fall doch kennen.“
„Ja, richtig, aber wer spricht schon gern von solch traurigen Dingen.“
„Stimmt, es ergab sich einfach so, eine andere Freundin meiner Schwester hat ihr davon erzählt.“
„Wie heißt denn die andere Freundin, vielleicht kenne ich sie? Wir sind zwar viele Bewohner, aber wer weiß.“
„Es ist Brigitte Overkamp. Sie kannte die Verstorbene, war aber wenig erfreut, sie dort zu treffen. Jugenderinnerungen, verstehen Sie?“
„Es sind einige Düsseldorfer dort, die sich aus der Jugendzeit kennen. Vielleicht haben sie einander das Haus empfohlen.“
„Diese beiden kannten sich besonders gut und meine Schwester sagte, als sie mir davon erzählte, dass es für Brigitte und ihren Mann schwer zu ertragen gewesen wäre, Heta, Heta Klunemeier, dort wiederzusehen. Brigitte war mit Bernhard Overkamp, dem Bruder ihres jetzigen Mannes verlobt, erwartete sogar ein Kind von ihm, und Heta hat es fertiggebracht, dass er sich von ihr trennte und ein Verhältnis mit ihr begann. Von der Schwangerschaft wusste er allerdings nichts.“
Frau Guntermann kannte die Geschichte von ihrer Schwester, sie selbst war damals noch ein Kind gewesen.
„Brigitte wurde in ein Internat bei Frankfurt geschickt, bekam dort das Kind. Es wurde in eine Pflegefamilie gegeben. Brigitte machte Abitur und studierte, kehrte erst Jahre später nach Düsseldorf zurück. Heiratete später den jüngeren Bruder von Bernhard und er adoptierte das Kind. So traurig es für diese Heta ist, für Brigitte und erst recht für ihren Mann ist es eine Erleichterung. Schließlich hat sich sein Bruder ihretwegen erhängt.“

Schon am Dienstag nach den Osterfeiertagen zog es Ruth zurück nach Hause. Zusammen mit vielen anderen, so dass sie fast zwei Stunden brauchte, bis sie ihren Smart abstellen und in ihre Wohnung gehen konnte. Erst mal eine Tasse Kaffee, dann schnell den Koffer ausgepackt und in den Keller damit. Sie rollte ihn den Flur entlang zum Gemeinschaftskeller Nummer zehn und öffnete die schwere Eisentür. Der gesamte Keller war in einzelne kleine unterteilt, benannt mit der Wohnungsnummer. Weil der Lichtknopf mit einer Gummihülle geschützt war, ging das Licht wie immer nur schwer an. Mit einem Krachen schloss sich die Tür hinter ihr.
Den Koffer rollte Ruth in eine Ecke ihres Kellerverschlags. Sie fing an, in den restlichen Umzugskartons nach einem Tablett zu suchen, das sie selbst früher mal bunt bemalt hatte.
Plötzlich Dunkelheit, sie hört, dass die schwere Eisentür zuschlägt. Das Licht kaputt, der Knopf rausgesprungen? Aber wer kam rein, wer ging raus? Zu hören ist nichts. Leichte Panik. Soll ich rufen?
Falls, nein, wenn Zurlinden im Raum ist? Was dann? Lacht da jemand? In ihren Ohren braust es. Verdammt. Was nun?
Ruth stand da, wie sagt man – versteinert. So fühlte sie sich, festgewachsen auf dem kalten Boden des Kellers. Es war niemand raus gegangen, den hätte sie sehen müssen, der Keller war klein. Also war Zurlinden rein gekommen und hatte das Licht ausgemacht.
Ich werde nicht rufen, der würde sich freuen, dass er mich verschreckt hat.
Die Taschenlampe! Liegt auf dem Regal, zwei Schritte nur. Bitte kein leerer Akku. Nein, kein leerer Akku, Licht, wenn auch nur ein kleines. Die schwere Eisentür klappt ein weiteres Mal zu.
Wieder saust der Schmerz ihren Rücken entlang, alle Nerven zittern. Verdammt, verdammt, verdammt.
Woher wusste der, dass sie zurück war? Na ja, für einen Nachbarn war das nicht zu überhören gewesen. Der hatte ihr also aufgelauert. Verdammt. Ruth ließ Tablett Tablett sein und verließ den Keller. Auch hinter ihr knallte die Kellertür zu, ein scheußliches Geräusch. Auf dem Flur war niemand zu sehen, was nichts heißen wollte, überall gab es Türen und Ecken, hinter denen man verschwinden konnte. Ruth bemühte sich, energisch aufzutreten, fast hätte sie gepfiffen, das Pfeifen im Wald, aber das hätte nur ihre Angst verraten.
Nicht mal in ihrer Wohnung fühlte sich Ruth in Sicherheit. Der Kerl wohnte gleich nebenan. Fang bloß nicht an, dir jetzt etwas auszumalen. Nette Spielchen zusammen mit Eveline, aber wenn man allein Wand an Wand mit einem echten Mörder saß …
Aber nicht nur die äußere Situation war unerfreulich. Wenn Ruth es recht bedachte, so war sie seit einiger Zeit ausgesprochen unehrlich geworden. Hier eine Halbwahrheit, dort eine Lüge, neugierige Fragen. Familiengeheimnisse erforschen oder Freizeitvergnügen ausspähen, die sie nichts angehen sollten. Auch ihre Telefonate mit Eveline sparten gewisse Themen aus. Spontan und offen redete sie mit niemandem mehr. Wie konnte sie da nur wieder heraus kommen?
Erst einmal raus auf den Balkon und tief Luft geholt. Langsam entspannte sich Ruth und kam sogar zu dem Ergebnis, dass da schließlich ebenso ein anderer Hausbewohner sich mit Lichtknopf und Tür geirrt haben konnte.
„Hallo, liebe Frau Bergmann, Ulrich Zurlinden hier. Ich habe mehrfach versucht, Sie zu erreichen, ich möchte wissen, ob Sie mit Ihren Nachforschungen weiter gekommen sind.“
„Weiter gekommen? Wie denn?“ Was meinte der eigentlich, von ihrem gewachsenen Verdacht Zurlinden hatte sie ihm vorsichtshalber gar nichts erzählt.
„Der Brief, der spricht doch Bände. Haben Sie die Eheleute Overkamp mal darauf angesprochen?“
Ach so, der Verdacht Overkamp. Dazu konnte sie ihm etwas Neues erzählen: „Ich war ein paar Tage in der Eifel. In Sachen Overkamp habe ich dort etwas erfahren: Der Bruder Bernhard hat sich erhängt!“
„Das ist doch ein Motiv“, sagte der Neffe mit einem Unterton von Befriedigung.
„Das wäre es vor fünfzig Jahren gewesen. Aber heute? Und diese netten Leute auf ihre unschöne Vergangenheit ansprechen, das kann ich nicht. Was soll man denn von mir denken?“ Stille.
„Aber meine Tante fühlte sich anscheinend bedroht in dieser Sache, darum wollte sie Gewissheit haben, was mit dem Kind passiert war.“ Bedroht, das hatte auch Wunderlich gesagt.
Ruth wäre ein anderer Täter als Zurlinden lieb gewesen, aber es war höchst unwahrscheinlich, dass Wilfried Overkamp Heta Klunemeier zur Rede gestellt und sie anschließend die Treppe hinuntergestoßen hätte. Sie wäre kaum so unklug gewesen, ihre Wohnung zu verlassen und mit einem Mann, der ihr nicht wohl wollte, ins Treppenhaus zu gehen.
„Dass es zu einer Unterredung gekommen sein könnte, das kann ich mir vorstellen, aber eine solche Attacke?“, fragte Ruth.
„Nichts Vorbedachtes, im Affekt, das wäre doch denkbar.“
„Da haben Sie Recht. Und wie wollen Sie vorgehen? Sie war Ihre Tante, zu Ihnen hat sie von ihrer Befürchtung gesprochen, aus dem Grund könnten Sie mit dem Ehepaar Overkamp reden.“ Punktum. Der Spieß war umgedreht.

Tage achtundzwanzig bis dreißig

Sonntag, November 1st, 2015

Unsinn, dachte Ruth am nächsten Morgen gleich beim Aufwachen. Der Tod des Bruders, vielleicht ein Selbstmord, lag mehr als fünfzig Jahre zurück. Da wird man nicht mehr zum Rächer. Dass Klunemeier Angst vor Wilfried Overkamp hatte, war erklärlich, sie war ja tatsächlich Anlass für die schäbige Haltung seines Bruders gewesen. Und für die Folgen.
„Na, liebe Frau Bergmann, wieder auf der Jagd nach Sensationen?“ Herbert Zurlinden stellte sich breitbeinig vor Ruth auf, als sie zur Wohnungstür herauskam. Die kurzen Arme hatte er auf die Hüften gestemmt.
„Sie sollten sich schämen, in anderer Menschen Vergangenheit herumzuschnüffeln, da kann ich Herrn Wunderlich nur Recht geben.“
Soviel Aggressivität hätte sie dem rundlichen Zurlinden nie zugetraut.
„Was ist los, wovon sprechen Sie?“, fragte Ruth etwas zaghaft, sie wusste ganz genau, was er meinte.
„Mein Neffe hat mir erzählt, wie Sie die Vergangenheit so seriöser Leute wie Overkamps ans Licht zerren wollen.“
Angriff ist die beste Verteidigung, dachte Ruth:
„Was geht Sie das denn an? Ich will gar nichts ans Licht zerren.“
„Das geht mich allerdings etwas an, Overkamps sind alte Freunde von mir.“
Ruth versuchte, an Zurlinden vorbei zu kommen. Der hob drohend seine rechte Hand:
„Ich kann Ihnen nur raten, mit Ihrem Schnüffeln aufzuhören, sonst werden Sie bald ihr blaues Wunder erleben.“
„Sie drohen mir?“ Ruths Stimme war jetzt schrill geworden.
„Ja, allerdings, ich werde Sie im ganzen Haus in Verruf bringen, dann können Sie froh sein, wenn Sie nicht vor Gericht gezerrt werden. Ich warne Sie! Kehren Sie erstmal vor der eigenen Tür oder auf Ihrem eigenen Deck.“
„Jetzt werden Sie aber unverschämt, was soll das?“ Ruth begann selbst laut zu werden. Gleichzeitig tauchte aber ein Gedanke auf: Plasmolen, der Yachthafen. Irmi wusste es! Irmi hatte es Zurlinden erzählt!
Zurlinden hatte sein Pulver verschossen, er kehrte laut vor sich hin schimpfend in seine Wohnung zurück.
Ruth hatte versucht, „es“ zu vergessen. Was war passiert? Ihr Mann Klaus hatte mit der Nachbarin auf dem Boot zur Rechten geflirtet, angebändelt oder was auch immer. Wie weit das gegangen war? Darüber hatten sie nie gesprochen. Warum nicht?
Die Nachbarin, Ilse, war aus irgendeinem Grund von Bord ihrer Yacht gestürzt. Ruth hatte es mitbekommen und dann zugesehen, wie sie verzweifelt versuchte, wieder an Bord zu kommen. Das war unmöglich bei der glatten Bordwand. Sie schrie, sie brauchte Hilfe. Ruth hatte erst um Hilfe gerufen, als das kleine Boot ganz nah war, auf das Ilse sich dann retten konnte. Sie hatte Klaus gegenüber behauptet, sie sei starr vor Schreck gewesen, als er sie zur Rede stellte. Auf ihre Hilferufe hin war er nach oben gekommen und hatte die Situation erfasst. Hatte Klaus ihr das abgenommen? Unwahrscheinlich, sie war nicht der Typ, der vor Schreck erstarrte. Sie war eher die Macherin.
Am nächsten Morgen hatten sie abgelegt. Offensichtlich hatte die Nachbarschaft darüber geredet. Irmi Blumenthal hatte davon gehört, ihr war das Ereignis wahrscheinlich irgendwann eingefallen, als sie mit ihr über die Boote und den gemeinsamen Ankerplatz geredet hatte. Und nun wusste Zurlinden Bescheid.
Die wenigen Schritte bis zum Fahrstuhl schaffte Ruth in aufrechter Haltung, wenn auch mit wackligen Knien. Einmal in der Kabine, lehnte sie sich gegen die Wand und versuchte, durch ruhiges Atmen wieder zu sich zu kommen. Ein scharfer Schmerz schoss von Wirbel zu Wirbel, das passierte ihr, wenn sie sehr aufgeregt war. Ohne etwas zu sehen, starrte sie auf den Menüplan des Speisesaals, der im Aufzug aushing. Ihre Gedanken wirbelten nur so.
Wusste der Kerl von ihrem Verdacht? Hatte er sie deshalb bedroht? Sie hatte mit niemandem darüber gesprochen und erst recht nicht mit dem Neffen. Oder doch? Sie hatte erwähnt, dass es möglicherweise eine Erpressung gegeben hätte. Hatte Herbert Zurlinden Heta Klunemeier auf die gleiche Weise einschüchtern wollen, als er sie mit den Kenntnissen über Familiengeheimnisse erpresste?
Langsam und bedächtig ging’s zum Mittagessen in den Speisesaal. Der Rücken schmerzte stark. Ruth begrüßte hier und da eine Nachbarin oder einen Nachbarn, wechselte einige Worte und erntete ein nettes Lächeln.
Im Saal herrschte eine angeregte Unterhaltung, Gemurmel und Gesumme von vielen Stimmen. Mit Entsetzen stellte Ruth sich vor, dass dieses Murmeln eines Tages ihr gelten könnte, dass man an den Tischen die Köpfe darüber schütteln würde, wie indiskret sie sich in Angelegenheiten von Mitbewohnern gemischt hatte. Niemand würde sie mehr grüßen oder ihr zulächeln. Und wenn erst das Plasmolen-Geheimnis ausgeplaudert würde … Ein Paria würde sie sein. Schlimmer: Es könnte ihr ergehen wie der Dame, die von der Geschäftsführung gebeten worden war auszuziehen, weil sie den Hausfrieden gestört hatte.
Aber was das Schlimmste war: Früher wäre sie nicht so verzagt gewesen. Da hätte sie sich gestrafft und gedacht: Nicht mit mir!
Nachmittags brachte Ruth ihren Teilnehmern im Computer-Club ziemlich lustlos den Umgang mit Twitter bei. Sie selbst machte wenig Gebrauch davon. Inzwischen wimmelte es in allen Tweets nur so von Hashtags. Aber wenigstens konnte sie die Fachausdrücke erklären, ihr eigener Account ließ sich gut auf der Leinwand verfolgen. Sie hatte endlich gelernt, mit dem Beamer umzugehen.
Auf dem Weg zum Parkplatz kam sie wieder an der Basilika vorbei. Inzwischen war es auch am späten Nachmittag so warm, dass sie sich in den angrenzenden Garten setzen konnte, der das Relikt eines ehemaligen Kreuzgangs war. Es war so wunderbar ruhig hier.
Ruth erinnerte sich an ein Wochenende, an dem es hier gar nicht ruhig gewesen war. Man hatte einen Mittelaltermarkt aufgebaut, Handwerker und Künstler in mittelalterlicher Kleidung hatten die Besucher unterhalten. Sie hatte auch den Stand eines Küfers gesehen. Ihr Düsseldorfer Großvater war Küfer gewesen. Ein alter Beruf, über den selbst Google nicht viel zu berichten wusste.
Im schönen alten Kreuzgang hatten stilvoll gekleidete Stiftsfräulein gesessen und mit den Gästen geplaudert. Die heutige Basilika war die Kirche eines Stiftes für adlige Damen gewesen. Da gab es den Heimatroman „Das Stiftsfräulein von Gerresheim“: ein Stiftsfräulein, ein Junker vom nahen Gut und ein unterirdischer Gang. Das war nicht gut ausgegangen.
Lebhaft war es später in der Cafeteria am Kirchberg. Frau Bauer nahm Ruths Bestellung auf und erkundigte sich mitfühlend nach ihrem lädierten Knöchel.
„Danke der Nachfrage, langsam schwillt er ab, tagsüber kann ich schon wieder einen normalen Schuh tragen, aber abends …“, sie wies auf den klobigen Geisha-Schuh.
Wie schon früher wisperte Frau Bauer:
„Sehen Sie sich mal Herrn Zurlinden an, heute ist er hier der Hahn im Korb. So einen Auftritt hat er lange nicht mehr gehabt. Soll geerbt haben.“
„Ja, habe ich auch gehört, so was wünscht sich jeder.“
„Für den ist die Frau Klunemeier zur richtigen Zeit gestorben, ob der was von dem Testament wusste?“ Frau Bauer entschwand, ohne eine Antwort auf die rhetorische Frage zu erwarten. Ruth fragte sich, ob dem Personal im Haus am Kirchberg irgendetwas verborgen blieb.
Herbert Zurlinden hob drüben sein Weinglas und rief provozierend zu Ruth herüber:
“Einen schönen Abend, liebe Frau Nachbarin.“ Es sah aus, als wollte er ihr zeigen: Hier sitze ich im Kreis netter Leute und dort sitzt du ganz allein. Ich warne dich!
In Ruth stieg der Gedanke auf: Na warte, Bürschchen, ich werde dafür sorgen, dass die Polizei dich festsetzt. Sie hatte sich in den Gedanken verbissen, dass Zurlinden ein Mörder wäre.

Auf der Fahrt zur Reha-Klinik überlegte Ruth, wie viel sie Eveline von den Ereignissen der letzten Wochen erzählen könnte. Sicher konnte sie ihr im Zustand der Rekonvaleszenz keine große Aufregung zumuten. Aber ein paar Häppchen Neuigkeiten würden ihr gut tun.
Sie schlängelte sich über mehrere Autobahnstücke zu ihrem Ziel: Nur eine Ausfahrt weit über die A 46, zwei Ausfahrten über die 3 und dann länger auf der 44. Ruth fuhr vorbei an mehreren Zu- und Abfahrten im Bereich des Flughafens. Hier musste sie aufpassen, dass sie nicht irrtümlich sonst wohin geriet.
Die verhältnismäßig neue Flughafenbrücke führte sie nach Westen über den Rhein. Vor dem Autobahnkreuz Meerbusch mit seinem Abzweig nach Köln oder Krefeld lag ihre Abfahrt, jetzt hieß es noch besser aufpassen.
Aber dann musste sie ihr Navi doch nicht einschalten, denn sie konnte sich gar nicht verfahren: Auf der Landstraße wies ein großes Schild vor einer Kreuzung auf die Reha-Klinik hin, die ihr Ziel war. Ihr Weg schlängelte sich zwischen grünen Wiesen zu einem großen Parkplatz. Alles so flach hier.
„Liebe, liebe Eveline, ich bin so froh, dass ich dich endlich besuchen darf.“ Da liefen die Tränen.
„Willkommen bei deiner „alten“ Freundin, liebe Ruth. Sieh mich an, ich bin alt geworden.“
Trotz der Tränen dachte Ruth, dass Eveline nicht alt geworden war, sondern schon eine ganze Weile alt gewesen war. Genau wie sie selbst.
„Ich bin hier in der Abteilung für die Alten. Und alles so einfach hier.“ Das schien für Eveline eine schmerzliche Sache zu sein. Tatsächlich entsprach das Ambiente nicht entfernt ihrer gepflegten Wohnung, „zweckmäßig“ war das richtige Wort.
„Aber die Sonne scheint, es ist jetzt wirklich Frühling und dir geht es besser“, sagte Ruth und bemühte sich, optimistisch zu klingen. Nur jetzt nicht der traurigen Stimmung nachgeben. Eveline war wie immer gut gekleidet, dunkelblauer Hausanzug. Aber dass es ihr nicht gut ging, das sah man ihr leider an.
„Lass uns nach unten gehen und uns eine Tasse Kaffee gönnen.“
„Na klar, es sieht unten doch sehr hübsch aus.“ Ruth war bereits an der Cafeteria vorbei gekommen und hatte sich über die muntere Stimmung in einem Haus voller kranker Menschen gewundert.
„Hier ist übrigens eine kleine Packung Pralinen für dich als Betthupferl.“
So nannte man das unter älteren Damen. Der sonst so leichte Ton wollte aber nicht aufkommen. Klar, Eveline war auf der Hut, so schien es Ruth, ein ganz wichtiges Thema galt es zu vermeiden. Dazu war sie natürlich bereit.
Sie fuhren ins Parterre und folgten dem Stimmengewirr zur Cafeteria. Zwei Mal Milchkaffee und zwei Mal Wasser.
„Ich hab dir allerhand zu erzählen, es ist viel passiert in Sachen Mord,“ sagte Ruth.
„Du sprichst jetzt tatsächlich von Mord?“
„Es gibt so etwas wie Beweise, ein Foto von einem großen Hämatom, also Fingerspuren, das der Neffe gemacht hat. Dann zwei Fotos von einem langen Kratzer an der Wand der Treppe. Die Fotos kennst du, ich hatte sie dir geschickt. Der Schrammen könnte durch einen Ring entstanden sein, wenn der Körper von Frau Klunemeier mit Gewalt hinunter gestoßen wurde und ihr rechter Arm dort entlang schleifte.“
„Aber dann musst du zur Polizei gehen, Ruth. Der Mörder muss verhaftet werden.“
„Ein Motiv hätte mein Nachbar Zurlinden, er hat von Frau Klunemeier einiges geerbt. Aber ob er das Testament gekannt hat?“ Ruth zuckte mit den Schultern. „Motive haben auch andere,“ fügte sie an.
„Ist noch komplizierter geworden, oder? Was ist mit dem Neffen?“
„Der Neffe und Wunderlich sind für mich raus. Und Schwester Gabi, die wir verdächtigt hatten, dass sie zur tödlichen Spritze gegriffen hätte, hatte gar keine Möglichkeit, Frau Klunemeier etwas anzutun.“
Ruth zögerte, ob sie weiter reden sollte.
„Zurlinden, den ich schon länger verdächtige, hat mir gestern gedroht, ‚ich warne Sie‘ hat er gesagt, na, eigentlich geschrien.“
Das hatte sie gar nicht erzählen wollen, um Eveline zu schonen.
„Aber dann musst du erst recht zur Polizei gehen. Frag nicht weiter herum.“ Sie griff nach Ruths Hand und drückte sie fest: „Ich hab Angst um dich.“
Nun saßen da zwei stumme, verschreckte Hühnchen, die sonst so munter gegackert hatten, dachte Ruth.
„Wenn er mich noch einmal so einschüchtern will, dann werde ich ihm tatsächlich damit drohen, dass ich die Polizei einschalten will.“
Zurlinden war der Täter, egal mit welchem Motiv!
„Besser ist es, du gehst ihm aus dem Weg. Wieso weiß er denn überhaupt, dass du ihn verdächtigst?“
„Wissen tut er nur, dass ich von dem Verdacht des Neffen und von dem Hämatom weiß. Vielleicht vermutet er auch, dass ich von der Erbschaft weiß. Dann natürlich, dass ich, wie Wunderlich sagte, herumgeschnüffelt habe.“
„Aber er spielte bei deinen Nachforschungen doch gar keine Rolle.“
„Aber weiß er das? Er hat ein schlechtes Gewissen und fürchtet eben, dass ich etwas Wichtiges herausfinden könnte. Mein erster Verdacht fußte auf dem Gerücht, dass ein Verwandter Heta Klunemeier erpresst hätte und dass ein Verwandter sie am Abend vor ihrem Tod hätte besuchen wollen. Nur, wie macht man daraus ein Mordmotiv? “
Wieder mal wurde Ruth klar, dass sie sich in einen Gedanken verbissen hatte, für den es gar keine Grundlage gab.
„Fahr ein paar Tage weg, vielleicht beruhigt er sich inzwischen. Oder du vergisst die ganze Sache.“
„Keine schlechte Idee, aber vorher müsste ich nochmal mit dem netten Herrn Bromberg sprechen, der kennt Zurlinden seit seiner Kindheit und weiß was von der Erpressung.“
„Wer ist der nette Herr Bromberg??? Tut sich da was???“
Das alte Feuer kam in Evelines Augen zurück:
„Komm, wir gehen in mein Zimmer hoch, da kannst du mir in aller Ruhe von dem netten Herrn Bromberg erzählen. Den Mörder fangen wir später.“