Archiv der Kategorie: Kurzgeschichten

Ein Krimi zum Geburtstag

Nämlich zu meinem Geburtstag. Geschrieben von einem Kollegen und von ihm mitten während des Festessens vorgetragen. Zur Freude der Festgäste und natürlich erst recht zu meiner. Zugegebenermaßen ist es zunächst eine Lob- und Festrede, die sich aber Absatz für Absatz zu einem Kriminalfall von internationalem Rang hochschraubt.

Das Foto vor mir auf dem Tisch …
von Jörg Marenski

Wie? Sie kennen Anne Pöttgen nicht? Das ist aber eine echte Bildungslücke. Dieses intellektuelle Defizit muss sofort beseitigt werden. Anne Pöttgen, eine Dame mit … ja, wie sage ich es am besten? … mit einer differenzierten Altersstruktur: Geistig ist sie ungefähr um die 40, in Sachen Humor ist sie zirka 30, in Sachen Empathie in einer Spanne von pubertären 14 bis mitfühlenden 55, und laut ihrem Pass ist sie … aber das sagt man bei einer Dame nicht. Da schweige des Sängers Höflichkeit.
Nun also, Anne, mit Nachnamen Pöttgen, lebt zurzeit in dem durchaus noblen Rosenhof in Erkrath Hochdahl, einem Seniorenzentrum des gehobenen Anspruchs. Nach dem Tode ihres Mannes und langjährigen Seelenverwandten Heribert hielt sie es für angenehmer, die bisherige Wohnung aufzugeben und sich in dieser Anlage für das reifere Semester einzumieten. Soweit der heutige Stand. Was gibt es noch über Anne zu sagen? Sie ist ein Mensch mit mannigfaltigen Interessen: sie hat früher gemalt (wobei sie sich strikt weigert, diese Werke als künstlerisch zu bezeichnen), sie hat sich in der Bildhauerei/Töpferei versucht, sie war und ist ein Augenmensch, dem Musik weniger, die Literatur dafür um so mehr gibt. Habe ich was vergessen? Ach ja, das Wichtigste: Anne ist nicht nur literarische Konsumentin, sie ist auch selbst Erschafferin von Werken der Prosa. Auch hier wieder ein für sie typisches Understatement: Sie bezeichnete ihre Schriften nicht als Literatur, sondern bestenfalls als Belletristik. Wie auch immer, sie ist darin so gut, dass sie mittlerweile den Spitznamen „Miss Marple von Erkrath“ trägt – logisch, denn sie schreibt Krimis. Und diese „Morde am Kirchberg“ haben inzwischen sogar eine kleine, feine Fangemeinde.
Wie kam ich jetzt da hin? Nun, die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit haben direkt etwas mit ihrer Schreiberei zu tun. Und das war so …

Dieser Montagmorgen begann für Anne nicht sehr gut. Sie hatte denkbar schlecht geschlafen, weil sie die halbe Nacht über einem Problem ihres Kindes gebrütet hatte. Ihres Kindes? Nun ja, ihres GEISTIGEN Kindes, der Hauptperson ihrer Kriminalromane, Ruth. Diese Figur trug stärkste autobiografische Züge. Und nicht nur das, auch Annes tägliches Leben und ER-Leben im Rosenhof floss in die Fantasien um Verbrechen ein. Besagte Ruth sollte in dem Entwurf des nächsten Romans einer Bande von Trickdieben auf die Schliche kommen, die ältere Menschen mit dem Enkeltrick reinlegten. Nur konnte Anne ihrer „Tochter“ Ruth beim besten Willen keine wilde Verfolgungsjagd durch die Höhen und Tiefen des Bergischen Landes zumuten. Dieses Problem hatte sie bis fast zwei Uhr morgens wachgehalten. Dementsprechend unleidlich betrat sie den Aufzug in der sechsten Etage, unweit ihres Appartements. Der Gruß an die ebenfalls zugestiegene Dame aus ihrer Etage fiel entsprechend knapp aus. „Moin!“ Der Gruß wurde identisch erwidert und die beiden Frauen verbrachten die Fahrt stumm.
Beide gingen an ihre Briefkästen, die sich in einer langen Reihe im Erdgeschoss neben den Aufzügen befanden. „Wieder einmal nur uninteressante Werbung“, dachte sich Anne beim Durchsehen der Umschläge. In diesem Augenblick spürte sie eine sanfte Berührung an ihrer Schulter, den penetranten Geruch eines billigen After Shaves und dann erklang schon eine wohlvertraute, nicht minder verabscheute Stimme. „Habe die Ehre, die Damen. Alles leiwand an diesem schönen Sommermorgen? Wie wär‘s denn, wenn wir drei Hübschen uns gleich auf der Terrasse auf ein Haferl oder ahna Melange treffen würd’n? I hätt ja lieber an Fiaker, aber der Slibowitz hier im Haus is a rechte Zumutung.“
Reichte es nicht, dass sie diese Nacht schlecht geschlafen hatte? Musste sie auch noch zusätzlich diesem schmierigen Neuzugang über den Weg laufen? Hofrat, auf diesen Titel legte er großen Wert, Hieronimus Nowottny war vor drei Monaten aus Wien nach Deutschland gezogen, da er seine Wohnung im Wiener Nobelviertel Hietzing aus nicht näher bezeichneten Gründen hatte aufgeben müssen. Ein Neffe wohnte mit seiner Familie in Erkrath und so hatte er mit diesem Kontakt aufgenommen und um Hilfe bei der Suche nach einer adäquaten Bleibe gebeten. Das Ergebnis war eben der Rosenhof. Nowottny zeigte sich nie ohne eine gediegene Aufmachung, so auch heute. Ein hellbeiger Leinenanzug, dazu ein hellblaues Hemd, um den Hals ein markanter Seidenschal im gleichen Muster wie das Einstecktuch seines Jacketts, rehbraune Budapester und die unvermeidliche weiße Nelke im Knopfloch. Geziert lächelnd strich er sich mit dem Zeigfinger über seinen akkurat gestutzten Schnurrbart, wobei die auffälligen Ringe an seinen Fingern glitzerten.
Annes Etagennachbarin ließ nur ein verschämtes Kichern erklingen, was wohl wie Jungmädchencharme wirken sollte. Anne hingegen war erklärte Gegnerin solcher „Tätscheleien“, erst recht bei Fremden. Aber dieser Vogel war ihr vom ersten Tag an durch seine aus ihrer Sicht schmierige Art sauer aufgestoßen. Das hatte sich in dem letzten Vierteljahr nicht geändert, sodass sie ihm unverblümt eine Abfuhr erteilte. „Das passiert erst, wenn Düsseldorf und Köln Partnerstädte werden.“ Dem Neu-Erkrather mit Migrationshintergrund waren diese Feinheiten rheinischer Animositäten noch nicht bekannt, weshalb er Anne nur unverständig nachblickte, als sie wieder den Aufzug bestieg. Doch leider löste er sich zu schnell aus seiner Erstarrung und hastete ihr durch die sich bereits schließende Aufzugtür nach.
„Sagn’s, Gnädigste, gibt’s denn für heut aufd Nacht noch a Platzerl für mich bei ihrer Lesung?“ Oh Gott, das konnte doch jetzt nicht wahr sein? Wollte ihr der Kerl noch mehr auf den Wecker gehen? Richtig, an diesem Abend würde sie eine Lesung im Hause veranstalten, mit einem Potpourri ihrer bisherigen Werke. „Dies ist ein freies Land. Erkundigen Sie sich doch einfach beim Empfang.“ Glücklicherweise öffnete sich in diesem Augenblick die Stahltür des Fahrstuhls und sie schlüpfte hinaus. Nowottny bewohnte ein Appartement eine Etage über ihr.
Anne ließ sich auf ihrem Stuhl an dem großen Panoramafenster des Wohnzimmers sinken. Sie hatte sich schon einmal gegenüber ihrer Freundin und Autorenkollegin Brigitte über die unangenehm aufdringliche Art des Österreichers ausgelassen. Dies war von Brigitte nur mit einem lapidaren „Was sich liebt, das neckt sich“ kommentiert worden – was ihr von Anne ein völlig undamenhaftes Tippen mit dem Zeigefinger gegen die Stirn eingebracht hatte. Wie auch immer, heute Abend wäre sie ja nicht allein im Raum mit dem Schmierlapp. Sorgfältig ging sie nochmals ihre Unterlagen mit den ausgewählten Lesepassagen durch und war nach einer Stunde mit letzten Korrekturen durchaus mit dem Ergebnis zufrieden. Wenn nur ihre Stimme mitmachen würde …

Tja, die Stimme machte mit. DAS war nicht das Problem! Das Problem bestand in der Auswahl der Textabschnitte, die besagten Hofrat Hieronimus Nowottny in Rage brachten. Er bezeichnete es als Unverschämtheit, wie er von Anne in dem Buch dargestellt worden sei und verlangte eine sofortige Entfernung des Pamphlets aus dem deutschsprachigen Buchhandel. Dieser Diskurs wurde öffentlich und durchaus lautstark ausgetragen, wobei Anne langsam auch die Beherrschung verlor. Anfänglich wies sie noch darauf hin, dass es sich um Passagen verschiedener Bücher handele und es immer unterschiedliche Protagonisten waren, in denen sich Nowottny wiederzuerkennen glaubte. Zudem seien sämtliche Bände lange vor seinem Auftauchen im Rosenhof erschienen. Diese durchaus sachlich korrekten Einwände ignorierte der erboste, mit hochrotem Kopf herumtobende Hofrat. Auf einmal erschien sein Gebaren nicht mehr wienerisch charmant, sondern eher wie das eines „Strizzi“ aus dem Rotlichtbezirk Struwerviertel in der Leopoldstadt.
Der Abend endete mit einem Eklat und einer Drohung. „Verehrteste, i geb ahna zwoa Tag Zeit, dann ist dieses Machwerk im Orkus. Ansonst‘n wern’s mie kennlern‘!“ Damit rauschte er ab, verfolgt von den Blicken der verwirrten oder verängstigten Mitbewohner.
Anne zitterte etwas, vor Wut und berechtigtem Zorn. Die Damen der Verwaltung und ihr nahestehende Menschen versuchten sie zu trösten oder sicherten ihr Unterstützung zu. Dies änderte aber nichts daran, dass Anne auch diese Nacht nur schwer in den Schlaf fand.
Die nächsten beiden Tage verliefen zum Glück ereignislos. Nowottny schien eine Begegnung mit Anne zu vermeiden. Weitere zwei Tage später fand sich in ihrem Briefkasten jedoch ein gedruckter, anonymer Zettel mit folgenden Worten: Sie haben nicht auf meine Forderungen reagiert. Tragen Sie nun die Folgen. Anne grübelte nach, was sie mit dieser neutralen Drohung anfangen sollte: der Verwaltung übergeben? Die Polizei einschalten? Den Zettel ignorieren? Hunde, die bellen, beißen nicht, dachte die selbstbewusste Autorin bei sich. Oder was meinst du? Diese rhetorische Frage richtete sie an das Bild, das vor ihr auf dem kleinen Tisch stand. Es zeigte ihren Gatten Heribert während eines ihrer wenigen gemeinsamen Urlaube. Diese Art von stiller Zwiesprache hielt sie gelegentlich, natürlich keine Antwort erwartend. Aber irgendwie half es.
Und das war auch bitter nötig, denn in den folgenden Tagen ereigneten sich einige Vorfälle, die keinen natürlichen Ursprung haben konnten. So klingelte ihr Telefon am nächsten Morgen und Frau Brune vom Empfang teilte ihr mit, dass das bestellte Taxi da sei. Anne fuhr sofort ins Erdgeschoss und klärte mit dem verärgerten Fahrer den Sachverhalt … denn ein Taxi hatte sie nicht bestellt. Einigermaßen konsterniert fuhr Anne zurück in die sechste Etage. Am Nachmittag geschah erneut etwas Seltsames. Im Foyer des Rosenhofes erschien ein Pizzabote mit einer Lieferung für Anne: Pizza mit Sardellen, Ananas und Oliven. Das Dumme war nur: Anne mochte keine Pizza, erst recht nicht mit Sardellen, und hatte daher auch keine bestellt. Der zweite Vorfall verärgerte sie nun deutlich. Aber damit war es noch nicht zu Ende. In den folgenden Tagen und Wochen nahmen die Repressalien an Heftigkeit zu: Man hatte ihr Auto aufgebrochen und ihre Batterie gestohlen, jemand hatte auf ihren Namen diverse Kleidungsstücke bei einem Erotikversand geordert und emotionaler Tiefschlag war der unangeforderte Besuch eines Bestattungsunternehmers. Anne telefonierte mit der Polizeiinspektion in Mettmann, wo man sie jedoch vertröstete und abzuwimmeln versuchte. Dumme-Jungen-Streiche … nicht so ernst nehmen … das waren die Floskeln, mit denen man sie abzuspeisen versuchte.

Erneut suchte sie Rat beim Foto ihres Heribert. „Die halten mich für eine durchgedrehte alte Schachtel. Die sollen mich kennenlernen“, meinte sie erbost. Energisch erhob sie sich, stieß dabei gegen das Tischchen und der Bilderrahmen mit Heriberts Konterfei stürzte zu Boden. Sie bückte sich, hob es auf und beim Aufrichten fiel ihr Blick auf ein Buch, welches auf einer unteren Ebene des Tisches lag. Es war das Werk eines Krimiautors, den sie vor wenigen Jahren bei einer Lesung im Rosenhof kennengelernt hatte. Aus dieser Zufallsbekanntschaft mit dem Autor und dessen Frau war etwas entstanden, was man mit Fug und Recht als gute Bekanntschaft bezeichnen konnte. Den Begriff Freundschaft nutzte Anne selten, diese schloss sie nur schwer.
Aber der Zufall … ja, war es wirklich Zufall? … hatte seine Finger im Spiel gehabt – oder war es doch Heribert, der über sie wachte? Sie war bereit, diese Begebenheit als Wink des Schicksals zu nehmen und rief den „Kollegen“ an. Anne schilderte die Vorkommnisse und während des Telefonats erwähnte sie auch den Vorfall mit Nowottny. Die Reaktion des Schriftstellers kam prompt: „Weißt du, Anne. Ich habe nun wirklich ein deutlich größeres Maß an krimineller Energie als du. Kann dieser alte Saftsack dahinterstecken?“ Anfangs hatte sie diese Annahme verdrängt, da sie nicht mit solch einer unangebrachten, völlig übertriebenen Reaktion des kultiviert erscheinenden Mannes rechnen wollte. Aber jetzt kam dieser zugegeben kriminell-fantasievolle Schreiberling auch auf diese Idee. Dann hörte sie in ihrem Handy einen nahezu unerhörten Vorschlag: „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Da ich im Haus ja nicht ganz unbekannt bin, würde ich mich gerne in der Lobby mal ein paar Stunden rumtreiben, mit der Genehmigung des Hauses. Ich werde IHN beobachten und dir dann einen Rat geben. Mir geistert jetzt schon was im Kopf rum.“

Gesagt, getan. Der Schriftsteller saß zwei Tage hintereinander in der Empfangshalle und beobachtete genau, wie Nowottny sich verhielt. Dabei bemerkte er, dass der Österreicher sich mit einem jungen Mann um die 18 traf und sich auffällig konspirativ in einer Ecke der Bibliothek unterhielt. Dies geschah an beiden Tagen und am zweiten konnte der „Spion“ sogar ein paar Wortfetzen aufschnappen. Diese berichtete er Anne unmittelbar. „Der Jungspund hat wohl Skrupel, etwas zu tun, was der Alte von ihm verlangt hat. Es fielen Stichworte wie: nicht notwendig … dös oarme klaane Hascherl … Reifen zerstechen und so weiter. Jetzt wird es langsam gefährlich. Ich habe einen Vorschlag: Ich kenne einen jungen Kerl, Student in Düsseldorf. Er heißt Marco und er ist ein ziemlich pfiffiges Kerlchen. Er finanziert sein Studium selbst und sucht immer mal etwas, um Geld zu verdienen. Er könnte sich hier im Umfeld ein paar Tage rumtreiben und dein Auto überwachen. Vielleicht erwischen wir den Kerl in flagranti und dann wird er bei der Polizei schon auspacken, wer sein Auftraggeber ist. Aber WIR beide kennen ihn ja jetzt schon, nicht wahr?“ Anne sträubte sich innerlich noch gegen diese Annahme, aber nach den neuesten Erkenntnissen war wohl sicher, dass Nowottny dahintersteckte. Zumindest fiel ihr niemand anderes ein. Leider war ihr der Blick auf Heriberts Foto dieses Mal keine Hilfe. Ihr Mann sah sie aus seinem Rahmen still und reglos an. Nachdenklich wiegte Anne den Kopf hin und her. Wo sollte das noch hinführen? Sie schrieb doch nur Krimis und wollte keinen erleben.
Marco war bereits am nächsten Tag im Rosenhof und er zeichnete sich durch ein ebenso freches wie charmantes Wesen aus. Anne beschrieb die bisherigen Vorkommnisse, der Krimiautor ergänzte seine Sicht der Dinge. „Tja, dann wird‘ ich mich mal auf die Lauer lejen“, stellte Marco mit leichtem rheinischen Akzent fest. Nach den Kosten gefragt, antwortete er leichthin: „Dat kriejen mer schon parat, mir zwei, was?“ Freundschaftlich klopfte er seiner Auftraggeberin auf die Schulter und verließ das Foyer. Anne starrte ihm mit weit geöffneten Augen nach. An ihren Kollegen gewandt, meinte sie nur: „Na, wenn das mal gutgeht!“ „Lass dich davon nicht abschrecken. Die sind heute eben so, die jungen Leute … aber auf DEN ist wenigstens Verlass“, bekam sie zur Antwort.
Er sollte recht behalten. Marco blieb nicht nur die nächsten zwei Stunden im Umfeld der Gebäude. Er hatte es auch irgendwie geschafft, sich Zutritt zu der Tiefgarage zu verschaffen, in der Annes Smart parkte. Die Stellplatznummer hatte er sich vorsichtshalber nennen lassen. Lange schon war die Nacht angebrochen, als er eine Nachricht an Anne sandte: Keine Vorkommnisse. Bin jetzt weg. Mache morjen Nachtschicht. Allet Jute. Und genau das tat Marco am folgenden Abend, er legte eine Nachtschicht ein … in der Tiefgarage. Warum, wusste er selbst nicht so genau. Es war nur so ein Gefühl …
Gegen 22 Uhr bemerkte er eine Bewegung in der Garage. Merkwürdig, warum hatte derjenige nicht den Lichtschalter betätigt? Bevor er über eine Antwort grübeln konnte, sah er das Licht einer Taschenlampe aufleuchten und vernahm metallische Geräusche. Sie kamen aus der Richtung, wo Annes Wagen stand. Leise schlich er näher. Volltreffer! Jemand hatte sich irgendwie Zugang zu dem Smart verschafft und werkelte nun hastig im Motorraum. Marco überlegte nur kurz, kroch langsam näher und richtete sich dann plötzlich auf. „MIT Licht jeht`s besser, Kumpel!“ Der Angesprochene schreckte hoch, sah Marco entsetzt ins Gesicht und blendete diesen mit der Taschenlampe. Diese Sekunde ausnutzend, schlug die Person mit der Taschenlampe nach Marco und traf ihn am Kopf. Dieser taumelte zurück und die Person ergriff die Flucht.
Marco erholte sich jedoch schnell von dem Schlag und setzte dem Täter nach. Und jetzt kam eine seiner besonderen Fähigkeiten zum Vorschein: seit frühester Jugend hatte er es geliebt zu rennen. Dies führte auch zu einigen Erfolgen, sogar bis auf Landesebene. Mit 14 entdeckte er den Parcourssport für sich, von Nicht-Kennern oft als „urbanes Gehüpfe“ tituliert. Sehr sportliche Menschen überwanden dabei im städtischen Umfeld Hindernisse, Höhen, Abgründe und Ähnliches, allein durch Körperkraft und Schnelligkeit. Und auch hier hatte Marco es zu einiger Meisterschaft gebracht. So verfolgte er den Täter durch das nächtliche Hochdahl. Dieser hatte die Flucht auf einem Fahrrad ergriffen, aber Marco verlor ihn nicht aus den Augen. Er verfolgte das Rad über die gut beleuchtete Beckhauser Straße, wo der Radler auf den Parkplatz beim Einkaufscenter abbog. Von da aus ging es quer über den Hochdahler Markt, vorbei an der Buchhandlung und dann in das Grüngelände direkt dahinter.
Marco hatte gut aufgeholt. Seine „Beute“ schien untrainiert zu sein und wurde immer langsamer. Während der Flüchtige mit seinem Straßenrad die Wege nutzte, rannte Marco in Luftlinie quer über Rasenflächen, flankte über Büsche, hechtete über Zäune und nutzte schließlich eine Parkbank als Sprungrampe, über die er dem Radler direkt mit gestreckten Füßen ins Kreuz sprang. Mit einem Aufschrei ging dieser zu Boden, das Rad schleuderte davon und der Mann schlug hart mit dem Kopf auf dem Boden auf. Marco hatte sich direkt aufgerappelt. Er hatte den Zusammenprall unbeschadet überstanden.
Wohlweislich hatte er sich mit Kabelbindern ausgestattet. Diese legte er dem Bewusstlosen um Hand- und Fußgelenke, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass der Verunfallte regelmäßig atmete. Dann rief er Anne und den Autorenkollegen an.

Kurze Zeit später fand sich eine illustre Runde in einem Raum der Kreispolizeibehörde Mettmann ein. Anne, ihr Kollege, Marco und der medizinisch versorgte Attentäter saßen auf getrennten Bänken und wurden einzeln zur Befragung in ein separates Büro gebracht. Die ermittelnden Beamten staunten nicht schlecht, als sie von dem „Krimi-Kleeblatt“ ihre Sicht des Sachverhalts geschildert bekamen. Der Täter hingegen verweigerte jegliche Aussage und verlangte, mit seinem Anwalt telefonieren zu dürfen. Als dieser jedoch nach einer Stunde vergeblichen Wartens noch immer nicht erschienen war, waren es die Polizisten leid. Gerade in dem Augenblick, als sie den Täter erneut befragen wollten, kamen zwei Streifenpolizisten herein und legten den Ermittlern eine Nachricht auf den Tisch. Einer von ihnen sprang auf, ergriff das Telefon und drückte die Wahlwiederholung. Eine genervte Stimme meldete sich nach langem Klingeln: „Rosenhof Erkrath Hochdahl, guten Abend.“ Jetzt grinste der Beamte und fragte sein Gegenüber: „Tja, mein Lieber, wenn ihr Anwalt nicht gerade ein sehr betagter Herr ist, sind Sie jetzt in einer ziemlichen Erklärungsnot.“ Jetzt folgte eine längere erregte Diskussion, die Anne, der andere Autor und Marco nur neugierig durch eine Glasscheibe verfolgen konnten. Dann wurden der soeben Verhörte abgeführt.
Man bat jetzt alle drei Wartenden in das Büro und bat sie, Platz zu nehmen. Dann bekamen sie eine geradezu unerhörte Erklärung: „Nun, meine Dame, meine Herren, die ganze Sache ist nun doch etwas größer als erwartet. Unser bislang so schweigsamer junger Freund hat soeben ein volles Geständnis abgelegt. Dieser Vogel hat tatsächlich all die kleinen Nickeligkeiten begangen, unter denen Sie, Frau Pöttgen, in der letzten Zeit zu leiden hatten. Aber er handelte nicht aus eigenem Antrieb. Sein Auftraggeber war und ist, wie Sie alle vermutet haben, der besagte Herr Nowottny. Übrigens kein Hofrat, aber dazu komme ich gleich. Seien Sie froh, dass Sie Ihren jungen Helfer hier hatten. Unser Täter hat nämlich, nach den Untersuchungen unserer Kollegen von der Technik, an den Bremsleitungen Ihres Wagens gebastelt. Das hätte tödlich ausgehen können. Es handelt sich also nicht mehr um Bagatellfälle, sondern um ein Kapitalverbrechen. Nachdem ich dem Kerl das klargemacht hatte, packte er bereitwillig aus. Nowottny, das ist zumindest der aktuelle Name, fühlte sich scheinbar durch Ihre Schreiberei ertappt und fürchtete, in seinem neuen Versteck im Rosenhof aufzufliegen. Der Mann, den Sie unter Nowottny kennen, wird seit drei Jahren mit internationalem Haftbefehl gesucht. Urkundenfälschung, Scheckbetrug, Heiratsschwindel, Diebstahl, schwerer Raub … um nur Einiges zu nennen. Nach den Aussagen seines jungen Komplizen, der tatsächlich sein Großneffe ist, hatte er wohl vor, einige Damen in der Anlage um ihre Ersparnisse zu erleichtern. Parallel dazu bereitete er einen Immobiliencoup im Düsseldorfer Hafen vor. Den haben wir ihm jetzt wohl versaut. Mal sehen, ob wir ihn bald erwischen. Im Rosenhof ist er jetzt jedenfalls unauffindbar. Sein Großneffe hat ihn statt eines Anwalts angerufen und der alte Sack ist getürmt. Er heißt übrigens in Wahrheit Erwin Steinhauer und ist ein erfolgloser Fliesenleger aus Braunau am Inn.“
Erleichtert und reichlich erschöpft begleiteten die beiden Männer Anne noch zu ihrem Apartment und verabschiedeten sich dann von ihr. Anne betrat ihre Wohnung und nahm erschöpft vor dem Panoramafenster Platz. Im Osten ging wohl gerade die Sonne auf, denn sie sah die Reflektionen auf den Fenstern der tief unter ihr liegenden Häuser. Anne drehte sich um, goss sich einen Obstler ein und ergriff wieder einmal das Foto vor ihr auf dem Tisch. Müde prostete sie Heribert zu und … ja, JETZT schien er ihr sogar ein wenig zuzulächeln. Gut gemacht, meine Anne!

Obwohl Namen und Örtlichkeiten genannt sind, ist es doch eine fiktive Geschichte.

Dat ärme Dier

Eine Geschichte aus der Eifel von Sophie Lange.
Zugegebenermaßen kein Krimi, aber doch eine lesenswerte Geschichte, wer schmunzelt nicht gern mal.
Sophie Lange hat übrigens auch ganz andere Geschichten zu bieten. Ich bedanke mich bei ihr für diese hier.

„Wo haben Sie denn Schmerzen?“ fragte der Arzt. Es war Visite und der Arzt stand mit einer Assistenzärztin am Bett von Mariechen. Diese sah den Arzt ernst und etwas traurig an: „Ich hann keen Ping, ich haan bloss et ärm Dier.“ Der Arzt schien verwirrt: „Wie bitte was?“ Mariechen seufzte. Der Arzt schien sie nicht zu verstehen. Vielleicht war er ein Ausländer, ene Imi, aus Düsseldorf oder Essen.
Die Ärztin sprang hilfreich ein. „Die Patientin hat keine Schmerzen“ übersetzte sie das Eifeler Platt und erklärte dann kurz den Sachverhalt. „Sie ist gestürzt, aber außer einem verstauten Knöchel ist nichts passiert.“
„Wieso sind Sie gefallen?“ wollte der Arzt nun wissen und schaute Mariechen tief in die Augen.
„Mer wurde eemol so schummrig im Kopp und do merk ich: Ich falle und do log ich at op de Hengesch.“ Die Ärztin übersetzte brav: „Sie hatte einen Schwindelanfall.“
„Haben Sie das schon öfter gehabt?“, war die nächste Frage des Arztes. Nun kam Mariechen echt in Bredouille. Wenn sie jetzt wahrheitsgemäß mit „ja“ antwortete, durfte sie bestimmt nicht nach Hause. Aber lügen durfte man ja nicht im Krankenhaus. Wie hieß es doch in dieser Ärztesoap: „Sie müssen die Wahrheit sagen, sonst machen Sie sich strafbar.“ Oder war das eine andere Sendung? Der Arzt machte sie noch ganz dörcheneen und ramdösig,
Doch schließlich rang sie sich zu einer Antwort durch. „Doheem ist mir at ens schummrig wurde, do hann ich mich flott hingesetzt, eene Opgesetzte gekippt und dann wor et wieder jot.“ Geduldig wartete der Arzt die Übersetzung ab, dann wurde die nächste Frage auf Mariechen abgeschossen.
„Und was war jetzt anders?“ Mariechen schüttelte den Kopf. War der doof!
„Do wor nix zu setze“, erklärte sie unwirsch „und do ben ech gefalle, ob de Hengesch.“
„Das müssen wir abklären“, sagte der Arzt nun zu seiner Begleitung, sprach von EKG und EEG, von Röntgen und Blutuntersuchung und lauter so ’n Käu (Verzäll). Die Ärztin notierte eifrig.
„Ich well no heem“, versuchte Mariechen die Untersuchungen abzuwimmeln. „Ich moss en der Gaade. Überhaupt: em Krankenhuus hann ich immer et ärm Dier. Doheem net.“
„Was hat die denn immer mit diesem Tier“, flüsterte der Doc seiner Dolmetscherin zu. Die wisperte zurück. „Schubhafte Depressionen“. Trotz der leisen Töne hatte Mariechen genau verstanden, was die beiden Flüstertüten meinten.
„Ich hann keen Dipressen, ich haan nur et ärm Dier.“
„Dann geben Sie ihr ein Antidepressivum,“ sagte der Arzt ungeduldig zu seiner Gehilfin und mit wehendem weißem Kittel verließ er das Zimmer. Doch Mariechen rief noch schnell hinterher.
„Ich will keen Anti. Do helft am beste och ene Opjesetzte.“ Aber die Götter in Weiß waren schon zum nächsten schwierigen Fall unterwegs.
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Und falls auch Sie ab und zu dat ärme dier haben, dann hilft vielleicht auch Ihnen der Opjesetzte. Sophie Lange liefert auch gleich das Rezept dazu. 
Opgesetzte, Aufgesetzter    Brombeer – Aufgesetzter
Zutaten
1 1/2 kg Brombeeren, frische oder andere Beeren)
300 g Kandiszucker (Grümmelkandis), braun
1 Vanilleschote(n)
2 Flaschen Schnaps, Weizenkorn 38 %, 0,7 l
1/2 Flasche Weinbrand, 40 %, 0,7 l
Zubereitung
Arbeitszeit: ca. 20 Min. Ruhezeit: ca. 42 Tage / Schwierigkeitsgrad: simpel /
Als Gebinde benutze ich immer 3 l-Schnapsflaschen aus der Gastronomie.
Die kalt abgewaschenen und abgetropften Brombeeren und den Kandis abwechselnd in 3 Schritten in die Flasche füllen.
Die Vanilleschote längs einschneiden, etwas aufklappen und nach halber Füllung dazu geben. Anschließend den Weinbrand und den Weizenkorn einfüllen. Das Gefäß mit einem Korken (bei 3 l-Flaschen passen auch Sektkorken) verschließen und einige Male wenden, damit sich alles etwas vermischt.
Bei ca. 20 Grad für mindestens 6 Wochen in einem dunklen Raum lagern und alle 2-3 Tage einige Male wenden.
Nach Ende der Lagerzeit zuerst durch ein gröberes, dann durch ein Teesieb gießen und in Flaschen nach gewünschter Größe abfüllen.
Chefkoch.de
In jedem Haus in der Eifel wurde früher so ein Schnaps angesetzt. Oft stand die Flasche auf der Fensterbank. Hier stand sie zwar nicht immer im Dunkeln, doch man vergaß zumindest das Drehen nicht.
 

Neues aus dem Haus am Kirchberg

Freundinnen unter sich
Johanna saß in der Cafeteria, sie hatte einen Salat bestellt, weil sie zu faul war, sich selbst ein Abendessen zuzubereiten. Außer ihr saß hier und da eine einsame alte Dame oder ein einsamer alter Mann. Auch schon mal zwei Herren, die sich wortkarg unterhielten. Sie kannte die anderen nur vom Sehen. Man begrüßte sich freundlich beim Hereinkommen und wünschte sich einen guten Appetit. Ob den alle hatten? Johanna eigentlich auch nicht, aber einen Salat kann man ja immer essen, auch ohne.
Es war ganz still in dem großen Raum – bis die beiden Freundinnen hereinschneiten und mitten im Raum an Tisch fünf Platz nahmen. Das Abendessen mussten sie nicht bestellen, das wurde schnell gebracht, sie haben ein Abendessen-Abonnement. Offensichtlich jeden Abend zu faul, sich etwas zu machen.
Heute Abend war es ein Pfannkuchen, gefüllt mit Champignons in einer Soße, dazu ein bisschen Salat.
„Mir schmeckt das gar nicht“, sagte Ilse.
„Aber wieso, ist doch lecker“, sagte Marianne.
„Für dich vielleicht, ich mag es nicht.“ Pause.
„Hallo, hallo Bedienung“, rief Ilse.
„Ich komme. Was gibt es denn?“
„Ich mag das Essen nicht.“
„Tut mir leid.“
„Ich möchte was anderes, ein Butterbrot vielleicht.“
„Tut mir leid, aber das hätten Sie eher sagen müssen.“
„Wieso?“
„Sie haben doch schon mit dem Essen begonnen.“
„Ja, aber ich mag es nicht.“
„Ich kann Ihnen natürlich belegte Brote bringen, aber die müssen Sie dann extra bezahlen.“
„Wieso?“
„Weil es im Abonnement entweder das vorgesehene Essen gibt oder aber Butterbrote, beides gibt es nicht für dasselbe Geld.“
„Das finde ich nicht richtig.“ Pause. Aufmerksame Stille an den anderen besetzten Tischen.
„Was wollen wir denn nun machen?“, fragte die Bedienung, immer noch höflich.
„Ich weiß es nicht.“
„Ich kann Ihnen Brote bringen, aber nicht umsonst.“
„Das finde ich kleinlich. Gut, dann esse ich den Pfannkuchen, obwohl er mir überhaupt nicht schmeckt.“
„Wie Sie wollen“; sagte die Bedienung und flüchtete. Schweigen an Tisch fünf.
Johanna schmunzelte vor sich hin. Sie hatte schon öfter Gespräche zwischen den beiden Freundinnen mitbekommen. Eine von beiden war schwerhörig.
„Weißt du, dass Isoldes Tochter demnächst heiratet?“
„Ach. Na, das wurde aber auch Zeit. Die ist doch bestimmt schon an die dreißig.“
„Mindestens.“ Pause. „Sie heiratet in weiß.“
„Und das bei der Figur.“
„Weißt du, Marianne, ich hatte ja schon als zwölfjähriges Mädchen einen solch üppigen Busen wie jetzt.“
„Ach, ich nicht, ich war platt wie ein Brett, und so ist es geblieben.“ Aufmerksame Stille an allen Tischen. Johanna konnte nicht glauben, was sie da hörte.
„Aber da gibt es doch Möglichkeiten, Marianne.“
„Ja, natürlich, ich habe immer Blusen mit Rüschen getragen und darunter, weißt du …“ Es folgte eine intensive Einführung in die Möglichkeiten, aus nichts etwas zu machen. Johanna wagte einen Blick in die Runde und sah, dass besonders die beiden Herren, die nahe am Tisch der Freundinnen saßen, total verstummt waren.
Ein paar Tage später erfuhr Johanna bei einem weiteren Essen in der Cafeteria, dass aus der Hochzeit in weiß nichts wird – der Bräutigam war irgendwann aus der Kirche ausgetreten. Aus welcher, erfuhr sie allerdings nicht.

Die monatliche Geschichte aus der Seniorenresidenz Am Kirchberg

Kirchberg – der Musenhof
Im Haus am Kirchberg wird KULTUR ganz groß geschrieben. Die Musen gehen ein und aus. Meistens in den Großen Salon, sie nehmen auch schon mal mit der Cafeteria vorlieb. Polyhymnia zum Beispiel sorgt regelmäßig für die Kirchbergkonzerte. Einmal im Monat kommen Studentinnen oder Studenten der Musikhochschule Düsseldorf und erfreuen die Musikbeflissenen mit Stücken am Flügel. Sie kommen seit fast dreißig Jahren, zugegebenermaßen immer wieder neue Generationen. Und ebenso zugegebenermaßen Könner ihres Fachs. Nur – hin und wieder ist ihnen der Flügel nicht gewachsen, auch er bei Jahren. Und die große Bücherwand mit der Bibliothek des Hauses schluckt ehrlich gesagt manchen Ton. Den Musikbeflissenen scheint das nichts auszumachen, die Liebhaber, na, ja …

Manchmal blinzelt und zwinkert Polyhymnia ein bisschen und macht Kompromisse – wer zahlt, bestimmt. Dann glaubt man sich in die weiten Steppen Ungarns versetzt – Klavier oder vielmehr Flügel und Flöte. Mal lässt sie die Fiddle eines Iren hören. Pünktlich zu den weißen Nächten erklingen russische Melodien unter dem Titel „Vom Zauber der Petersburger Nächte.“ Diesmal Piano, pardon Flügel und Klarinette. Meine persönliche Meinung – gekonnt. Es darf auch mal ein Chanson-Abend sein. Und für die älteren Damen und Herren – also für alle – werden Schlagermelodien aus ihrer Jugendzeit geboten. Sogar Tote werden zum Leben erweckt: Zarah Leander mit dem Programm „Eine Frau wird erst schön durch die Liebe“. Was die eine oder andere anzügliche Bemerkung bei gewissen Herren hervorruft. Denken Sie, was Sie wollen.
Kaliope sorgt dafür, dass das gesprochene Wort nicht zu kurz kommt. Im Großen Salon finden Lesungen statt, vor der prächtigen Kulisse der zahlreichen Bücher aus den Relikten der Bewohner. Ein scharfes Auge entdeckt da schon mal drei Simmel nebeneinander, Johannes Mario, drei gleiche Bände.
Hundertste oder zweihundertste Geburtstage deutscher Dichter und Denker werden gern zum Anlass genommen. Auch schon mal ein Todestag. Oder gar kein Anlass, sondern nur so: Thomas Mann mit seinem Felix Krull oder – Düsseldorf liegt nahe – Heinrich Heine. Aber es gibt auch hier schon mal leichtere Kost. Die Lesungen werden regelmäßig durch Zurufe unterbrochen, nicht von Begeisterungsrufen, sondern eher von Hilferufen: lauter bitte.
Wenn die Bewohner schön artig sind – ach, was rede ich denn da – also: Manchmal gibt es Krimilesungen. Die Hoffnungen der Autoren, dass der eine oder andere Krimi gekauft wird, werden regelmäßig enttäuscht. Da hilft es auch nicht, wenn das Signieren der Werke angeboten wird.
Bleiben wir beim Thema Krimi. Melpomene sorgt einmal im Jahr für ein Krimidinner, also einem Abendessen mit Theater. Mit viel Fantasie werden Gerichte zum Thema erfunden, viel rot wird aufgeboten. Begrüßungscocktails aus rotem Obstsaft mit Schuss, Tomatensoße wo möglich. Ich erinnere mich an ein Hühnerbein, das hilfesuchend aus einem Glas mit scharfem Tomatensaft ragte. Eine Theatergruppe führt ein Stück mit wenigen Mitwirkenden auf, die im Laufe des Abends noch weniger werden.
Und siehe da, auch Urania kommt zum Zuge. Nicht weit entfernt vom Haus am Kirchberg gibt es ein kleines aber feines Planetarium. Hin und wieder wird eine Expedition dorthin angeboten, allerdings nicht, ohne dass darauf hingewiesen wird, dass das nur etwas für Schwindelfreie ist. Man liegt nämlich hingegossen in bequemen Sesseln, Kopf in den Nacken, und oben saust der Sternenhimmel über einen hinweg. Schwindel garantiert.
Filmvorführungen müssen logischerweise ohne die Hilfe einer Muse stattfinden, es sei denn, man arbeitet mit der Methode „reim dich oder ich fress dich“. Dann könnte man Thalia zu Hilfe nehmen, die Muse der Komödiendichtung. Was aber nicht passt, wenn es einen Film über das Aussterben der Eisbären oder das Abschmelzen der Gletscher gibt. Normalerweise geht es erbaulicher zu. Viel schöne Natur, viel schöne Ruinen, schöne Ozeandampfer – mit tollen Büffets, auch schön. Da werden Erinnerungen wach und die Stimmung ist gut. Oder man ist selig eingeschlummert.

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Abwechslung um jeden Preis – im Haus am Kirchberg

„Hallo Margret, du siehst aber recht mitgenommen aus. Was ist los?“ Johanna saß bereits am Tisch in der Cafeteria, ihre weißen Haare glänzten in der Sonne. Margret sank langsam auf einen Stuhl und seufzte.
„Allerdings,“ murmelte sie.
„Erzähl mal“, sagte Irmtraud, die auch schon Kaffee und Kuchen vor sich stehen hatte.
„Neun Uhr dreißig Sitzgymnastik mit Musik im Gymnastikraum.“
„Schön, hab ich auch mal gemacht“, bekannte Gerda und nickte zustimmend mit dem Kopf.
„Du? Wirklich? Hätte ich nicht von dir gedacht.“ Johanna wunderte sich, so kannte sie Gerda gar nicht.
„Wieso, was hast du gegen Sitzgymnastik, zu spießig?“, antwortete die. Und Margret fragte spitz: „Ist dir wohl zu simpel?“
„Nun mal mit der Ruhe, keinen Streit wegen Sitzgymnastik, meine Lieben.“ Irmtraud pochte mit dem rechten Zeigefinger auf den Tisch. Sie war das Haupt und der Mittelpunkt der kleinen Gruppe von älteren Damen, die im Haus am Kirchberg wohnten und sich ab und zu bei Kaffee und Kuchen in der Cafeteria des Hauses trafen.
Johanna kam zu ihrer Frage zurück und meinte: „So stressig ist es aber doch wirklich nicht.“
„Nein, natürlich nicht – aber anschließend um zehn Uhr Nordic Walking“, sagte Margret in leidendem Ton.
„Na, ja, Geschmackssache, sieht irgendwie unelegant aus.“ Irmtraud, auch zuständig fürs Elegante, was man an ihrer erstklassigen Garderobe ablesen konnte. Außerdem exzellenter Haarschnitt. Düsseldorfer Friseur natürlich.
Den anderen war anzusehen, dass auch sie es unelegant fanden.
„Eigentlich hätte ich jetzt gerade im Gedächtnistraining sein sollen,“ fügte Margret noch an und orderte erst einmal einen Cappuccino, zufrieden mit dem Gedanken, dass sie mal wieder schwänzte. Aber dieser Kaffeeklatsch war ihr wichtig.
„Ach verflixt, das habe ich total vergessen, ich auch,“ rief Johanna und machte Anstalten aufzustehen.
„Zu spät“, sagte Margret. Und Susanne musste unbedingt eine ihrer Spitzen loswerden:
„Wozu Gedächtnistraining? Anscheinend doch für die Katz.“ Johanna nahm’s nicht so ernst, sank wieder auf den Stuhl zurück und lachte. „Na, dann morgen Vormittag.“
„Kann man denn von einer Gruppe in die andere wechseln?“, fragte Irmtraud.
„Nein, das wohl nicht, aber ich geh immer in beide.“
„Ach,“ sagte Irmtraud nur. Und Susanne grinste.
Margret fragte: „Wieso Gedächtnistraining, ich hab dich da noch nie gesehen.“
„Kannst du auch nicht, denn du bist wohl um drei Uhr bei Frau Maierling und ich um drei Uhr dreißig bei Herrn Überall.“
„So viel Gedächtnistraining an einem Tag?“, fragte Susanne.
„Täglich irgendwann und irgendwo. Mal nur für Damen, mal nur für Herren, mal gemischt.
„Hat jemand von euch denn schon mal beim kreativen Arbeiten mitgemacht?“, fragte Irmtraud. „Ich wollte immer mal beim Mandalamalen einsteigen, aber um elf Uhr morgens bin ich noch nicht in der richtigen Stimmung. Da langt es allenfalls für Atem- und Entspannungsübungen, das tut wirklich gut.“ Irmtraud setzte an, die Übungen zu demonstrieren, fand es dann aber wohl zu unelegant. Wollte keinen Anlass zu kritischen Bemerkungen bieten.
„Früher gabs ja mal einen Kurs in Seidenmalerei, ich hab noch reichlich Schals in der Schublade. Müsste ich mal wieder hervorholen.“ Johanna guckte wehmütig und griff nach dem Schal, den sie um den Hals trug, der sah allerdings nicht selbstgemacht aus, eher designermäßig.
A propos Sitzgymnastik“, Margret griff das Thema wieder auf.
„Ja? Gibt’s da was Neues?“, fragte Johanna.
„Einmal Krankenhaus: Sturz, und einmal Essen in der Wohnung: Grippe.“
„Ja, der Schwund ist groß“, resümierte Irmtraud.
„Aber wenigstens kommen die wieder“, versuchte sich Margret in Optimismus.
„A propos Sturz, ich war mal eine Zeit bei der ‚Sturzprävention‘, Donnertagnachmittag. Kollidierte dann leider mit meiner Runde Rummicub.“
Gerda sah plötzlich nach Aufbruchstimmung aus. „Genau wie jetzt – ich muss los.“
Enttäuscht blieben die vier restlichen Damen zurück. Schweigen breitete sich aus, es hatte was Meditatives. Bis Susanne aufschreckte und rief: „Wisst ihr, wer gestern beim Dart gewonnen hat?“
„Dart? Nein, nichts für mich – meine Augen“, Johanna war auch mehr die Intellektuelle und anscheinend nicht neugierig.
„Ja, wer denn?“, fragte Margret.
„Herr Müller-Reinshagen.“
„Was? Na, der ist aber sportlich, der kegelt doch auch.“ Gerda hatte es auch mal versucht, angestiftet von eben jenem Herrn Müller-Reinshagen. Es war ihr zu dunkel gewesen in der Kegelbahn und zu laut, nix für sie. Sie hatte es lieber hell und ruhig.
„Nicht nur das, den sieht man auch im Billardzimmer.“ Irmtraud wohnte im Haupthaus und kam immer an diesem Raum vorbei, wenn sie in die Halle wollte.
„Und das letzte Sportfest hat er auch organisiert.“ Daran erinnerte sich Gerda.
„Sportfest, was soll das denn gewesen sein?“, fragte Susanne, die Kritische.
„Mit Bällchen und mit Ringen werfen und dazwischen isotonische Getränke, damit auch alle durchhielten.“ Gerda sah Susanne an und beide lachten lauthals.
„Hans Dampf in allen Gassen, der Herr Müller-Reinshagen, der ideale Bewohner dieses Hauses.“

Eine neue kleine Geschichte

… aus dem Leben im Haus am Kirchberg. Sie hat den Titel „Höllenfahrt“. Viel Spaß 😉

Susanne hatte fast fünf Minuten auf den Aufzug gewartet. War von einem Fuß auf den anderen getreten. Um diese Zeit, kurz vor der Mittagsmahlzeit, war das keine Seltenheit. Aber es trübte die Stimmung immer aufs Neue. Von der siebten Etage zu Fuß bis ganz unten zum Speisesaal, das wollte sie ihren Knien nicht zumuten. Der Aufzug war dann ganz leer und sie ging gleich durch bis an die hintere Wand. Er würde nicht leer bleiben. Schnell noch ein Blick in den Spiegel, ja, die Bluse saß und die Frisur auch.
Auf der sechsten Etage wartete das Ehepaar Schmidt-Schleiermacher, sie im Rollstuhl. Beide hocherfreut über so viel Platz. Ungewohnt um diese Zeit. Manchmal hatte der Aufzug Launen und brachte Leute von den unteren Stockwerken nach oben, obwohl sie eigentlich alle nach unten zum Mittagsessen wollten. Man begrüßte sich freundlich. Susanne machte eine Bemerkung über den schicken roten Pullover und fragte nach dem Befinden. Mäßig, wie immer.

Fünfte Etage: zwei Damen samt Rollator, beide. Sie beklagten sich lautstark, dass sie so lange hatten warten müssen. Die Insassen zu begrüßen, wie es eigentlich üblich war in diesem vornehmen Haus, ersparten sie sich heute. Schmidt-Schleiermachers und Susanne sahen sich an: was will man auch erwarten … Nicht alle hatten ihr Niveau. Der Fahrstuhl setzte sich mit Verzögerung in Bewegung, weil Frau Marbach unbedingt sofort ihren Rollator drehen wollte, halb auf der Schiene des Aufzugs. Der stieß ein mahnendes Fiepen aus, ungehört. Frau Stein, die zweite Dame, schob sich schweigend neben den Schmidt-Schleiermacher-Rollstuhl.

Vierte Etage: Herr Lautstark, Susanne murmelte den Spitznamen und wartete gespannt. Und tatsächlich: „Würden Sie sie bitte den Rollator so stellen, dass auch ich noch hinein passe?“ Laut, weil schwerhörig, ergänzte Susanne bei sich. Frau Marbach ruckelte an ihrem Gerät, es tat sich nichts. „Wie blöd kann man sein – Sie müssen in der Mitte hochziehen, dann klappt er zusammen.“ Der Rollator.
„Wie reden Sie denn mit mir?“ Frau Marbach war zu recht empört und stellte ihre Bemühungen ein. Der Aufzug ließ wieder sein mahnendes Geräusch hören, gefühlt viel schriller als eben. Herr Lautstark stand voll auf der Schiene, griff jetzt nach der Schlaufe auf dem Rollator von Frau Marbach und brachte ihn tatsächlich in eine Position, die ihm, dem Herrn Lautstark erlaubte, in den Aufzug hinein zu kommen. „Guten Tag, meine Herrschaften, was gibt’s denn da zu glotzen?“ Laut. Alle richteten sofort ihre Blicke zu Boden – Streit mit Lautstark – nein, danke. Man war nun zu fünft. Herr Lautstark hatte reichlich Platz. Wer wollte schon mit ihm in Tuchfühlung sein.

Dritte Etage: Frau Klein mit Krücken. „Würden Sie bitte etwas Platz machen, Sie sehen doch, dass ich behindert bin.“ Ja, das sah man, aber wie sollte man sich aufstellen, damit Frau Klein samt Krücken Platz hatte? „Frau Marbach, sie könnten Ihren Rollator drehen und der Rollstuhl, kann der nicht noch etwas weiter nach hinten?“ Offensichtlich war Frau Klein ans Kommandieren gewöhnt. Der arme Mann, dachte Susanne. Und schrie auf: „Halt, meine Füße.“ Der Rollstuhl war mit einem Ruck bewegt worden. Herr Schmidt-Schleiermacher war nicht der Übeltäter. „Stellen Sie sich nicht so an“, zischte Frau Klein. Sie lehnte sich jetzt bequem an die Wand, die Krücken zur Abwehr vor ihrem Bäuchlein versammelt. Bäuchlein, so nannte sie, was andere eine Wampe nannten. So etwas fiel Susanne ein, die Sinn für Gemeinheiten hatte.

An der zweiten Etage hielt der Aufzug ein weiteres Mal. Herr Bergmann, ein etwas schüchterner grauhaariger Mann, versuchte, einen Platz zu ergattern. Die schräg gestellten Krücken hinderten ihn daran.
„Warum müssen Sie unbedingt mit diesem Aufzug fahren, Sie haben doch dahinten einen anderen auf dieser Etage. Zu faul die paar Schritte zusätzlich zu laufen.“ Frau Klein war nicht zu bremsen. Der schüchterne Herr Bergmann wisperte: „Der Aufzug ist kaputt.“ Keine Entschuldigung von Frau Klein. Herr Lautstark nickte ihr zu.

Und auf der ersten Etage: Frau Angenfort, gut gelaunt wie immer. „Da sind wir ja wieder alle zusammen. Ja, wenn es an die Krippe geht.“ Sie lachte fröhlich. Niemand sonst.

Erdgeschoß. „Na dann wünsche ich guten Appetit.“ Frau Angenfort, immer noch gut gelaunt und freundlich, verließ den Aufzug als Erste und nahm Kurs auf den Speisesaal. Frau Klein hatte ihre Krücken in Position gebracht, dem schüchternen Herr Bergmann gelang gerade noch der Sprung aus dem Aufzug. Herr Lautstark, oh Wunder, ließ Frau Klein mit einer höflichen Geste den Vortritt. Die ließ sich Zeit, versperrte breitkrückig den Weg, so dass Frau Marbach keine Möglichkeit hatte, ihren Rollator in Stellung bringen. Man sah ihr deutlich an, dass sie versucht war, Herrn Lautstark in die Hacken zu fahren. Da man sich kannte, verkniff sie sich die kleine Rache, drehte sich um und grinste Susanne an. Die stand immer noch auf ihrem hinteren Platz, festgenagelt vom Rollstuhl, der seinerseits noch nicht in Richtung Ausgang bewegt werden konnte.
Frau Schmidt-Schleiermacher hatte die Augen geschlossen, sichtlich entnervt. Warum mussten sie auch auf der sechsten Etage wohnen – jeden Tag die gleiche Höllenfahrt.