Archiv der Kategorie: Kurzgeschichten

Neues aus dem Haus am Kirchberg

Freundinnen unter sich
Johanna saß in der Cafeteria, sie hatte einen Salat bestellt, weil sie zu faul war, sich selbst ein Abendessen zuzubereiten. Außer ihr saß hier und da eine einsame alte Dame oder ein einsamer alter Mann. Auch schon mal zwei Herren, die sich wortkarg unterhielten. Sie kannte die anderen nur vom Sehen. Man begrüßte sich freundlich beim Hereinkommen und wünschte sich einen guten Appetit. Ob den alle hatten? Johanna eigentlich auch nicht, aber einen Salat kann man ja immer essen, auch ohne.
Es war ganz still in dem großen Raum – bis die beiden Freundinnen hereinschneiten und mitten im Raum an Tisch fünf Platz nahmen. Das Abendessen mussten sie nicht bestellen, das wurde schnell gebracht, sie haben ein Abendessen-Abonnement. Offensichtlich jeden Abend zu faul, sich etwas zu machen.
Heute Abend war es ein Pfannkuchen, gefüllt mit Champignons in einer Soße, dazu ein bisschen Salat.
„Mir schmeckt das gar nicht“, sagte Ilse.
„Aber wieso, ist doch lecker“, sagte Marianne.
„Für dich vielleicht, ich mag es nicht.“ Pause.
„Hallo, hallo Bedienung“, rief Ilse.
„Ich komme. Was gibt es denn?“
„Ich mag das Essen nicht.“
„Tut mir leid.“
„Ich möchte was anderes, ein Butterbrot vielleicht.“
„Tut mir leid, aber das hätten Sie eher sagen müssen.“
„Wieso?“
„Sie haben doch schon mit dem Essen begonnen.“
„Ja, aber ich mag es nicht.“
„Ich kann Ihnen natürlich belegte Brote bringen, aber die müssen Sie dann extra bezahlen.“
„Wieso?“
„Weil es im Abonnement entweder das vorgesehene Essen gibt oder aber Butterbrote, beides gibt es nicht für dasselbe Geld.“
„Das finde ich nicht richtig.“ Pause. Aufmerksame Stille an den anderen besetzten Tischen.
„Was wollen wir denn nun machen?“, fragte die Bedienung, immer noch höflich.
„Ich weiß es nicht.“
„Ich kann Ihnen Brote bringen, aber nicht umsonst.“
„Das finde ich kleinlich. Gut, dann esse ich den Pfannkuchen, obwohl er mir überhaupt nicht schmeckt.“
„Wie Sie wollen“; sagte die Bedienung und flüchtete. Schweigen an Tisch fünf.
Johanna schmunzelte vor sich hin. Sie hatte schon öfter Gespräche zwischen den beiden Freundinnen mitbekommen. Eine von beiden war schwerhörig.
„Weißt du, dass Isoldes Tochter demnächst heiratet?“
„Ach. Na, das wurde aber auch Zeit. Die ist doch bestimmt schon an die dreißig.“
„Mindestens.“ Pause. „Sie heiratet in weiß.“
„Und das bei der Figur.“
„Weißt du, Marianne, ich hatte ja schon als zwölfjähriges Mädchen einen solch üppigen Busen wie jetzt.“
„Ach, ich nicht, ich war platt wie ein Brett, und so ist es geblieben.“ Aufmerksame Stille an allen Tischen. Johanna konnte nicht glauben, was sie da hörte.
„Aber da gibt es doch Möglichkeiten, Marianne.“
„Ja, natürlich, ich habe immer Blusen mit Rüschen getragen und darunter, weißt du …“ Es folgte eine intensive Einführung in die Möglichkeiten, aus nichts etwas zu machen. Johanna wagte einen Blick in die Runde und sah, dass besonders die beiden Herren, die nahe am Tisch der Freundinnen saßen, total verstummt waren.
Ein paar Tage später erfuhr Johanna bei einem weiteren Essen in der Cafeteria, dass aus der Hochzeit in weiß nichts wird – der Bräutigam war irgendwann aus der Kirche ausgetreten. Aus welcher, erfuhr sie allerdings nicht.

Die monatliche Geschichte aus der Seniorenresidenz Am Kirchberg

Kirchberg – der Musenhof
Im Haus am Kirchberg wird KULTUR ganz groß geschrieben. Die Musen gehen ein und aus. Meistens in den Großen Salon, sie nehmen auch schon mal mit der Cafeteria vorlieb. Polyhymnia zum Beispiel sorgt regelmäßig für die Kirchbergkonzerte. Einmal im Monat kommen Studentinnen oder Studenten der Musikhochschule Düsseldorf und erfreuen die Musikbeflissenen mit Stücken am Flügel. Sie kommen seit fast dreißig Jahren, zugegebenermaßen immer wieder neue Generationen. Und ebenso zugegebenermaßen Könner ihres Fachs. Nur – hin und wieder ist ihnen der Flügel nicht gewachsen, auch er bei Jahren. Und die große Bücherwand mit der Bibliothek des Hauses schluckt ehrlich gesagt manchen Ton. Den Musikbeflissenen scheint das nichts auszumachen, die Liebhaber, na, ja …

Manchmal blinzelt und zwinkert Polyhymnia ein bisschen und macht Kompromisse – wer zahlt, bestimmt. Dann glaubt man sich in die weiten Steppen Ungarns versetzt – Klavier oder vielmehr Flügel und Flöte. Mal lässt sie die Fiddle eines Iren hören. Pünktlich zu den weißen Nächten erklingen russische Melodien unter dem Titel „Vom Zauber der Petersburger Nächte.“ Diesmal Piano, pardon Flügel und Klarinette. Meine persönliche Meinung – gekonnt. Es darf auch mal ein Chanson-Abend sein. Und für die älteren Damen und Herren – also für alle – werden Schlagermelodien aus ihrer Jugendzeit geboten. Sogar Tote werden zum Leben erweckt: Zarah Leander mit dem Programm „Eine Frau wird erst schön durch die Liebe“. Was die eine oder andere anzügliche Bemerkung bei gewissen Herren hervorruft. Denken Sie, was Sie wollen.
Kaliope sorgt dafür, dass das gesprochene Wort nicht zu kurz kommt. Im Großen Salon finden Lesungen statt, vor der prächtigen Kulisse der zahlreichen Bücher aus den Relikten der Bewohner. Ein scharfes Auge entdeckt da schon mal drei Simmel nebeneinander, Johannes Mario, drei gleiche Bände.
Hundertste oder zweihundertste Geburtstage deutscher Dichter und Denker werden gern zum Anlass genommen. Auch schon mal ein Todestag. Oder gar kein Anlass, sondern nur so: Thomas Mann mit seinem Felix Krull oder – Düsseldorf liegt nahe – Heinrich Heine. Aber es gibt auch hier schon mal leichtere Kost. Die Lesungen werden regelmäßig durch Zurufe unterbrochen, nicht von Begeisterungsrufen, sondern eher von Hilferufen: lauter bitte.
Wenn die Bewohner schön artig sind – ach, was rede ich denn da – also: Manchmal gibt es Krimilesungen. Die Hoffnungen der Autoren, dass der eine oder andere Krimi gekauft wird, werden regelmäßig enttäuscht. Da hilft es auch nicht, wenn das Signieren der Werke angeboten wird.
Bleiben wir beim Thema Krimi. Melpomene sorgt einmal im Jahr für ein Krimidinner, also einem Abendessen mit Theater. Mit viel Fantasie werden Gerichte zum Thema erfunden, viel rot wird aufgeboten. Begrüßungscocktails aus rotem Obstsaft mit Schuss, Tomatensoße wo möglich. Ich erinnere mich an ein Hühnerbein, das hilfesuchend aus einem Glas mit scharfem Tomatensaft ragte. Eine Theatergruppe führt ein Stück mit wenigen Mitwirkenden auf, die im Laufe des Abends noch weniger werden.
Und siehe da, auch Urania kommt zum Zuge. Nicht weit entfernt vom Haus am Kirchberg gibt es ein kleines aber feines Planetarium. Hin und wieder wird eine Expedition dorthin angeboten, allerdings nicht, ohne dass darauf hingewiesen wird, dass das nur etwas für Schwindelfreie ist. Man liegt nämlich hingegossen in bequemen Sesseln, Kopf in den Nacken, und oben saust der Sternenhimmel über einen hinweg. Schwindel garantiert.
Filmvorführungen müssen logischerweise ohne die Hilfe einer Muse stattfinden, es sei denn, man arbeitet mit der Methode „reim dich oder ich fress dich“. Dann könnte man Thalia zu Hilfe nehmen, die Muse der Komödiendichtung. Was aber nicht passt, wenn es einen Film über das Aussterben der Eisbären oder das Abschmelzen der Gletscher gibt. Normalerweise geht es erbaulicher zu. Viel schöne Natur, viel schöne Ruinen, schöne Ozeandampfer – mit tollen Büffets, auch schön. Da werden Erinnerungen wach und die Stimmung ist gut. Oder man ist selig eingeschlummert.

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Abwechslung um jeden Preis – im Haus am Kirchberg

„Hallo Margret, du siehst aber recht mitgenommen aus. Was ist los?“ Johanna saß bereits am Tisch in der Cafeteria, ihre weißen Haare glänzten in der Sonne. Margret sank langsam auf einen Stuhl und seufzte.
„Allerdings,“ murmelte sie.
„Erzähl mal“, sagte Irmtraud, die auch schon Kaffee und Kuchen vor sich stehen hatte.
„Neun Uhr dreißig Sitzgymnastik mit Musik im Gymnastikraum.“
„Schön, hab ich auch mal gemacht“, bekannte Gerda und nickte zustimmend mit dem Kopf.
„Du? Wirklich? Hätte ich nicht von dir gedacht.“ Johanna wunderte sich, so kannte sie Gerda gar nicht.
„Wieso, was hast du gegen Sitzgymnastik, zu spießig?“, antwortete die. Und Margret fragte spitz: „Ist dir wohl zu simpel?“
„Nun mal mit der Ruhe, keinen Streit wegen Sitzgymnastik, meine Lieben.“ Irmtraud pochte mit dem rechten Zeigefinger auf den Tisch. Sie war das Haupt und der Mittelpunkt der kleinen Gruppe von älteren Damen, die im Haus am Kirchberg wohnten und sich ab und zu bei Kaffee und Kuchen in der Cafeteria des Hauses trafen.
Johanna kam zu ihrer Frage zurück und meinte: „So stressig ist es aber doch wirklich nicht.“
„Nein, natürlich nicht – aber anschließend um zehn Uhr Nordic Walking“, sagte Margret in leidendem Ton.
„Na, ja, Geschmackssache, sieht irgendwie unelegant aus.“ Irmtraud, auch zuständig fürs Elegante, was man an ihrer erstklassigen Garderobe ablesen konnte. Außerdem exzellenter Haarschnitt. Düsseldorfer Friseur natürlich.
Den anderen war anzusehen, dass auch sie es unelegant fanden.
„Eigentlich hätte ich jetzt gerade im Gedächtnistraining sein sollen,“ fügte Margret noch an und orderte erst einmal einen Cappuccino, zufrieden mit dem Gedanken, dass sie mal wieder schwänzte. Aber dieser Kaffeeklatsch war ihr wichtig.
„Ach verflixt, das habe ich total vergessen, ich auch,“ rief Johanna und machte Anstalten aufzustehen.
„Zu spät“, sagte Margret. Und Susanne musste unbedingt eine ihrer Spitzen loswerden:
„Wozu Gedächtnistraining? Anscheinend doch für die Katz.“ Johanna nahm’s nicht so ernst, sank wieder auf den Stuhl zurück und lachte. „Na, dann morgen Vormittag.“
„Kann man denn von einer Gruppe in die andere wechseln?“, fragte Irmtraud.
„Nein, das wohl nicht, aber ich geh immer in beide.“
„Ach,“ sagte Irmtraud nur. Und Susanne grinste.
Margret fragte: „Wieso Gedächtnistraining, ich hab dich da noch nie gesehen.“
„Kannst du auch nicht, denn du bist wohl um drei Uhr bei Frau Maierling und ich um drei Uhr dreißig bei Herrn Überall.“
„So viel Gedächtnistraining an einem Tag?“, fragte Susanne.
„Täglich irgendwann und irgendwo. Mal nur für Damen, mal nur für Herren, mal gemischt.
„Hat jemand von euch denn schon mal beim kreativen Arbeiten mitgemacht?“, fragte Irmtraud. „Ich wollte immer mal beim Mandalamalen einsteigen, aber um elf Uhr morgens bin ich noch nicht in der richtigen Stimmung. Da langt es allenfalls für Atem- und Entspannungsübungen, das tut wirklich gut.“ Irmtraud setzte an, die Übungen zu demonstrieren, fand es dann aber wohl zu unelegant. Wollte keinen Anlass zu kritischen Bemerkungen bieten.
„Früher gabs ja mal einen Kurs in Seidenmalerei, ich hab noch reichlich Schals in der Schublade. Müsste ich mal wieder hervorholen.“ Johanna guckte wehmütig und griff nach dem Schal, den sie um den Hals trug, der sah allerdings nicht selbstgemacht aus, eher designermäßig.
A propos Sitzgymnastik“, Margret griff das Thema wieder auf.
„Ja? Gibt’s da was Neues?“, fragte Johanna.
„Einmal Krankenhaus: Sturz, und einmal Essen in der Wohnung: Grippe.“
„Ja, der Schwund ist groß“, resümierte Irmtraud.
„Aber wenigstens kommen die wieder“, versuchte sich Margret in Optimismus.
„A propos Sturz, ich war mal eine Zeit bei der ‚Sturzprävention‘, Donnertagnachmittag. Kollidierte dann leider mit meiner Runde Rummicub.“
Gerda sah plötzlich nach Aufbruchstimmung aus. „Genau wie jetzt – ich muss los.“
Enttäuscht blieben die vier restlichen Damen zurück. Schweigen breitete sich aus, es hatte was Meditatives. Bis Susanne aufschreckte und rief: „Wisst ihr, wer gestern beim Dart gewonnen hat?“
„Dart? Nein, nichts für mich – meine Augen“, Johanna war auch mehr die Intellektuelle und anscheinend nicht neugierig.
„Ja, wer denn?“, fragte Margret.
„Herr Müller-Reinshagen.“
„Was? Na, der ist aber sportlich, der kegelt doch auch.“ Gerda hatte es auch mal versucht, angestiftet von eben jenem Herrn Müller-Reinshagen. Es war ihr zu dunkel gewesen in der Kegelbahn und zu laut, nix für sie. Sie hatte es lieber hell und ruhig.
„Nicht nur das, den sieht man auch im Billardzimmer.“ Irmtraud wohnte im Haupthaus und kam immer an diesem Raum vorbei, wenn sie in die Halle wollte.
„Und das letzte Sportfest hat er auch organisiert.“ Daran erinnerte sich Gerda.
„Sportfest, was soll das denn gewesen sein?“, fragte Susanne, die Kritische.
„Mit Bällchen und mit Ringen werfen und dazwischen isotonische Getränke, damit auch alle durchhielten.“ Gerda sah Susanne an und beide lachten lauthals.
„Hans Dampf in allen Gassen, der Herr Müller-Reinshagen, der ideale Bewohner dieses Hauses.“

Eine neue kleine Geschichte

… aus dem Leben im Haus am Kirchberg. Sie hat den Titel „Höllenfahrt“. Viel Spaß 😉

Susanne hatte fast fünf Minuten auf den Aufzug gewartet. War von einem Fuß auf den anderen getreten. Um diese Zeit, kurz vor der Mittagsmahlzeit, war das keine Seltenheit. Aber es trübte die Stimmung immer aufs Neue. Von der siebten Etage zu Fuß bis ganz unten zum Speisesaal, das wollte sie ihren Knien nicht zumuten. Der Aufzug war dann ganz leer und sie ging gleich durch bis an die hintere Wand. Er würde nicht leer bleiben. Schnell noch ein Blick in den Spiegel, ja, die Bluse saß und die Frisur auch.
Auf der sechsten Etage wartete das Ehepaar Schmidt-Schleiermacher, sie im Rollstuhl. Beide hocherfreut über so viel Platz. Ungewohnt um diese Zeit. Manchmal hatte der Aufzug Launen und brachte Leute von den unteren Stockwerken nach oben, obwohl sie eigentlich alle nach unten zum Mittagsessen wollten. Man begrüßte sich freundlich. Susanne machte eine Bemerkung über den schicken roten Pullover und fragte nach dem Befinden. Mäßig, wie immer.

Fünfte Etage: zwei Damen samt Rollator, beide. Sie beklagten sich lautstark, dass sie so lange hatten warten müssen. Die Insassen zu begrüßen, wie es eigentlich üblich war in diesem vornehmen Haus, ersparten sie sich heute. Schmidt-Schleiermachers und Susanne sahen sich an: was will man auch erwarten … Nicht alle hatten ihr Niveau. Der Fahrstuhl setzte sich mit Verzögerung in Bewegung, weil Frau Marbach unbedingt sofort ihren Rollator drehen wollte, halb auf der Schiene des Aufzugs. Der stieß ein mahnendes Fiepen aus, ungehört. Frau Stein, die zweite Dame, schob sich schweigend neben den Schmidt-Schleiermacher-Rollstuhl.

Vierte Etage: Herr Lautstark, Susanne murmelte den Spitznamen und wartete gespannt. Und tatsächlich: „Würden Sie sie bitte den Rollator so stellen, dass auch ich noch hinein passe?“ Laut, weil schwerhörig, ergänzte Susanne bei sich. Frau Marbach ruckelte an ihrem Gerät, es tat sich nichts. „Wie blöd kann man sein – Sie müssen in der Mitte hochziehen, dann klappt er zusammen.“ Der Rollator.
„Wie reden Sie denn mit mir?“ Frau Marbach war zu recht empört und stellte ihre Bemühungen ein. Der Aufzug ließ wieder sein mahnendes Geräusch hören, gefühlt viel schriller als eben. Herr Lautstark stand voll auf der Schiene, griff jetzt nach der Schlaufe auf dem Rollator von Frau Marbach und brachte ihn tatsächlich in eine Position, die ihm, dem Herrn Lautstark erlaubte, in den Aufzug hinein zu kommen. „Guten Tag, meine Herrschaften, was gibt’s denn da zu glotzen?“ Laut. Alle richteten sofort ihre Blicke zu Boden – Streit mit Lautstark – nein, danke. Man war nun zu fünft. Herr Lautstark hatte reichlich Platz. Wer wollte schon mit ihm in Tuchfühlung sein.

Dritte Etage: Frau Klein mit Krücken. „Würden Sie bitte etwas Platz machen, Sie sehen doch, dass ich behindert bin.“ Ja, das sah man, aber wie sollte man sich aufstellen, damit Frau Klein samt Krücken Platz hatte? „Frau Marbach, sie könnten Ihren Rollator drehen und der Rollstuhl, kann der nicht noch etwas weiter nach hinten?“ Offensichtlich war Frau Klein ans Kommandieren gewöhnt. Der arme Mann, dachte Susanne. Und schrie auf: „Halt, meine Füße.“ Der Rollstuhl war mit einem Ruck bewegt worden. Herr Schmidt-Schleiermacher war nicht der Übeltäter. „Stellen Sie sich nicht so an“, zischte Frau Klein. Sie lehnte sich jetzt bequem an die Wand, die Krücken zur Abwehr vor ihrem Bäuchlein versammelt. Bäuchlein, so nannte sie, was andere eine Wampe nannten. So etwas fiel Susanne ein, die Sinn für Gemeinheiten hatte.

An der zweiten Etage hielt der Aufzug ein weiteres Mal. Herr Bergmann, ein etwas schüchterner grauhaariger Mann, versuchte, einen Platz zu ergattern. Die schräg gestellten Krücken hinderten ihn daran.
„Warum müssen Sie unbedingt mit diesem Aufzug fahren, Sie haben doch dahinten einen anderen auf dieser Etage. Zu faul die paar Schritte zusätzlich zu laufen.“ Frau Klein war nicht zu bremsen. Der schüchterne Herr Bergmann wisperte: „Der Aufzug ist kaputt.“ Keine Entschuldigung von Frau Klein. Herr Lautstark nickte ihr zu.

Und auf der ersten Etage: Frau Angenfort, gut gelaunt wie immer. „Da sind wir ja wieder alle zusammen. Ja, wenn es an die Krippe geht.“ Sie lachte fröhlich. Niemand sonst.

Erdgeschoß. „Na dann wünsche ich guten Appetit.“ Frau Angenfort, immer noch gut gelaunt und freundlich, verließ den Aufzug als Erste und nahm Kurs auf den Speisesaal. Frau Klein hatte ihre Krücken in Position gebracht, dem schüchternen Herr Bergmann gelang gerade noch der Sprung aus dem Aufzug. Herr Lautstark, oh Wunder, ließ Frau Klein mit einer höflichen Geste den Vortritt. Die ließ sich Zeit, versperrte breitkrückig den Weg, so dass Frau Marbach keine Möglichkeit hatte, ihren Rollator in Stellung bringen. Man sah ihr deutlich an, dass sie versucht war, Herrn Lautstark in die Hacken zu fahren. Da man sich kannte, verkniff sie sich die kleine Rache, drehte sich um und grinste Susanne an. Die stand immer noch auf ihrem hinteren Platz, festgenagelt vom Rollstuhl, der seinerseits noch nicht in Richtung Ausgang bewegt werden konnte.
Frau Schmidt-Schleiermacher hatte die Augen geschlossen, sichtlich entnervt. Warum mussten sie auch auf der sechsten Etage wohnen – jeden Tag die gleiche Höllenfahrt.

Der Meistersinger

Ich schreibe hin und wieder kleine Geschichten, die im Haus am Kirchberg spielen. Manchmal ist es was Kriminelles, manchmal lustig und manchmal gemein. Die Geschichten sind für den Blog „Insiderstories“ bestimmt, aber diese gibt es jetzt hier:

Der Meistersinger
„Liebe Gerda, ich bin gestern Nachmittag am Großen Salon vorbeigekommen und fand euren Gesang sehr schön. Habt ihr neue Mitglieder?“
Johanna, Margret, Gerda und Elvira saßen bei Kaffee und Kuchen beisammen. Sie hatten einen Tisch an der Fensterfront der Cafeteria ergattert. Waren besonders früh, nämlich schon um halb drei aufgelaufen – sonntags war es immer so voll.
„Ja, zum Beispiel Frau Ewerwein, erst vor einem Monat eingezogen.“ Gerda war schon länger Mitglied der Gruppe, die sich am Samstagnachmittag der Volksmusik widmete. Loblieder kamen bei ihr sehr gut an. Das wusste Elvira, die neu in der Gruppe war und noch Boden gut machen musste.
„Ich bin gestern auch vorbeigekommen und mir hat besonders eine Männerstimme imponiert.“ Margret beugte sich zu Gerda hinüber.
„Das war dann sicher Walther von der Vogelweide.“
„Wie bitte?“ „Wie heißt der?“ „Soll wohl ein Witz sein?“ Drei erstaunte Ausrufe. Gerda lachte schallend.
„So nennen wir ihn, hinter seinem Rücken natürlich. Obwohl ich glaube, dass er eher geschmeichelt wäre als beleidigt.“
„Er liebt wohl Balladen?“ fragte die gebildete Johanna. Sie war einmal Bibliothekarin gewesen, ihre kurz geschnittenen weißen Haare wiesen sie noch immer als Intellektuelle aus.
„Ja, tatsächlich, aber er kommt selten zum Zuge. Wir haben es lieber leichter. So neu ist der aber nicht, gehört schon zu den Gründungsmitgliedern“, erklärte Gerda.
„Warum nennt ihr ihn denn so seltsam?“, fragte Elvira, man sah ihr an, dass der Name Walther von der Vogelweide ihr nicht so geläufig war.
„Ganz einfach – er hält sich für einen Meistersinger.“ Jetzt lachten alle vier.

Gerda und Johanna waren auf dem Weg vom Aufzug zu ihrer jeweiligen Wohnung auf der dritten Etage. Sie kamen vom Mittagessen. Johanna fragte:“ Wo wohnt eigentlich der Meistersinger?“
„Hier auf unserer Etage. Wir sehen ihn selten, weil er zu einer anderen Zeit zu Tisch geht.“
„Ach.“
„Was ist?“
„Bei mir am Tisch war die Rede davon, dass er Gesangsunterricht nehmen will.“
„Toll, das verbessert die Runde um einiges.“

Wieder mal saßen die vier Damen beieinander. Johanna und Margret waren sichtlich missgestimmt.
„Was ist los mit euch? Ist euch eine Laus über die Leber gelaufen?“, fragte Gerda.
„Wie macht sich eigentlich der Meistersinger in eurem Kreis?“, fragte Margret.
„Warum fragst du? Willst du von deiner schlechten Laune ablenken? Wir finden alle, dass er sich gesteigert hat. Es ist ein Genuss, ihm zuzuhören.“
„Walther von der Vogelweide war ein Minnesänger“, mischte Elvira sich ein. Sie hatte ihr Wissen erweitert, mit Hilfe von Google, wie sie freimütig gestand.
„Unserer auch, er tätschelt auch ganz gern mal seine jeweilige Sitznachbarin. Verbunden mit einem Kompliment, allerdings nicht in gesungener Form.“ Gerda plauderte aus der Schule. „Aber er hat sich wirklich gesteigert. Wir werden ihn sicher bald nur noch ‚Meistersinger‘ nennen, das hat er verdient.“ Gerda war ganz enthusiastisch.
„Auf Kosten seiner Nachbarn.“ Johanna äußerte sich mit grämlich verzogenem Mund.
„Wie meinst du das denn?“, fragte Elvira.
„Wie ich es sage.“
„Ich kann euch das erklären“, sagte Margret, wollte wohl die schlechte Stimmung nicht ausufern lassen. Sie holte tief Luft und fuhr fort:“ Er nimmt Gesangsunterricht.“
„Ja, das hat er anklingen lassen.“ Gerda.
„Aber das ist doch schön.“ Elvira.
„Nein.“ „Nein, ganz und gar nicht.“ Margret und Johanna.
„Also raus damit, was ist los?“ Gerda.
„Er hat sich irgendwoher ein Klavier kommen lassen und einen Gesangslehrer engagiert. Ihr wisst, wie dünn die Wände sind.“ Margret.
„Dreimal die Woche!“ Johanna. „110 Dezibel.“ Margret. „Entspricht einer Motorsäge!“ Johanna. „In der Wohnung.“ Margret.

Was macht der Gärtner auf der sechsten Etage?

Eine berechtigte Frage, nicht wahr? Noch dazu mehrmals die Woche.
Auf meinem Blog „Insiderstories“ gibt es schon einige „Geschichten aus dem Haus am Kirchberg“. Heute habe ich diese neue hinzugefügt. Ich könnte sie auch hier noch einmal hineinkopieren, bin aber faul und setze nur einen Link.
Vielleicht möchten Sie ja auch die anderen Geschichten lesen.

Eine Weihnachtsfeier ?

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„Was ziehst du an?“ Ein Anruf von Margret.
„Natürlich was mit Seide, und Schmuck, endlich mal wieder“, antwortete Gerda.
„OK“
Sie waren zu viert verabredet, Johanna sollte die Plätze freihalten, sie war sowieso immer die Erste bei allen Veranstaltungen. So auch heute. Tapfer verteidigte sie die Plätze gegen den Ansturm, der kurz vor vier einsetzte. Cafeteria und Speisesaal waren zu einer Einheit zusammengefügt worden, es hatten sich fast zweihundert Bewohner des Hauses am Kirchberg zu ihrer jährlichen Weihnachtsfeier angemeldet.
„Na, endlich,“ rief sie, als Irmtraud endlich angerauscht kam. Natürlich auch sie in Samt und Seide. Sie nahm Platz und begutachtete als Erstes das Gebäck, das auf dem Tisch stand. Na, ja. Dann kamen auch Margret und Gerda, sie mussten mit dem Rücken zur Kapelle sitzen. Machte aber nix, sie wollten ja hören. Nun wurde auch Kaffee eingeschenkt, die wievielte Tasse war das heute, fragten sich die Damen. Eigentlich mussten sie vorsichtig sein – mit über siebzig – weit über siebzig.
Der Lautsprecher röchelte, da bereitete sich was vor. Ja, der stellvertretende Direktor rüttelte am Mikrofon, tiptop in schwarz, wie es sich in diesem Haus gehörte. Ein paar warme Worte zur Adventzeit, zum Beschaulichen, zum Traditionellen, zum Besinnlichen und so weiter. Die Glastüren schwangen auf, eine schwarz gewandete junge Dame schwebte herein, die Geige im Anschlag – witzelte Gerda. Aber wirklich schick die Garderobe. Was spielte sie? Was Passendes, keine Ahnung, was – murmelten die Damen; und – der Kaffee ist gut; und – dann kanns ja losgehen.
Es ging los. Mit Schwung. Waren das nicht Zigeunerklänge? Halt – durfte man das sagen: Zigeunerklänge? Margret guckte streng. Aber doch merkwürdig, war das nicht eigentlich eine Weihnachtsfeier? Na, abwarten, das kommt noch. Kam aber nicht. Ein Czardas jagte den anderen. Die Damen sahen sich an, sie waren platt – wie Johanna murmelte. Sie murmelte weiter: „Passen bestens hier ins Haus, die Musiker – alle haben weiße Haare.“ Johanna war stolz auf ihre eigenen weißen Haare.
Der Balkan war abgehakt, nach einer kleinen Atempause wurden Operettenklänge angekündigt.
„Sie dürfen gerne mitsingen,“ forderte der Stehgeier auf und zog noch eben seine Hose hoch. Sah unternehmungslustig aus, fand Johanna, die Sicht auf die Musikergruppe hatte. M i t s i n g e n ? „Sind wir hier bei einem Betriebsfest?“, fragte Irmtraud spitz.
Der Stehgeiger setzte noch einen drauf: “ Sie können auch gerne mittanzen, soweit es der Platz zulässt.“ Irmtraud verließ den Tisch Richtung Toilette, man hörte sie im Nebenraum hysterisch lachen. Das war der Raum, in dem die Rollatoren versammelt waren.

Lesung im Balkhauser Kotten

Das Wetter war novembermäßig und trotzdem kamen interessierte Menschen, um zu hören, was Jörg Marenski und Anne Poettgen (also ich) zu erzählen hatten. Es wird ja nicht nur gelesen. Es sollen sogar eine Handvoll Leute dagewesen sein, die den Kotten vorher nicht kannten. Aber irgendwann wieder kommen wollen, auch ohne Lesung. Es ist aber auch wunderschön dort, direkt an der Wupper. Und innen: alte Häuser, alte Räume haben eine ganz besondere Atmosphäre, so auch hier. Und außerdem gibt’s Andenken zu kaufen: Messer und Scheren – es ist ein Schleiferkotten.

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Das Foto stammt von Petra Marenski

Mit Weinbegleitung

Es müssen nicht immer Kriminalgeschichten sein, hier mal ein Erlebnisbericht:
Mit Weinbegleitung
Die Tische im ansprechend dekorierten Speisesaal waren gut besetzt, es gab etwas Besonderes zu genießen – einen Event. Ein Spätsommermenü mit Weinbegleitung. Teuer zwar, aber die Karte sah verheißungsvoll aus. Also hatten die Begüterten und Unternehmungslustigen in der Seniorenresidenz gebucht und vorab bezahlt.
Der Gruß aus der Küche, etwas Undefinierbares aus dem Meer, aber lecker, wurde von einem Sekt begleitet. Man prostete sich zu am Tisch von Herrn Meier.
Schon wurde der Wein zum ersten Gang eingeschenkt: ein Weißwein-Cuvée, aber von einem renommierten Weingut, Baden, 2012. Ein Kenner am Nebentisch, Herr Müller, ließ verlauten: 2012, na ja. Aber zu Bachkrebsen auf Couscous verzeihlich. Herr Meier hatte die Kritik mitbekommen, teilte sie nicht – die Weine der letzten Jahre waren alle in Ordnung, zumal die aus Baden, teilte er dem gemischten Publikum an seinem Tisch mit.
Eine winzige Pause und schon kamen die Servierinnen mit dem nächsten Wein. Ah, Mosel, Riesling „Alte Reben“, Weingut Soundso. Herr Meier verlas den Text aus der Karte, die sowieso alle zur Hand hatten, deutlich, akzentuiert, mit Betonung auf Alte Reben. Fügte dann hinzu: Die Rebstöcke müssen mindestens 25 Jahre alt sein, damit der Wein diesen Zusatz erhalten kann. Ob das alle wussten, blieb unklar – auch, ob es interessierte: man blickte bereits den Serviererinnen entgegen, die den Seesaibling auftrugen. Das Grüne neben dem Filet war Kressepüree, wie man nachlesen konnte. Es schien allen zu schmecken, Herr Meier drehte sein Glas in der Hand – leer. Aber schon kam eine der jungen Damen auf ihn zu: Darf ich nachschenken? Huldvolles Nicken. Er hatte seine Karte konsultiert und sah zum nächsten Gang kalifornischen Wein auf sich zukommen.
„Das geht aber gar nicht“, trompetete er über den Tisch, „Kalifornischer, noch dazu 2013.“
Es regte sich Widerspruch, auch Herr Müller setzte zu einer Verteidigung des Weines an; seine Frau zupfte an seinem Ärmel, um ihn am Sprechen zu hindern, vergeblich. „Sind Sie inzwischen zum Weinkenner mutiert, lieber Herr Meier?“ Das war recht provozierend. Die Wirkung auf die Tischrunden war unterschiedlich. Einige der Damen kicherten, einige der Herren sahen einen Streit heraufziehen. Jeder bedachte bei sich, auf welche Seite er sich stellen sollte. Beide, Meier und Müller, gehörten zu den Alphamännchen im Haus, die jeweils eine Horde Mitläufer und Abnicker hinter sich hatten. Wobei Männchen nicht der richtige Ausdruck ist, jedenfalls bei Herrn Meier, er reichte an das Format von Bud Spencer, seligen Angedenkens, heran. Allerdings nicht, was den Humor betrifft. Obwohl man bei dem ja auch nicht wusste, ob er im realen Leben tatsächlich so witzig war wie in seinen Filmen.
Nach einiger Überlegung erwiderte Meier: “Mutiert, was soll denn das heißen? Meine Frau und ich haben etliche Weingüter kennengelernt auf unseren Reisen. Und nicht nur in Deutschland. Außerdem wird hier jeder seine Meinung sagen dürfen, nicht wahr, Herr Müller?“
„Weingüter besuchen, das will noch gar nichts heißen“, erwiderte Müller. Schwieg dann aber.
Der Kalifornische wurde eingeschenkt und gleich danach standen die Teller mit Selleriecreme und Porree auf dem Tisch. Das kannte man sonst nur als Suppengrün, na, das hatte auch nichts Besseres als den Kalifornischen verdient. Dekoriert und arrangiert war das grüne Gemüse allerdings ganz ansprechend, übergossen mit Nussbutter. Von den anderen äußerte sich niemand zum Wein. Konnten sie nicht oder wollten sie nicht? Leises Geplauder begleitete diesen vegetarischen Gang, der Zeitgeist führte zu solchen absonderlichen Genüssen oder ist so etwas dem „Event“ geschuldet? Wegen der erforderlichen Abwechslung in einem Menü? Man war sich nicht einig. Über den Wein wurde nicht gesprochen, auch wurde beim Anbieten eines weiteren Schlückchens abgewinkt, man wollte Herrn Meier nicht beschämen.
Der wandte sich jetzt seinen Tischnachbarn zu, seine Stimme hatte an Kraft gewonnen, inzwischen drei Mal Wein und einmal Sekt, das stärkte das Selbstbewusstsein weiter.
„Pinot Noir von der Ahr – zum Fleischgang, wie passend. Trocken selbstverständlich.“
„Finden Sie, dass sich das besser anhört als Grauburgunder, Herr Meier?“ Auch Herr Müller war beflügelt von den bisher genossenen Weinen.
„Es steht nun mal so in der Karte“, antwortete der.
„Und darum frage ich mich, warum Sie es mit Stentorstimme verkünden müssen. Wir können alle lesen, oder?“ Er wandte sich an seinen Tisch und lächelte insbesondere den Damen zu.
Und schon wurde der Ahrburgunder ausgeschenkt, gefolgt vom Hirschrücken. Das war interessanter als der Streit über die Weinkenntnisse. Hirschrücken, fast noch blutig, toll, mit bunten Rübchen und Lorbeerjus. Hatten sie etwa einen neuen Koch im Haus? Mehr oder weniger angeheitert prostete man sich zu, auch über unsichtbare Grenzen hinweg.
„Hirsch muss man aus der Eifel beziehen, woanders her, das geht gar nicht.“ Herr Meier gab weitere Insiderkenntnisse von sich.
„Ach, woher denn diese Weisheit, Herr Meier?“
Der spielte nun eine weitere Karte aus. „Von einem Drei-Sterne-Koch. Hirsch nur aus der Eifel, Lamm nur aus Frankreich.“
Dabei hatte er sein Glas Ahrwein in Richtung auf Müller erhoben und dann mit Aplomb auf den Tisch gestellt. Rotwein geht gar nicht raus – dachten alle Damen. Das Malheur hatte Herrn Meier zurückgeworfen, er schwieg. Müller schwieg auch, aber triumphierend. Einen Augenblick schwiegen alle. Dann bemühte man sich, den Hirschbraten zu genießen, ebenso den Wein, manchen Damen war er zu trocken. Nur geflüstert.
Eine kleine Pause trat ein. Was sagte die Karte? Nachtisch. Ungewöhnlich: Salzkaramelleis, Malt Whiskey mit etwas Exotischem. Das stellte sich später als ganz edler Pudding heraus. Auf der Seite, auf der die Weine standen, war mit dem Ahrwein Schluss. Wie also weiter?
„Zur Nachspeise gehört Champagner.“ Herr Meier hatte sich gefangen, wollte sein Malheur vergessen machen. Die Damen merkten auf. Schön. Da kamen auch schon die Tabletts mit den Glasflöten. Ah. Man trank und es war wie mit des Kaisers neuen Kleidern, niemand wagte zu sagen, dass es schnöder Sekt war.