Archiv der Kategorie: Kurzgeschichten

Massenpanik im Lichterglanz

Drei – zwei – eins – Licht! Am Baum erstrahlen die Kerzen, große und kleine, und von den Seniorinnen und Senioren erschallt ein oh und ah. Der Direktor wünscht eine schöne Adventszeit und animiert dazu, vom Glühwein zu trinken. Die Bläser intonieren „Oh Tannebaum“ und Damen- und Männerstimmen kommen dazu. Das Singen im Singkreis lohnt sich also doch, die Töne kommen klar und fest.
Man nickt sich zu, wispert ein paar zustimmende Worte. Die Stimmung ist heiter bis besinnlich. Eben angemessen. Auch Johanna, Gerda, Susanne und Edeltraud nehmen teil.
“Was ist das denn da?“ Johanna schüttelt ihren weißen Kopf und guckt empört. Susanne blickt in dieselbe Richtung und lacht. „Kaum einen Schluck getrunken und schon beschickert.“ Nun schauen alle vier hin und schütteln einträchtig den Kopf.
Der Direktor löst sich von seinen Gesprächspartnern und eilt zu Hilfe. Keine Se-kunde zu früh, eine alte Dame findet keinen Halt, torkelt weiter und droht zu stür-zen, der Gehstock poltert zu Boden. Er hakt sie unter und führt die Dame hinein ins Haus. Da gibt es Sessel genug.
Kaum ist er wieder auf der großen Terrasse, deren Mittelpunkt der Baum bildet, da schießt ein Rollator an ihm vorbei, Frau Müller klammert sich verzweifelt an das Ge-rät, ihre Füße können nicht folgen, auch sie droht zu stürzen. Der Direktor ist inzwi-schen kreidebleich geworden und blickt nervös um sich. Frau Müller wird von zwei kräftigen älteren Herren aufgehalten und fürsorglich ins Haus gebracht. Was ist los?
„Der Glühwein kann nicht schuld sein, ist doch mehr Orangensaft als Wein“, be-merkt Edeltraud. Sie stellt ihr Glas aber vorsichtshalber auf einem Serviertisch ab.
„Schnell weg damit“, sagt sie. „Wer weiß, was drin ist.“ Die übrigen Drei tun es ihr gleich.
„Mir hat er nur nach Glühwein geschmeckt und ich steh‘ auch fest auf meinen Bei-nen“, erwidert Johanna.
„Ich auch“, kommt es von Gerda und Susanne unisono.
„Wo haben denn die Gläser gestanden, bevor man sie hier herausgebracht hat?“ fragt Johanna.
„Was willst du damit andeuten?“, fragt Edeltraud.
„Es muss doch einen Grund geben, warum so etwas …“ Johanna stockt und deutet schweigend auf einen der Bewohner, der dicht vor dem Baum steht, nein stand. Er hat hinter sich gegriffen und einen Zweig zu fassen bekommen. Die Lichter blinken hektisch, aber der Baum steht still. Der Mann sinkt zu Boden, lockere Kerzen folgen.
„Ein Notfall, ein Notarzt, zu Hilfe“, tönt es von allen Seiten. Dann Stille. Alle blicken sich um, ob etwa noch jemand zu Boden gegangen ist.
„Da, da drüben!“, Susanne hebt ihren Arm und weist in die Richtung schräg hinter dem Baum. Tatsächlich. Eine Gestalt, verkrümmt und jammernd.
„Wenn das mal keine Panik gibt …“ unkt Gerda.
Und tatsächlich – alles schiebt sich hastig in Richtung auf die Tür, die ins Haus führt. „Schubsen Sie mich nicht!“, ertönt eine schrille Stimme.
„Weg da!“, eine andere, laut und deutlich, irgendwie brutal.
„Bitte bleiben Sie ruhig!“ Die Stimme des Direktors zittert, was nicht zur Beruhigung beiträgt.
„Es kann Ihnen doch nichts passieren. Stellen Sie die Gläser ab. Aber bitte vorsich-tig, damit nichts zerbricht.“ Einer der Bewohner nimmt das Heft in die Hand, wahr-scheinlich aus alter Gewohnheit. Aber schon hört man das Zersplittern von Glas, das leise Knirschen unter den Schuhen. Blindlings schiebt man sich weiter, restli-cher Glühwein schwappt über auf die Kleidung des Vordermannes oder der Nach-barin. Wenigstens ist er nicht mehr heiß.
Dann ertönt das erste Martinshorn, alle bleiben stehen, wie auf ein Kommando. Gott sei Dank, Hilfe naht. Noch ein Wagen, ein weiterer. Die Helfer springen heraus, Bahren werden geschultert, Rufe ertönen. Man sucht nach den Opfern. Die sitzen im Zweifel noch in der Halle, das Laufen hatte ja schon vorhin nicht geklappt.
„Bitte machen Sie doch Platz“, drängeln die Sanitäter und die Ärzte.
„Ja, wie denn?“ kreischt es erbost. Ja, wie? Ein dichter Pulk vor einer schmalen Tür.
Der Mann oder die Frau, die hinter dem Baum gelegen hatte, wird als Erste auf eine der Bahren gehoben. Niemand hatte sich um die Gestalt gekümmert. Die Sanitäter stellen die Bahren ab, unter dem Baum ist ja jetzt Platz. Behutsam schieben sie sich durch die verschreckte Menge und regeln am Eingang, wie man langsam und ruhig in die Halle kommt. Hinter ihnen der Direktor, immer noch leichenblass. Die Blaska-pelle hat sich still und leise entfernt, wahrscheinlich bangen sie um ihre Instrumen-te.
„Bitte bleiben Sie nicht in der Halle, sondern lassen Sie uns Platz frei für unsere Arbeit.“
„Es sei denn, Sie brauchen selbst Hilfe,“ sagt ein anderer.
Das hätte er besser nicht gesagt: Schon bleiben einige stehen und scheinen sich zu befragen, wie es ihnen denn geht. Schlecht. Sie greifen nach den Sanitätern und versperren den Nachgerückten den Eingang. Manche krallen sich förmlich fest, andere haben die Hände über den Kopf geschlagen, wieder andere scheinen mit beiden Händen Magen und Darm zu befragen.
„Massenpanik im Altenheim, wäre ne gute Schlagzeile.“
„Einen seltsamen Humor hast du, liebe Susanne,“ sagt mit strenger Miene Edeltraud.
„Außerdem ist das hier kein Altenheim, sondern eine Seniorenresidenz!“, mischt sich eine Nachbarin ein, die mit den vier Damen an ihrem Platz geblieben ist. Sie rückt ihren Pelz zurecht, wirft noch einen giftigen Blick auf Susanne und geht stolz erhobenen Hauptes Richtung Eingang.
Edeltraud, Johanna, Gerda und Susanne rätseln bereits, wer da möglicherweise etwas in einige Glühweingläser geschüttet haben könnte.

Der neueste Mord

„Das Neueste …“, Margret beugte sich leicht vor, als wollte sie vermeiden, dass man an anderen Tischen mitbekam, was sie zu sagen hatte.
„Erzähl schon.“
„Mach‘s nicht so spannend.“
„Es ist spannend. In unserer Tiefgarage hat man …“ Schon wieder eine kleine Pause. „Hat man eine Leiche gefunden.“
Das war wirklich spannend, nämlich – die Todesursache.
„Schlaganfall?“, fragte Johanna.
„Herzinfarkt wahrscheinlich,“ meinte Susanne.

„Mord!“ Ein Wort genügte, um alle sprachlos zu machen. Selbst Irmtraud fand keine Worte, fing sich dann aber und wiegelte ab: „Mord? Nicht hier im Haus am Kirchberg. Und im Übrigen, woher weißt du davon?“
Margret wiegte ihren Kopf, blickte zu Seite und sagte: „Ich höre Vieles, was im Haus passiert.“
„Das ist keine Antwort auf meine Frage,“ Irmtraud sah Margret strafend an. Irmtraud war so etwas wie die Wortführerin dieser Viererrunde, die sich des Öfteren in der Cafeteria traf. Sie konnte sich Strenge im Umgang erlauben.
„Na, ja, ich saß mal wieder im Sessel vor dem Sekretariat und habe gehört, wie drinnen davon gesprochen wurde, es fiel auch das Wort ‚Polizei‘“.
„Dann könnte es stimmen.“ Susanne war schon fast überzeugt.
Jetzt meldete sich Johanna zu Wort: “Ich bin vorgestern am Sekretariat vorbeigekommen und habe da einige Herren herausgekommen sehen. Der Geschäftsführer war auch dabei.“
„Polizei. Kriminalbeamte. Jetzt geht’s los.“ Das war Irmtrauds Meinung. Offensicht-lich gefiel ihr der MORD nun doch.
„Was geht los?“, fragte Susanne.
„Na, was wohl?“ Irmtraud guckte streng. „Ver-hö-re!“
„Wie? Warum? Was meinst du?“, Johanna.
„Irgendwer muss es ja gewesen sein“, Susanne hatte die Situation erfasst. Sie lehn-te sich zurück und sah in die Runde, als suchte sie bereits den Täter unter den net-ten alten Leuten an den Nebentischen..
„Hier aus dem Haus? Niemals!“ Johanna strich energisch ihre silberweißen Haare nach hinten. „Nein, niemals. Und wir wissen doch auch gar nicht, wie es passiert ist.“
„Mit einem stumpfen Gegenstand, vermute ich mal. Und die gibt es in der Tiefgarage genügend, da hat doch auch der Gärtner seine Werkzeuge.“ Irmtraud.
„Aber es kann doch auch jemand von draußen gewesen sein.“ Johanna.
„Und wie soll der oder die in die Garage gekommen sein? Die ist doch sicher abgeschlossen.“ Margret.
„Von wegen, in die kann jeder rein – muss allerdings erst mal ins Haus kommen.“ Irmtraud, die ihren Mercedes dort stehen hatte.
„Ja, und wie kriegen wir raus, wer’s war?“ Johanna.
„Gar nicht, liebe Johanna. Oder willst du durchs Haus gehen und Leute befragen? Absurd.“ Irmtraud.

„Erst einmal müssen wir erfragen, wer überhaupt ermordet worden ist, dann ergeben sich schon Ansatzpunkte. Ich wohne seit langen Jahren hier im Haus, ich weiß ‚wer mit wem‘ oder ‚wer gegen wen‘.“ Margret. Es war ihr Fall und sie wollte ihn lösen.
Da gab es schon eine erste Schwierigkeit: Wem konnte man das Geheimnis entlocken? Man erfuhr ja nicht einmal, wenn eine Nachbarin krank geworden war und in der Pflegeabteilung verschwand. Erst recht nicht, dass jemand verstorben war.
Da musste man sich auf die Kondolenzmappe verlassen, die aber nicht immer komplett war.
Und darauf würde man auch in diesem Fall vertrauen müssen. Also wurde die Lösung vertagt und alle beschlossen, Augen und Ohren offen zu halten. Bis jetzt wusste man wusste ja nicht einmal, wann DAS passiert war.

Einen Tag später, wieder bei Kaffee und Kuchen.
„Hach, ich wusste es doch!“
„Was?“
„In der Mappe –„ aus dem Leben gerissen!“ Das kann doch nur heißen: Mord.“
Margret war als Erste in der Cafeteria und stand noch, als Susanne und Irmtraud gemeinsam hereinkamen. Nachdem alle saßen: „Nun sag schon – wer?“, Irmtraud.
„Ich kenne sie nicht. Eine Frau Ullrich.“
„Ich dachte, du kennst hier jeden im Haus. Hast du doch gestern verkündet. Aber – ich kenne sie. Nette bescheidene kleine Person. Witwe natürlich. Die Kinder kom-men regelmäßig. Schien alles in Ordnung zu sein.“ Irmtraud wusste auch vieles.
Nun saßen erst einmal alle schweigend da; auch Johanna war eingetrudelt, hatte die letzten Worte noch mitbekommen. „Alles in Ordnung – wie schön.“

„Bescheidene Person, sagst du? Dann kann es ja kaum um Geld gehen.“ Susanne ergriff das Wort.
„Kann man so nicht sagen, manche hier im Haus treten bescheiden auf, haben aber allerhand auf dem Konto.“ Margret. Sie sah sich in der kleinen Gruppe um und grinste ein wenig. Susanne fragte sich, warum. Sie wusste ja nicht, dass sich ihre Freundinnen immer mal wieder fragten, wieso sie sich die teure Wohnung leisten konnte: drei Räume, Westseite, ganz oben.
Aber ob Frau Ullrich tatsächlich so viel Geld hatte, dass es sich für ein Familienmitglied lohnen würde, sie zu ermorden, das fragten sich alle vier nur still für sich. Einen solchen Verdacht wollte man nicht aussprechen.
„Tja, irgendein Motiv muss es geben“, Margret blieb dran.
„Könnte ja auch ein Unfall gewesen sein,“ gab Johanna zu bedenken. „Weiß denn jemand, wo genau man sie gefunden hat?“ Auch Johanna kannte die Tiefgarage, sie brauchte allerdings keinen Platz mehr, ihr Auto samt Führerschein waren Ver-gangenheit.
„Wofür soll das wichtig sein?“, fragte Irmtraud.
„Sie könnte ja ausgerutscht und gestürzt sein und unglücklich irgendwo aufgeschlagen sein.“ Johanna.
Ja, das konnte sein.
„Kommt denn die Polizei auch bei Unglücksfällen? Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Margret wollte zu gern bei Mord bleiben. Allerdings konnten die vielen Männer, die mit dem Geschäftsführer das Büro verlassen hatten, auch Leute aus der Verwaltung gewesen sein. Das mussten nicht zwingend Polizeibeamten gewesen sein. Das wussten alle, wollten es aber nicht laut sagen – Polizei war interessanter als einfache Angestellte des Hauses.
„Wer mag die Polizei denn gerufen haben?“ Irmtraud.
„Der oder die, die sie gefunden hat. War vielleicht übereifrig.“ Susanne.
„Das kann man wohl sagen. Da rufe ich doch erst einmal jemand von den Pflegekräften …“
„Oder eins-eins-zwo …“
„Und dann melde ich mich bei der Geschäftsführung …“
„Bringt das ganze Haus in Verruf …“

„Ob die arme Frau da schon tot war?“, Margret hätte es gern genau gewusst. Vielleicht hatte man ja doch die 112 angerufen. Der Wagen kam so oft zum Haus, dass es gar nicht aufgefallen wäre.
„Schade, dass wir nicht wissen, wer sie gefunden hat. Wen könnte man denn danach fragen?“ Johanna hatte Blut geleckt – im übertragenen Sinne natürlich.
„Das hab‘ ich schon versucht, bin aber abgeblitzt.“ Susanne war recht kleinlaut.
„Und wen hast du gefragt?“, wollte Irmtraud wissen.
„Die Damen an der Rezeption.“
„Das hätte ich dir gleich sagen können, die verraten gar nichts, wissen von gar nichts.“
Johanna überlegte: „Wo hat sie denn gewohnt? Vielleicht wissen die Nachbarn etwas?“
Niemand wusste es. Aber das konnte man klären, es gab an der Rezeption eine Mappe mit Angaben zur Person: Wohnungsnummer, Telefonnummer. Johanna erbot sich, danach zu sehen und machte sich auch gleich auf den Weg.
Aber schon ihr schleppender Gang bei der Rückkehr verriet, dass sie keinen Erfolg gehabt hatte. Was war los?
„Flott sind sie, das muss man ihnen lassen: Als hätte es diese arme Frau nie gegeben. Kein Eintrag unter Ullrich.“ Johanna ließ sich wieder auf ihren Stuhl sinken, ergriff die Kuchengabel und tröstete sich mit dem Rest der Champagnertorte.
„Fangen wir ganz von vorne an“, sagte nun Irmtraud. „Machen wir eine Ortsbesichtigung.“
„Ach, ja, vielleicht finden wir noch Blutspuren.“ Margret war begeistert. Ärgerte sich aber doch, dass sie nicht selbst auf diese Idee gekommen war. „Wir brauchen aber Taschenlampen“, ergänzte sie, praktisch wie sie war.
Irmtraud hatte eine im Auto, Johanna glaubte, auch eine zu haben. Das reichte.
Ortsbesichtigung. Mit dem Vorwand, etwas aus dem Auto von Irmtraud holen zu wollen – falls jemand dumme Fragen stellen sollte.
Erst einmal wurden die Geräte besichtigt, die in verschiedenen Ecken der Tiefgarage standen. Nichts. Jedenfalls nichts, was wie Blut aussah. Es sah auch nicht so aus, als hätte man alles abgewischt. Alles ziemlich alt und verschmutzt.

Nun also der Boden. Mittelgang. Dann zwischen den parkenden Autos.
Vielleicht war eines der Autos unterwegs gewesen? Also darunter ausleuchten. Wer? Die Beweglichste: Susanne.
„Siehst du was?“, fragte Johanna.
„Mach es nur ja gründlich, wir dürfen nichts übersehen.“

„Da. Da ist etwas.“ Susanne jubelte.
„Ja was denn? Was denn? Her damit.“ Irmtraud.
„Ja klar, aber wie? Soll ich etwa drunter kriechen. Nee danke.“ Susanne war sauer, dass sie sich nicht gegen die Zumutung gewehrt hatte – aber Irmtraud hatte so eine Art …
„Aber was ist es denn?“, drängelte Johanna.
„Sieht aus wie …“
„Wie?“
„Wie ein Rest vom Flatterband!“
„Vom Flatterband?“
„Ja, du Schaf, vom Flatterband der POLIZEI!“
Ahhh. Der Beweis. Da war etwas gewesen.
Sie brauchten das Band gar nicht. Seine Anwesenheit war Beweis genug. Tiefe Befriedigung. Wenn der Anlass nicht so traurig gewesen wäre, hätte man einen kleinen Freudentanz vollführt, oder etwas Ähnliches. Aber in letzter Sekunde konnte man sich zurückhalten. Man war Mensch und Dame. Nur Susanne, die bewegliche, setzte an. Brach aber ab, knipste die Taschenlampe aus und lehnte sich gegen den Irmtraud-Mercedes.
Wenn jetzt jemand gesagt hätte „der Fall ist gelöst“, hätte niemand widersprochen. Obwohl …
Man machte sich auf den Weg zurück zur Cafeteria. Neben dem Tresen der Rezep-tion stand Frau Klarbach, eine Nachbarin von Margret. Sie wedelte mit einem Zeitungsteil.
„Das Neueste“, rief sie und stürzte auf die vier Detektivinnen zu.
„Was?“
„Was ist los?“
„Nun reden Sie schon.“
„Was steht denn drin?“
„Lesen Sie selbst“, sagte Frau Klarbach und reichte Margret die Zeitung, den Lokalanzeiger.
„Kommt mit in die Cafeteria, da haben wir mehr Ruhe.“ Margret als die Hauptermittlerin übernahm das Kommando.
Der Lokalanzeiger Erkrath berichtete auf Seite eins:
„Brutaler Mord im Haus K.?
Wie wir aus gut unterrichteter Quelle erfahren, ist in einer Wohnanlage für Senioren in unserem Ort eine Leiche gefunden worden. Die Polizei ermittelt, kann oder will aber bisher nichts zur Tat und zum Opfer verlauten lassen.“
Da wussten Irmtraud, Johanna, Margret und Susanne schon wesentlich mehr. Aber die einhellige Meinung am Tisch war: Nachforschungen einstellen! Wozu haben wir schließlich die Polizei?
Zu einem richtigen Mord gehörte schließlich ein Täter … und wenn der – oder die – mitbekam, dass man herumschnüffelte – nein danke. Niemand wollte die Nächste sein – der allerneueste Mord.

Ein Krimi zum Geburtstag

Nämlich zu meinem Geburtstag. Geschrieben von einem Kollegen und von ihm mitten während des Festessens vorgetragen. Zur Freude der Festgäste und natürlich erst recht zu meiner. Zugegebenermaßen ist es zunächst eine Lob- und Festrede, die sich aber Absatz für Absatz zu einem Kriminalfall von internationalem Rang hochschraubt.

Das Foto vor mir auf dem Tisch …
von Jörg Marenski

Wie? Sie kennen Anne Pöttgen nicht? Das ist aber eine echte Bildungslücke. Dieses intellektuelle Defizit muss sofort beseitigt werden. Anne Pöttgen, eine Dame mit … ja, wie sage ich es am besten? … mit einer differenzierten Altersstruktur: Geistig ist sie ungefähr um die 40, in Sachen Humor ist sie zirka 30, in Sachen Empathie in einer Spanne von pubertären 14 bis mitfühlenden 55, und laut ihrem Pass ist sie … aber das sagt man bei einer Dame nicht. Da schweige des Sängers Höflichkeit.
Nun also, Anne, mit Nachnamen Pöttgen, lebt zurzeit in dem durchaus noblen Rosenhof in Erkrath Hochdahl, einem Seniorenzentrum des gehobenen Anspruchs. Nach dem Tode ihres Mannes und langjährigen Seelenverwandten Heribert hielt sie es für angenehmer, die bisherige Wohnung aufzugeben und sich in dieser Anlage für das reifere Semester einzumieten. Soweit der heutige Stand. Was gibt es noch über Anne zu sagen? Sie ist ein Mensch mit mannigfaltigen Interessen: sie hat früher gemalt (wobei sie sich strikt weigert, diese Werke als künstlerisch zu bezeichnen), sie hat sich in der Bildhauerei/Töpferei versucht, sie war und ist ein Augenmensch, dem Musik weniger, die Literatur dafür um so mehr gibt. Habe ich was vergessen? Ach ja, das Wichtigste: Anne ist nicht nur literarische Konsumentin, sie ist auch selbst Erschafferin von Werken der Prosa. Auch hier wieder ein für sie typisches Understatement: Sie bezeichnete ihre Schriften nicht als Literatur, sondern bestenfalls als Belletristik. Wie auch immer, sie ist darin so gut, dass sie mittlerweile den Spitznamen „Miss Marple von Erkrath“ trägt – logisch, denn sie schreibt Krimis. Und diese „Morde am Kirchberg“ haben inzwischen sogar eine kleine, feine Fangemeinde.
Wie kam ich jetzt da hin? Nun, die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit haben direkt etwas mit ihrer Schreiberei zu tun. Und das war so …

Dieser Montagmorgen begann für Anne nicht sehr gut. Sie hatte denkbar schlecht geschlafen, weil sie die halbe Nacht über einem Problem ihres Kindes gebrütet hatte. Ihres Kindes? Nun ja, ihres GEISTIGEN Kindes, der Hauptperson ihrer Kriminalromane, Ruth. Diese Figur trug stärkste autobiografische Züge. Und nicht nur das, auch Annes tägliches Leben und ER-Leben im Rosenhof floss in die Fantasien um Verbrechen ein. Besagte Ruth sollte in dem Entwurf des nächsten Romans einer Bande von Trickdieben auf die Schliche kommen, die ältere Menschen mit dem Enkeltrick reinlegten. Nur konnte Anne ihrer „Tochter“ Ruth beim besten Willen keine wilde Verfolgungsjagd durch die Höhen und Tiefen des Bergischen Landes zumuten. Dieses Problem hatte sie bis fast zwei Uhr morgens wachgehalten. Dementsprechend unleidlich betrat sie den Aufzug in der sechsten Etage, unweit ihres Appartements. Der Gruß an die ebenfalls zugestiegene Dame aus ihrer Etage fiel entsprechend knapp aus. „Moin!“ Der Gruß wurde identisch erwidert und die beiden Frauen verbrachten die Fahrt stumm.
Beide gingen an ihre Briefkästen, die sich in einer langen Reihe im Erdgeschoss neben den Aufzügen befanden. „Wieder einmal nur uninteressante Werbung“, dachte sich Anne beim Durchsehen der Umschläge. In diesem Augenblick spürte sie eine sanfte Berührung an ihrer Schulter, den penetranten Geruch eines billigen After Shaves und dann erklang schon eine wohlvertraute, nicht minder verabscheute Stimme. „Habe die Ehre, die Damen. Alles leiwand an diesem schönen Sommermorgen? Wie wär‘s denn, wenn wir drei Hübschen uns gleich auf der Terrasse auf ein Haferl oder ahna Melange treffen würd’n? I hätt ja lieber an Fiaker, aber der Slibowitz hier im Haus is a rechte Zumutung.“
Reichte es nicht, dass sie diese Nacht schlecht geschlafen hatte? Musste sie auch noch zusätzlich diesem schmierigen Neuzugang über den Weg laufen? Hofrat, auf diesen Titel legte er großen Wert, Hieronimus Nowottny war vor drei Monaten aus Wien nach Deutschland gezogen, da er seine Wohnung im Wiener Nobelviertel Hietzing aus nicht näher bezeichneten Gründen hatte aufgeben müssen. Ein Neffe wohnte mit seiner Familie in Erkrath und so hatte er mit diesem Kontakt aufgenommen und um Hilfe bei der Suche nach einer adäquaten Bleibe gebeten. Das Ergebnis war eben der Rosenhof. Nowottny zeigte sich nie ohne eine gediegene Aufmachung, so auch heute. Ein hellbeiger Leinenanzug, dazu ein hellblaues Hemd, um den Hals ein markanter Seidenschal im gleichen Muster wie das Einstecktuch seines Jacketts, rehbraune Budapester und die unvermeidliche weiße Nelke im Knopfloch. Geziert lächelnd strich er sich mit dem Zeigfinger über seinen akkurat gestutzten Schnurrbart, wobei die auffälligen Ringe an seinen Fingern glitzerten.
Annes Etagennachbarin ließ nur ein verschämtes Kichern erklingen, was wohl wie Jungmädchencharme wirken sollte. Anne hingegen war erklärte Gegnerin solcher „Tätscheleien“, erst recht bei Fremden. Aber dieser Vogel war ihr vom ersten Tag an durch seine aus ihrer Sicht schmierige Art sauer aufgestoßen. Das hatte sich in dem letzten Vierteljahr nicht geändert, sodass sie ihm unverblümt eine Abfuhr erteilte. „Das passiert erst, wenn Düsseldorf und Köln Partnerstädte werden.“ Dem Neu-Erkrather mit Migrationshintergrund waren diese Feinheiten rheinischer Animositäten noch nicht bekannt, weshalb er Anne nur unverständig nachblickte, als sie wieder den Aufzug bestieg. Doch leider löste er sich zu schnell aus seiner Erstarrung und hastete ihr durch die sich bereits schließende Aufzugtür nach.
„Sagn’s, Gnädigste, gibt’s denn für heut aufd Nacht noch a Platzerl für mich bei ihrer Lesung?“ Oh Gott, das konnte doch jetzt nicht wahr sein? Wollte ihr der Kerl noch mehr auf den Wecker gehen? Richtig, an diesem Abend würde sie eine Lesung im Hause veranstalten, mit einem Potpourri ihrer bisherigen Werke. „Dies ist ein freies Land. Erkundigen Sie sich doch einfach beim Empfang.“ Glücklicherweise öffnete sich in diesem Augenblick die Stahltür des Fahrstuhls und sie schlüpfte hinaus. Nowottny bewohnte ein Appartement eine Etage über ihr.
Anne ließ sich auf ihrem Stuhl an dem großen Panoramafenster des Wohnzimmers sinken. Sie hatte sich schon einmal gegenüber ihrer Freundin und Autorenkollegin Brigitte über die unangenehm aufdringliche Art des Österreichers ausgelassen. Dies war von Brigitte nur mit einem lapidaren „Was sich liebt, das neckt sich“ kommentiert worden – was ihr von Anne ein völlig undamenhaftes Tippen mit dem Zeigefinger gegen die Stirn eingebracht hatte. Wie auch immer, heute Abend wäre sie ja nicht allein im Raum mit dem Schmierlapp. Sorgfältig ging sie nochmals ihre Unterlagen mit den ausgewählten Lesepassagen durch und war nach einer Stunde mit letzten Korrekturen durchaus mit dem Ergebnis zufrieden. Wenn nur ihre Stimme mitmachen würde …

Tja, die Stimme machte mit. DAS war nicht das Problem! Das Problem bestand in der Auswahl der Textabschnitte, die besagten Hofrat Hieronimus Nowottny in Rage brachten. Er bezeichnete es als Unverschämtheit, wie er von Anne in dem Buch dargestellt worden sei und verlangte eine sofortige Entfernung des Pamphlets aus dem deutschsprachigen Buchhandel. Dieser Diskurs wurde öffentlich und durchaus lautstark ausgetragen, wobei Anne langsam auch die Beherrschung verlor. Anfänglich wies sie noch darauf hin, dass es sich um Passagen verschiedener Bücher handele und es immer unterschiedliche Protagonisten waren, in denen sich Nowottny wiederzuerkennen glaubte. Zudem seien sämtliche Bände lange vor seinem Auftauchen im Rosenhof erschienen. Diese durchaus sachlich korrekten Einwände ignorierte der erboste, mit hochrotem Kopf herumtobende Hofrat. Auf einmal erschien sein Gebaren nicht mehr wienerisch charmant, sondern eher wie das eines „Strizzi“ aus dem Rotlichtbezirk Struwerviertel in der Leopoldstadt.
Der Abend endete mit einem Eklat und einer Drohung. „Verehrteste, i geb ahna zwoa Tag Zeit, dann ist dieses Machwerk im Orkus. Ansonst‘n wern’s mie kennlern‘!“ Damit rauschte er ab, verfolgt von den Blicken der verwirrten oder verängstigten Mitbewohner.
Anne zitterte etwas, vor Wut und berechtigtem Zorn. Die Damen der Verwaltung und ihr nahestehende Menschen versuchten sie zu trösten oder sicherten ihr Unterstützung zu. Dies änderte aber nichts daran, dass Anne auch diese Nacht nur schwer in den Schlaf fand.
Die nächsten beiden Tage verliefen zum Glück ereignislos. Nowottny schien eine Begegnung mit Anne zu vermeiden. Weitere zwei Tage später fand sich in ihrem Briefkasten jedoch ein gedruckter, anonymer Zettel mit folgenden Worten: Sie haben nicht auf meine Forderungen reagiert. Tragen Sie nun die Folgen. Anne grübelte nach, was sie mit dieser neutralen Drohung anfangen sollte: der Verwaltung übergeben? Die Polizei einschalten? Den Zettel ignorieren? Hunde, die bellen, beißen nicht, dachte die selbstbewusste Autorin bei sich. Oder was meinst du? Diese rhetorische Frage richtete sie an das Bild, das vor ihr auf dem kleinen Tisch stand. Es zeigte ihren Gatten Heribert während eines ihrer wenigen gemeinsamen Urlaube. Diese Art von stiller Zwiesprache hielt sie gelegentlich, natürlich keine Antwort erwartend. Aber irgendwie half es.
Und das war auch bitter nötig, denn in den folgenden Tagen ereigneten sich einige Vorfälle, die keinen natürlichen Ursprung haben konnten. So klingelte ihr Telefon am nächsten Morgen und Frau Brune vom Empfang teilte ihr mit, dass das bestellte Taxi da sei. Anne fuhr sofort ins Erdgeschoss und klärte mit dem verärgerten Fahrer den Sachverhalt … denn ein Taxi hatte sie nicht bestellt. Einigermaßen konsterniert fuhr Anne zurück in die sechste Etage. Am Nachmittag geschah erneut etwas Seltsames. Im Foyer des Rosenhofes erschien ein Pizzabote mit einer Lieferung für Anne: Pizza mit Sardellen, Ananas und Oliven. Das Dumme war nur: Anne mochte keine Pizza, erst recht nicht mit Sardellen, und hatte daher auch keine bestellt. Der zweite Vorfall verärgerte sie nun deutlich. Aber damit war es noch nicht zu Ende. In den folgenden Tagen und Wochen nahmen die Repressalien an Heftigkeit zu: Man hatte ihr Auto aufgebrochen und ihre Batterie gestohlen, jemand hatte auf ihren Namen diverse Kleidungsstücke bei einem Erotikversand geordert und emotionaler Tiefschlag war der unangeforderte Besuch eines Bestattungsunternehmers. Anne telefonierte mit der Polizeiinspektion in Mettmann, wo man sie jedoch vertröstete und abzuwimmeln versuchte. Dumme-Jungen-Streiche … nicht so ernst nehmen … das waren die Floskeln, mit denen man sie abzuspeisen versuchte.

Erneut suchte sie Rat beim Foto ihres Heribert. „Die halten mich für eine durchgedrehte alte Schachtel. Die sollen mich kennenlernen“, meinte sie erbost. Energisch erhob sie sich, stieß dabei gegen das Tischchen und der Bilderrahmen mit Heriberts Konterfei stürzte zu Boden. Sie bückte sich, hob es auf und beim Aufrichten fiel ihr Blick auf ein Buch, welches auf einer unteren Ebene des Tisches lag. Es war das Werk eines Krimiautors, den sie vor wenigen Jahren bei einer Lesung im Rosenhof kennengelernt hatte. Aus dieser Zufallsbekanntschaft mit dem Autor und dessen Frau war etwas entstanden, was man mit Fug und Recht als gute Bekanntschaft bezeichnen konnte. Den Begriff Freundschaft nutzte Anne selten, diese schloss sie nur schwer.
Aber der Zufall … ja, war es wirklich Zufall? … hatte seine Finger im Spiel gehabt – oder war es doch Heribert, der über sie wachte? Sie war bereit, diese Begebenheit als Wink des Schicksals zu nehmen und rief den „Kollegen“ an. Anne schilderte die Vorkommnisse und während des Telefonats erwähnte sie auch den Vorfall mit Nowottny. Die Reaktion des Schriftstellers kam prompt: „Weißt du, Anne. Ich habe nun wirklich ein deutlich größeres Maß an krimineller Energie als du. Kann dieser alte Saftsack dahinterstecken?“ Anfangs hatte sie diese Annahme verdrängt, da sie nicht mit solch einer unangebrachten, völlig übertriebenen Reaktion des kultiviert erscheinenden Mannes rechnen wollte. Aber jetzt kam dieser zugegeben kriminell-fantasievolle Schreiberling auch auf diese Idee. Dann hörte sie in ihrem Handy einen nahezu unerhörten Vorschlag: „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Da ich im Haus ja nicht ganz unbekannt bin, würde ich mich gerne in der Lobby mal ein paar Stunden rumtreiben, mit der Genehmigung des Hauses. Ich werde IHN beobachten und dir dann einen Rat geben. Mir geistert jetzt schon was im Kopf rum.“

Gesagt, getan. Der Schriftsteller saß zwei Tage hintereinander in der Empfangshalle und beobachtete genau, wie Nowottny sich verhielt. Dabei bemerkte er, dass der Österreicher sich mit einem jungen Mann um die 18 traf und sich auffällig konspirativ in einer Ecke der Bibliothek unterhielt. Dies geschah an beiden Tagen und am zweiten konnte der „Spion“ sogar ein paar Wortfetzen aufschnappen. Diese berichtete er Anne unmittelbar. „Der Jungspund hat wohl Skrupel, etwas zu tun, was der Alte von ihm verlangt hat. Es fielen Stichworte wie: nicht notwendig … dös oarme klaane Hascherl … Reifen zerstechen und so weiter. Jetzt wird es langsam gefährlich. Ich habe einen Vorschlag: Ich kenne einen jungen Kerl, Student in Düsseldorf. Er heißt Marco und er ist ein ziemlich pfiffiges Kerlchen. Er finanziert sein Studium selbst und sucht immer mal etwas, um Geld zu verdienen. Er könnte sich hier im Umfeld ein paar Tage rumtreiben und dein Auto überwachen. Vielleicht erwischen wir den Kerl in flagranti und dann wird er bei der Polizei schon auspacken, wer sein Auftraggeber ist. Aber WIR beide kennen ihn ja jetzt schon, nicht wahr?“ Anne sträubte sich innerlich noch gegen diese Annahme, aber nach den neuesten Erkenntnissen war wohl sicher, dass Nowottny dahintersteckte. Zumindest fiel ihr niemand anderes ein. Leider war ihr der Blick auf Heriberts Foto dieses Mal keine Hilfe. Ihr Mann sah sie aus seinem Rahmen still und reglos an. Nachdenklich wiegte Anne den Kopf hin und her. Wo sollte das noch hinführen? Sie schrieb doch nur Krimis und wollte keinen erleben.
Marco war bereits am nächsten Tag im Rosenhof und er zeichnete sich durch ein ebenso freches wie charmantes Wesen aus. Anne beschrieb die bisherigen Vorkommnisse, der Krimiautor ergänzte seine Sicht der Dinge. „Tja, dann wird‘ ich mich mal auf die Lauer lejen“, stellte Marco mit leichtem rheinischen Akzent fest. Nach den Kosten gefragt, antwortete er leichthin: „Dat kriejen mer schon parat, mir zwei, was?“ Freundschaftlich klopfte er seiner Auftraggeberin auf die Schulter und verließ das Foyer. Anne starrte ihm mit weit geöffneten Augen nach. An ihren Kollegen gewandt, meinte sie nur: „Na, wenn das mal gutgeht!“ „Lass dich davon nicht abschrecken. Die sind heute eben so, die jungen Leute … aber auf DEN ist wenigstens Verlass“, bekam sie zur Antwort.
Er sollte recht behalten. Marco blieb nicht nur die nächsten zwei Stunden im Umfeld der Gebäude. Er hatte es auch irgendwie geschafft, sich Zutritt zu der Tiefgarage zu verschaffen, in der Annes Smart parkte. Die Stellplatznummer hatte er sich vorsichtshalber nennen lassen. Lange schon war die Nacht angebrochen, als er eine Nachricht an Anne sandte: Keine Vorkommnisse. Bin jetzt weg. Mache morjen Nachtschicht. Allet Jute. Und genau das tat Marco am folgenden Abend, er legte eine Nachtschicht ein … in der Tiefgarage. Warum, wusste er selbst nicht so genau. Es war nur so ein Gefühl …
Gegen 22 Uhr bemerkte er eine Bewegung in der Garage. Merkwürdig, warum hatte derjenige nicht den Lichtschalter betätigt? Bevor er über eine Antwort grübeln konnte, sah er das Licht einer Taschenlampe aufleuchten und vernahm metallische Geräusche. Sie kamen aus der Richtung, wo Annes Wagen stand. Leise schlich er näher. Volltreffer! Jemand hatte sich irgendwie Zugang zu dem Smart verschafft und werkelte nun hastig im Motorraum. Marco überlegte nur kurz, kroch langsam näher und richtete sich dann plötzlich auf. „MIT Licht jeht`s besser, Kumpel!“ Der Angesprochene schreckte hoch, sah Marco entsetzt ins Gesicht und blendete diesen mit der Taschenlampe. Diese Sekunde ausnutzend, schlug die Person mit der Taschenlampe nach Marco und traf ihn am Kopf. Dieser taumelte zurück und die Person ergriff die Flucht.
Marco erholte sich jedoch schnell von dem Schlag und setzte dem Täter nach. Und jetzt kam eine seiner besonderen Fähigkeiten zum Vorschein: seit frühester Jugend hatte er es geliebt zu rennen. Dies führte auch zu einigen Erfolgen, sogar bis auf Landesebene. Mit 14 entdeckte er den Parcourssport für sich, von Nicht-Kennern oft als „urbanes Gehüpfe“ tituliert. Sehr sportliche Menschen überwanden dabei im städtischen Umfeld Hindernisse, Höhen, Abgründe und Ähnliches, allein durch Körperkraft und Schnelligkeit. Und auch hier hatte Marco es zu einiger Meisterschaft gebracht. So verfolgte er den Täter durch das nächtliche Hochdahl. Dieser hatte die Flucht auf einem Fahrrad ergriffen, aber Marco verlor ihn nicht aus den Augen. Er verfolgte das Rad über die gut beleuchtete Beckhauser Straße, wo der Radler auf den Parkplatz beim Einkaufscenter abbog. Von da aus ging es quer über den Hochdahler Markt, vorbei an der Buchhandlung und dann in das Grüngelände direkt dahinter.
Marco hatte gut aufgeholt. Seine „Beute“ schien untrainiert zu sein und wurde immer langsamer. Während der Flüchtige mit seinem Straßenrad die Wege nutzte, rannte Marco in Luftlinie quer über Rasenflächen, flankte über Büsche, hechtete über Zäune und nutzte schließlich eine Parkbank als Sprungrampe, über die er dem Radler direkt mit gestreckten Füßen ins Kreuz sprang. Mit einem Aufschrei ging dieser zu Boden, das Rad schleuderte davon und der Mann schlug hart mit dem Kopf auf dem Boden auf. Marco hatte sich direkt aufgerappelt. Er hatte den Zusammenprall unbeschadet überstanden.
Wohlweislich hatte er sich mit Kabelbindern ausgestattet. Diese legte er dem Bewusstlosen um Hand- und Fußgelenke, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass der Verunfallte regelmäßig atmete. Dann rief er Anne und den Autorenkollegen an.

Kurze Zeit später fand sich eine illustre Runde in einem Raum der Kreispolizeibehörde Mettmann ein. Anne, ihr Kollege, Marco und der medizinisch versorgte Attentäter saßen auf getrennten Bänken und wurden einzeln zur Befragung in ein separates Büro gebracht. Die ermittelnden Beamten staunten nicht schlecht, als sie von dem „Krimi-Kleeblatt“ ihre Sicht des Sachverhalts geschildert bekamen. Der Täter hingegen verweigerte jegliche Aussage und verlangte, mit seinem Anwalt telefonieren zu dürfen. Als dieser jedoch nach einer Stunde vergeblichen Wartens noch immer nicht erschienen war, waren es die Polizisten leid. Gerade in dem Augenblick, als sie den Täter erneut befragen wollten, kamen zwei Streifenpolizisten herein und legten den Ermittlern eine Nachricht auf den Tisch. Einer von ihnen sprang auf, ergriff das Telefon und drückte die Wahlwiederholung. Eine genervte Stimme meldete sich nach langem Klingeln: „Rosenhof Erkrath Hochdahl, guten Abend.“ Jetzt grinste der Beamte und fragte sein Gegenüber: „Tja, mein Lieber, wenn ihr Anwalt nicht gerade ein sehr betagter Herr ist, sind Sie jetzt in einer ziemlichen Erklärungsnot.“ Jetzt folgte eine längere erregte Diskussion, die Anne, der andere Autor und Marco nur neugierig durch eine Glasscheibe verfolgen konnten. Dann wurden der soeben Verhörte abgeführt.
Man bat jetzt alle drei Wartenden in das Büro und bat sie, Platz zu nehmen. Dann bekamen sie eine geradezu unerhörte Erklärung: „Nun, meine Dame, meine Herren, die ganze Sache ist nun doch etwas größer als erwartet. Unser bislang so schweigsamer junger Freund hat soeben ein volles Geständnis abgelegt. Dieser Vogel hat tatsächlich all die kleinen Nickeligkeiten begangen, unter denen Sie, Frau Pöttgen, in der letzten Zeit zu leiden hatten. Aber er handelte nicht aus eigenem Antrieb. Sein Auftraggeber war und ist, wie Sie alle vermutet haben, der besagte Herr Nowottny. Übrigens kein Hofrat, aber dazu komme ich gleich. Seien Sie froh, dass Sie Ihren jungen Helfer hier hatten. Unser Täter hat nämlich, nach den Untersuchungen unserer Kollegen von der Technik, an den Bremsleitungen Ihres Wagens gebastelt. Das hätte tödlich ausgehen können. Es handelt sich also nicht mehr um Bagatellfälle, sondern um ein Kapitalverbrechen. Nachdem ich dem Kerl das klargemacht hatte, packte er bereitwillig aus. Nowottny, das ist zumindest der aktuelle Name, fühlte sich scheinbar durch Ihre Schreiberei ertappt und fürchtete, in seinem neuen Versteck im Rosenhof aufzufliegen. Der Mann, den Sie unter Nowottny kennen, wird seit drei Jahren mit internationalem Haftbefehl gesucht. Urkundenfälschung, Scheckbetrug, Heiratsschwindel, Diebstahl, schwerer Raub … um nur Einiges zu nennen. Nach den Aussagen seines jungen Komplizen, der tatsächlich sein Großneffe ist, hatte er wohl vor, einige Damen in der Anlage um ihre Ersparnisse zu erleichtern. Parallel dazu bereitete er einen Immobiliencoup im Düsseldorfer Hafen vor. Den haben wir ihm jetzt wohl versaut. Mal sehen, ob wir ihn bald erwischen. Im Rosenhof ist er jetzt jedenfalls unauffindbar. Sein Großneffe hat ihn statt eines Anwalts angerufen und der alte Sack ist getürmt. Er heißt übrigens in Wahrheit Erwin Steinhauer und ist ein erfolgloser Fliesenleger aus Braunau am Inn.“
Erleichtert und reichlich erschöpft begleiteten die beiden Männer Anne noch zu ihrem Apartment und verabschiedeten sich dann von ihr. Anne betrat ihre Wohnung und nahm erschöpft vor dem Panoramafenster Platz. Im Osten ging wohl gerade die Sonne auf, denn sie sah die Reflektionen auf den Fenstern der tief unter ihr liegenden Häuser. Anne drehte sich um, goss sich einen Obstler ein und ergriff wieder einmal das Foto vor ihr auf dem Tisch. Müde prostete sie Heribert zu und … ja, JETZT schien er ihr sogar ein wenig zuzulächeln. Gut gemacht, meine Anne!

Obwohl Namen und Örtlichkeiten genannt sind, ist es doch eine fiktive Geschichte.

Dat ärme Dier

Eine Geschichte aus der Eifel von Sophie Lange.
Zugegebenermaßen kein Krimi, aber doch eine lesenswerte Geschichte, wer schmunzelt nicht gern mal.
Sophie Lange hat übrigens auch ganz andere Geschichten zu bieten. Ich bedanke mich bei ihr für diese hier.

„Wo haben Sie denn Schmerzen?“ fragte der Arzt. Es war Visite und der Arzt stand mit einer Assistenzärztin am Bett von Mariechen. Diese sah den Arzt ernst und etwas traurig an: „Ich hann keen Ping, ich haan bloss et ärm Dier.“ Der Arzt schien verwirrt: „Wie bitte was?“ Mariechen seufzte. Der Arzt schien sie nicht zu verstehen. Vielleicht war er ein Ausländer, ene Imi, aus Düsseldorf oder Essen.
Die Ärztin sprang hilfreich ein. „Die Patientin hat keine Schmerzen“ übersetzte sie das Eifeler Platt und erklärte dann kurz den Sachverhalt. „Sie ist gestürzt, aber außer einem verstauten Knöchel ist nichts passiert.“
„Wieso sind Sie gefallen?“ wollte der Arzt nun wissen und schaute Mariechen tief in die Augen.
„Mer wurde eemol so schummrig im Kopp und do merk ich: Ich falle und do log ich at op de Hengesch.“ Die Ärztin übersetzte brav: „Sie hatte einen Schwindelanfall.“
„Haben Sie das schon öfter gehabt?“, war die nächste Frage des Arztes. Nun kam Mariechen echt in Bredouille. Wenn sie jetzt wahrheitsgemäß mit „ja“ antwortete, durfte sie bestimmt nicht nach Hause. Aber lügen durfte man ja nicht im Krankenhaus. Wie hieß es doch in dieser Ärztesoap: „Sie müssen die Wahrheit sagen, sonst machen Sie sich strafbar.“ Oder war das eine andere Sendung? Der Arzt machte sie noch ganz dörcheneen und ramdösig,
Doch schließlich rang sie sich zu einer Antwort durch. „Doheem ist mir at ens schummrig wurde, do hann ich mich flott hingesetzt, eene Opgesetzte gekippt und dann wor et wieder jot.“ Geduldig wartete der Arzt die Übersetzung ab, dann wurde die nächste Frage auf Mariechen abgeschossen.
„Und was war jetzt anders?“ Mariechen schüttelte den Kopf. War der doof!
„Do wor nix zu setze“, erklärte sie unwirsch „und do ben ech gefalle, ob de Hengesch.“
„Das müssen wir abklären“, sagte der Arzt nun zu seiner Begleitung, sprach von EKG und EEG, von Röntgen und Blutuntersuchung und lauter so ’n Käu (Verzäll). Die Ärztin notierte eifrig.
„Ich well no heem“, versuchte Mariechen die Untersuchungen abzuwimmeln. „Ich moss en der Gaade. Überhaupt: em Krankenhuus hann ich immer et ärm Dier. Doheem net.“
„Was hat die denn immer mit diesem Tier“, flüsterte der Doc seiner Dolmetscherin zu. Die wisperte zurück. „Schubhafte Depressionen“. Trotz der leisen Töne hatte Mariechen genau verstanden, was die beiden Flüstertüten meinten.
„Ich hann keen Dipressen, ich haan nur et ärm Dier.“
„Dann geben Sie ihr ein Antidepressivum,“ sagte der Arzt ungeduldig zu seiner Gehilfin und mit wehendem weißem Kittel verließ er das Zimmer. Doch Mariechen rief noch schnell hinterher.
„Ich will keen Anti. Do helft am beste och ene Opjesetzte.“ Aber die Götter in Weiß waren schon zum nächsten schwierigen Fall unterwegs.
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Und falls auch Sie ab und zu dat ärme dier haben, dann hilft vielleicht auch Ihnen der Opjesetzte. Sophie Lange liefert auch gleich das Rezept dazu. 
Opgesetzte, Aufgesetzter    Brombeer – Aufgesetzter
Zutaten
1 1/2 kg Brombeeren, frische oder andere Beeren)
300 g Kandiszucker (Grümmelkandis), braun
1 Vanilleschote(n)
2 Flaschen Schnaps, Weizenkorn 38 %, 0,7 l
1/2 Flasche Weinbrand, 40 %, 0,7 l
Zubereitung
Arbeitszeit: ca. 20 Min. Ruhezeit: ca. 42 Tage / Schwierigkeitsgrad: simpel /
Als Gebinde benutze ich immer 3 l-Schnapsflaschen aus der Gastronomie.
Die kalt abgewaschenen und abgetropften Brombeeren und den Kandis abwechselnd in 3 Schritten in die Flasche füllen.
Die Vanilleschote längs einschneiden, etwas aufklappen und nach halber Füllung dazu geben. Anschließend den Weinbrand und den Weizenkorn einfüllen. Das Gefäß mit einem Korken (bei 3 l-Flaschen passen auch Sektkorken) verschließen und einige Male wenden, damit sich alles etwas vermischt.
Bei ca. 20 Grad für mindestens 6 Wochen in einem dunklen Raum lagern und alle 2-3 Tage einige Male wenden.
Nach Ende der Lagerzeit zuerst durch ein gröberes, dann durch ein Teesieb gießen und in Flaschen nach gewünschter Größe abfüllen.
Chefkoch.de
In jedem Haus in der Eifel wurde früher so ein Schnaps angesetzt. Oft stand die Flasche auf der Fensterbank. Hier stand sie zwar nicht immer im Dunkeln, doch man vergaß zumindest das Drehen nicht.
 

Neues aus dem Haus am Kirchberg

Freundinnen unter sich
Johanna saß in der Cafeteria, sie hatte einen Salat bestellt, weil sie zu faul war, sich selbst ein Abendessen zuzubereiten. Außer ihr saß hier und da eine einsame alte Dame oder ein einsamer alter Mann. Auch schon mal zwei Herren, die sich wortkarg unterhielten. Sie kannte die anderen nur vom Sehen. Man begrüßte sich freundlich beim Hereinkommen und wünschte sich einen guten Appetit. Ob den alle hatten? Johanna eigentlich auch nicht, aber einen Salat kann man ja immer essen, auch ohne.
Es war ganz still in dem großen Raum – bis die beiden Freundinnen hereinschneiten und mitten im Raum an Tisch fünf Platz nahmen. Das Abendessen mussten sie nicht bestellen, das wurde schnell gebracht, sie haben ein Abendessen-Abonnement. Offensichtlich jeden Abend zu faul, sich etwas zu machen.
Heute Abend war es ein Pfannkuchen, gefüllt mit Champignons in einer Soße, dazu ein bisschen Salat.
„Mir schmeckt das gar nicht“, sagte Ilse.
„Aber wieso, ist doch lecker“, sagte Marianne.
„Für dich vielleicht, ich mag es nicht.“ Pause.
„Hallo, hallo Bedienung“, rief Ilse.
„Ich komme. Was gibt es denn?“
„Ich mag das Essen nicht.“
„Tut mir leid.“
„Ich möchte was anderes, ein Butterbrot vielleicht.“
„Tut mir leid, aber das hätten Sie eher sagen müssen.“
„Wieso?“
„Sie haben doch schon mit dem Essen begonnen.“
„Ja, aber ich mag es nicht.“
„Ich kann Ihnen natürlich belegte Brote bringen, aber die müssen Sie dann extra bezahlen.“
„Wieso?“
„Weil es im Abonnement entweder das vorgesehene Essen gibt oder aber Butterbrote, beides gibt es nicht für dasselbe Geld.“
„Das finde ich nicht richtig.“ Pause. Aufmerksame Stille an den anderen besetzten Tischen.
„Was wollen wir denn nun machen?“, fragte die Bedienung, immer noch höflich.
„Ich weiß es nicht.“
„Ich kann Ihnen Brote bringen, aber nicht umsonst.“
„Das finde ich kleinlich. Gut, dann esse ich den Pfannkuchen, obwohl er mir überhaupt nicht schmeckt.“
„Wie Sie wollen“; sagte die Bedienung und flüchtete. Schweigen an Tisch fünf.
Johanna schmunzelte vor sich hin. Sie hatte schon öfter Gespräche zwischen den beiden Freundinnen mitbekommen. Eine von beiden war schwerhörig.
„Weißt du, dass Isoldes Tochter demnächst heiratet?“
„Ach. Na, das wurde aber auch Zeit. Die ist doch bestimmt schon an die dreißig.“
„Mindestens.“ Pause. „Sie heiratet in weiß.“
„Und das bei der Figur.“
„Weißt du, Marianne, ich hatte ja schon als zwölfjähriges Mädchen einen solch üppigen Busen wie jetzt.“
„Ach, ich nicht, ich war platt wie ein Brett, und so ist es geblieben.“ Aufmerksame Stille an allen Tischen. Johanna konnte nicht glauben, was sie da hörte.
„Aber da gibt es doch Möglichkeiten, Marianne.“
„Ja, natürlich, ich habe immer Blusen mit Rüschen getragen und darunter, weißt du …“ Es folgte eine intensive Einführung in die Möglichkeiten, aus nichts etwas zu machen. Johanna wagte einen Blick in die Runde und sah, dass besonders die beiden Herren, die nahe am Tisch der Freundinnen saßen, total verstummt waren.
Ein paar Tage später erfuhr Johanna bei einem weiteren Essen in der Cafeteria, dass aus der Hochzeit in weiß nichts wird – der Bräutigam war irgendwann aus der Kirche ausgetreten. Aus welcher, erfuhr sie allerdings nicht.

Die monatliche Geschichte aus der Seniorenresidenz Am Kirchberg

Kirchberg – der Musenhof
Im Haus am Kirchberg wird KULTUR ganz groß geschrieben. Die Musen gehen ein und aus. Meistens in den Großen Salon, sie nehmen auch schon mal mit der Cafeteria vorlieb. Polyhymnia zum Beispiel sorgt regelmäßig für die Kirchbergkonzerte. Einmal im Monat kommen Studentinnen oder Studenten der Musikhochschule Düsseldorf und erfreuen die Musikbeflissenen mit Stücken am Flügel. Sie kommen seit fast dreißig Jahren, zugegebenermaßen immer wieder neue Generationen. Und ebenso zugegebenermaßen Könner ihres Fachs. Nur – hin und wieder ist ihnen der Flügel nicht gewachsen, auch er bei Jahren. Und die große Bücherwand mit der Bibliothek des Hauses schluckt ehrlich gesagt manchen Ton. Den Musikbeflissenen scheint das nichts auszumachen, die Liebhaber, na, ja …

Manchmal blinzelt und zwinkert Polyhymnia ein bisschen und macht Kompromisse – wer zahlt, bestimmt. Dann glaubt man sich in die weiten Steppen Ungarns versetzt – Klavier oder vielmehr Flügel und Flöte. Mal lässt sie die Fiddle eines Iren hören. Pünktlich zu den weißen Nächten erklingen russische Melodien unter dem Titel „Vom Zauber der Petersburger Nächte.“ Diesmal Piano, pardon Flügel und Klarinette. Meine persönliche Meinung – gekonnt. Es darf auch mal ein Chanson-Abend sein. Und für die älteren Damen und Herren – also für alle – werden Schlagermelodien aus ihrer Jugendzeit geboten. Sogar Tote werden zum Leben erweckt: Zarah Leander mit dem Programm „Eine Frau wird erst schön durch die Liebe“. Was die eine oder andere anzügliche Bemerkung bei gewissen Herren hervorruft. Denken Sie, was Sie wollen.
Kaliope sorgt dafür, dass das gesprochene Wort nicht zu kurz kommt. Im Großen Salon finden Lesungen statt, vor der prächtigen Kulisse der zahlreichen Bücher aus den Relikten der Bewohner. Ein scharfes Auge entdeckt da schon mal drei Simmel nebeneinander, Johannes Mario, drei gleiche Bände.
Hundertste oder zweihundertste Geburtstage deutscher Dichter und Denker werden gern zum Anlass genommen. Auch schon mal ein Todestag. Oder gar kein Anlass, sondern nur so: Thomas Mann mit seinem Felix Krull oder – Düsseldorf liegt nahe – Heinrich Heine. Aber es gibt auch hier schon mal leichtere Kost. Die Lesungen werden regelmäßig durch Zurufe unterbrochen, nicht von Begeisterungsrufen, sondern eher von Hilferufen: lauter bitte.
Wenn die Bewohner schön artig sind – ach, was rede ich denn da – also: Manchmal gibt es Krimilesungen. Die Hoffnungen der Autoren, dass der eine oder andere Krimi gekauft wird, werden regelmäßig enttäuscht. Da hilft es auch nicht, wenn das Signieren der Werke angeboten wird.
Bleiben wir beim Thema Krimi. Melpomene sorgt einmal im Jahr für ein Krimidinner, also einem Abendessen mit Theater. Mit viel Fantasie werden Gerichte zum Thema erfunden, viel rot wird aufgeboten. Begrüßungscocktails aus rotem Obstsaft mit Schuss, Tomatensoße wo möglich. Ich erinnere mich an ein Hühnerbein, das hilfesuchend aus einem Glas mit scharfem Tomatensaft ragte. Eine Theatergruppe führt ein Stück mit wenigen Mitwirkenden auf, die im Laufe des Abends noch weniger werden.
Und siehe da, auch Urania kommt zum Zuge. Nicht weit entfernt vom Haus am Kirchberg gibt es ein kleines aber feines Planetarium. Hin und wieder wird eine Expedition dorthin angeboten, allerdings nicht, ohne dass darauf hingewiesen wird, dass das nur etwas für Schwindelfreie ist. Man liegt nämlich hingegossen in bequemen Sesseln, Kopf in den Nacken, und oben saust der Sternenhimmel über einen hinweg. Schwindel garantiert.
Filmvorführungen müssen logischerweise ohne die Hilfe einer Muse stattfinden, es sei denn, man arbeitet mit der Methode „reim dich oder ich fress dich“. Dann könnte man Thalia zu Hilfe nehmen, die Muse der Komödiendichtung. Was aber nicht passt, wenn es einen Film über das Aussterben der Eisbären oder das Abschmelzen der Gletscher gibt. Normalerweise geht es erbaulicher zu. Viel schöne Natur, viel schöne Ruinen, schöne Ozeandampfer – mit tollen Büffets, auch schön. Da werden Erinnerungen wach und die Stimmung ist gut. Oder man ist selig eingeschlummert.

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