Archiv des Autors: poettgen

Über poettgen

Ich bin längst nicht mehr berufstätig, daher im Netz unterwegs. Das hält munter.
Meine website ist omas-surfbrett.de, eine Unterdomain ist omas-krimi.de

Düsseldorf rechtsrheinisch

Gestern Abend war ich mit dem Erkrather Krimibus unterwegs – eine Lesung von Carsten Rösler war angesagt. Kriminelles natürlich, aber mit einem großen Schuss Humor. Da kauft man natürlich auch ein Buch: Düsseldorf rechtsrheinisch. Schließlich habe ich achtzig Jahre lang rechtsrheinisch in Düsseldorf gewohnt. Rechtsrheinisch wohne ich immer noch, aber nun in Erkrath-Hochdahl, wie bekannt. Vom Rhein sehe ich noch die Fleher Brücke.
Eine der Geschichten aus dem Buch ist natürlich von Carsten Rösler – „Superheld in Gerresheim rettet junge Frau vor fiesem Verbrecher“. Das ist sehr, sehr kurz gesagt der Inhalt. Von den anderen schreibe ich gar nichts, warum sollte ich die Konkurrenz loben? Sind allerdings bekannte Namen darunter, kann man bei Amazon nachsehen 😉 Mehr über Carsten Rösler hier bei facebook
Erschienen 2014, Edition Oberkassel, Tb 10,99 Euro, E-Book 2,99 Euro

Heimat und Krimi

Von „Heimat“ ist zur Zeit sehr viel die Rede. Meine Heimat ist Düsseldorf und Umgebung, nämlich der Niederrhein und das Bergische Land. Zur Erinnerung: Düsseldorf war die Hauptstadt des Bergischen Landes, des Großherzogtums Berg. Jetzt wohne ich im Bergischen Land, dem Niederbergischen – es gibt feine Unterschiede. Im Oberbergischen regnet es mehr 😉 Der Ort, in dem ich wohne heißt Hochdahl und ist ein Stadtteil von Erkrath. Über Hochdahl habe ich heute einen interessanten Lichtbildvortrag gesehen, nämlich über eine Eisenhütte, die hier für eine paar Jahrzehnte in Betrieb war.
Warum ich das jetzt hier schreibe? In meinen Krimis ist viel von meiner neuen Umgebung die Rede, im Neuen, der Nummer vier, taucht jetzt auch die Glashütte Gerresheim auf, die ungefähr zur gleichen Zeit wie die Eisenhütte Hochdahl entstand, nur einige Jahrzehnte länger lebte. Meine neuen Kenntnisse zur hiesigen Hütte werden also auch eine Rolle spielen. In modernen Krimis geht es nämlich nicht nur um die Mörderjagd, es sollten auch „gesamtgesellschaftliche Bezüge“ enthalten sein. So viel zu Heimat und Krimi.

Lesewoche

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Auf meiner Amazon-Seite kostet MORD AM KIRCHBERG weiterhin 2,99 Euro. Den halben Preis gibt es anscheinend nur für die Kunden, denen Amazon in dieser Woche die herabgesetzten Bücher anbietet.
Hier ist die Lesewoche zu finden – allerdings suche ich meinen Krimi unter „Krimis & Thriller“ vergebens. Angeboten werden nach einem Klick „Mysterie & Thriller“ und da hat ein normaler Krimi nichts zu suchen. Bin gespannt, ob jemand Amazon darauf hinweisen wird.
Ich hatte gedacht, ein Unternehmen wie Amazon mache keine Fehler, jedenfalls nicht gleich zwei in derselben Sache.
Ich kann natürlich morgen noch einmal versuchen, mich zu finden, aber meine E-Mail-Nachricht war: „Lieber Kunde (also ich) Unsere Aktion startet am 19. Februar 2018 um 12.00 Uhr“

Isa Schikorsky

Wer ohne Schuld ist: Ein Rügen-Krimi
Anna Schwanitz, die neue Geschäftsführerin des Hotels Bellevue, sieht sich einer verschworenen Gemeinschaft von älteren Hoteliers im Strandbad Puthagen gegenüber. Noch ahnt sie die wahren Gründe für die feindselige Einstellung nicht, führt sie auf den früheren Besitzer des Hotels, Kruska, zurück. Der hatte das Hotel in den Ruin geführt und verkaufen müssen, hat aber weiter Wohnrecht im Haus. Der Krimi beginnt mit einem Unglück: Das Anbaden, Saisonbeginn auf Rügen, endet für einen der Teilnehmer tödlich. Für Anna scheint das ein böses Omen zu sein, am Tag darauf stürzt eine ihrer Gäste, die Journalistin Mia Rösler, von der Dachterrasse des Bellevue. Tot. Sie hatte sich intensiv mit der Geschichte des Badeortes befasst – und ihr Laptop ist verschwunden. Der brummige Kommissar Warnke, der den Fall übernimmt, muss Anna gleich zu Anfang darauf hinweisen, dass Ermittlungen Sache der Polizei sind. Vergeblich. Die Aufklärung liegt in der Hand der taffen jungen Geschäftsfrau – ihr Lebensziel steht auf dem Spiel. Lokales, Menschliches und Blicke auf das Dunkel der Geschichte machen den Krimi zu einer spannenden Lektüre. Man kann ihn nicht weglegen.
Erschienen am 5. Februar 2018, 240 Seiten, Tb 12,00Euro, E-Book 3,99 Euro

Kirchberg vier

Günther Wenger war – wie bekannt – in einem Geheimdienst tätig. Nun ist bekanntgeworden, dass er auch im Haus am Kirchberg weiter in seinem Metier arbeitete, nun aber auf eigene Rechnung. Es wird behauptet, dass er seine Mitbewohner bespitzelt hat. In seinem Arbeitszimmer werden die entsprechenden Geräte vermutet – Eveline hat bei einem Besuch in der Wohnung „Computer und so’n Zeug“ gesehen. Ruth aber weiß, dass für einfaches Abhören nicht einmal eine große Ausrüstung erforderlich ist.

Ein Krimi zum Geburtstag

Nämlich zu meinem Geburtstag. Geschrieben von einem Kollegen und von ihm mitten während des Festessens vorgetragen. Zur Freude der Festgäste und natürlich erst recht zu meiner. Zugegebenermaßen ist es zunächst eine Lob- und Festrede, die sich aber Absatz für Absatz zu einem Kriminalfall von internationalem Rang hochschraubt.

Das Foto vor mir auf dem Tisch …
von Jörg Marenski

Wie? Sie kennen Anne Pöttgen nicht? Das ist aber eine echte Bildungslücke. Dieses intellektuelle Defizit muss sofort beseitigt werden. Anne Pöttgen, eine Dame mit … ja, wie sage ich es am besten? … mit einer differenzierten Altersstruktur: Geistig ist sie ungefähr um die 40, in Sachen Humor ist sie zirka 30, in Sachen Empathie in einer Spanne von pubertären 14 bis mitfühlenden 55, und laut ihrem Pass ist sie … aber das sagt man bei einer Dame nicht. Da schweige des Sängers Höflichkeit.
Nun also, Anne, mit Nachnamen Pöttgen, lebt zurzeit in dem durchaus noblen Rosenhof in Erkrath Hochdahl, einem Seniorenzentrum des gehobenen Anspruchs. Nach dem Tode ihres Mannes und langjährigen Seelenverwandten Heribert hielt sie es für angenehmer, die bisherige Wohnung aufzugeben und sich in dieser Anlage für das reifere Semester einzumieten. Soweit der heutige Stand. Was gibt es noch über Anne zu sagen? Sie ist ein Mensch mit mannigfaltigen Interessen: sie hat früher gemalt (wobei sie sich strikt weigert, diese Werke als künstlerisch zu bezeichnen), sie hat sich in der Bildhauerei/Töpferei versucht, sie war und ist ein Augenmensch, dem Musik weniger, die Literatur dafür um so mehr gibt. Habe ich was vergessen? Ach ja, das Wichtigste: Anne ist nicht nur literarische Konsumentin, sie ist auch selbst Erschafferin von Werken der Prosa. Auch hier wieder ein für sie typisches Understatement: Sie bezeichnete ihre Schriften nicht als Literatur, sondern bestenfalls als Belletristik. Wie auch immer, sie ist darin so gut, dass sie mittlerweile den Spitznamen „Miss Marple von Erkrath“ trägt – logisch, denn sie schreibt Krimis. Und diese „Morde am Kirchberg“ haben inzwischen sogar eine kleine, feine Fangemeinde.
Wie kam ich jetzt da hin? Nun, die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit haben direkt etwas mit ihrer Schreiberei zu tun. Und das war so …

Dieser Montagmorgen begann für Anne nicht sehr gut. Sie hatte denkbar schlecht geschlafen, weil sie die halbe Nacht über einem Problem ihres Kindes gebrütet hatte. Ihres Kindes? Nun ja, ihres GEISTIGEN Kindes, der Hauptperson ihrer Kriminalromane, Ruth. Diese Figur trug stärkste autobiografische Züge. Und nicht nur das, auch Annes tägliches Leben und ER-Leben im Rosenhof floss in die Fantasien um Verbrechen ein. Besagte Ruth sollte in dem Entwurf des nächsten Romans einer Bande von Trickdieben auf die Schliche kommen, die ältere Menschen mit dem Enkeltrick reinlegten. Nur konnte Anne ihrer „Tochter“ Ruth beim besten Willen keine wilde Verfolgungsjagd durch die Höhen und Tiefen des Bergischen Landes zumuten. Dieses Problem hatte sie bis fast zwei Uhr morgens wachgehalten. Dementsprechend unleidlich betrat sie den Aufzug in der sechsten Etage, unweit ihres Appartements. Der Gruß an die ebenfalls zugestiegene Dame aus ihrer Etage fiel entsprechend knapp aus. „Moin!“ Der Gruß wurde identisch erwidert und die beiden Frauen verbrachten die Fahrt stumm.
Beide gingen an ihre Briefkästen, die sich in einer langen Reihe im Erdgeschoss neben den Aufzügen befanden. „Wieder einmal nur uninteressante Werbung“, dachte sich Anne beim Durchsehen der Umschläge. In diesem Augenblick spürte sie eine sanfte Berührung an ihrer Schulter, den penetranten Geruch eines billigen After Shaves und dann erklang schon eine wohlvertraute, nicht minder verabscheute Stimme. „Habe die Ehre, die Damen. Alles leiwand an diesem schönen Sommermorgen? Wie wär‘s denn, wenn wir drei Hübschen uns gleich auf der Terrasse auf ein Haferl oder ahna Melange treffen würd’n? I hätt ja lieber an Fiaker, aber der Slibowitz hier im Haus is a rechte Zumutung.“
Reichte es nicht, dass sie diese Nacht schlecht geschlafen hatte? Musste sie auch noch zusätzlich diesem schmierigen Neuzugang über den Weg laufen? Hofrat, auf diesen Titel legte er großen Wert, Hieronimus Nowottny war vor drei Monaten aus Wien nach Deutschland gezogen, da er seine Wohnung im Wiener Nobelviertel Hietzing aus nicht näher bezeichneten Gründen hatte aufgeben müssen. Ein Neffe wohnte mit seiner Familie in Erkrath und so hatte er mit diesem Kontakt aufgenommen und um Hilfe bei der Suche nach einer adäquaten Bleibe gebeten. Das Ergebnis war eben der Rosenhof. Nowottny zeigte sich nie ohne eine gediegene Aufmachung, so auch heute. Ein hellbeiger Leinenanzug, dazu ein hellblaues Hemd, um den Hals ein markanter Seidenschal im gleichen Muster wie das Einstecktuch seines Jacketts, rehbraune Budapester und die unvermeidliche weiße Nelke im Knopfloch. Geziert lächelnd strich er sich mit dem Zeigfinger über seinen akkurat gestutzten Schnurrbart, wobei die auffälligen Ringe an seinen Fingern glitzerten.
Annes Etagennachbarin ließ nur ein verschämtes Kichern erklingen, was wohl wie Jungmädchencharme wirken sollte. Anne hingegen war erklärte Gegnerin solcher „Tätscheleien“, erst recht bei Fremden. Aber dieser Vogel war ihr vom ersten Tag an durch seine aus ihrer Sicht schmierige Art sauer aufgestoßen. Das hatte sich in dem letzten Vierteljahr nicht geändert, sodass sie ihm unverblümt eine Abfuhr erteilte. „Das passiert erst, wenn Düsseldorf und Köln Partnerstädte werden.“ Dem Neu-Erkrather mit Migrationshintergrund waren diese Feinheiten rheinischer Animositäten noch nicht bekannt, weshalb er Anne nur unverständig nachblickte, als sie wieder den Aufzug bestieg. Doch leider löste er sich zu schnell aus seiner Erstarrung und hastete ihr durch die sich bereits schließende Aufzugtür nach.
„Sagn’s, Gnädigste, gibt’s denn für heut aufd Nacht noch a Platzerl für mich bei ihrer Lesung?“ Oh Gott, das konnte doch jetzt nicht wahr sein? Wollte ihr der Kerl noch mehr auf den Wecker gehen? Richtig, an diesem Abend würde sie eine Lesung im Hause veranstalten, mit einem Potpourri ihrer bisherigen Werke. „Dies ist ein freies Land. Erkundigen Sie sich doch einfach beim Empfang.“ Glücklicherweise öffnete sich in diesem Augenblick die Stahltür des Fahrstuhls und sie schlüpfte hinaus. Nowottny bewohnte ein Appartement eine Etage über ihr.
Anne ließ sich auf ihrem Stuhl an dem großen Panoramafenster des Wohnzimmers sinken. Sie hatte sich schon einmal gegenüber ihrer Freundin und Autorenkollegin Brigitte über die unangenehm aufdringliche Art des Österreichers ausgelassen. Dies war von Brigitte nur mit einem lapidaren „Was sich liebt, das neckt sich“ kommentiert worden – was ihr von Anne ein völlig undamenhaftes Tippen mit dem Zeigefinger gegen die Stirn eingebracht hatte. Wie auch immer, heute Abend wäre sie ja nicht allein im Raum mit dem Schmierlapp. Sorgfältig ging sie nochmals ihre Unterlagen mit den ausgewählten Lesepassagen durch und war nach einer Stunde mit letzten Korrekturen durchaus mit dem Ergebnis zufrieden. Wenn nur ihre Stimme mitmachen würde …

Tja, die Stimme machte mit. DAS war nicht das Problem! Das Problem bestand in der Auswahl der Textabschnitte, die besagten Hofrat Hieronimus Nowottny in Rage brachten. Er bezeichnete es als Unverschämtheit, wie er von Anne in dem Buch dargestellt worden sei und verlangte eine sofortige Entfernung des Pamphlets aus dem deutschsprachigen Buchhandel. Dieser Diskurs wurde öffentlich und durchaus lautstark ausgetragen, wobei Anne langsam auch die Beherrschung verlor. Anfänglich wies sie noch darauf hin, dass es sich um Passagen verschiedener Bücher handele und es immer unterschiedliche Protagonisten waren, in denen sich Nowottny wiederzuerkennen glaubte. Zudem seien sämtliche Bände lange vor seinem Auftauchen im Rosenhof erschienen. Diese durchaus sachlich korrekten Einwände ignorierte der erboste, mit hochrotem Kopf herumtobende Hofrat. Auf einmal erschien sein Gebaren nicht mehr wienerisch charmant, sondern eher wie das eines „Strizzi“ aus dem Rotlichtbezirk Struwerviertel in der Leopoldstadt.
Der Abend endete mit einem Eklat und einer Drohung. „Verehrteste, i geb ahna zwoa Tag Zeit, dann ist dieses Machwerk im Orkus. Ansonst‘n wern’s mie kennlern‘!“ Damit rauschte er ab, verfolgt von den Blicken der verwirrten oder verängstigten Mitbewohner.
Anne zitterte etwas, vor Wut und berechtigtem Zorn. Die Damen der Verwaltung und ihr nahestehende Menschen versuchten sie zu trösten oder sicherten ihr Unterstützung zu. Dies änderte aber nichts daran, dass Anne auch diese Nacht nur schwer in den Schlaf fand.
Die nächsten beiden Tage verliefen zum Glück ereignislos. Nowottny schien eine Begegnung mit Anne zu vermeiden. Weitere zwei Tage später fand sich in ihrem Briefkasten jedoch ein gedruckter, anonymer Zettel mit folgenden Worten: Sie haben nicht auf meine Forderungen reagiert. Tragen Sie nun die Folgen. Anne grübelte nach, was sie mit dieser neutralen Drohung anfangen sollte: der Verwaltung übergeben? Die Polizei einschalten? Den Zettel ignorieren? Hunde, die bellen, beißen nicht, dachte die selbstbewusste Autorin bei sich. Oder was meinst du? Diese rhetorische Frage richtete sie an das Bild, das vor ihr auf dem kleinen Tisch stand. Es zeigte ihren Gatten Heribert während eines ihrer wenigen gemeinsamen Urlaube. Diese Art von stiller Zwiesprache hielt sie gelegentlich, natürlich keine Antwort erwartend. Aber irgendwie half es.
Und das war auch bitter nötig, denn in den folgenden Tagen ereigneten sich einige Vorfälle, die keinen natürlichen Ursprung haben konnten. So klingelte ihr Telefon am nächsten Morgen und Frau Brune vom Empfang teilte ihr mit, dass das bestellte Taxi da sei. Anne fuhr sofort ins Erdgeschoss und klärte mit dem verärgerten Fahrer den Sachverhalt … denn ein Taxi hatte sie nicht bestellt. Einigermaßen konsterniert fuhr Anne zurück in die sechste Etage. Am Nachmittag geschah erneut etwas Seltsames. Im Foyer des Rosenhofes erschien ein Pizzabote mit einer Lieferung für Anne: Pizza mit Sardellen, Ananas und Oliven. Das Dumme war nur: Anne mochte keine Pizza, erst recht nicht mit Sardellen, und hatte daher auch keine bestellt. Der zweite Vorfall verärgerte sie nun deutlich. Aber damit war es noch nicht zu Ende. In den folgenden Tagen und Wochen nahmen die Repressalien an Heftigkeit zu: Man hatte ihr Auto aufgebrochen und ihre Batterie gestohlen, jemand hatte auf ihren Namen diverse Kleidungsstücke bei einem Erotikversand geordert und emotionaler Tiefschlag war der unangeforderte Besuch eines Bestattungsunternehmers. Anne telefonierte mit der Polizeiinspektion in Mettmann, wo man sie jedoch vertröstete und abzuwimmeln versuchte. Dumme-Jungen-Streiche … nicht so ernst nehmen … das waren die Floskeln, mit denen man sie abzuspeisen versuchte.

Erneut suchte sie Rat beim Foto ihres Heribert. „Die halten mich für eine durchgedrehte alte Schachtel. Die sollen mich kennenlernen“, meinte sie erbost. Energisch erhob sie sich, stieß dabei gegen das Tischchen und der Bilderrahmen mit Heriberts Konterfei stürzte zu Boden. Sie bückte sich, hob es auf und beim Aufrichten fiel ihr Blick auf ein Buch, welches auf einer unteren Ebene des Tisches lag. Es war das Werk eines Krimiautors, den sie vor wenigen Jahren bei einer Lesung im Rosenhof kennengelernt hatte. Aus dieser Zufallsbekanntschaft mit dem Autor und dessen Frau war etwas entstanden, was man mit Fug und Recht als gute Bekanntschaft bezeichnen konnte. Den Begriff Freundschaft nutzte Anne selten, diese schloss sie nur schwer.
Aber der Zufall … ja, war es wirklich Zufall? … hatte seine Finger im Spiel gehabt – oder war es doch Heribert, der über sie wachte? Sie war bereit, diese Begebenheit als Wink des Schicksals zu nehmen und rief den „Kollegen“ an. Anne schilderte die Vorkommnisse und während des Telefonats erwähnte sie auch den Vorfall mit Nowottny. Die Reaktion des Schriftstellers kam prompt: „Weißt du, Anne. Ich habe nun wirklich ein deutlich größeres Maß an krimineller Energie als du. Kann dieser alte Saftsack dahinterstecken?“ Anfangs hatte sie diese Annahme verdrängt, da sie nicht mit solch einer unangebrachten, völlig übertriebenen Reaktion des kultiviert erscheinenden Mannes rechnen wollte. Aber jetzt kam dieser zugegeben kriminell-fantasievolle Schreiberling auch auf diese Idee. Dann hörte sie in ihrem Handy einen nahezu unerhörten Vorschlag: „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Da ich im Haus ja nicht ganz unbekannt bin, würde ich mich gerne in der Lobby mal ein paar Stunden rumtreiben, mit der Genehmigung des Hauses. Ich werde IHN beobachten und dir dann einen Rat geben. Mir geistert jetzt schon was im Kopf rum.“

Gesagt, getan. Der Schriftsteller saß zwei Tage hintereinander in der Empfangshalle und beobachtete genau, wie Nowottny sich verhielt. Dabei bemerkte er, dass der Österreicher sich mit einem jungen Mann um die 18 traf und sich auffällig konspirativ in einer Ecke der Bibliothek unterhielt. Dies geschah an beiden Tagen und am zweiten konnte der „Spion“ sogar ein paar Wortfetzen aufschnappen. Diese berichtete er Anne unmittelbar. „Der Jungspund hat wohl Skrupel, etwas zu tun, was der Alte von ihm verlangt hat. Es fielen Stichworte wie: nicht notwendig … dös oarme klaane Hascherl … Reifen zerstechen und so weiter. Jetzt wird es langsam gefährlich. Ich habe einen Vorschlag: Ich kenne einen jungen Kerl, Student in Düsseldorf. Er heißt Marco und er ist ein ziemlich pfiffiges Kerlchen. Er finanziert sein Studium selbst und sucht immer mal etwas, um Geld zu verdienen. Er könnte sich hier im Umfeld ein paar Tage rumtreiben und dein Auto überwachen. Vielleicht erwischen wir den Kerl in flagranti und dann wird er bei der Polizei schon auspacken, wer sein Auftraggeber ist. Aber WIR beide kennen ihn ja jetzt schon, nicht wahr?“ Anne sträubte sich innerlich noch gegen diese Annahme, aber nach den neuesten Erkenntnissen war wohl sicher, dass Nowottny dahintersteckte. Zumindest fiel ihr niemand anderes ein. Leider war ihr der Blick auf Heriberts Foto dieses Mal keine Hilfe. Ihr Mann sah sie aus seinem Rahmen still und reglos an. Nachdenklich wiegte Anne den Kopf hin und her. Wo sollte das noch hinführen? Sie schrieb doch nur Krimis und wollte keinen erleben.
Marco war bereits am nächsten Tag im Rosenhof und er zeichnete sich durch ein ebenso freches wie charmantes Wesen aus. Anne beschrieb die bisherigen Vorkommnisse, der Krimiautor ergänzte seine Sicht der Dinge. „Tja, dann wird‘ ich mich mal auf die Lauer lejen“, stellte Marco mit leichtem rheinischen Akzent fest. Nach den Kosten gefragt, antwortete er leichthin: „Dat kriejen mer schon parat, mir zwei, was?“ Freundschaftlich klopfte er seiner Auftraggeberin auf die Schulter und verließ das Foyer. Anne starrte ihm mit weit geöffneten Augen nach. An ihren Kollegen gewandt, meinte sie nur: „Na, wenn das mal gutgeht!“ „Lass dich davon nicht abschrecken. Die sind heute eben so, die jungen Leute … aber auf DEN ist wenigstens Verlass“, bekam sie zur Antwort.
Er sollte recht behalten. Marco blieb nicht nur die nächsten zwei Stunden im Umfeld der Gebäude. Er hatte es auch irgendwie geschafft, sich Zutritt zu der Tiefgarage zu verschaffen, in der Annes Smart parkte. Die Stellplatznummer hatte er sich vorsichtshalber nennen lassen. Lange schon war die Nacht angebrochen, als er eine Nachricht an Anne sandte: Keine Vorkommnisse. Bin jetzt weg. Mache morjen Nachtschicht. Allet Jute. Und genau das tat Marco am folgenden Abend, er legte eine Nachtschicht ein … in der Tiefgarage. Warum, wusste er selbst nicht so genau. Es war nur so ein Gefühl …
Gegen 22 Uhr bemerkte er eine Bewegung in der Garage. Merkwürdig, warum hatte derjenige nicht den Lichtschalter betätigt? Bevor er über eine Antwort grübeln konnte, sah er das Licht einer Taschenlampe aufleuchten und vernahm metallische Geräusche. Sie kamen aus der Richtung, wo Annes Wagen stand. Leise schlich er näher. Volltreffer! Jemand hatte sich irgendwie Zugang zu dem Smart verschafft und werkelte nun hastig im Motorraum. Marco überlegte nur kurz, kroch langsam näher und richtete sich dann plötzlich auf. „MIT Licht jeht`s besser, Kumpel!“ Der Angesprochene schreckte hoch, sah Marco entsetzt ins Gesicht und blendete diesen mit der Taschenlampe. Diese Sekunde ausnutzend, schlug die Person mit der Taschenlampe nach Marco und traf ihn am Kopf. Dieser taumelte zurück und die Person ergriff die Flucht.
Marco erholte sich jedoch schnell von dem Schlag und setzte dem Täter nach. Und jetzt kam eine seiner besonderen Fähigkeiten zum Vorschein: seit frühester Jugend hatte er es geliebt zu rennen. Dies führte auch zu einigen Erfolgen, sogar bis auf Landesebene. Mit 14 entdeckte er den Parcourssport für sich, von Nicht-Kennern oft als „urbanes Gehüpfe“ tituliert. Sehr sportliche Menschen überwanden dabei im städtischen Umfeld Hindernisse, Höhen, Abgründe und Ähnliches, allein durch Körperkraft und Schnelligkeit. Und auch hier hatte Marco es zu einiger Meisterschaft gebracht. So verfolgte er den Täter durch das nächtliche Hochdahl. Dieser hatte die Flucht auf einem Fahrrad ergriffen, aber Marco verlor ihn nicht aus den Augen. Er verfolgte das Rad über die gut beleuchtete Beckhauser Straße, wo der Radler auf den Parkplatz beim Einkaufscenter abbog. Von da aus ging es quer über den Hochdahler Markt, vorbei an der Buchhandlung und dann in das Grüngelände direkt dahinter.
Marco hatte gut aufgeholt. Seine „Beute“ schien untrainiert zu sein und wurde immer langsamer. Während der Flüchtige mit seinem Straßenrad die Wege nutzte, rannte Marco in Luftlinie quer über Rasenflächen, flankte über Büsche, hechtete über Zäune und nutzte schließlich eine Parkbank als Sprungrampe, über die er dem Radler direkt mit gestreckten Füßen ins Kreuz sprang. Mit einem Aufschrei ging dieser zu Boden, das Rad schleuderte davon und der Mann schlug hart mit dem Kopf auf dem Boden auf. Marco hatte sich direkt aufgerappelt. Er hatte den Zusammenprall unbeschadet überstanden.
Wohlweislich hatte er sich mit Kabelbindern ausgestattet. Diese legte er dem Bewusstlosen um Hand- und Fußgelenke, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass der Verunfallte regelmäßig atmete. Dann rief er Anne und den Autorenkollegen an.

Kurze Zeit später fand sich eine illustre Runde in einem Raum der Kreispolizeibehörde Mettmann ein. Anne, ihr Kollege, Marco und der medizinisch versorgte Attentäter saßen auf getrennten Bänken und wurden einzeln zur Befragung in ein separates Büro gebracht. Die ermittelnden Beamten staunten nicht schlecht, als sie von dem „Krimi-Kleeblatt“ ihre Sicht des Sachverhalts geschildert bekamen. Der Täter hingegen verweigerte jegliche Aussage und verlangte, mit seinem Anwalt telefonieren zu dürfen. Als dieser jedoch nach einer Stunde vergeblichen Wartens noch immer nicht erschienen war, waren es die Polizisten leid. Gerade in dem Augenblick, als sie den Täter erneut befragen wollten, kamen zwei Streifenpolizisten herein und legten den Ermittlern eine Nachricht auf den Tisch. Einer von ihnen sprang auf, ergriff das Telefon und drückte die Wahlwiederholung. Eine genervte Stimme meldete sich nach langem Klingeln: „Rosenhof Erkrath Hochdahl, guten Abend.“ Jetzt grinste der Beamte und fragte sein Gegenüber: „Tja, mein Lieber, wenn ihr Anwalt nicht gerade ein sehr betagter Herr ist, sind Sie jetzt in einer ziemlichen Erklärungsnot.“ Jetzt folgte eine längere erregte Diskussion, die Anne, der andere Autor und Marco nur neugierig durch eine Glasscheibe verfolgen konnten. Dann wurden der soeben Verhörte abgeführt.
Man bat jetzt alle drei Wartenden in das Büro und bat sie, Platz zu nehmen. Dann bekamen sie eine geradezu unerhörte Erklärung: „Nun, meine Dame, meine Herren, die ganze Sache ist nun doch etwas größer als erwartet. Unser bislang so schweigsamer junger Freund hat soeben ein volles Geständnis abgelegt. Dieser Vogel hat tatsächlich all die kleinen Nickeligkeiten begangen, unter denen Sie, Frau Pöttgen, in der letzten Zeit zu leiden hatten. Aber er handelte nicht aus eigenem Antrieb. Sein Auftraggeber war und ist, wie Sie alle vermutet haben, der besagte Herr Nowottny. Übrigens kein Hofrat, aber dazu komme ich gleich. Seien Sie froh, dass Sie Ihren jungen Helfer hier hatten. Unser Täter hat nämlich, nach den Untersuchungen unserer Kollegen von der Technik, an den Bremsleitungen Ihres Wagens gebastelt. Das hätte tödlich ausgehen können. Es handelt sich also nicht mehr um Bagatellfälle, sondern um ein Kapitalverbrechen. Nachdem ich dem Kerl das klargemacht hatte, packte er bereitwillig aus. Nowottny, das ist zumindest der aktuelle Name, fühlte sich scheinbar durch Ihre Schreiberei ertappt und fürchtete, in seinem neuen Versteck im Rosenhof aufzufliegen. Der Mann, den Sie unter Nowottny kennen, wird seit drei Jahren mit internationalem Haftbefehl gesucht. Urkundenfälschung, Scheckbetrug, Heiratsschwindel, Diebstahl, schwerer Raub … um nur Einiges zu nennen. Nach den Aussagen seines jungen Komplizen, der tatsächlich sein Großneffe ist, hatte er wohl vor, einige Damen in der Anlage um ihre Ersparnisse zu erleichtern. Parallel dazu bereitete er einen Immobiliencoup im Düsseldorfer Hafen vor. Den haben wir ihm jetzt wohl versaut. Mal sehen, ob wir ihn bald erwischen. Im Rosenhof ist er jetzt jedenfalls unauffindbar. Sein Großneffe hat ihn statt eines Anwalts angerufen und der alte Sack ist getürmt. Er heißt übrigens in Wahrheit Erwin Steinhauer und ist ein erfolgloser Fliesenleger aus Braunau am Inn.“
Erleichtert und reichlich erschöpft begleiteten die beiden Männer Anne noch zu ihrem Apartment und verabschiedeten sich dann von ihr. Anne betrat ihre Wohnung und nahm erschöpft vor dem Panoramafenster Platz. Im Osten ging wohl gerade die Sonne auf, denn sie sah die Reflektionen auf den Fenstern der tief unter ihr liegenden Häuser. Anne drehte sich um, goss sich einen Obstler ein und ergriff wieder einmal das Foto vor ihr auf dem Tisch. Müde prostete sie Heribert zu und … ja, JETZT schien er ihr sogar ein wenig zuzulächeln. Gut gemacht, meine Anne!

Obwohl Namen und Örtlichkeiten genannt sind, ist es doch eine fiktive Geschichte.